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Web Log Teil 276: 30.4.2012 - 5.5.2012

30.4.2012: Nahrungsvorlieben

Hallöchen. Ich bin zurück aus dem Allgäu. Meine Arbeiten konnte ich alle erledigen, aber die geplanten Ausflüge in die Umgebung fielen ins Wasser, weil es nur an vier von zehn Tagen warm und sonnig war und die brauchte ich für die Außenarbeiten. Zudem lag schon als ich ankam auf den Bergen noch Schnee, etwa bis zur Hälfte der Höhe. Mit dem Besteigen der Alpspitze, des Edelbergs und der Reuter Wanne wurde es also nichts. Die Extreme: am Dienstag gab es morgens Schneegestöber und am Samstag fast 30 Grad - und das innerhalb von vier Tagen....

So konnte ich zwangsweise etwas mehr Fernsehen schauen, weil sonst nichts zu tun war und da bin ich bei den Digitalen Kanälen von ARD und ZDF gelandet. Da gab es auch einen Bericht über die Zucht von Insekten in Thailand/Kambodscha. Dem wurde eine große Zukunft vorhergesagt, da es sehr ökonomisch ist: Insekten sind gute Futterverwerter und brauchen nur wenig Platz. In diesen Ländern ist es auch normal Insekten zu essen. Bei uns eher nicht. Ein Experte meinte zwar dass dies genauso "life-style" werden würde wie Sushi, doch ich bin da skeptisch. Allerdings mag ich auch schon Sushi nicht ....

Dann lass ich noch auf der Zugfahrt einiges aus einem Lehrbuch für Ernährungslehre, schließlich will ich meine Kenntnisse für das Diätbuch auf den neusten Stand bringen. Da fand ich die Einleitung ganz gut die sich damit beschäftigt, warum wir auf verschiedenen Ländern unterschiedliche Nahrungspräferenzen haben. Zeit also das Thema aufzugreifen.

Bekanntlicherweise gibt es im Judentum und im Koran das Verbot von Schweinefleisch und im Hinduismus sind Kühe heilige Tiere. Zu diesen generellen Verboten gibt es dann noch zeitlich befristete wie z.B. die Fastenzeit im katholischen Glauben. Darüber hinaus gibt es Unterschiede, welche Tiere gegessen werden, natürlich auch bei Pflanzen, doch da sind diese viel einfacher klimatisch begründbar.

Fangen wir an mit den Schweinen: Sie sind in Deutschland die absolute Lieblingsfleischquelle, aber im Koran und alten Testament ist es verboten. Offiziell weil die Tiere "unrein" sind und sich gerne im Schlamm wälzen. Man hat das auch versucht zu erklären, dass Krankheitserreger (bei Schweinen Trichinen) übertragen werden können. Nur: Auch Hühner kratzen im Dreck herum und haben Krankheitserreger (Salmonellen). Beide sind kein Problem, wenn man das Fleisch erhitzt.

Es ist aber relativ einfach ökonomisch zu erklären. Schweine sind wie der Mensch Allesfresser und sie haben Schweißdrüsen wie wir. Das bedeutet: Sie konkurrieren mit uns um die Nahrung und sie brauchen relativ viel Wasser in warmer Umgebung. Beides ist in warmen Gegenden von Nachteil. Im Orient, wo die Verbote entstanden gibt es wenig Wasser und Schweine kann man nicht auf einer Weide halten. Bei uns wurden Jahrhunderte lang die Schweine in den Wald getrieben, wo sie sich von Eicheln und Wurzeln ernährten. Wald gab es bei uns genug und so konnte man die Schweine halten ohne dass sie Nahrung beanspruchten, die der Mensch brauchte.

Im Orient war das nicht möglich und das Wasser auch noch knapp. Der Nutzen von Schweinen ist dagegen gering. Sie liefern nur Fleisch. Kühe liefern auch noch Milch und sind als Zugtiere nutzbar, Schafe liefern Wolle und Ziegen ebenfalls Milch. Hühner zusätzlich Eier.

Warum gibt es nun das Verbot Kühe zu schlachten im Hinduismus? Nun auch hier wirtschaftliche Gründe: Eine Kuh ist als Michquelle, Düngerlieferant und Zugtier viel wertvoller als wie als Fleischquelle. Es ist ja auch nicht das Rindvieh allgemein "heilig", sondern nur die Kuh. Die Stiere die keine Milch liefern sind es nicht.

