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Web Log Teil 156 : 13.3.2010-18.3.2010

Samstag den 13.3.2010: Unzufriedenheit

Was mir so auffällt ist das mich in den letzten Monaten viel mehr Dinge stören als früher. Sei es in der Raumfahrt, wie man am einen oder anderen Blogeintrag sieht, aber auch der Lebensmittelkennzeichnung mit der ich mich nach ein paar Jahren Pause wieder beschäftigt habe. Aber auch allgemein mit der politischen Situation die wir jetzt haben und auch den Problemen die in Deutschland seit Jahrzehnten immer wieder vor sich hin geschoben werden.

Die Frage ist natürlich wieso? Vielleicht ist es eine Mentalitätsfrage oder ein jahreszeitlicher Effekt - schlussendlich ist bei mir im Winter die Stimmung nie besonders gut. Aber vielleicht auch nur ein Effekt womit man gerade beschäftigt ist. Solange ich gearbeitet habe, war ich damit beschäftigt. Abends blieb noch etwas Zeit für den Blog oder die Arbeit an einem Buch. Daneben noch etwas Sport treiben -schwupps ist die Woche rum. Wenn man da Unzufrieden ist dann vielleicht wegen der starren Strukturen an der Hochschule und den immer gleichen Aufgaben ohne Herausforderungen. Kurzum: Der Fokus ist auf die Arbeit gerichtet oder man hat keine Zeit. Nun habe ich Zeit und der Fokus geht auf andere Dinge, die für mich persönlich nicht so wichtig sind. Was geht es mich persönlich an wenn Constellation eingestellt wird oder unsere Regierung Milliarden Schulden macht? Solange ich sie nicht persönlich zahlen muss gar nicht.

Vielleicht ist es aber auch ein Effekt der sich einstellt wenn man die Wunschvorstellungen nicht verwirklicht sind. Mir fällt immer auf wenn ich mit einem amerikanischen Freund diskutiere wie es bei uns so ist. Veiels kommt einem da im Argen vor. Auf der anderen Seite: Ich möchte nicht in den Staaten leben. Einem Land mit hoher Kriminalitätsrate, fehlendem sozialen Netz und dem Egoismus als "American Dream". Hier kommt mir vieles zu stark geregelt vor. Vom Schilderwald über die Gemeindeordnung die vorschreibt wie hoch Bepflanzungen sein dürfen bis hin - aktuell zu Verpflichtung den Gehweg um 7 Uhr morgens zu räumen (vor allem wenn die Stadt selbst bei Wochen mit Dauerschnee nicht dran denkt die Seitenstraßen zu räumen). Aber auch das ist subjektiv: Ich habe mal von einem italienischen Ort gehört, bei dem die Einwohner genug hatten von dem Schlendrian ihrer Verwaltung und nachdem der neue Bürgermeister früher in Deutschland war wurde dort eine Verwaltung nach deutschem Vorbild installiert. Das wollten auch die Einwohner so: Es gab noch mehr Heimkehrer die mal früher in Deutschland in der Automobilindustrie arbeiteten und wenn etwas noch nicht so funktionierte oder wieder der alte Trott einkehrte bekamen die städtischen Angestellten dann zu hören "In Deutschland wäre das nicht möglich" oder "In Deutschland läuft das anders". Ich bin mir aber sicher das die Italiener nicht alle unsere Regeln, Verordnungen und Gesetze übernommen haben.

Die Frage an meine Blogleser ist: Womit sind sie unzufrieden hier in Deutschland? In der Raumfahrt? oder ganz allgemein?

Sonntag 14.3.2010: Kevin's erster Werk

Nachdem ich nun ja schon fast zwei Jahre Buchautor bin, habe ich nun auch jemanden andern inspiriert: Von Kevin ist sein erstes Buch , eine Broschüre über das sein Projekt zur Stratosphärenforschung erschienen. Auf 32 Seiten beschreibt er, warum er die private Stratosphärenforschung für wichtig hält und welche Experimente er vorschlägt: Es hätte durchaus mehr sein können, denn die Preisgestaltung ist bei BOD so, das bis 48 Seiten alles einen Einheitspreis kostet und danach er linear pro Seite ansteigt. Es gibt übrigens da einen Bruch: Wenn Kevin 52 Seiten gedruckt hätte, und auf den letzten 20 Seiten nicht gestanden wäre, wäre entweder seine Verdienstspanne um 50 % höher gewesen oder er hätte den Preis um 20 % senken können.

