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Web Log Teil 110 : 28.4.2009-6.5.2009

Dienstag 28.4.2009: Raketentechnik für Besserwisser

Heute mal eine kleine Kurzanleitung, wie ich zu den Daten und Fakten komme, wenn ich Nutzlasten berechne, die es offiziell nicht gibt. Was man braucht, sind:

Ich will es mal bei der Ariane 5 erläutern. Im Prinzip setzt man nur die Raketengleichung für jede Stufe an. Diese lautet:

Geschwindigkeit der Rakete = ln(Startmasse/Leermasse)*Ausströmgeschwindigkeit

und diese addieren. Machen wir das mal bei der Ariane 5 ECA:

Nimmt man diese Daten, so hat die Rakete beim Start ein Gewicht von 779 t (2*281+188.3+19.1+9.6 t) und nach dem Ausbrennen der Booster eine von 294 t (779 t - 2* 281 t + 2*38.5 t). Setzt man nun an:

2657 * ln (779/294) so erhält man 2589 m/s als Geschwindigkeit bei Abtrennung der Booster

Nun die zweite Stufe: Die Rakete wiegt nun noch 217 t (188.3+19.1+9.6 t) und nach Ausbrennen noch 42.8 t (14.1+19.1+9.6 t). für die zweite Stufe resultieren dann:

4248 m/s * ln (217/42.8) = 6896 m/s

Die Dritte Stufe hat nun nur noch die Nutzlast zu beschleunigen: 19.1 t+9.6 t beim Start (28.7 t) und leer sind es 4.5 t+9.6 t = 14.1 t. So resultiert:

4373 m/s * ln(28.7/14.1) = 3108 m/s.

Die Endgeschwindigkeit ist nun die Summe aller drei Geschwindigkeiten: 2589+6896+3108 = 12593 m/s.

Das sind 2393 m/s mehr als die Orbitalgeschwindigkeit. Der Grund dafür sind die Verluste beim Aufstieg. Luftwiderstand, Gravitationsverluste, Lenkungsverluste. Diese hängen vom Raketentyp und der Bahn ab. Bei der Ariane 5 sind sie relativ hoch. Typisch sind etwas niedrigere Werte. Die Spanne reicht von 1200 m/s bei schnell beschleunigenden, aerodynamischen Raketen bis zu rund 2400 m/s bei Ariane 5 oder langsam startenden Raketen (die Saturn V hatte z.B. 2100 m/s). Das wichtige für die Simulation ist aber: Sobald ein Orbit erreicht ist, sind diese konstant. Wenn z.B. die Fluchtgeschwindigkeit erreicht werden soll, so ergibt sich nach unserer Berechnung eine Nutzlast von 6645 kg (V=11015 m/s). Arianespace gibt 6600 kg an - man kommt also zu denselben Ergebnissen. Das gilt auch für das Austauschen von Oberstufen: Ariane 5G bis Ariane 5 ESV liegen im Bereich von 2316 bis 2409 m/s Verlust.

Natürlich ist es möglich dies genauer zu berechnen, z.B. wurde hier stark vereinfacht. In Wirklichkeit zünden ja beide Stufen zusammen. Das erhöht dann zwar den spezifischen Impuls der Feststofftriebwerke, aber dafür sind auch schon 40 t Treibstoff verbrannt wenn die zweite Stufe dann alleine weiter fliegt. Simuliert man dies auch mit, so resultiert ein Verlust von nur 2055 m/s. Wenn dann noch der niedriger spezifische Impuls am Boden genommen wird und die Zunahme über die Höhe simuliert wird, so wird es noch genauer. Aber: Das ist alles nicht nötig. Es reicht ein Referenzwert, und ob dieser nun mit 205 oder 2393 m/s Verlust behaftet ist, ist Wurst, da sich dieser ja bei allen Nutzelasten wieder raus rechnet.

