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Web Log Teil 277: 6.5.2012 - 10.5.2012

6.5.2012: Die Zahl des Tages

Die heutige Zahl des Tages ist 628 Millionen. Das ist die Summe, welche der DFB für die Übertragungsrechte der Bundesliga herausgeschlagen hat. Ich habe als ich von der Summe gehört habe nur den Kopf geschüttelt. Das erste Mal als ich von den Rechten hörte war so Ende der Achtziger Jahre, damals stieg die "Vergütung" von vormals 30 auf 150 Millionen - wohlgemerkt DM, nicht Euro. Ursache war, dass SAT1 die Rechte haben wollte und damals gab es erstmals Konkurrenz zur ARD, die vorher praktisch den Samstagsvorabend bestimmte. Es war auch das ende der ausführlichen Berichterstattung der öffentlich rechtlichen, die zu Recht nicht solche Unsummen für Ausschnitte zahlen wollen. Auch wenn es immer wieder mal Auseinandersetzungen gab. Nun sind es 628 Millionen Euro, und der Löwenanteil, über 2/3 zahlt Sky.

Die Summe ist enorm hoch. Es sind ein rechnerisch pro Spiel (34 Spieltage x 9 Begegnungen) 2,05 Millionen Euro. Nehmen wir 50.000 Euro Kosten für die Kamerateams und Übertragung so sind die Einnahmen viel höher als durch die Zuschauer: Nach dieser Meldung gab es in der letzten Saison  13 808 730 Zuschauer. Ein jeder müsste also über 45 Euro Zahlen um die gleichen Einnahmen zu generieren - und das ohne Berücksichtigung der Fixkosten. Schließlich kostet der Unterhalt des Stadiums etwas, ich denke die Sicherheit auch, denn bei Spielen sind gerne mal einige Hundertschaften an Polizisten im Einsatz, während man - ketzerischer Gedanke - wenn man nur von den Übertragungsrechten leben wöllte auch die spiele von einem Bolzplatz oder gleich aus Monaco übertragen könnte, das verkürzt wenigstens den Anfahrtsweg für die Millionäre.

So verwundert es nicht, dass Fußballvereine heute so reich sind, dass sie sich ganze Stadien, pardon "Arenen" bauen können. Früher mussten sie ja öffentliche Stadien nutzen, in denen man auch noch andere Sportarten nachgehen konnte, heute gibt es ja nur noch Fussballarenen.

Sport ist heute in die Diskussion gekommen. Wie realitätsfern die sogenannten Sportler sind, zeigte sich ja beim Formel 1 Rennen in Bahrein. Nicht nur Ecclestone, der sich nur um die Sicherheit seiner Leute sorgte, aber es offensichtlich okay findet die Diktatur dort zu unterstützen. Die Fahrer waren auch nicht besser. "Es ist ja von den Unruhen weit weg" war noch der beste Kommentar. Hauptsache man darf ein paar Runden im Kreis fahren.

Nicht das Fußballer besser wären. Auch die kümmert nur das Geld. winkt ein Verein mit einigen Millionen mehr, dann wird fleißig gewechselt. Für wen sie spielen oder in welchem Land das ist nebensächlich und so wundert es auch nicht wenn DFB und UEFA betonen, das es bei der EM in der Ukraine nur um Sport geht und - welch ein Wunder - Sport ist völlig unpolitisch. Na klar dem Sport ist es egal ob olympische spiele in einem kommunistischen Regime gibt oder Fußball Weltmeisterschaften in Monarchien.

Man sollte vielleicht noch genauer sagen, es geht auch nicht um den Sport, sondern Geld. Anders kann man es nicht erklären warum Fußballweltmeisterschaften an Länder vergeben haben, die in der FIFA Weltrangliste auf Platz 84 sind, kein Stadion, nicht mal Rasen verfügen, dafür Frauen vom Fußball aussperren und in Öl schwimmen. Weil das Geld so wichtig ist überlegt man dann sogar die WM im Winter durchzuführen, da es im Sommer in der Wüste meistens recht heiß wird.

Meiner Meinung nach: diese Geldmaschine müsste man austrocknen. Da das ganze aber international ist, wird's wohl nicht gehen. Selbst wenn alle demokratischen Staaten mitziehen (die ja nicht mal einen Konsens bei der Bekämpfung des Klimakollapses und der Finanzmärkte hinbekommen), dann gibt es ja noch andere Länder. Dann spielen Schweinsteiger in Kuweit, Syrien, Nord Korea und China. Hauptsache die Millionen wandern aufs Konto.

8.5.2012: Wie kommt JUICE zum Jupiter?

