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Web Log Teil 260: 22.12.2011 - 30.12.2011

22.12.2011: Fernsehkritik.TV:  es nutzt sich ab

Ich schaue seit einigen Jahren Fernsehkritik.TV, ich denke so ab Folge 14. In der letzten Zeit aber nur noch unregelmäßig. Was mal als frisch daher kam hat sich irgendwie abgenutzt und es dreht sich immer um dieselben Themen. Vor allem scheint es nur noch Hop oder Top zu geben. Die Kritik gibt es nur bei anderen. Beispiel: Fersehkritik.TV regt sich zu recht über "Schwer verliebt" auf und bekommt auch ein Interview mit Sarah. Völlig unkommentiert bleibt die Aussage, dass die Stromkosten während des 14 tägigen Drehs dreimal höher als das Honorar in Höhe von 700 Euro gewesen seien. Ich habe dann eine Mail geschrieben, dass das unmöglich ist, jemand anderes hat das auch getan und genau vorgerechnet, dass dies über die Stromleitung nicht möglich ist. Aber diese Kritik war für Hr. Kreymeier kein Grund nachzurecherieren oder zu fragen sondern er glaubt ganz einfach der Sarah. Kritik kann sich nicht nur gegen eine Sendung richten und jede Aussage die dagegen spricht kann man dann kritiklos übernehmen.

Dafür hat er in der letzten Folge "The Voice of Germany" gelobt. Nun ja das Konzept ist anders - die Juroren machen sich nicht über die Sänger lustig, verstehen was als Sänger und hören zuerst nur die Stimme. Aber eben nur in den ersten Folgen. Danach läuft es im Auscheidungsverfahren und so wie ich das jetzt gesehen habe gnadenlos. In der ersten Runde bleiben von 16 Kandidaten pro Juror noch 6 übrig. also anstatt das einer pro Rund rausfliegt wie bei anderen Castingshows halbiert sich das Feld in jeder runde - gut in ein paar Wochen ist auch alles vorbei. Aber schon jetzt sehe ich das eines nicht gegeben ist: anders als die Juroren sagen sieht man nicht, dass sie die Sänger betreuen. ihr Wissen weitergeben. Sie stellen Aufgaben und das wars dann auch. Okay es ist eine Castingshow, wahrscheinlich bin ich der einzige, der erwartet das da was rauskommt, denn dann würde man wohl mehr Lieder von wenigen Kandidaten sehen, intensivere Gespräche und eine echte Betreuung. Und dann hätte man wohl auch nicht Nena als Juror für the Voice of Germany eingeladen - sie hat schließlich bis heute nicht fertiggebracht zu singen ohne dass man hört wie sie einatmet....

So nun noch der Musiktipp für heute. Es ist kein wahnsinnig tolles Lied, sondern eines mit einer persönlichen Bedeutung für mich: "Die Dinosaurier". Das kam im Frühjahr 1980 raus und kann vielleicht als eines der ersten Lieder der NDW angesehen werden. Mir blieb es in Erinnerung, weil es dauernd während unserer letzten Klassenfahrt lief und ich damals noch mit einem größeren Faible für Palaeontologie als für Astronomie mich über die mangelnde Korrektheit des Lieds aufregte und deswegen von meinen Schulkameraden aufgezogen wurde...


26.12.2011: Statistik bei Raketen

Nein, auch an Weihnachten gibt es nicht die Weihnachtlichen Themen. Also wer ein weihnachtliches Raumfahrtthema sucht sollte vielleicht mal den Artikel vor 3 Jahren lesen. Ich will mich heute mit dem Thema Statistik im allgemeinen und im Besonderen bei Raketen beschäftigen, wobei natürlich hier die Erfolgstatistik interessiert.

Man kann es sich ganz einfach machen, und so tue ich es oft: Die Zuverlässigkeit kann man leicht definieren als:

Anzahl der erfolgreichen Starts / Anzahl aller Starts

oder wenn man Prozente lieber mag:

100 * Anzahl der erfolgreichen Starts / Anzahl aller Starts

Doch man kann leicht erkennen, dass dies ein Manko hat. Nehmen wir die Falcon 9: Zwei Starts, beide "erfolgreich" - Zuverlässigkeit 1 oder 100% und die R-7: 1725 Starts, 1638 erfolgreich, Zuverlässigkeit: 94,9%. Daraus können wir doch folgern, dass die Falcon 9 eine zuverlässigere Rakete ist?

Es zeigt schon das Problem der Methode. Wenn der nächste Falcon 9 Start schiefgeht, sinkt ihre Zuverlässigkeit auf 66,7%, dagegen würde ein weiterer Fehlstart nicht mal ein Zehntelprozent an der Zuverlässigkeit der R-7 ändern.