Es gibt zwei kleine stilistische Fehler, doch das ist beim ersten Buch normal. Auch bei mir stand beim ersten Buch in den Kataloginformationen "Gemini Program" mit nur einem "m" und die Seitenzahlen waren alle auf dem Innenrand anstatt dem Außenrand. Wenn man dann das zweite macht, denkt man dran oder man greift gleich auf eine Vorlage zurück bei der die ersten 6 Seiten schon fertig formatiert sind. Bei Kevin sind die Seitenzahlen übrigens alle links :-)

Ich finde das Buch gut. Der einzige Kritikpunkt: Ich hätte mir viel mehr gewünscht. Mehr heißt, mehr Erklärungen, mehr Erläuterungen. Wie ist die Atmosphäre geschichtet? Was läuft in der Stratosphäre ab? Das wird nur angeschnitten. Auch bei Experimenten wären noch umfangreichere Erklärungen oder eine Art Diskussion hilfreich gewesen: Sinn und zu erwartende Erkenntnisse Versus Gewicht/Kosten (so als Beispiel). Ich habe ihm in der Mail zwei Beispiele genannt wo ich mitreden kann wie z.B. die Diskussion: Stromversorgung Solarzellen/Batterien. Man kann das leicht ausrechnen was schwerer ist oder ab welcher Betriebsdauer überhaupt Solarzellen sinnvoll wären, wenn es darum geht Gewicht zu sparen.

Ich vermisse daher auch so eine Art Beispielsmission: Wie sieht der Ballon aus, wie ist er ausgerüstet, wie läuft alles ab, was könnte das kosten und könnte es bringen? Also Kevin kann in einer zweiten Auflage noch eine ganze Menge mehr schreiben. Aber auch das verstehe ich: Das erste Buch war auch bei mir ein Versuchsballon. Es ist kein Zufall, dass die erste Auflage des Gemini Programms nur 68 Seiten dick ist: Ich wollte einfach nicht mehr als 2-3 Wochen in das Projekt investieren, wer weiß ob überhaupt irgend jemand es kauft? Ich denke so was ähnliches hat sich Kevin sicher auch gedacht. Und man kann ja dann später eine zweite nachschieben....

Mal sehen ob ich noch andere inspiriere. Für mich hat Bücher schreiben einen wichtigen Nebeneffekt: Er zwingt mich mich intensiver mit einem Thema auseinanderzusetzen als ich es bei einem Webaufsatz tun würde. Da gibt es Größenbeschränkungen und ehrlich gesagt sind mir da die Leser wurst. Die zahlen nichts und haben auch meiner Ansicht nach keinen Anspruch auf etwas. Irgendwie mildert das bei mir das Beharrungsvermögen bei einem Thema... Wochen oder Monate lang recherchieren und schreiben benötigt schon eine gewisse Motivation. Beim Buch ist es so, dass es eigentlich nie richtig fertig ist: Bei jedem Durchlesen fällt mir etwas ein, dass man noch nachschauen könnte oder eine Frage stellt sich die man erst recherchieren muss. Man lernt eine Menge über das Thema. Und später kann man nachschlagen (ja ich benutze meine eigenen Bücher als Nachschlagewerk, da ich vor allem Zahlen ganz schnell wieder vergesse)