Wenn man dies überträgt auf andere Gebiete sieht man bald: Menschen orientieren sich an der Ökonomie. In keiner Gesellschaft kommt man auf die Idee Pferde als Fleischlieferant zu nutzen - sie sind relativ schlecht geeignet dafür. Sie sind keine Wiederkäuer, brauchen also relativ hochwertiges Futter das auch der Mensch essen könnte (anders als Schafe oder Kühe) und sie verwerten das Futter schlecht. Ihr Nutzen liegt in der Bedeutung als Zugtier und trotzdem sind sie sehr teuer (Im Mittelalter kostete ein Schlachtross soviel wie 10-20 Kühe oder Ochsen). In Asien kennt man viele unserer Nutztiere kaum, bzw. Sie spielen kaum eine Rolle. Auch hier wirtschaftliche Gründe: Reis wird im Naßanbau angebaut. Da gibt es keine Weiden. Enten die im Wasser leben oder Hühner die wenig Platz brauchen, sind aber haltbar.

Das trifft auch für andere Verbote zu. Ich halte es für keinen Zufall, dass unsere Fastenzeit vor Ostern auf das Winterende fällt. Das Christentum wurde ja sehr bald eine europäische Religion, während Judentum und Islam lange Zeit auf südlich gelegenere Gebiete beschränkt waren. Bei uns gibt es im Winter keine Ernten und man muss von den Vorräten leben, anders als im südlichen Mittelmeer, wo es auch zu dieser Zeit noch Ernten gab. Da streckte das Fasten die Vorräte und verhinderte Hungersnöte, wenn man diese zu schnell aufbrauchte.

Von den großen Nutztieren sind die optimalsten Nutztiere Rinder und Schafe. Beide sind Wiederkäuer. Sie kommen daher mit Grass als Futter aus, benötigen also kein Futter, das auch Menschen essen konsumiert. Darüber hinaus wächst Grass auch bei schlechtem Boden (im Allgäu wo ich gerade war wird man lange nach einem Acker suchen können - auf dem Lehmboden gibt es nur Weidewirtschaft) und beide haben Zusatznutzen: Sie liefern Milch, Schafe zusätzlich Wolle und Rinder sind als Arbeitstiere nutzbar.

Auch genetische Ursachen kann man anführen. So hat sich schon in vorchristlicher Zeit eine Population in Europa durchgesetzt die Laktose spalten konnte (innerhalb von nur 400 Generationen von 5% auf 90% der Bevölkerung) weshalb Milchgenuß bei uns kein Problem war. Dagegen wurden in anderen Kulturen eher fermentierte Milchprodukte konsumiert (in diesen wird die Laktose durch Gärung abgebaut). Auch gibt es bei uns viele trinkfeste Genossen - in Asien gibt es dagegen noch mehr Personen mit einem gentischen Defekt in der Aktivität der Alkoholdehydrogenase - kein Wunder dass Bier und Wein in Europa weit verbreitet sind, nicht dagegen in Asien.

Wir sehen das natürlich auch bei Pflanzen. Relativ deutlich wird das bei Getreide: Wo es viel Wasser gibt und warm ist, ist Reis die erste Wahl. Er liefert dann 2-3 Ernten pro Jahr mit hohem Ertrag. Wo es warm isst, aber das Wasser nicht so üppig ist es dann Weizen. Im Mittelmeerraum liefert er immer noch zwei Ernten pro Jahr. Roggen, der bei uns das Getreide der Wahl ist kommt dagegen auch mit kaltem Wetter zurecht. sonst gäbe es bei uns nur eine Getreideernte pro Jahr. Noch anspruchsvoller ist Hafer, der daher lange Zeit auch bei uns wichtig war (und in nördlicheren Gegenden immer noch ist). Analog haben Kartoffeln, die mit Kälte gut zurecht kommen ihren Siegeszug in Mittel- und Nordeuropa angetreten, während man in Südeuropa bei den Weizenprodukten blieb (Pasta, Pizza, Polenta etc...).