Bei der Statistik nehmen wir bei zufällig verteilten Ereignissen, wie es Fehlstarts sind, wenn es keinen systematischen Fehler gibt (was auch vorkommt) an, dass sie normalverteilt sind, und dann kann man mit der Standardabweichung berechnen wie sicher der Wert für die Zuverlässigkeit ist. Eigentlich gibt die Standardabweichung die Streuung der Messwerte um den Mittelwert an. Also bei einem anderen Beispiel: Wir messen die Größe von erwachsenen Männern. Wenn wir nun eine Grafik erstellen, in der in der X-Achse die Größe in Zentimetern und in der Y-Achse die Anzahl der Probanden mit dieser Größe feststellen, so sollte sich bei einem zufällig gleich verteilten Ereignis eine Glockenkurve bilden. Also rund um den Mittelwert gibt es die meisten Personen und je weiter man zu kleinen oder großen Werten geht werden es weniger: Es gibt viele die etwa 175-180 cm groß sind und nur wenige die 200-205 oder 150-155 cm.

Der Übergang auf Raketenstarts erscheint nun schwer, weil es eben hier nur zwei Werte gibt, nämlich 0 und 1. Aber nur zum Test: summieren wir die Werte auf und bilden Balken und die entsprechenden statistischen Werte beziehen sich nun auf den ermittelten Zuverlässigkeitswert. Kurzum: wie genau ist dieser bekannt.

Nach der Theorie sollten 68,2% der Werte in einem Bereich um 1 Standardabweichung liegen, und 95,4% im Intervall 2 Standardabweichungen und 99,7% im Bereich 3 Standardabweichungen was man dann meist schreibt als: 94% ± 2%. So wäre es doch toll oder? Nur ist dieses Kriterium nicht bei Raketenstarts anwendbar, denn wir haben hier nur zwei Werte: 0 für fehlgeschlagen und 1 für gelungen. Eine Normalverteilung geht schon deswegen nicht weil damit die zweite Seite fehlt. Wendet man diese Berechnungsmethode z.B. auf das Space Shuttle an, so resultiert eine Standardabweichung von 0,12 bei einem Mittelwert von 0,985 - es könnte also auch sein dass die Zuverlässigkeit 1,10 übersteigt ... Kurzum: Die Methode ist nicht anwendbar.

Für Ja/Nein Vorhersagen bildet es sich die Bayes zu beziehen, der für die Schätzung vor Wahrscheinlichkeiten basierend auf den derzeit bekannten Werten eine Theorie entwickelt hat. Man kann sie bei einfachen Vorhersagen, bei der es nur um Ja/Nein geht auf folgende Formel reduzieren:

P = k+1 / n+2

Angewandt auf unser Beispiel ergibt sich für den dritten Falcon 9 Flug zu P = 75% und bei der Sojus zu 94,1%.

Es gibt aber noch andere Aspekte. Da ist zum einen mal: was ist ein Fehlstart. Wie wir wissen, gibt es da verschiedene Meinungen. Okay, wenn man im Himmel eine Explosionswolke sieht, dann ist alles klar. Aber was ist wenn die Nutzlast wie beim zehnten Ariane Start einen zu niedrigen Orbit erreicht? Oder die Stufe unkontrolliert rollt, wie beim ersten Falcon 9 Flug? Oder das absetzen im Parkorbit gelingt und die Raumsonde selbst zündet dann nicht ihre Triebwerke wie bei Phobos Grunt? Oder der Start gelingt, aber beim Wiedereintritt bricht Columbia auseinander?

Nun zumindest bei kommerziellen Raketen gibt es Users Guide und dort stehen die garantierten maximalen Abweichungen von der Sollbahn drinn. Damit hat man ein Kriterium. Wendet man es auf SpaceX an, so sind übrigens zwei Starts welche die Firma selbst als Erfolge präsentiert, als Fehlstarts zu deklarieren, da die Abweichungen der Bahn die Garantien übersteigen.

Das zweite ist die Stichprobe. Nun wird es wirklich schwierig. Die meisten Typen im Westen wurden laufend verändert. Selbst bei russischen und chinesischen Trägern gibt es Modernisierungen. Natürlich verändert dies die Eigenschaften einer Rakete. Dann muss man getrennte Statistiken machen. Doch wann? Sicher ist es einfach, wenn die Rakete völlig neu ist, auch wenn sie bekannt klingt, wie dies bei der Ariane 5 der Fall ist. Doch wie sieht es bei kleineren Änderungen aus? Rechtfertigt eine neue Oberstufe wie der Einsatz der Centaur auf der Atlas eine eigene Stichprobe, oder sollte man sie mit der Atlas Agena zusammenlegen? Machen Booster wie bei der Titan 3 eine neue Rakete? Oder was ist bei einem neuen Haupttriebwerk (Atlas II vs. Atlas III)? Reicht schon eine Tankverlängerung aus für eine neue Gruppierung (Long Tank Delta vs normale Delta?)