Kevin hat mich übrigens noch auf etwas gebracht. Meinen Erfahrungen nach werden Bücher nach Preis gekauft. Ich habe das auch gemerkt, in der Zeit in der noch beide Auflagen des Gemini Programms bei Amazon gleichzeitig zu haben waren: Die erste billigere ging schneller weg, obwohl die zweite nicht nur besser ist sondern auch mehr Inhalt pro Euro enthält (kleinere Schrift und Ränder, nur zwangsläufiger Overhead von etwa 6-8 Seiten für Pflichtangaben fallen nicht so ins Gewicht). Ich ticke da etwas anders und schaue erst auf die Kommentare, dann die Seitenzahlen und dann den Preis. Ich neige aber auch auch dazu, Bücher mit vielen Seiten zu kaufen weil sie verhältnismäßig billig sind. Dann stellt sich meist raus, dass es jemand bei den Schrifttypen sehr gut mit mir meint oder viele Bilder verwendet. Auf jeden Fall habe ich kurzerhand etwas umgesetzt: Ich habe da Buch "Europäische Trägerraketen 1" dass schon seit fast einem Jahr auf den Markt ist in drei Teile auf gespaltet und diese getrennt veröffentlicht. Je eines für die Black Arrow und Diamant, die Europarakete und die Ariane 1-4. Wenn also nur Ariane interessiert, kann einfach den Band kaufen und kommt mit weniger als der Hälfte des ersten Buches weg. Ich habe zuerst überlegt ob das sinnvoll ist, kommt sich nicht jemand verscheißert vorkommt, der schon den Dicken Band kauft und dann nochmal einen der kleinen? Beim genauen Nachdenken fällt mir aber kein Grund ein, warum man erst das eine Buch und dann das andere vom selben Autor kaufen sollte. Trotzdem ist in den Kataloginformationen ein Hinweis drin, dass es sich nur um Teile des zuerst erschienen Bandes handelt.

Mal sehn ob sich mehr Käufer finden - die Bücher sind mit 7,90, 9,95 und 13,90 Euro deutlich billiger als der erste Band. Wenn ja, dann backe ich vielleicht in Zukunft kleinere Brötchen, sprich Bücher mit maximal 200 Seiten die dann auch maximal 16-17 Euro kosten. Auch andere Bücher kann man noch splitten - das ATV/ISS Buch kann man in ein reines ATV und reines ISS Buch aufgliedern und Ariane 5/Vega in zwei Bücher über Ariane 5 und Vega. Mal sehen...

Montag 15.3.2010: Mein Credo

Ich verfolge im Administrationspanel des Blogs ab und an, wer auf mich verlinkt und da fallen mir dann doch einige Titulierungen auf: Mal bin ich der "Raumfahrtguru". Mal der "Raumfahrtexperte". Im Raumfahrer.net Forum, in dem sehr gerne über meine Blogeinträge diskutiert wird (warum ist mir ein Rätsel, schließlich kann man direkt den Blog kommentieren) ist es vor allem der "Raumfahrtexperte". Je nach Geschmack noch ergänzt um "umstrittene" oder "selbst ernannte". Gestern dann noch der Kommentar von JosefW, der impliziert, dass es sich um dieser Seite um ein journalistisches Produkt handelt.

Nun kommt die böse Überraschung: Ich zieh mir keinen der Schuhe an. Man möge einmal die Suchfunktion anwerfen und suchen wann ich mich als Raumfahrtexperte bezeichnet habe - man wird nichts finden. Denn ich kenne noch die Zeiten wo es diese gab: Büdeler, Siefahrt und Johannsen um einige zu nennen. Wobei ich Zweifel hätte, ob diese heute noch die Raumfahrt überblicken würden Schließlich wusste man damals kaum etwas über das russische Programm, das europäische Programm war praktisch nicht existent und im Apollo Programm gab es wenige Missionen und das unbemannte Programm interessierte kaum jemand. Ich denke, dass ich mich recht gut in zwei Teilgebieten auskenne, ohne dass ich auch dort jedes Detail kenne. Doch es gibt große Bereich der Raumfahrt, die mich nicht interessieren und wo ich auch kaum was darüber weiß. Das fängt an mit den Astronauten, oder Space Shuttle Missionen im Allgemeinen,  geht über den kompletten Bereich der Anwendungssatelliten bis hin zu Forschungssatelliten die nichts mit Fernerkundung oder Astronomie zu tun haben. Wenn man es in Starts ausdrückt, also den größten Teil der Raumfahrt.