Wir mögen das was wir gewöhnt sind. Man muss nur mal in China sich umsehen was dort alles gegessen wird. Ungewohntes wird erst misstrauisch beäugt und wenn es stark von dem gewohnten abweicht (Insekten, "tausendjährige Eier" etc.) stellt sich Ekel ein. Physiologisch können wir alles verdauen, das zeigen Extrembeispiele von Gesellschaften die sich fast nur tierisch ernähren (Eskimos, Massai) wie fast ausschließlich pflanzlicher Kost. So glaube ich nicht dass sich bei uns Insekten durchsetzen werden, vielleicht als hochgereinigtes Reinprotein, doch der Nutzen ist dann gering. Denn Insekten bauen dieses Protein aus Nahrungsprotein auf, und wenn man hoch reinigt, dann kann man gleich das Nahrungsprotein aufreinigen.

Als kleine Gedankensportaufgabe: Was züchtete Walther Nernst nach seiner Emeritierung 1933? Hinweis, es hat etwas mit seiner Forschung zu tun ...

1.5.2012: Angewandte Chemie

So heute die Auflösung auf die Frage beim letzten Blog. Walther Nernst bekanntester Beitrag zur Chemie war die Entdeckung des dritten Hauptsatzes der Thermodynamik für den er 1920 den Nobelpreis erhielt. Was erwartet man von einem Chemiker der sich mit Thermodynamik beschäftigt, wenn er sich auf ein Landgut zurückzieht und dann Viehzucht betreibt? Er wurde gefragt was er denn züchten wollte, lehnte aber die gängigen Vorschläge wie Pferde, Rinder ohne Schweine ab: "Ich verschwende doch nicht mein Futter zur Heizung der Umgebung! Ich züchte isotherm" sagte er und zog Karpfen auf.

Eine kluge Wahl. Es zeigt wie Chemiker ihr Wissen nutzbringend anwenden. Fische benötigen als wechselwarme Tiere viel weniger Futter als Vögel oder Säugetiere. Bei uns Menschen ist es so, dass bei wenig Bewegung ungefähr drei Viertel der Nahrung nur benötigt wird um unseren Körper auf 37 Grad Celsius zu heizen. So kann man viel Futter einsparen. Es geht noch weiter Karpfen sind Pflanzenfresser und kommen wenn die Dichte nicht zu hoch ist in Teichen ohne Zufütterung zurecht (damals gab es noch keine Massentierhaltung wie heute, vor allem nicht in Ostpreußen wo es genügend Land gab). Also wenig Futtereinsatz - viel Fleisch.

Es wäre ein Vorbild für heute. Ernährungswissenschaftler fordern ja mehr Fisch zu essen. Doch kollidiert dies damit dass schon heute unsere Meere überfischt sind. Es gibt zwar Aquafarmen und manche bekommen auch das Bio-Siegel, doch halte ich diese nicht für ökologisch. Was wir nämlich konsumieren, sind vor allem Raubfische wie Lachs, Thunfisch etc. Diese brauchen aber dann auch Fische zum fressen und selbst wenn diese als Pellets verfüttert werden, so müssen sie doch erst gefangen werden - das verlagert nur den Raubbau auf andere Arten.

Karpfen sind dagegen Pflanzenfresser, können also mit pflanzlichen Futtermitteln aufgezogen werden. Bei niedriger Besatzdichte reicht sogar das was natürlich in einem Teich wächst. Leider genügen sie nicht den Forderungen der Ernährungswissenschaftler. Das ernährungsphysiologisch wertvolle an den meisten Fischen ist der Gehalt an mehrfach ungesättigten Fettsäuren der Omega-3 Reihe (weil die erste Doppelbindung beim dritten Kohlenstoffatom vom Ende her liegt, in fast allen pflanzlichen Fetten kommen dagegen die Omega-6 Serie vor, die keinen positiven Effekt zur Senkung des KHK-Risikos (koronale Herzgefäßkrankheiten) haben.

Der zweite positive Effekt ist der Gehalt an Jod. Fisch ist der einzige gute Jodlieferant in der Nahrung. Allerdings gilt dies nur für Seefisch, da im Meer Jod gelöst ist. Für Karpfen als Süßwasserfisch gilt auch dies nicht. Das ist auch ein grund warum bei uns das Speisesalz seit Jahrzehnten jodiert wird.