Die Entscheidung ist schwierig. Meiner Ansicht nach:

Interessant wäre es zu sehen wie Versicherungen arbeiten. Nun zum einen haben sie sicher einen anderen Kenntnisstand als die Öffentlichkeit. Ich denke es gibt Untersuchungen wie zuverlässig eine Rakete ist, Prognosen werden ab und an ja mal bekannt (z.B. sollte Ariane 5 eine von 0,98 erreichen). Ich denke auch dass ihre Prognosen nicht von 1957 gehen sondern die letzten Jahre einschließen, d.h. wi viele Versicherungsfälle fielen da an. Das ist auch sinnvoll, weil Raketen zumeist dazu tendieren immer zuverlässiger zu werden, also Fehlstarts immer seltener werden. Nehmen wir die Ariane 1-4 Familie. Da gab es Fehlstarts bei Flug 2,5,15,18,35,63 und 70. (Die Häufung zeigt bei 15/18 und 63/70 übrigens auch dass es zweimal jeweils Designfehler waren die nicht immer zuschlugen). Das bedeutet aber auch: Nach Flug 70 bis zum letzten Einsatz bei Start 144 gab es keinen Fehlstart  über rund 10 Jahre also alles tadellos. Eine Versicherung die dann noch die ersten Flüge mit einrechnet, ignoriert dieses Verhalten.

28.12.2011: Rückblick und Ausblick

Traditionell ist die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr die Zeit für Rückblicke und ausblicke. Man könnte nun viel über das vergangene Jahr schreiben, Ereignisse gab es genug von Gutenberg über Fukoshima bis zur Dauer-Eurokrise. Aber ich will mich auf die Raumfahrt beschränken. Also was gibt es da zu sagen?

Die Space Shuttles wurden nach ziemlich genau 30 Jahren ausgemustert. Obwohl das früher ist als geplant, denke ich hat wohl niemand damit gerechnet, dass sie solange im Dienst bleiben würden. selbst die optimistischen NASA Prognosen vor dem Erststart sahen eine Ausmusterung zum Ende des letzten Jahrtausends vor. Aber obwohl das Ende eigentlich schon 2006 beschlossen wurde und sich sogar von 2009 auf 2011 verzögert hat, hinterlassen sie eine Lücke, denn um Ersatz hat man sich nicht rechtzeitig gekümmert. Seit Jahren dümpelt das CCDev Programm so vor sich her und daran wird auch das nächste Jahr nichts ändern, denn die Mittel wurden auf weniger als die Hälfte der gewünschten gekürzt.

Was funktioniert ist die Versorgung durch die Partner mit dem ATV, HTV und Progress. Johannes Kepler hat die ISS auf eine Rekordhöhe gebracht und so den Treibstoffverbrauch stark gesenkt. "Edi" so der Spitzname des nächsten ATV, dessen korrekten Name sich keiner merken kann, wird im März wieder etwa über 6 t Versorgungsgüter bringen.

Was auffällig ist, dass in der bemannten Raumfahrt niemand so genau weis wie es weitergehen soll. Die USA haben beschlossen Constellation einzustellen, aber die Orion wird als MPCV weiterentwickelt und eine neue Schwerlastrakete nimmt als SLS Gestalt an. Auf der anderen Seite fehlt noch immer der Entwicklungsauftrag für ein kommerzielles bemanntes Gefährt und die Fördermittel dafür sind klein, im Vergleich zu dem was MPCV und SLS bekommen.

Für Russland sollte das "Gagarin Jahr", also der fünfzigste Jahrestag des ersten bemannten Raumflug der Beginn einer neuen Ära sein. Viele neue Projekte sollten gestartet werden, das Glonass Netz fertiggestellt werden. Doch es kam ganz anders. Schon Ende letzten Jahres ging eine Proton mit Glonass Satelliten verloren. Dieses Jahr entfielen von den sechs Fehlstarts vier auf russische Träger - eine Proton, eine Rockot und eine Sojus, bei der ein ISS Transporter verloren ging. Das zwang dazu die Stammbesatzung für einige Monate auf 3 zu reduzieren, weil sich dadurch die folgenden Flüge verschoben. Doch das sollte man nicht dramatisieren. Das kann passieren, wenn man nur noch auf ein Transportmittel angewiesen ist. Zu den verlorenen russischen Missionen kommt noch Phobos Grunt. Sie erreichte zwar eine Erdumlaufbahn, aber das wars schon. Und nun kurz vor dem Jahresende versagte eine weitere Sojus mit einem militärischen Satelliten.