Daher lasse ich mich auch nicht gerne in die Schublade des Experten stecken und die Website ist kein Nachschlagewerk und der Blog nicht die Kolumne von "Raumfahrtexperte" Bernd Leitenberger. Schon alleine weil es nicht nur um Raumfahrt geht. Ich hab mir schon immer Sachen zusammengeschrieben die ich in verschiedenen Zeitschriften fand, um selbst alles kompakt an einer Stelle zu haben. Ich fing mit der Website an, indem ich zuerst das online gestellt habe. Da es nun im Internet viel mehr Infos gab, begann ich nach und nach alle Träger und Raumsonden in einem Artikel zu behandeln - weil es mich interessiert, wenn das auch andere lesen können okay, aber ich mache es eben für mich.  Nur sollten dann die die es umsonst lesen können, nicht anfangen zu meckern.

Mit dem Bloggen habe ich angefangen, um über Sachen zu schreiben die für einen Artikel zu klein  waren oder nicht ins Raster passten. Mehr und mehr habe ich wie bei einem klassischen Blog mehr meine Meinung geschrieben. Nach mehr als drei Jahren stelle ich fest, dass ich zu so ziemlich allem schon was geschrieben habe. Daher auch vor einiger Zeit der Aufruf "Gastautoren gesucht". Das hat nun aber auch nicht die große Schwemme an Gastautoren gebracht. Wenn jeder der hier kommentiert mal einen Blog verfassen würde, dann wäre das Problem gelöst.

So gesehen holt mich aber mein Motivationsproblem ein: Solange ich an etwas wirklich interessiert bin, arbeite ich intensiv daran, wenn nicht? Dann wird's kritisch, zumindest solange ich nicht dafür bezahlt werde. Es wäre nicht das erste was ich mal nach einiger Zeit wieder aufgeben würde. Vor zwei Jahren habe ich Lipsyncvideos gedreht. Nun finde ich irgendwie hat es sich so langsam "ausgeblogt" und selbst bei meiner neuen Leidenschaft - Bücher schreiben - gibt es nicht so viele Themen die mir noch vorschweben: Mercury und Skylab und vielleicht ein Gegenstück zum Raketenlexikon, nur eben mit Raumsonden. Das war es aber dann auch schon. Mal sehen was ich dann neues mache. Vielleicht mal eine Reihe von Programmen abschließen die so halb fertig auf der Platte warten...

Bis dahin werde ich wohl etwas kürzer mit dem Bloggen treten...

Dienstag 16.3.2010: SpaceX und die OTRAG

Ich habe mit dem Gedanken gespielt mal was über die neuerliche Nutzlastzunahme bei Falcon 9 Heavy und das Wundertriebwerk in der zweiten Stufe zu schreiben. (nur durch eine etwas längere Düse 400 m/s höhere Ausströmgeschwindigkeit und damit besser als bei russischen Hochdrucktriebwerken mit geschlossenen (nicht wie beim Merlin offenen) Kreisläufen). Aber dann fiel mir ein, woran mich das erinnert: An die OTRAG. Wer sich nicht mehr richtig erinnert, hier mein Eintrag aus dem Raketenlexikon:

OTRAG

Im Sommer 1971 vergab das BMFT (Bundesministerium für Forschung und Technologie) Studien, um eine kostengünstige Alternative für die Europa I zu finden. Unter den Firmen, die Vorschläge einreichten, befand sich auch die von Lutz Kayser gegründete Technologieforschung GmbH. Ihr Konzept war völlig anders als bei allen etablierten Firmen. Es sah die Verwendung von Salpetersäure und Heizöl als preiswerte Treibstoffe, sechs Tanks mit je 36 einfachen, kleinen, ablativ gekühlten Triebwerken pro Modul und sechs Module für die Erste und ein Modul für die zweite Stufe vor. Die Treibstoffförderung sollte durch Druckgas erfolgen. In den folgenden Jahren erhielt die Technologieforschung GmbH 4,5 Millionen DM an Fördergeldern, mit denen das Konzept verfeinert und Triebwerke auf DLR Testständen erprobt wurden. Danach hatte das Forschungsministerium wegen der Beteiligung an Ariane kein Interesse mehr an einer weiteren Untersuchung.