Aber es ist ein gutes Beispiel, wie man seine Kenntnisse als Chemiker praxisgerecht einsetzt. Ein zweites Beispiel will ich liefern. Ich liebe Gerichte mit Milchreis, wie Reisauflauf oder eben Milchreis. Das Problem: Man muss diesen 40 Minuten lang kochen, und aufpassen, sonst brennt er leicht an. Nun ja, wenn man eben von Chemie keine Ahnung hat und nur Koch ist, dann muss man das so tun. Hat man aber Ahnung, dann kann man eine Alternative entwickeln und das habe ich vor einigen Jahren getan. Sie ist sehr einfach: Man erhitzt den Reis mit der Milch zuerst kurz, bis er kocht. Dann kommt der Deckel drauf und der Topf von der Herdplatte weg. Nun kann man was anderes tun,. ohne Bodenhitze brennt nichts an. Wenn er in 2-3 Stunden abgekühlt ist, wiederholt man das nochmals: also erhitzen bis zum Kochen und dann sofort weg von der Platte. Die Zubereitung dauert zwar so viel länger, aber man muss nur 10 Minuten lang dabei sein und zwar jeweils 5 Minuten, bis die Mischung kocht. Der Lohn: perfekter Milchreis, der sogar noch mehr Flüssigkeit bindet als bei der herkömmlichen Methode.

Das dahinter liegende Prinzip: Stärke verkleistert bei Reis zwischen 61 und 78 Grad Celsius. Es ist also nicht nötig den Reis zu kochen. Eine viel niedrigere Temperatur reicht vollkommen aus. Beim ersten Kochen, verkleistern die Randschichten bis eine Temperatur von 61 Grad unterschritten ist, danach dringt das Wasser aber weiter nach Innen vor und die Stärke quillt auf. Beim zweiten Erhitzen wird dann die innere Stärke ebenfalls verkleistert und man bekommt einen Reis, der sehr sämig ist, ohne feste Kerne und dies bei einer sehr energiesparenden Zubereitung. Von Vorteil sind sehr dickwandige Töpfe, die gut die Wärme halten.

Ein weiterer Vorteil: es ist energieärmer. Auf der Milchreispackung wird als Rezept angegeben, 250 g Reis mit 1 l Milch aufzukochen (1:4), während bei meinem Rezept man 125 g Reis (eine halbe Tasse) auf 750 ml Milch (drei Tassen) nimmt - also 1:6. Auch wird es energieärmer. Hier mal die Nährwerte meines Rezeptes:

  pro 100 g pro Portion (5 aus obiger Menge)
Brennwert: 464 kJ 826,9 kJ
Kohlenhydrate 16,9 g 30,2 g
davon Zucker 1,8 g 3,2 g
Fett 3,0 g 5,4 g
Eiweiß 3,8 g 6,7 g

Arbeitet man dagegen nach den Vorgaben der Verpackung, so hat eine Portion (150 g, ich habe oben sogar 178 g große Portionen) 671 kJ - durch den weggelassenen Zucker und höheren Milchgehalt ist meine Zubereitung um 42% energieärmer pro 100 g.

Da wir ja im PISA-Land leben, die Berechnung für alle die Dreisatz verlernt haben: Hier am Beispiel des Fetts:

Reis enthält 0,5% Fett, Milch 3,5 % Vanillinzucker 0 %

Gesamtfettmenge: 750 g Milch * 3,5 % + 125 g Reis * 0,5 % + 16 g Vanillinzucker * 0 % = 26.875 g Fett

Gesamtgewicht Nahrungsmittel: 750 g Milch + 125 g Reis + 16 g Vanillinzucker = 891 g

Fettgehalt pro 100 g: 26,875 g / 891 g *100 = 3,0 %

Fettgehalt pro Portion (1/5 der Gesamtmenge): 26,875 g / 5 = 5,375 g

Man sieht also: es lohnt sich chemische Kenntnisse im Alltag einzusetzen....

2.5.2012: Vermischtes

Heute will ich einige Themen aufgreifen, die mir so in den letzten Tagen in den Sinn gekommen sind. Das erste war eine Dokumentation "Nerd Alarm" auf Arte. Ich dachte es ging dabei um Computerfreaks, doch schon der Titel war falsch. Es ging um "Geeks", also mehr um jemanden der Interesse an Science Fiction Filmen wie Star Trek oder Adventure Themen wie Herr der Ringe hat. Wenn es was mit dem Computer zu tun hat, dann ist das dadurch das die Leute Adventure Spiele auf dem Rechner spielen.