P&W WerbungRussland hat sich sicher seinen Neuanfang anders vorgestellt, aber angesichts des Exoduses in der russischen Raumfahrt und vor allem der Mittelknappheit bei allem was kein Geld einbringt ist das nicht verwunderlich. Wenige Tage nach dem Verlust von Phobos Grunt wurde bekannt gegeben, dass Russland in den nächsten 9 Jahren 330 Milliarden Rubel für das Glonass Netz ausgeben wird. Für Phobos Grunt gab es gerade mal 5 Milliarden Rubel, ein 66-stel dieser Summe.

Was funktioniert ist die unbemannte Raumfahrt, die Forschung, auch wenn Glory beim Start einer Taurus verloren ging. Vielleicht hat auch deswegen OSC nun die Taurus II in Antars umbenannt? Immerhin haben die USA dieses Jahr drei Raumsonden erfolgreich auf den Weg gebracht - nächstes Jahr steht nichts an. Darunter die erste Jupitermission seit 20 Jahren und die bisher größte Marslandesonde. Dawn kam am Ziel an und Messenger auch. An der Öffentlichkeit gingen beide Missionen aber vorbei. Das ist wohl beabsichtigt, damit andere Projekte nicht so hinterfragt werden.

Als Jungfernflüge wäre der erste Start einer Sojus von Kourou aus zu nennen - zumindest für Starsem wieder ein Grund zu freuen, denn die Startanlage hat natürlich größtenteils der europäische Steuerzahler finanziert. Dafür ist die Sojus auch gleich ein gutes Stück teurer geworden. Selbst schuld wenn ihr der Konkurrenz noch Vorteile verschafft...

Europa kann sich auch sonst nicht gerade in Erfolgen wälzen. Kein Start eines Satelliten dieses Jahr, dafür Diskussionen über die Nachfolge der Ariane 5, den Weiterbetrieb der ISS und wie es mit dem ATV weitergeht. Die Ankündigung die Station um 5 Jahre länger zu betreiben kam zu einem schlechten Zeitpunkt. Vor Ende 2012 findet keine Ministerratssitzung statt und damit keine Entscheidung. Und das ATV kann man noch zweimal nachbauen, was nicht für den erweiterten Betrieb reicht. Nun redet man schon von einem neuen Transporter, der natürlich wieder neue entwicklungskosten verursacht. Mein Vorschlag: das letzte ATV ist kein Start der nach den Verträgen notwendig ist, sondern sollte als Bezahlung für einen weiteren Aufenthalt eines Europäers dienen. Sagt das ab, dann habt ihr 3 ATV für die weiteren 5 Jahre, was fast der Verpflichtung (ein Start alle 16 Monate) entspricht.

Über SpaceX machen sich inzwischen auch andere Firmen lustig, denn dieses Jahr hat die Firma viel angekündigt und nichts gestartet. So z.B. P&W auf diesem Plakat. Das trifft es ganz gut. Zwar haben sie viel angekündigt, vergleicht man aber ihr Launchmanifest mit dem vor einem Jahr, (mittels Internetarchiv), dann ist nur ein Start hinzugekommen - der Jungfernflug der Falcon Heavy, also kein Kunde dieses Jahr. Dagegen haben ILS und Arianespace einfach nur Satelliten gestartet. ILS sogar dieses Jahr zweimal mit einer Doppelstartvorrichtung - der erste Einsatz außerhalb der Ariane Familie. Nach dem SpaceX-Schweinezyklus müssten die Ankündigungen nächstes Jahr weniger werden, da die Firma immer in den Jahren viel ankündigt in denen sie nichts startet (bisher in 10 Firmenjahren gerade mal 7 Starts....). Da nun das CCDev Programm nur noch 406 anstatt 850 Millionen Dollar erhält und die NASA ankündigte das Geld auf zwei Unternehmen aufzuteilen wird der erhoffte Geldsehen aus dieser Kanne nun ausbleiben. Wenn SpaceX was neues ankündigt, dann wette ich wird es eine Konkurrenz zur SLS sein, also so eine Art Falcon Super Heavy mit 6 Boostern rund um die Zentralstufe. Wahrscheinlicher ist, dass Elon Musk den Sack zumacht wenn die Firma an die Börse geht, aussteigt und sich dann herausstellt, dass SpaceX von der Hand in den Mund gelebt hat und ohne Dauersubvention den Bach runter geht.