So ist es möglich die Leermasse der Ariane 5 ECB zu simulieren. Das geht in etwa so:

Wir wissen, dass die die Stufe 28200 kg Treibstoff mitführt und eine Ausströmgeschwindigkeit von 4560 m/s hat. Nun tun wir erst mal so als hätten wir eine ESC-A mit mehr Treibstoff - übernehmen also das Leergewicht von VEB+ESC-A von 4500 kg. Nach ESA Angaben hat die ESC-A eine Nutzlast von 11600 kg. Also wir haben bei der letzten Stufe ein Vollgewicht von 4500+28200kg und ein Leergewicht von 4500 kg bei v=4560 m/s. Macht man nun die Berechnung für 11600 kg Nutzlast, so kommt man auf v=12783 m/s, also ein Verlust von 2583 m/s. Wir erhöhen nun solange die Nutzlast, bis der gleiche Verlust von 2393 m/s resultiert. Das ist bei 12430 kg der Fall. Das sind also 830 kg mehr als angegeben. Anders ausgedrückt: Die Oberstufe ist um 830 kg schwerer als angegeben: anstatt 4500 kg sind es also 5330 kg. Wenn man eine zweite ESA Angabe nimmt, die von nur 11200 kg Nutzlast ausgeht, sind es sogar 5730 kg.

Wenn man etwas genauere Werte (nicht wie hier gerundet) nimmt, die Nutzlastverkleidung auch noch hinzurechnet, so kommt man für die ESC-B und VEB zu einem Leergewicht von 6180 kg bei einer Nutzlast von 11200 kg. das deckt sich in etwa mit dem Trockengewicht von 6 t nach ESA Angaben (BR-250, leider nur auf eine Ziffer genau). Für diese Berechnung habe ich auch eine Zwei-Punkt Bestimmung genommen, die Unterschiede im Verlustfaktor aufspüren soll: Man macht die Berechnung nicht nur mit einer Nutzlast, sondern zwei. In diesem Fall die bekannte Nutzlast der ESC-B für ISS Orbits. Doch das geht dann nicht mehr mit dem Taschenrechner. Die unbekannte Trockenmasse Nutzlast wird so lange verändert bis die Nutzlast bei beiden Orbits am nächsten an den offiziellen Angaben ist. Noch ein Fernsehtipp: So  blöd, dass man sich kaputt lachen kann: Americas smartest Modell. Einfach mal anschauen. Auf Viva am Donnerstag ab 16:00 und Samstag 16:30 (beides Wiederholungen der Sendung vom Montag um 21:15) immer auf Viva. einige Auszüge: Um die Zimmer zum Badetür zu öffnen muss man ein Codeschloss betätigen: Der Code ist die Antwort auf die Frage "Wann entdeckte Kolumbus Amerika?". Oder: Buchstabieren sie "Lacroix" - sollte ein Modell eigentlich hinbekommen. Am besten ist es aber durch die Kommentare der Modells, die an Größenwahn leiden....

Noch das Lied zum Tag:

Mittwoch 29.4.2008: Ich will etwas für meine Gebühren haben! / EXCEL Mannia

Ich schaue alle paar Tage bei fern-gesehen.com und fersehkritik.tv rein, ob es eine neue Kritik gibt. Die beiden Websites nehmen sich die schlimmsten Sünden des Fernsehens aufs Korn, die ich meistens gar nicht kenne, weil ich den Großteil des Programmes nicht mitbekomme. Ich gehöre zu den Gewohnheitstieren, die jede Woche dieselben Sendungen anschauen: Sonntags "W wie Wissen", "Schliemanns Erben" oder "Terra-X" und ein "Herz und eine Seele", Dienstags "Quarks & Co", Mittwochs "Abenteuer Forschung/Wissen", Donnerstags "Odysso" und "Extra 3". Dazwischen das eine oder andere von den privaten wie derzeit "Switch reloaded" und "Germanys next top model" und den einen oder anderen Spielfilm. Aber ich zappe kaum und manche Sender kenne ich nicht mal vom Namen.