Lutz Kayser gründete daraufhin am 17.10.1974 die OTRAG (Orbital Transport- und Raketen-Aktiengesellschaft). Bis 1978 hatte er rund 95 Millionen DM von rund 1.150 Gesellschaftern akquiriert. Dies fiel deswegen leicht, weil nach dem damals geltenden Steuerrecht Aktionäre Verluste bis zu 275 % ihrer Höhe steuerlich geltend machen konnten. Vorstandsvorsitzender und Galionsfigur, aber ohne Einfluss, war Kurt Debus, ehemaliger Chef des Kennedy Space Centers. Kayser verkaufte der OTRAG die Rechte an seinen „Erfindungen“ für 150 Millionen DM und strich davon gleich 20 Millionen ein. Der Rest sollte bei erfolgreichen Flügen gezahlt werden, zusätzlich zu einer Gewinnbeteiligung von 3 bis 5 %.

Das ursprüngliche Konzept hatte sich nur in einem Punkt geändert. Anstatt der großen Module setzte Kayser nun auf kleine Tanks; einen pro Triebwerk. Der Grund war die Förderung der Treibstoffe durch Druck – dadurch würden die Böden der Tanks ausbeulen. Sie mussten aber, um die Triebwerke gleichmäßig zu versorgen, plan sein. So verwandte die OTRAG dünne Tanks von 3 m Länge und nur 27 cm Durchmesser. Die Wandstärke betrug zwischen 0,5 mm und 1 mm. Mehrere dieser Rohre wurden zu einem Modul verbunden. Den Abschluss bildeten Tanks mit Treibstoffleitungen. Verlängerungen hatten jeweils durchlöcherte Böden. Ein Tank für die Orbitalversion sollte 24 m hoch sein und aus 8 einzelnen Tanks bestehen. Die Unteren zwei nahmen das Kerosin auf, die Oberen sechs konzentrierte Salpetersäure. Die Treibstoffleitung führte dann am Kerosintank herunter. Die Tanks bestanden aus Edelstahl und waren nur zu etwa zwei Drittel gefüllt. Der Rest war Druckluft unter 40 bar Druck zur Förderung der Treibstoffe. Am Boden des Kerosintanks befand sich wässrige Furanollösung. Sie vermischte sich nicht mit Kerosin, war schwerer als dieses und entzündete sich mit Salpetersäure hypergol.

Das Triebwerk bestand aus einem Einspritzblock und einer Brennkammer. Am Ende des Einspritzblocks saßen Kugelventile aus der chemischen Industrie. Sie wurden von einem Scheibenwischermotor betätigt. Es gab drei Stellungen: zu, halb offen und offen. Der radiale Einspitzblock bestand aus drei Ringen mit jeweils 48 Löchern. Dieses Konzept wurde, wie auch die Druckgasförderung, von deutschen Raketenwissenschaftlern übernommen, die vorher an der Veronique und Diamant arbeiteten. Die eigentliche Brennkammer war eine zylindrische Höhle in einem Phenolharz/Astbestblock. Der Düsenhals aus Graphit hatte eine Öffnung von 100 mm. Bei den Testflügen gab es keine Entspannungsdüse, später wäre sie aus dem Block heraus gefräst worden. Der Durchmesser des Blocks begrenzte das Entspannungsverhältnis auf einen niedrigen Wert von etwa 5 bis 6. Das Triebwerk war insgesamt 1 m lang und wog rund 65 kg. Während des Betriebs wurde Wandmaterial durch Ablation abgetragen.

Ein einzelnes Modul wog betankt 1.515 kg und 165 kg leer. Der Schub nahm durch den abnehmenden Tankdruck von 35 kN auf 15 kN ab. Die Brenndauer war durch den Düsenhalsdurchmesser variierbar zwischen 20 und 150 Sekunden. Die Ausströmgeschwindigkeit war bei den Tests recht niedrig und lag wegen der fehlenden Düse bei nur 1800 m/s. Über den möglichen spezifischen Impuls, der entscheidend für die Höhe der Nutzlast ist, gab es unterschiedliche Angaben. Lutz Kayser hielt bis zu 2900 m/s durch einen Düseneffekt vieler Module für möglich. Interne Papiere und unabhängige Experten nahmen dagegen einen Wert von maximal 2400 m/s am Boden und 2600 m/s im Vakuum an.