Die nächste ESA "Cornerstone" Mission ist JUICE, eine Raumsonde die über mindestens drei Jahre Vorbeiflüge an Europa, Ganymed und Kallisto machen soll und schließlich in einen Orbit um Ganymed einschwenken soll. Noch gibt es wenig über die Raumsonde, sie scheint nach der Abbildung mit Solarzellen zu arbeiten, was inzwischen ja möglich ist - leichtgewichtige und für den Betrieb bei Jupiter qualifizierte Solarzellen gibt es ja. Die Kosten betragen 850 Millionen Euro - teurer als eine Mars oder Venussonde, aber immer noch billiger als Exomars.

Mit schuld daran ist dass man zum Start eine Ariane 5 braucht - das verwundert nicht, denn auch Juno benötigte die leistungsstärkste Atlas Version, Cassini die Titan 4B und Galileo wäre sogar auf die Shuttle Centaur G Prime angewiesen gewesen.

Zeit also wieder für einen Grundlagenartikel. Ich will die Mission dieser Raumsonde mal aufgreifen um zu zeigen wie JUICE zum Jupiter kommen kann. Es gibt da einige Möglichkeiten.

Möglichkeit 1: direkter Start mit einer Ariane 5

Wer die ungefähren Leistungsdaten der ESC-B kennt (sie ist noch nicht fertig, aber es gibt schon einige Eckdaten), der kann erahnen, dass es mit der ESC-B alleine nicht geht. Um zum Jupiter direkt zu kommen benötigt man mindestens 14,1 km/s relativ zur Erdoberfläche. Da die Bahn von Erde und Jupiter geneigt und elliptisch sind, kann der Wert auf bis zu 14,5 km/s ansteigen, nimmt man 14,3 km/s als Mittel, so sind dies 4 km/s mehr als in einen GTO Orbit. Schon bei 1,2 km/s mehr (zum Mars) halbiert sich aber die Nutzlast. Nimmt man eine Trockenmasse der ESC-B von 5 t an (sie ist mit 6-6,25 t angegeben, aber wie bei der ESC-A wird dies wahrscheinlich mit dem Stufenadapter sein) so kann sie nur rund  344 kg auf diese Geschwindigkeit beschleunigen. Es können noch ein paar Kilo mehr sein wenn man irgendwo Gewicht einspart (z.B. wiegt alleine die VEB 950 kg), aber es ist nicht gerade viel.

Das hohe Trockengewicht ist der Schlüssel. Es muss reduziert werden. Die effizienteste Möglichkeit ist es eine neue Stufe einzuführen. Sowohl Juno wie auch New Horizons nutzen beim Start eine zusätzliche Star 48 Oberstufe von etwa 2 t Start- aber nur 232 kg Trockenmasse. Leider gibt es in Europa keine Oberstufe in der passenden Größe. Am ehesten geeignet wäre der Zefiro 9A Antrieb. Er würde die Nutzlast auf beachtliche 1847 kg anheben. Allerdings nur wenn die VEB auf der ESC-B bleibt. Doch das ist kein Problem, denn zusammen wiegt das Gespann nun 13.300 kg. Damit verlässt es die Erde nicht, sondern erreicht eine elliptische Erdumlaufbahn. Es gibt also genügend Zeit in dieser JUICE in Betrieb zu nehmen und die Raumsonde kann dann die Zündung des Zefiro 9 direkt veranlassen und mit ihren Steuertriebwerken den Betrieb stabilisieren.

Eine zweite Möglichkeit wäre es die Fregat Oberstufe der Sojus auf der Ariane 5 einzusetzen. Sie hat ihre eigene Steuerung. Sie würde 1891 kg zum Jupiter bringen. Es wäre dann eine direkte Bahn oder erst eine Parkbahn um die Erde möglich (da die Gesamtnutzlast für ESC-B mit 8,45 t immer noch zu klein für eine Fluchtbahn ist).

Möglichkeit 2: Fly Bys

Das JUICE direkt zu Jupiter gebracht wird ist eher unwahrscheinlich, denn die Sonde soll 2022 starten, aber den Jupiter erst 2030 erreichen. Auf einer direkten Bahn erreicht man Jupiter aber nach spätestens zweieinviertel Jahren. Wahrscheinlicher sind daher Fly-Bys an den Planeten. Es gibt hier sehr viele Möglichkeiten.