Eines haben die Kritiken bei mir aber bewirkt: Ich bin sensibilisiert gegenüber dem Rausschmeißen von Gebührengeldern. Okay, man kann nichts machen gegen die Verflachung von Programmen auf den privaten Kanälen. Die kann man nur nicht anschauen und so die Werbeinnahmen minimieren (was zu immer skurrilen Blüten führt um Spots, Einblendungen ins laufende Programm einzubringen, inklusive der Einblendung "Gleich gehts weiter" bei einem Spot - man denkt es ist nur einer und stattdessen kommen gleich mehrere). Auch finde ich es interessant, dass die Bundesregierung zwar Webseiten sperren lässt die (angeblich) Kinderpornographie enthalten (angeblich, weil in dem Gesetz keinerlei Kontrolle vorgesehen ist, welche Seiten so gesperrt werden), auf der anderen Seite die Abzockerei via "Call-in" TV (9live) und die Belästigung durch Werbeanrufe und das Unterschieben von Verträgen übers Telefon zulässt.

aber zu den öffentlich rechtlichen. Die Kritiken der Websites haben mir wieder eines in Erinnerung gerufen: Das wird mit unseren Gebühren finanziert. Kann ich dann nicht gutes Programm erwarten? Warum müssen ARD und ZDF jeden Schieß der privaten nachmachen wie tägliche Quiz-Shows, Daily Soaps oder Telenovelas? Was ist aus der wöchentlichen Familienserie geworden? Wenn es so was noch gibt dann nur noch als Krimi (das ganze Programm von ZDF besteht zwischen 18 und 20 nur noch aus Krimis). Wenn es eine klassische Show gibt, dann nur noch "volkstümlich". Das ist so ausgelutscht und kommt so oft, dass es nicht mal meine 84 jährige Mutter anschaut.

Wissensendungen sind auch nicht viel besser. Mir fallen immer mehr Wiederholungen auf - Quarks und Co sendet seit Wochen nur welche und es sind immer mehr Kurzbeiträge und ein Thema wird nicht mehr umfassend behandelt. Manche Wissenschaftssendungen sind schon geradlinig auf populäre Themen ausgerichtet - bei Odysso dreht sich z.B. alles nur um Medizin. Wenn ich für das Programm zahle, dann habe ich auch den Anspruch vernünftiges Programm produziert zu bekommen und nicht nur Billig-Fernsehen oder die Plattform für Politiker um öfters ihre Meinung sagen zu können (vom Fernsehen als "Talk-Show" bezeichnet).

Noch etwas ist mir heute aufgefallen. Der Excel Wahn. Ein Kollege brauchte eine Lösung um Studenten deren Namen, Matrikelnummern, Emailadressen und Ergebnisse in einem Excel Sheet vorlagen automatisch eine Email zu schicken. Ich hab mich ein paar Stunden hin gesetzt und eine Lösung programmiert. Da fiel mir ein dass mir Excel öfters untergekommen ist: Bei meiner Informatikvorlesung an der Dualen Hochschule BW lehrte der Vorgänger auch Excel und ich habe das rausgeschmissen, weil ich es schon zum Basiswissen zähle das heute selbst Sekretärinnen können müssen. Trotzdem sind die Sheets sehr populär auch für Anwendungen in denen sie nicht tauglich sind. So wäre eigentlich der Zugriff auf die Datenbank in der die Studentendaten abgelegt ist der saubere Weg ist, doch exportiert wird in Excel und das muss ich dann wieder importieren und der Anwender muss die Spalten mit Daten festlegen. Ein Microsoft Referent hat uns mal vom Südwestrundfunk erzählt, die früher ihren ganzen Sendeablauf mit Excel gemacht hat und schließlich überall Probleme bekommen haben weil sie zu unflexibel waren. Man hat es dann auf eine Datenbanklösung (ich vermute Access) umgestellt. Und da war noch vor einigen Monaten die anfrage von einem DLR Institut ob ich an einer Datenbank über "Spaceships"  mitarbeiten würde. Als ich dann nachfragte, wie dies gehen würde, sagte man mir, ich bekäme ein Excel Blatt zum Ausfüllen. Nach meinem Einwand, dass man so wohl kaum parallele Zugriffe und daraus entstehende Konflikte auflösen könnte und ich einen Datenbankserver mit Web-Frontend dafür nutzen würde, kam keine Antwort mehr. Nicht dass ich glaube, dass man nun sich von Excel gelöst hat - ich vermute eher, nun dämmerte der DLR, dass ich unter Mitarbeit nicht verstehe, dass ich alleine die Arbeit mache.