Wenn es sich um Computer drehte, dann gab es Fehlinformationen. So soll nach dem Film Bill Gates ein Geek sein, der an Harvard  einen Algorithmus für das Pfannkuchenproblem entwickelt hat. Bill Gates hat an Harvard nichts erforscht, sondern nur deren Rechner genutzt um ein kommerzielles Produkt zu entwickeln, das Altair-BASIC.

Dann gab es nun ja das Hot-Firing des COTS 2/3 Fluges. Wie immer haben sie es nicht zeitgemäß hinbekommen. Das könnte noch zum Problem werden. Bisher konnte SpaceX nicht beweisen, dass sie auch Startfenster einhalten konnten. Das war bei den bisherigen Flügen die kein festes Startfenster hatten kein Problem, aber bei ISS Missionen ist es nur einige Sekunden lang und da offenbar die Dragon Kapsel diesmal an der Nutzlastgrenze ist, wiederholt es sich auch nur alle paar Tage (dann muss die Bahnebene verschoben werden, was Nutzlast kostet). Da nur jeweils ein Raumschiff sich in der Nähe der ISS aufhalten kann, bedeutet dass, das es nicht so viele Startfenster gibt.

Wegen der Zeitverzögerungen hat man dann in einem Forum wieder auch die hübschen Äpfel und Birnen Vergleiche herangezogen, also nach dem Motto: ich suche mir ein Beispiel bei dem es viel größere Verzögerungen gab. Nachdemselben Schema kann man natürlich dann auch zig Unternehmen nehmen, die zeitgerecht durchgezogen wurden oder sogar viel schneller. In den sechs Jahren die SpaceX nun schon an ihrer Kapsel werkelt haben die USA das komplette Mercury und Gemini Programm bis zum letzten Flug abgewickelt - nur mal als ein Gegenbeispiel.

Dabei vergessen die Befürworter oder Benutzer dieser "Argument", dass was bei SpaceX nervt ja nicht die Verzögerungen sind, die es ja auch beim Konkurrenten Orbital gibt, der gerade wegen Problemen bei der Startplattform seinen Jungfernflug auch um einige Monate verschob hat, sondern es die eklatante Differenz zwischen Anspruch und Realität bei SpaceX ist. Wenn man bei der Pressekonferenz zu COTS 1 öffentlich verlautbart, dass die Dragon schon in sechs Monaten bemannt fliegen könnte, und man 18 Monate später noch nicht mal einen unbemannten Start hinkommt, dann ist das schon einmalig in der Raumfahrt, zumal man ja bei so kurzen Zeitfristen (6 Monate) absehen müsste ob man die Hardware flugfertig hat (anders ausgedrückt: wenn ich ankündige, dass ein Gefährt in 6 Monaten starten soll, dann sollte das vielleicht schon fertig entwickelt sein und gerade die letzten Tests durchlaufen und noch nicht im Prototypstadium verharren). Pikanterweise ist derzeit an der Verzögerung ein Review der software schuld, von der der Chefentwickler sagt: “the software chief [at SpaceX] said he didn’t worry about errors because ‘there were no mistakes in the software.’ ”

 Quelle: http://www.spacenews.com/civil/111021-spacex-soft-review-softens.html

Passend dazu gibt es natürlich wieder einen Blog von Eugen Reichl, der damit man sich ja nicht beschwert gleich mal die Erwartungen runterschraubt. Auch so ein Manöver. Erst mal alles saumäßig schwierig darstellen, damit Fehler als normal abgetan werden können. Nur: die ESA und JAXA haben ihre Gefährte gleich mit Fracht hochgeschickt und nicht erst zwei Demoflüge angeordnet. Sicher mit mehr Treibstoff als Reserve, aber ansonsten voll operationell. Aber wie entnehmen wir Reichl: es ist ja eine privat entwickelte Kapsel, da darf man keine so hohen Ansprüche stellen. Falsch. Erstens ist SpaceX eine Raumfahrtfirma in den USA und kann so auf jede Menge qualifiziertes Personal zurückgreifen und zweitens waren ATV und HTV ja auch die ersten Raumfahrzeuge für die Firmen die diese gebaut haben und zweitens - ja ich weiß seit seinem Raketentypenbuch, das Reichl nicht so vertraut mit der deutschen Sprache ist - privat hat im Deutschen eine andere Bedeutung als die die er verwendet. Eine "privat entwickelte" Raumkapsel ist eine die wohl Elon Musk in seiner Garage zusammenbaut. Wenn man von Unternehmen redet dann vielleicht noch von einem kleinen Handwerksbetrieb mit einigen Angestellten als "Privat", aber juristisch redet kein Mensch mehr bei einem größeren Unternehmen von "Privat", erst recht nicht bei 1.200 Angestellten. SpaceX ist genauso wenig privat wie OSC oder Boeing.