Die Rakete selbst bestand aus Stufen, die wie Zwiebelschalen die inneren Stufen umgaben. Die kleinste Version der OTRAG-Rakete sollte in der ersten Stufe 48 Module, in der Zweiten 12 und in der Dritten vier Module einsetzen. Sie sollte rund 1 t in eine Umlaufbahn befördern. Größere Versionen sollten 64, 128, 256 oder 512 Module einsetzen. Doch mehr als Tests mit maximal vier Modulen, die nur teilweise mit Treibstoff befüllt waren und eine Gipfelhöhe von 10 bis 12 km erreichten, konnte in mehreren Jahren Entwicklung nicht vorgewiesen werden. Auch zahlreiche wichtige Fragen, wie die Lageregelung durch Herunterregeln einzelner Triebwerke oder die Stufentrennung der ineinander verschachtelten Stufen funktionieren sollten, blieben offen.

Die OTRAG und die Politik

Die OTRAG geriet in internationale Schlagzeilen weniger durch ihre fachliche Kompetenz oder Erfolge bei Raketenstarts, als vielmehr durch Anbiederung an Diktatoren und Spekulationen über eine militärische Nutzung der Rakete. 1976 pachtete die OTRAG ein Gelände in Zaire. Sehr schnell war sich Kayser mit Diktator Mobutu einig geworden. Von dort aus fanden drei Starts von vier Modulen mit 6 und 12 m Tanklänge statt. Der letzte scheiterte, als die Rakete wegen eines verspäteten Besuchs Mobutos zu lange aufgetankt blieb. Dadurch korrodierten Lager und der Motor konnte eines der Triebwerke nicht in die „Offen“ Stellung bringen und die Rakete driftete wegen der Schubasymmetrie vom Start weg nach links ab. Die Nachbarländer vermuteten eine militärische Nutzung der Rakete und protestierten gegen die OTRAG-Aktivitäten, Angola sogar beim Weltsicherheitsrat. Moskau betrieb Propaganda gegen die Aufrüstung Zaires durch „westdeutsche Raketen“. Im Juni 1978 bekam Bundeskanzler Helmut Schmidt die Beschwerden persönlich bei einer Afrikareise vorgetragen. Als Folge entfiel der Sonderstatus der OTRAG. Verluste konnten nun nur noch mit ihrem tatsächlichen Wert steuerlich geltend gemacht werden. Das beendete den Zufluss neuen Kapitals. Mobutu kündigte 1979 den Pachtvertrag auf Druck verschiedener Staaten und zugesagter Entwicklungshilfe Deutschlands für den Stopp der OTRAG-Aktivitäten.

Doch anstatt daraus zu lernen, schloss Kayser nun einen Vertrag mit Gaddafi ab und startete von der Libyschen Wüste aus die Raketen. Kurt Debus verließ die Firma, weil er den Schwenk von einer zivilen Nutzung zu einer militärischen nicht mittragen wollte. Nur der erste Start, der nach 21 Sekunden scheiterte, wurde noch öffentlich bekannt gemacht. Die folgenden 10 Tests waren dann schon geheim. 1982 war die ORTAG fast bankrott. Kayser musste gehen und Frank Wukasch, als sein Vize, versuchte eine Einigung mit der Bundesregierung, indem er die OTRAG als Höhenforschungsrakete anbot. Es gab nur einen Start 1982 in Kiruna. In Wirklichkeit arbeiteten zahlreiche Mitarbeiter der OTRAG direkt für das libysche Militär weiter, während die Firma selbst Konkurs anmeldete. Die CIA berichtete, dass die ehemaligen OTRAG-Mitarbeiter Libyen maßgeblich beim Bau der Mittelstreckenrakete Al-Fatah geholfen haben sollen. Kayser behauptet, enteignet worden zu sein. Dies hinderte in aber nicht daran, bis Ende 2002 in Libyen zu arbeiten, einen Wohnsitz in Tripolis zu haben und einen Posten als Direktor der libyschen Akademie der Wissenschaften einzunehmen.