Nichts gegen Excel - es ist eine schöne Tabellenkalkulation und ich nutze es auch gerne um Diagramme zu machen oder kurz was zu berechnen. Nur weil es so einfach ist wird es überall als Ersatz für eine Datenbank benutzt, die viel besser geeignet ist Daten zu verwalten, oder noch schlimmer, so wie ich es bei uns erlebe - es gibt so eine Datenbank, doch man kann sie als einfacher Anwender nicht ansprechen. Sie lässt nur den Export als CSV oder Excel zu und damit ist die Möglichkeit selbst eine Query zu machen und nur das auszulesen was man braucht weg.

Dabei gibt es doch Datenbanken in jeder Größe, selbst welche ohne große Installation auf PC Basis wie die SQllite auskommen - die kann man einfach über eine DLL in die eigene Anwendung einbinden. Firefox nutzt sie gleich ich mittlerweile zum Speichern der Daten und ich habe auch mal beim Launchlog sie probiert (bin aber wieder davon abgekommen, nicht wegen der Leistungsfähigkeit, sondern weil ich schon so viele Abfragen für Standardprobleme für die Textbasis hatte und die nicht alle umschreiben wollte).

Ach ja, der Witz muss sein: "Früher mussten Betriebswirtschaftsstudenten wenigstens noch Dreisatz beherrschen, heute nur noch Excel".....

Das Lied für heute von Simon & Garfunkel...


Empfehlungen für die Ostfildener Kommunalwahl

Am 7.Juni ist nicht nur Europawahl, sondern in Baden-Württemberg auch Kommunalwahl. Daher heute mal ein lokalpolitischer Blog. Ich empfehle allen Bürgern Ostfildern den bisherigen Gemeinderat wiederzuwählen wenn sie:

Ansonsten: Wählen sie jeden, nur nicht einen der bisherigen Gemeinderäte, die offensichtlich den Kontakt zu dem was die Bürger wollen verloren haben und eine einseitige Stadtentwicklung betreiben.

Montag 4.5.2009: Jörg Pilawa und die Werbung

Wenn Promis sich aus dem Fenster lehnen und Werbung machen dann ist sie entweder trivial (Gutschalks Werbung für Haribo) oder es kann ganz schnell in die Hose gehen, wenn der Promi wie hier wirbt. Um was geht es? Im Frühsommer wirbt Jörg Pilawa, bekannt durch eine tägliche Quiz Show für die Produkte eine Wurstheerstellers. Wörtliches Zitat "Die Wurst von der xx , die mag ich, da war ich noch so lütt. Aber was ich als Papa so super finde ist, dass alles ohne Zusatz von Geschmacksverstärker und Zusatzstoffe produziert wird. Und weil es auch so viele Allergiker gibt auch ohne Gluten und Laktose. Das wird sogar vom Institut Fresenius kontrolliert. Achten sie mal drauf, wir tuns auch."

Starker Tobak! Vielleicht sollte Jörg Pilawa mal ein Quiz über Zusatzstoffe machen. Aber nehmen wir mal auseinander wie viele Halbwahrheiten und Lügen man in zwei Sätzen sagen kann

"Und weil es auch so viele Allergiker gibt auch ohne Gluten und Laktose"

Also es gibt bei uns Allergien gegen Milchzucker (Lactoseintoleranz) und Gluten (ein Weizenprotein). Die entsprechende Erkrankung heißt Zölikai. Nur ist das bei Wurst völlig irrelevant. Das Sortiment der Firma besteht aus einer Reihe von Kochwürsten (Teewurst, Leberwurst, Mett), Rohwurst (Schinken) und Brühwurst. Keinem dieser Produkte wird bei der normalen Herstellung Laktose zugesetzt, außer vielleicht als Trägerstoff für Aromen, die jedoch auch bei Wurst unüblich sind. Gluten wird üblicherweise Teigen zugesetzt um ihre Krume zu verbessern, aber nicht Wurst. Das ist eine Werbung mit Selbstverständlichkeiten. Genauso gut hätte Herr Pilawa sagen können "Ohne Haselnüsse, Äpfel und Soja" - auch gegen diese Lebensmittel sind viele Personen in Deutschland allergisch. Allerdings weiß da auch jeder, dass so was nicht zur Wurstherstellung verwendet wird.