Kommen wir zu 2012. Für mich gibt es in diesem Jahr nur drei wichtige Ereignisse: Der Jungfernflug der Vega und die Ministerratskonferenz, die diesmal sicher sehr interessant sein wird. Dazu kommt natürlich noch die Landung von Curiosity auf dem Mars. Ansonsten stehen keine besonderen unbemannten Missionen an und die ISS? Die interessiert eh keiner mehr. Der Öffentlichkeit entging z.B. auch dass sie am 27.6.2011 vor der Evakuierung stand, als ein Stück Weltraumschrott so spät entdeckt wurde dass man nicht mehr rechtzeitig ausweichen konnte. Die Mannschaft musste in die Sojus-Rettungsboote. Doch das Trümmerteil verfehlte die Station um 250 m. Schade - dann hätte man ein Problem weniger. So darf die NASA nächstes Jahr sehen wie sie mit 1,2 Milliarden Dollar weniger auskommt als dieses Jahr und dabei sogar neue Ausgaben wie für das MPCV und SLS tätigen muss.

Russland ist schmerzlich bewusst geworden, dass sie erst wieder den Anschluss an das Niveau bekommen müssen, wo sie vor 20 Jahren mal waren. China wird weiter an seinem Prestigeprojekt einer eigenen Raumstation weiterarbeiten. Indien muss ihre GSLV nachbessern, und wird vielleicht nächstes Jahr erneut starten und Japan hat vielleicht eine neue Chance Akatsuki in einen Orbit zu bekommen.

Rückblick und Ausblick: Der Blog

Nachdem ich mich im letzten Blog mit dem Raumfahrtjahr beschäftigt habe, ist nun Thema dieses Blogs der Blog selbst und ich. Wenn ich Revue passieren lasse, dann fallen mir einige Dinge auf. Das eine sind, dass Themen immer wieder aufdrängten.

Wer den Blog regelmäßig verfolgt wird sicher nun sagen "SpaceX". Ja es gibt in der Tat viel über diese Firma zu schreiben die dieses Jahr so viel angekündigt und so wenig geleistet hat. Kurz Vor Weihnachten entdeckte ich in einem NASA Dokument nun endlich die exakten Stufenmassen und konnte zufrieden meine Website aktualisieren - ich hatte dort die Angaben aus Erfahrungswerten und Brennzeiten/Simulationen rekonstruiert und freute mich das alles stimmte - die erste Stufe war nur um 10% schwerer als ich schätzte und bei der zweiten Stufe war die Abweichung nur 40 kg - 1,3%. Interessanter war aber die Angabe, dass die Herstellung der ersten beiden Träger 143,6 Millionen Dollar - ohne Reserven und Gewinn. Das macht 71,8 Millionen pro Stück. Seltsam wie die Firma dann noch mit Verkaufspreisen von 54 bis 59 Millionen Gewinn machen will. Die sind übrigens vor 5 Jahren auch mal kleiner gewesen und lagen damals bei 27 bis 35 Millionen Dollar. Das sich SpaceX langsam aber sicher den Preisen anderer Anbieter nähert scheint auch nur mir aufzufallen. Ich war ja schon immer SpaceX Kritiker und musste mir auch hier Kritik gefallen lassen, aber so nach und nach bemerken auch andere, dass da mehr heiße Luft als Hardware rauskommt. Ich denke nächstes Jahr wird interessant - die Firma wird zeigen müssen ob sie ihre Versprechungen halten kann. Bisher lebte sie ja von NASA Aufträgen für Entwicklungen und musste nur wenig Hardware produzieren, dass wird sich nun ändern. Meine Prognose: sobald die Firma an die Börse geht verkauft Elon Musk seine Anteile bevor der erste Geschäftsbericht rauskommt und Einnahmen und Ausgaben öffentlich gemacht werden.

Das zweite Hauptthema ist die bemannte Raumfahrt, vor allem bei der NASA. Während andere schon frohlocken, was der kommerzielle Crewtransport bringt sehe ich nur Chaos. Die NASa hat ein real sinkendes Budget, davon soll sie aber nicht nur die ISS finanzieren, sondern auch die Entwicklung des SLS und MPCV und den Crewtransport. Neben Doppelentwicklungen und Entwicklungen für eine ferne Zukunft. Okay, ich mache mich mal wieder unbeliebt, aber wenn man die Betriebszeit der ISS nicht verlängert braucht man das alles nicht, auch die ESA könnte sich ihr ATV-2 sparen und viel verloren hätte man auch nicht. Man kann ja die verbleibende Zeit nutzen um viele lustige Filme zu drehen und sie dann in den Jahren danach veröffentlichen. Dann sind die Fans der bemannten Raumfahrt auch zufrieden, denn mehr nimmt man von der ISS ja eh nicht war.