Trotzdem bin ich gespannt auf den Flug. Nicht wegen der Firma, sondern will es vielleicht dann mehr Informationen über die Falcon 9 und den aktuellen Stand gibt und nicht dem was Elon Musk in seinem Kopf herumschwirrt. Aber viel Hoffnung habe ich nicht, nachdem wir ja beim letzten Flug schon gesehen haben wie es läuft: Die NASA ist Kunde und darf nichts veröffentlichen was die Hardware angeht. Das geht soweit, dass die NASA sogar weiß, das ein Triebwerk sich vorzeitig abschaltete, dies nicht publiziert wird und SpaceX Leute verklagen will, die davon gehört haben - bis sie selbst den Ausfall einige Monate später bei einem unabhängigen Sicherheitspanel zugeben müssen.

Das letzte ist die Sendung "Da wird mir übel", über die ich mich ja auch schon mal kritisiert. Da ich inzwischen mehr von zdf neo gesehen habe, sehe ich das etwas differenzierter. Es passt gut zu dem Programm des Senders, der in vielem neue Wege geht und man darf es nicht ganz so ernst nehmen es ist mehr so "Dokutainment" als Information. Dazu gehört auch das Maite Kellys Computer in rosa Plüsch eingehüllt wird. Nur eines stößt mir immer noch auf: Das ist, dass öfters drunter steht "Gedächtnisprotokoll". Also es ist okay wenn man Leute die nicht öffentlich erscheinen wollen bei Aufnahmen durch Comicbilder abdeckt und Dialoge nachspricht, aber wenn dann doch unverfälscht. Ein Gedächtnisprotokoll ist doch nicht nötig, es sollte dann möglich seine eine Aufnahme nachzusprechen. Dadurch gibt es keine Fehler die sich einschleichen können, denn unser Gedächtnis ist eben eher ein Schweizer Käse als ein Computerspeicher. Aber ich vermute, so kann man nicht den Dialog öffentlichkeitswirksam übertreiben und verfremden.

Das es auch anders geht zeigt die WDR Dokumentation der Vorkoster, bei der man auch praktisch nützliches Wissen vermittelt bekommt und man sich bemüht objektiv zu sein und nicht von vorneherein eine Vorverurteilung zu betreiben wie dies bei "Da wird mir übel" der Fall ist. Die Serie ist wirklich zu empfehlen.

4.5.2012: Zeitbeschleunigung

Ihr fragt euch sicher, wo die Blogeinträge bleiben. Nun ich habe einen Anruf erhalten, mit der Bitte einen Bug in einem meiner Programme auszumerzen, und als kundenorientierter Schnellprpgrammierer bin ich natürlich sofort losgeradelt. Der Bug war in einer Stunde gefunden und behoben, doch dann bekam ich eine neunseitige Liste von kleinen Schönheitsfehlern in "Nice to have" Features und da saß ich die letzten Tage dran und wahrscheinlich noch morgen (Freitag) früh und nachmittags habe ich dann wieder meine Vorlesung. daher heute nur ein kurzes Thema bei dem jeder mitreden kann - wird unsere Zeit immer hektischer? Man redet ja von "Entschleunigung" und "Burnout-Syndrom" war als Krankheit vor 20 Jahren auch noch unbekannt.

Man sieht es ja allerorten. Jeder meint er müsste immerzu erreichbar sein. Jede freie Minute muss genutzt werden um Mail zu checken, SMS zu schreiben oder sonst was. Ich verstehe den Sinn nicht, immer erreichbar zu sein. Und außer dringenden Notfällen (das Haus brennt, die Katze wurde vergiftet) kann ich mir auch keine Nachricht denken die ich nicht auch am Feierabend entgegen nehmen kann. Wie ihr daher sicher wisst, habe ich kein Handy und seit 2007, als DSL über das Fernsehkabel kam auch kein Telefon. Das ist toll. Keine Anrufe zur Unzeit.