"ohne Zusatz von Geschmacksverstärker und Zusatzstoffe"

Herr Pilawa. Eine 500 Euro Frage für das Quiz: Welcher der folgenden 4 Stoffe ist kein Zusatzstoff:

Ich nehme an sie haben nach ihren Erfahrungen mit dem Werbespot spontan b.) gewählt. Richtig wäre aber a.). Aromastoffe sind keine Zusatzstoffe. Geschmacksverstärker sind es aber. Das ganze ist also eine Doppelnennung. Sind nun auch keine vorhanden? Wahrscheinlich, denn der einzige Geschmacksverstärker der hier Sinn macht wäre Natriumglutamat für fleischige Aromen. Davon enthält Fleisch aber schon jede Menge und auch bei normaler Wurst wird Natriumglutamat kaum eingesetzt. Die einzige Wurstsorte deren Natriumglutamat gezielt zugesetzt wird ist Fleischwurst. Der charakteristische Fleischwurstgeschmack kommt von diesem Zusatzstoff, ansonsten ist es auch bei Brühwurst sehr unüblich und bei Koch und Rohwurst (woraus die meisten Produkte des Unternehmens bestehen) wird kein Geschmacksverstärker zugesetzt.

Was mich noch mehr stutzig machte ist aber, dass der Hersteller nach dieser Werbeaussage ganz ohne Zusatzstoffe auskommen will - okay, es gibt einige Zusatzstoffe auf die kann man eventuell verzichten wie Glucono-Delta-Lacton als Ümrötungshilfsstoff oder Zitronensäure als Säureregulator. Aber für die Wurstherstellung werden mit Sicherheit zwei Zusatzstoffe gebraucht werden: Für alle Würste die rot sein sollen, das Nitritpökelsalz als Umrötungsmittel (sonst sähe die Wurst so grau aus wie grobe Leberwurst) und für die Brühwurst um das Wasser zu Binden Phosphate. Ohne diese geht es garantiert nicht. Anscheinend weiß der Hersteller aber selbst nicht was er in seinen 13000 Analysen jährlich so kontrolliert, denn auf der Website verweist er auch auf die Produktion ohne Zusatzstoffe, doch da hilft uns Pilawa weiter:

"Das wird sogar vom Institut Fresenius kontrolliert."

Ja wirklich? Fresenius kontrolliert aber nicht alles - Wie bei jeder Dienstleistung wird festgelegt was der Analysenumfang ist. Die Herstellerfirma kann sich nicht leisten für 3000 Proben eine Vollanalyse inklusive Pestizid und Dixoinbestimmung mit aufwendiger Aufarbeitung durchführen zu lassen. Fresenius kontrolliert was der Hersteller verlangt. Netterweise ist Fresenius aber ehrlicher, und so findet sich auf ihrer Seite ein Hinweis auf was sie kontrollieren:

Merken sie den Unterschied? Nicht ohne den Zusatz von Zusatzstoffen, sondern ohne den Zusatz von Farbstoffen! Das ist ein himmelweiter Unterschied! Denn auch normaler Wurst werden keine Farbstoffe zugesetzt. (Manche Importware wird neuerdings mit Beetenrot gefärbt, aber traditionelle Wurst kommt ohne aus - selbst wenn kann der Hersteller leicht mit Paprikapulver den gleichen Effekt ohne Zusatzstoff erreichen). Also auch hier eine glatte Lüge

"Achten sie mal drauf, wir tuns auch."