Was noch ein Dauerthema ist, ist das Hick-Hack um Ariane 5 Weiterentwicklung oder Ariane 6. Wenns ganz schlecht läuft, dann scheitern beide Projekte. De Fakto dürfte Europa nur Geld für eines von beiden haben. Und beide werden auch nicht gleichzeitig benötigt. Wenn die ESC-B kommt, dann kann man davon ausgehen wird sie noch 10 Jahre im Einsatz sein. Vor 2017/8 wird sie nicht kommen, also braucht man vor 2027 keine neue Rakete. Bei Entwicklungszeiten von 7-10 Jahren hat man also noch Zeit mit einer neuen Rakete oder wenn man sie jetzt beschließt braucht man eben keine ESC-B.

Was positiv ist, ist das es kaum Artikel über unbemannte Raumfahrt gab. Der Blog ist schließlich mein Ventil für das was mich bewegt, vor allem was mich aufregt. Und unbemannte Raumfahrt funktioniert einfach. Drei der vier Raumsonden die dieses Jahr gestartete wurden sind unterwegs, Zahllose Satelliten auch.

Soviel zum Blog, nun zu mir. Eigentlich sollten ja zwei Bücher dieses Jahr erscheinen. Nun ja eines ist seit 9 Monaten bei Korrekturlesern, es muss wohl ziemlich schlecht geschrieben sein. Immerhin sind zwei recht weit und wenn ich mich aufraffe kann ich nächstes Jahr auch noch die zweite Auflage des US-Trägerraketenlexikons rausbringen, dass mittlerweile auf 550 Seiten angewachsen ist. Somit habe ich noch genug im nächsten Jahr zu tun. Danach denke ich werde ich es aber auslaufen lassen. Es gibt eine Reihe von Gründen dafür. Das primäre ist natürlich: wofür mache ich es? Die für mich wichtigste ist es: für mich um eine noch bessere Übersicht als mit der Website zu haben, schnell Fakten nachschlagen zu können (selbst die recherchierten Dinge vergisst man so langsam wieder). Das zweite ist, dass es viele Leute gibt die es interessiert. Das merket man entweder an Verkaufszahlen oder vielen positiven Rückmeldungen. Beides ist nicht mehr der Fall. Der Umsatz ist seit zwei Quarten rückläufig. Das letzte Quartal wird nicht mal die Hälfte des letzten von Ende 2010 erreichen, also ein massiver Einbruch und so viele positive Kritiken gibt es bei Amazon auch nicht. Ich habe auch die Einsicht gewonne, dass ich als Autor zu dünnhäutig bin, um mit Verrissen von Leuten die sich nur auf die Dinge stürzen die ihnen nicht gefallen fertig zu werden. So mache ich auch keine P&R bei Medien für mein Buch. Ich denke ich werde noch was über das Mercury Programm schreiben, das schließt dann die Trilogie über das frühe bemannte US-Programm ab. Das wars dann auch, außer es gibt hier eine Kehrtwende.

Aber wie heißt es so schön - geht eine Tür zu, so geht eine andere auf: Jetzt im Frühjahr habe ich viel zu tun. Bei der Firma geht Ende Januar das Programmieren weiter. Das stand nun während November/Dezember, weil die Mitarbeiter in andere Dinge eingebunden waren. Gleichzeitig habe ich an der DHBW die doppelte Stundenzahl, womit dann auch zwei Tage in der Woche beschäftigt bin. Also bis April werde ich so genügend zu tun haben. Ich hoffe mal aus der Programmierung wird ein kleiner Dauerjob, aber ich bin da vorsichtig, auch wenn mein Kontaktmann da sehr optimistisch ist.

So sieht es für 2012 gar nicht so schlecht aus.

30.12.2012: Stratolaunch

Nachdem schon die Frage kam, warum ich nicht auf Stratolaunch eingehe, sehe ich mich doch gedrängt, was dazu zu schreiben. Zum einen sehe ich nicht es als meine Aufgabe, jedes noch so halbgare Konzept, das noch nicht mal technisch ausgeführt ist und das noch Jahre von der Realisierung entfernt ist, zu kommentieren. Für einen fachlichen Kommentar braucht man Fakten und davon gibt es herzlich wenig. Aber bitte, wenn ihr unbedingt wollt...