Aber man merkt die Beschleunigung auch in anderen Dingen. Musik so denke ich ist tendenziell schneller geworden (es gab und gibt immer schon langsamere Stilrichtungen, aber wenn man den Durchschnitt nimmt, dann denke ich merkt man das). Noch auffälliger ist es beim Fernsehen. Die MTV-Generation ist ja schon Schnitte im Sekundentakt gewohnt, von denen ich nur Kopfschmerzen bekomme, aber auch praktisch in allen Formaten haben sie Einzug gehalten. Man muss nur mal sich was aus den Achtzigern anschauen, das ist noch richtig gemütlich für heutige Verhältnisse. Es ist ja nicht nur der Schnitt sondern auch der Inhalt. Die Familienserie, in der sich eigentlich alles nur um die kleinen und großen Probleme dreht gibt es ja schon nicht mehr, aber auch spektakulärere Serien wandeln sich. Was ist in rund 357 Folgen von Dallas passierte. kann man recht schnell aufzählen. Bei den nur 177 Folgen der "Desperate Housewifes" ist das schon schwieriger. Ich bekäme wohl kaum mehr alle wesentlichen Handlungsstränge zusammen.

In der Summe gewinnt man aber nichts, sondern verliert etwas: Zeit, Ruhe, Gelegenheit was sinnvolles zu tun ohne in Stress zu geraten. Ich komme ja gerade vom Allgäu zurück da wird mir das jedes Mal bewusst. Wir haben zwar inzwischen auch dort Internet, aber ich habe kein Notebook. Daheim mache ich Putzarbeiten oder Reparaturen recht ungern, meistens muss ich mich vom Computer losreisen, wo ich noch einen Blog, einige Seiten für das nächste Buch oder einen Artikel schreiben muss oder was recherchieren muss. Wenn kein Computer da ist findet man die Zeit dafür und so arbeite ich in den zweimal rund 10 Tagen mehr als sonst jeder anderen Zeit im Jahr. Dazu konnte ich rund 170 Seiten aus meinem Ernährungslehrelehrbuch lesen. Dafür hätte ich sonst nicht die Geduld etwas im Zusammenhang in dieser Länge zu lesen.

Trotzdem gibt es immer Anfeindungen. Jedes Mal denke ich vor der Fahrt nach, ob ich nicht doch ein Notebook anschaffen soll. Bisher hat mich meine schwäbische Sparsamkeit davor bewahrt, denn ich würde es nur dort brauchen und habe keine Lust noch einen zweiten Computer zu administrieren und auf dem Laufenden zu halten.

Die Frage ist wie lange wird dies noch so weitergehen? Ich denke schon die Zeit meiner Jugend war für Leute die nur 100 Jahre früher lebten schon schnelllebig. Aber ein Unterschied scheint zu sein, dass es sich beschleunigt. Wann endet es? Wenn die Hälfte der Leute unter "Burnout" leidet?

5.5.2012: Lass mich dein Pirat sein

Nun sind ja bald Landtagswahlen in Schleswig Holstein und in Nordrhein-Westfalen. In beiden Parlamenten wird die Piratenpartei einziehen, wenn nichts großartiges dazwischen kommt. Der Zulauf für diese Partei ist mir allerdings ein Rätsel. Als es vor knapp einem Jahr den ersten Erfolg in Berlin gab, war es ja noch sympathisch, dass sie außer zu ihren "Internet-Themen" zu keinen anderen Punkten eine Meinung, geschweige den ein Programm haben. Doch nun wirds langsam peinlich.

Wenn man wie bei Schleswig-Holstein wohl passiert einfach das Wahlprogramm per Copy & Paste kopiert (von der Landtagswahl in BW - dumm nur, wenn man dann die Abschaffung von Studiengebühren fordert die es in Schleswig Holstein gar nicht gibt) dann verdichtet sich der Eindruck einer Spass- und Laienspielpartei.