Hab ich hiermit getan - Besser wäre gewesen, Jörg Pilawa hätte das vorher auch getan. Nicht das ich von einem Quiz-Show Moderator erwarte, dass er das weiß, aber wenn er eine Stunde in das Ansehen der Webpage und das Verfolgen der Links investiert hätte, dann hätte ihm zumindest auffallen sollen, das "ohne Farbstoffe" nicht das gleiche ist wie "ohne Zusatzstoffe". Wieder mal ein Promi der seine Glaubwürdigkeit für ein paar Euro zu Grabe getragen hat. Pilawa hat Abi und zumindest 2 Jahre Medizin studiert (dann wegen nicht bestandenem Physikum abgebrochen). Ich vermute mal, dass man da ein bisschen Ahnung von Chemie hat und wenn nicht, dann kann man sich doch schlau machen, bevor man Werbung macht. Im Prinzip sagt die Firma doch nichts anderes als dass sie in ihren Würsten kein Weizenprotein, Milchzucker, Farbstoffe und kein Fondor (das besteht vornehmlich aus Natriumglutamt) einsetzt - wenn ich das so sage, dann dürfte auch einem Laien auffallen, dass das alles Stoffe sind, die er eh nicht in Wurst vermutet - dann kann man aber auch Werbung "ohne Zusatz von Schokolade" oder "ohne Süßstoff" oder "ohne Verdickungsmittel" - Das ist nichts anderes als die Leute mit einer Selbstverständlichkeit hinters Licht geführt.

Mittwoch: 6.5.2009: Der Niedergang des Verbraucherschutzes

Seit dem 11.4.2009 sind die Standardgrößen bei Bier, Limonaden, Zucker, Milch, Schokolade, Fruchtsäfte und Mineralwasser verschwunden. Die von der EU als "Entbürokratisierung" gefeierte Abschaffung der Standardgrößen wird das Einkaufen erneut erschweren. Das ist nicht das erste Mal dass Standardgrößen fielen. Bei anderen Produkten geschah dies schon vor Jahren. Was ist damit gemeint?

Wenn Sie Milch kaufen - Welche Menge kaufen Sie? Wahrscheinlich sind es 1 l. Möglich sind auch andere Größen wie 0.5 l oder 1.5 l. Aber es sind eben nur bestimmte Größen zulässig. Sie können nicht 966 ml Milch anbieten. Das führt dazu, dass Schokolade in der Regel in einer 100 g Tafel angeboten wird oder Mehl in einem 1 kg Pack. Das ist nun keine Verpflichtung mehr. Was bedeutet das? Seit vor ein paar Jahren die Standardverpackungen bei anderen Produkten schon fielen, wissen wir es: Die Mengen werden kleiner. Da wurde aus der 1000 ml Dose Eis bei Langnese schnell mal eine 900 ml Packung - bei gleicher Verpackung versteht sich! Besonders perfide wurde es bei Pringlses, die bei gleichem Preis die Verpackungsmenge von 200 g auf 170 g erniedrigten und dann in zwei Sonderaktionen "kostenlos" 10 g und 25 g mehr rein packten - immer noch weniger als die ursprünglichen 200 g. Auch hier: Die gleiche Verpackung, nur die Chips durch etwas andere Form etwas voluminöser, damit die fehlenden 30 g niemanden auffallen - So verdient man gleich 17 % mehr....

Es wird in Zukunft notwendig sein, bei den Verpackungen den Grundpreis, der nun angegeben werden muss (pro Kilogramm) zu vergleichen, weil der Warenpreis wegen unterschiedlicher Füllmengen keine Aussage mehr zulässt.  Das ist nur ein Beispiel, wie sich die Deklaration in den letzten Jahren zuungunsten des Verbrauchers verschoben hat. Die Hersteller haben sehr genau erkannt, dass man einen Verbraucher auch täuschen kann, wenn man ihn mit Angaben versorgt - schließlich hat nicht Jeder Zeit, alle Produkte eines Regals auf die Füllmenge zu kontrollieren, oder alle Grundpreise durchzulesen (die natürlich sehr klein geschrieben sind).

Das zeigt auch die GDA Kennzeichnung. Die GDA Kennzeichnung ist eine seit 2008 erfolgte freiwillige Kennzeichnung von Lebensmitteln, in ihrem Gehalt an Energie und einigen Stoffen, wobei es drei mögliche Grade der Ausführlichkeit gibt. Alles bezogen ist auf eine Energiemenge von 2000 kcal und eine vom Hersteller festgelegte Portionsgröße.