Heute lebt Lutz Kayser in Amerika und hat die Einpersonengesellschaft „von Braun Debus Kayser Rocket Science LLC“ gegründet. Er ist Berater der US-Firma Interorbital Systems, die mit dem OTRAG-Konzept Satelliten und bemannte Raumflüge zu Dumping Preisen durchführen möchte. In rund vier Jahren hat die OTRAG mit niemals mehr als 40 Mitarbeitern rund 150 Millionen DM ausgegeben und kann dafür etwa ein Dutzend Starts von einzelnen Modulen, nicht größer als kleinere Höhenforschungsraketen, vorweisen. Inflationsbereinigt ist dies heute mehr als die gesamten Entwicklungskosten für die Vega von 2002 – 2009.


Es fallen einige Parallelen auf:

Es gibt natürlich noch Unterschiede. So hat sich Lutz Kayser von dem Gründungskapital gleich mal 25 Millionen Mark für die Rechte an seinen "Erfindungen" auszahlen lassen - In Anführungszeichen deswegen, weil diese noch entstanden als sie vom BMFT finanziert wurden und so eigentlich der Bundesrepublik gehören und die Konzepte so einfach sind, dass sie wohl diesen Betrag nicht wert sind. Elon Musk hat zumindest die Firma anfangs selbst finanziert, auch wenn nun die Haupteinnahmequelle NASA Fördermittel sind.

Aber es gibt auch Parallelen. Das auffälligste sind Versprechen für zukünftige Raketen die im krassen Gegensatz zu den erreichten Leistungen stehen. Die OTAG versprach enorm niedrige Startpreise durch Bündelung vieler Module, erreichte mit nur vier Modulen aber gerade einmal 10-12 km Gipfelhöhe und ging später sogar von vier auf nur noch ein Modul herunter, anstatt mehr Module zu bündeln. Auch das postulieren irreal hoher Leistungen ist nicht neu: Bei dem kleinen Brennkammerdruck, den kurzen Düsen war der spezifische Impuls der OTRAG recht schlecht. Am Boden wurden 1.800 m/s erreicht. Im Vakuum mit angepassten Düsen wären vielleicht 2.400-2.600 m/s beim Start (dann aufgrund des abnehmenden Drucks abnehmend) möglich gewesen. Kayser postulierte 2.900 m/s aufgrund eines "Düseneffekts" - nur gibt es den bei keiner anderen Rakete und eine theoretische Untermauerung dieses Effektes gibt es auch nicht.

Bei SpaceX sind es die irreal hohen Nutzlastangaben die mit dieser Treibstoffkombination nicht mal bei einer Rakete ohne eigene Leermasse erreichbar sind und der spezifische Impuls des Merlin Triebwerks das alleine durch eine längere Düse 400 m/s mehr erreichen soll - Praktische Daten gibt es nicht, da SpaceX es nie in einem Höhenteststand getestet hat und auch niemals mit voller Düsenlänge einen Test durchführte. Wer sich auskennt hat da seine Zweifel - 400 m/s mehr durch eine neue Düse? Beim Vulcain würde eine verlängerte Düse gerade mal 40 m/s bringen. Bei den Triebwerken der N-1 die es einmal in der Version für den Bodenbetrieb und den Vakuumbetrieb gab sind es 150 m/s.

Vor allem verwundert wie dies erreicht werden soll: russische Triebwerke dieser Leistungsklasse arbeiten mit extrem hohen Brennkammerdrucken um den hohen spezifischen Impuls zu erreichen. Sie verwenden den Hauptstromantrieb um selbst noch das Gas für die Turbinen in der Brennkammer. Beim Merlin geht wird das wie bei klassischen Nebenstromtriebwerken nicht genutzt und mit dreimal geringerem Druck betrieben. Das ist wie wenn ein Opel Corsa einen Porsche abhängt, obwohl dessen Motor in allen Punkten besser ist... Mehr noch: Anders als bei anderen Triebwerken sinkt beim Merlin der Schub im Vakuum offenbar von 556 auf 411 kN ab...