Also was weiss man von Stratolaunch?

Das wars schon - recht wenig. Fangen wir an das Konzept zu hinterfragen. Fangen wir mit der Trägerrakete an. Am einfachsten ist anhand der Form auszugehen, dass es sich um eine gekürzte Falcon 9 ist, bei der man einfach vier Triebwerke in der ersten Stufe weggelassen hat. Es ist keine Falcon 5, zumindest nicht nach den letzten Plänen bevor diese eingestellt wurde. Diese war nämlich eine Falcon 9 mit weniger Triebwerken und weniger Treibstoff. Dann wäre sie aber viel länger als die abgebildete Rakete. Dabei galt dies gerade als Vorteil - identische Fertigung der Tanks. Diese Rakete ist gekürzt, was Synergien zunichte macht.

Das Flugzeug bedeutet einen riesigen Kostenfaktor. Es muss erst entwickelt werden. Auch wenn es sicher nicht mit den Entwicklungskosten eines A-380 vergleichbar ist, weil dies ein Passagierflugzeug ist und ein guter Teil auch auf den Aufbau der Produktion von Serienexemplaren entfällt. Trotzdem wird es nicht billig werden und diese Investition muss ja wieder reinkommen.

Das nächste ist, ob irgendjemand das Feature "Any Orbit, Any Place, Any Time" benötigt. Jeden Orbit kann man auch von einer Insel aus erreichen, bei der ein 90 Grad Sektor mit freiem Flugkorridor vorliegt, oder eben von Kourou oder einer Ölplattform aus. Dax gibt es ja schon. Die Startvorbereitungszeiten werden identisch bei Flugzeug und Boden sein - Im Gegenteil. Bei beiden bisherigen Falcon 9 Starts fand diese erst im zweiten Anlauf statt. Das geht beim Boden, doch wenn die Rakete mal abgeworfen wurde oh-oh...

Möglichkeiten die Leistung zu steigern indem man die Rakete vergrößert scheiden auch aus, weil das Flugzeug ja eine vorgegebene Leistung hat.

Im Gegenteil: es gibt viele Fragen, die gegen das Konzept sprechen. Wie viele Flugplätze haben eine 3650 m lange Landebahn und erlauben den Start eines Flugzeugs mit einer Rakete unter dem Rumpf, gefüllt mit 200 t brennbarem Treibstoff?

Die Frage ist nun, was es bringt. Also SpaceX betreibt ja die Falcon 9. Nichts könnte die Firma hindern, ihren 211 t Booster von der gleichen Rampe wie die Falcon 9 aus zu starten. Das kostet vielleicht etwas Nutzlast, weil man nun eine etwas höhere Endgeschwindigkeit erreichen muss. Aber dem stehen enorme Einsparungen gegenüber, denn die kompletten Entwicklungskosten für das Flugzeug entfallen. Diese müssen ja über die Starts wieder reingeholt werden.

Noch seltsamer ist, dass SpaceX seit den frühen Planungen die Falcon 9 in der Nutzlast gesteigert hat von 6,8 t auf rund 10 t und nun 16 t in einer zukünftigen Version. Und nun ein Schritt zurück? Die derzeitige Falcon 9 mit den noch schubschwachen Merlin 1C liegt ja nicht weit weg von den 6,1 t (derzeit 6,8 t) entfernt. Also warum eine zweite Rakete bauen, wenn man eine schon existierende mit den geforderten Leistungen hat und warum entwickelt man diese auf Nutzlastmassen weiter, welche die Dragon nie befördern kann? Das sind bisher doch die einzigen fest gebuchten Aufträge.

Das nächste ist das Segment, das adressiert wird. Die Delta II liegt in diesem Segment. Nachdem das DoD kaum noch Nutzlasten in der Delta II Klasse hatte und die NASA dann nicht die Fixkosten alleine tragen wollte, wurde sie eingestellt. Es gibt einen kleinen Bedarf von vielleicht 3-5 Starts pro Jahr. Nur gibt es in diesem Bereich schon die Antares, die bis 2016 der Erstflug ansteht, eingeführt ist und SpaceX mit ihrer eigenen Rakete als Konkurrenz. Das bedeutet, wenn Stratolaunch vielleicht 1-2 Starts pro Jahr akquiriert, dann können sie froh sein. Das lohnt sich nicht. Starts aus dem Ausland wird es kaum geben, denn es gibt ja noch Russlands Sojus als Konkurrenz (sowohl in der ESA wie Roskosmos Version) und China hat auch Träger in diesem Segment, die angeboten werden. Die Nutzlast ist zu gering für GTO-Transporte und auch für bemannte Unternehmen.