Nun ist ja die Nährwertkennzeichnung nichts neues und für bestimmte Lebensmittel schon seit Jahrzehnten vorschrieben. Dann nämlich, wenn irgendwo auf der Verpackung auf den Nährwert bezug genommen wird, wie "reich an ungesättigten Fettsäuren" oder "energiereduziert". Diese Deklaration ist nicht fehlerfrei, weil sie sehr formal ist und bestimmte Angeben verfolgen müssen, selbst wenn der Stoff im Nahrungsmittel kaum vorhanden ist, weil ein anderer Stoff aus der Gruppe beworben wurde. Aber sie hat einen Vorteil: Alle Angaben sind pro 100 g und damit kann man vergleichen.

Die GDA angaben sind pro Portion und die legt der Hersteller fest. Bei allen bisher getesteten Produkten sind diese unrealistisch klein. Da soll ein 150 g Laib Blauschimmelkäse für mehr als 7 Portionen gut sein (Größe 20 g pro Portion!) oder bei Süßwaren ist eine Portion genau ein Keks. o werden dann Dickmacher "niedrig gerechnet". Ohne Kopfrechnen ist es so praktisch unmöglich, den Energiegehalt pro Hundert Gramm zu erfahren. Mehr noch - Die Hersteller nutzen die Angaben auch, um die Verpackungen voll zu plastern und damit mehr zu verwirren als aufzuklären. Wie erläutert sind drei Formen möglich: Einmal nur Energie, einmal Hauptnährstoffe und zusätzlich zu den Hauptnährstoffen noch , Zucker, gesättigte Fettsäuren und Natrium. Manche Hersteller machen genau dies: Vorne auf die Verpackung die Energieangabe, auf die Rückseite die Hauptnährstoffe und an die Seite die vollen Angaben - das sieht dann so aus, als wäre der Hersteller besonders ehrlich und gründlich. In Wirklichkeit baut er darauf, dass der Verbraucher nicht alle Kästen ansieht und je mehr Angaben erfolgen, desto schwerer der Zugang. In diesem Falle (einer Tütensuppe) erfuhr man erst auf der Seite bei den vollen Angaben, dass ein Teller schon 23 % des Salzbedarfs deckt und fast nur gesättigte Fettsäuren enthält.

Es kommt heute niemand mehr darum, Verpackungen aufmerksam zu studieren, um zu wissen was er vor sich hat. Auch Kopfrechnen ist nun eine Disziplin, die wieder gefordert wird. Dafür haben die meisten Leute aber keine Zeit und darauf bauen die Hersteller. Mal sehen, ob wir bald keine Verpackungen mehr mit geraden oder zumindest einheitlichen Größen mehr haben. 0.85 l Milch sind nun möglich. Bei Fertigverpackungen gibt es dass ja schon seit langem. Beim gestrigen Check bei Lidl fand ich z.B. Farfalle mit Käse-Kräuter-Sauce in einer 265,5 g Packung und Curry-Nudeln in einer 123 g Tüte. Na denn Mahlzeit!

Ach ja noch was: Inzwischen ist mein Buch über Lebensmittelkennzeichnung und die Tricks der Industrie verlegt. Ich hoffe in ein paar Tagen ist es auch bei Amazon & Co erhältlich und ich werde dann hier mal einen Link zur Verfügung stellen. Bei ihm bin ich besonders gespannt wie es sich verkauft, weil es ein komplett anderes Thema ist als bei den ersten beiden. Das Buch über die Trägerraketen ist einmal durchgelesen. Die beiden Korrekturleser haben sich bereit erklärt auch jeweils den anderen Teil durchzulesen, so dass ich hoffe, es sind noch weniger Fehler drin. Da ist nach wie vor aber die Versorgung mit hochwertigen Grafiken ein Problem. Michel Van, vielen bekannt hier als fleißiger und kritischer Blogleser, wird Grafiken für das Buch beisteuern, aber vor allem von den älteren Raketen habe ich kaum Print fähige Fotos oder gar Schnittbilder von Stufen. Aber vielleicht ist auch weniger dann mehr und es werden weniger Seiten und bezahlbarer. Das Video heute natürlich passend zum Thema:


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