Man sollte ja meinen, mit der Einführung neuer Medien und "Liquid Democracy" käme die Piratenpartei einfacher und schneller zu einem Parteiprogramm, weil zeitraubende "Offline"- Vorgänge wie Mitgliederbefragungen, Regionalkonferenzen, Bundespareitage wegfallen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Wenn jeder mitreden und diskutieren kann, ist die Gefahr groß, dass man nie die Diskussion abschließt. Man muss nur mal sehen wie in Foren Endlosdiskussionen über kontroverse Themen wie Mondlandungsverschwörung oder SpaceX toben. Bei denen hat sich übrigens der Start weiter verschoben, nun redet man vom 19 oder 22.Mai.

Liquid Democracy klingt ja ganz gut, nur kollidiert das Konzept mit unserem System. Das beruht darauf, dass man einen Volksvertreter wählt, wenn dessen Programm mit den eigenen Vorstellungen am besten übereinstimmt und der dann vertretend für einen entscheidet und abstimmt. Das dies durch den Fraktionszwang nicht so ist, ist  bedauerlich, aber eine dauernde Diskussion ist auch keine Lösung. Ehrlich gesagt ich will nicht alles diskutieren. Ich möchte wissen wofür jemand steht. Ich fände sicher eine moderate direkte Bürgerbeteiligung als die beste Lösung, wenn es um wirklich wichtige Entscheidungen wie Euro-Rettungsschirm, Solidaritätszuschlag oder Umzug nach Berlin geht. Aber über jedes Gesetz möchte ich nicht entscheiden müssen. Für irgend etwas müssen die Abgeordneten ja auch noch da sein.

Wie in der Partei mit rechtsradikalen Äußerungen umgegangen wird ist auch äußerst bedenklich. Natürlich gibt es solche Idiotien in jeder Partei, doch dann geht es nicht darum das auszudiskutieren sondern zu verurteilen und das sollte man von den Führungspositionen auch erwarten können und das hat auch nichts mit Zensur zu tun sondern mit Verteidigung der demokratischen Werte.

In einer Diskussion hat jemand einen Vergleich zu den Grünen gezogen, bei denen es mal Fundis und Realos gab mit den entsprechenden Flügelkämpfen. Die Bezeichnung bei den Piraten lautet dann "Wünschis" und "Machis". Nur habe ich keine Machis bisher gesehen. Verwirklicht wurde noch nichts und es steht ja nicht mal ein Parteiprogramm. Stattdessen gibt es eben Wünsche, ohne das man sagt wie man diese auch umsetzen will, oder gegenfinanzieren will. Ich würde eher von den "Möchtis" und "Diskutieris" reden.

Das wirklich schlimme daran ist, dass so wie es aussieht die Piraten einer Partei nutzen, von deren Parteiprogramm sie wohl Welten trennen: die CDU. Dadurch dass sie Wähler aus dem linken Lager anziehen, wie auch Nichtwähler verschieben sich die Machtverhältnisse so, dass wenn heute Bundestagswahl wäre man entweder 3-Parteien Koalitionen haben müsste, die angesichts der völlig unterschiedlichen Programme wohl scheitern würden oder große Koalitionen. Angesichts dessen dass die derzeitige Regierung die wohl miesteste Regierung ist die wir je hatten und Merkel neben dem kohlschen Aussitzprinzip vor allem nichts zu sagen. Sollen sich CSU und FDP gegenseitig zerfleischen.

Natürlich ist es den anderen Parteien ein Dorn im Auge, dass die Piraten gewählt werden und in der Auseinandersetzung hört man viel Häme, Wut und andere Emotionen - so was gibt auftrieb, denn die meisten werden die Piraten als Protestpartei wählen und wenn es so provoziert um so besser. Intelligenter wäre eine Auseinandersetzung mit Ihnen. Und zwar nicht nur mit den Internetthemen, sondern auch anderen. Das mag den einen oder anderen nachdenklich machen. Was nützt es wenn man alles runterladen kann, wenn die Partei zu der Eurokrise keine Meinung geschweige denn eine Lösung zu präsentieren hat. Interessanterweise halten sich die Linken anders als andere Parteien zurück, vielleicht weil sie eigene Probleme genug haben. Dabei gehen viele Piratenforderungen wie bedingungsloses Grundeinkommen doch auf linke Positionen zurück und seit die Piraten Aufwind haben, geht es mit den Linken bergab. Mal sehen wie die Wahlen ausfallen....

Der dazu passende Musiktipp:


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