Also viel Aufwand für einen kleinen Markt, denn man sicher auch mit der Falcon 9 bedienen kann. Selbst wenn es mal eine größere Version gibt, hindert doch SpaceX niemand daran einfach einige Triebwerke wegzulassen und die Tanks nicht so voll zu füllen und zur alten Konzeption der Falcon 5 zurückzukehren.

Zuletzt noch ein kleiner Kommentar zu einem anderen Kommentar:

"Nun stehen da aber diese vier Namen für das Projekt, die in der Luft- und Raumfahrtszene das spezifisches Gewicht eines Neutronensterns haben: Burt Rutan, der überragende Flugzeugkonstrukteur mit dutzenden von genialen Entwürfen, der auch die Idee für SpaceShipOne hatte und es in wenigen Jahren realisierte; Mike Griffin, der Ex-NASA Administrator, dessen analytische Verstandesschärfe ich schon persönlich erleben durfte; Elon Musk, mit Space X und Tesla der „Goldfinger“ des 21. Jahrhunderts und Paul Allen, der bedachtsam-überlegende Sponsor mit dem untrüglichen Gespür für den richtigen Weg."

Das stammt von "Ad Astra" aka Eugen Reichl, der mir schon in den SuW Beiträgen durch völlige Kritiklosigkeit gegenüber der von ihm so getauften "privaten Raumfahrt" auffiel. Nun geht es weiter in der kritiklosen Heldenverehrung. Also:

Burt Rutan kenne ich nur vom SpaceShipOne. Das ist eine Leistung die X-15 Flüge aus den Sechzigern nachzuholen. Das ist unbenommen. Doch ist das Konzept das für suborbitale Starts sinnvoll ist (weil die Endgeschwindigkeit viel kleiner ist). Ich habe das schon erläutert. Aufgrund der Tatsache, dass man für einen Orbit etwa die sechsfache Geschwindigkeit erreichen muss, wirkt sich dieser Gewinn aber viel kleiner aus, denn der prozentuale Anteil schwindet. Dafür ist aber der Aufwand eine viel größere Rakete zu konstruieren erheblich größer. Kurzum: diese Kompetenz ist gegeben, aber sie ist hier nicht gefragt.

Mike Griffin steht für mich als den schlechtesten NASA-Administrator denn ich seit langem kenne. Er vertrat die Politik Constellation durch Einsparungen zu finanzieren, anstatt für ein adäquates Budget einzustehen. Das führte zu einem Kahlschlag im Budget für Science, beginnend ab 2007. Constellation kam nie in Gang und wurde nachdem er die NASA verließ schließlich eingestellt, weil sich in 5 Jahren Griffin kaum etwas bewegt hatte, nur die Kosten explodiert waren. Er beschloss die Einstellung des Betriebs der ISS bis 2016 und die der Shuttles um 2009/10 - nur um nachdem er aus dem Amt flog und die Shuttles tatsächlich nun ausgemustert wurden, das genaue Gegenteil, nämlich einen Weiterbetrieb zu fordern, obwohl er genau weis, dass alle Auflösungsverträge schon geschrieben und Produktionskapazitäten abgebaut wurden. Mike Griffin ist ein inkompetenter Manager der sein Fähnchen nach dem Wind hängt.

Elon Musk beweist bei jeder Pressekonferenz, dass er bar jeden Grundlagenwissens über Raumfahrt ist. Ob SpaceX profitabel ist, wird sich erst zeigen wenn das Unternehmen an die Börde geht. Tesla ist seit 2008 an der Börse und schreibt seitdem rote Zahlen. 2009 wäre die Firma ohne einen 465 Millionen Dollar Kredit des US-Steuerzahlers fast bankrott gegangen. 2010 betrug die Eigenkapitalquote von Tesla 207 Millionen Dollar, nur mal so zum Vergleich. Also Goldfinger sieht bei mir anders aus...

Paul Allen ist Multimilliardär der es sich leistet Geld auszugeben und zu investieren. Die 30 Millionen in SpaceShip One/Two werden ihn kaum jucken. Er hat schon in den Neunziger Jahren ein komplettes Basketballteam samt Stadium für 150 Millionen Dollar gekauft. Folgen wir nun daraus, dass er auch der Visionär bei Basketball ist? Er kann es sich einfach leisten Geld in die verschiedensten Dinge zu investieren, weil er 10,5 Milliarden auf der Kante hat und 12 Milliarden in verschiedenste Projekte investiert. Also selbst von den Investitionen sind die 30 Millionen nur ein kleiner Teil- Ich vermute seine 127 m Jacht war teurer.


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