doch es ist ja ganz einfach: Wir müssen nur abwarten und sehen was eingelöst wird. Bei der OTRAG wissen wir es: Nachdem sie in ein paar Jahren rund 150 Millionen DM durchgebracht hat (anders kann man es nicht nennen, wenn mit dieser für die damalige Zeit (frühe siebziger Jahre) hohen Summe gerade einmal 40 Mitarbeiter bezahlt wurden und einige Starts von "Höhenforschungsraketen" auf der Positivbilanz stehen. Bei SpaceX lief es bei der Falcon 1 so: Zuerst stiegen bis zum Jungfernflug die Ankündigungen an, was die Rakete alles tolles könnte, dann nahm die Nutzlast kontinuierlich ab und die Startpreise steigen: 2006 sollte die Rakete noch 670 kg für 5,9 Millionen Dollar in den Orbit bringen, 2008 waren es dann noch 420 kg für 8,9 Millionen Dollar - 113 % höhere Kosten in zwei Jahren. Auch bei der Falcon 1e wurde schon die Nutzlast abgesenkt und die Preise angehoben. Ich wage zu prophezeien, dass dies auch noch bei den anderen SpaceX Projekten so sein wird....

So gesehen warte ich mal mit Spannung auf die Performancedaten nach dem ersten Falcon 9 Start. Wetten, dass dann die Nutzlast von 10.450 kg nach unten korrigiert wird?

Mittwoch 16.3.2009: Ein Herzlicher Dank an meine Korrekturleser!

Ja das muss an dieser Stelle mal gesagt werden. Ich habe am Montag von Ralph die korrigierte Fassung der Neuauflage des ATV Buchs zurückbekommen und bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Ich habe bisher kaum etwas nachkorrigieren müssen. So denke ich komme ich mit einmal Korrekturlesen aus und kann nächste Woche an das Einfügen der Abbildungen gehen. Mit etwas Glück erscheint es dann noch diesen Monat, womit dann vier Bücher im März erschienen wären. (Okay davon nur ein halbes neues).

Da ich das Gefühl habe, die Resultate werden von Buch zu Buch besser und die Geschwindigkeit mit der korrigiert wird auch (Kevin hat gerade einmal drei Tage für die 245 Seiten des ATV Buchs gebraucht) scheint es dass sich nun alles recht gut eingespielt hat. Daher hier mal meinen expliziten Dank an:

und mit einem Gruß in das sonnige Florida:

Dazukommt noch - last but not least - Michel Van, der zahlreiche Grafiken für den ersten Band der Europäischen Trägerraketen erstellt hat und auch für den nun folgenden Band über Ariane 5 und Vega sich bereit erklärt hat Abbildungen beizusteuern. Michel, Thomas und Kevin kennt der Eine oder Andere ja von Kommentaren und Blogtexten auf dieser Seite. Ralph und Lukas konnte ich bisher noch nicht dazu gewinnen einen Gastkommentar zu verfassen (Ralph kommt wahrscheinlich vor lauter Büchern die er nun zu lesen hat gar nicht mehr dazu was anderes zu tun :-) )

Da ich weiß, wie aufwendig das Korrekturlesen ist - es ist ja viel intensiver als normales Lesen, man wird zudem, wenn etwas zu korrigieren oder umzuformulieren ist, dauernd im Lesefluss gestört, so dass ich denke, dass die Korrekturleser nicht viel weniger Zeit wie ich dafür brauchen (ich schaffe etwa 50 Seiten am Tag, wobei ich dann aber kaum etwas anderes tue) und das alles für einen symbolischen Lohn (ein Gratisexemplar des Buches und die namentliche Erwähnung im Vorwort) geschieht kann man die Leistung meiner vier Korrekturleser nicht hoch genug würdigen.

Ich hoffe beim nächsten Band, der - so zumindest meine Pläne - vor meinem Urlaub am 10.4. fertig sein sollte sind dann auch wieder die beiden Schweizer (Lukas und Thomas) dabei.


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