1: Mars Fly-By. Der Mars liegt auf dem Weg zum Jupiter. Wenn er an der richtigen Position ist, was alle drei Jahre der Fall ist, dann kann man Geschwindigkeit sparen. Das war für den ursprünglichen Starttermin von Galileo 1982 vorgesehen. Allerdings ist der Mars recht klein. Je nach Anfluggeometrie und Abstand kann er eine Raumsonde um maximal 1 km/s beschleunigen. Rosetta z.B. um 800 m/s. Immerhin: bei der Ariane 5 -Fregat würden nur 800 m/s weniger schon die Nutzlast auf 2.465 kg erhöhen, das ist dann schon schwerer als Galileo.

2: Erde/Venus Fly By. Oder wie es neudeutsch heißt VEGA, VVEGA oder VEEGA. Ein V oder E steht jeweils Venus oder Erde. Die Idee: die nötige Geschwindigkeit erhält man durch Vorbeiflüge n diesen beiden erdähnlichen Planeten. Galileo flog eine VEEGA Passage (zweimal Venus, einmal Erde), Cassini eine VVEGA (zwei Venus Vorbeiflüge, ein Erdvorbeiflug), Juno einen Erdvorbeiflug (EGA) und Rosetta eine EMEGA (Erde, Mars, Erde).

Ein Vorbeiflug an der Erde oder Venus kann eine Raumsonde um 3-4 km/s beschleunigen. Allerdings nun bezogen auf die solare Geschwindigkeit. Beim Start profitiert die Sonde vom Start aus einem Potentialtopf, sodass sie nur 3,3 km/s mehr als die Fluchtgeschwindigkeit aufwenden muss, während die solare Geschwindigkeitsdifferenz zu Jupiter eigentlich 8,7 km/s beträgt.

Die Berechnung der Bahnen ist komplex und sie sind nur möglich weil die Raumsonden eigene Treibstoffvorräte haben, mit denen sie zwischen den Vorbeiflügen die Bahnen anpassen können, sonst wären sie zu lange unterwegs. Ein Erdvorbeiflug würde schon die Startgeschwindigkeit auf 12,2 km/s senken. Ideal wäre eine Bahn die bis auf 340 Millionen km von der Erde wegführt. Sie führt dazu, dass die Sonde nach zwei Jahren die Erde erneut passiert. Die Raumsonde müsste dann von der erde um 3,64 km/s beschleunigt werden, was möglich ist (eventuell unterstützt durch eine Zündung des Triebwerks beim Vorbeiflug.

Möglichkeit 3: Ionentriebwerke

Die Raumsonde wird ihren Strom durch Solararrays decken. Da beim Jupiter die Leistung nur noch ein 27-stel dessen bei der Erde beträgt hat man beim Start enorm viel überflüssige Leistung. Man kann diese nutzen um mit einem Ionenantrieb die Bahn aktiv zu ändern. Wenn JUICE bei Jupiter noch 400 Watt Leistung hat, 1.800 kg ohne Ionentriebwerke wiegt, so wird die Sonde beim Start 2.900 kg schwer sein und knapp 1.400 Tage lang ihre Ionentriebwerke betreiben müssen. Bei höherer Leistung und Reserven für Strahlungsschäden kann es sogar noch schneller gehen.

Möglichkeit 4: Kombinationen

Man kann dies natürlich auch kombinieren. So kann eine Ariane 5 ohne zusätzliche Oberstufe eine rund 3-4 t schwere Sonde schon mal auf eine Bahn jenseits des Mars schicken. Mit den Ionentriebwerken wird diese ausgeweitet und die Kurskorrekturen zurück zur Erde durchgeführt die dann noch einen Schubs gibt.

Auffällig ist, dass die Raumsonde doch sehr lange unterwegs ist - 8 Jahre bis Jupiter ist schon sehr lange. Galileo brauchte sechseinhalb Jahre und Cassini nur  vier Jahre. Da werden sicher einige Extrarunden gedreht.

JUICE wird, soweit ich dies finden konnte eine EVEEGA Bahn einschlagen (drei Erd- und einen Venusvorbeiflug) und chemischen Treibstoff einsetzen. Die Trockenmasse soll 1.650 kg betragen, es soll aber relativ viel Treibstoff mitgeführt werden,

Ach ja einen Tipp hätte ich noch für die ESA. Da nun erwogen wird für die "Ariane 6" das Prinzip des geographischen Rückflusses zu lockern - warum fang ihr nicht schon bei der ESC-B damit an? Mein Vorschlag: Nehmt die Delta V Oberstufe in der 5 m Version und baut das Vinci dort ein. Die Treibstoffmenge ist fast dieselbe (27,2 zu 27,5 t) nur wiegt diese leer 3.490 kg anstatt 6.000 bis 6.250 kg. Selbst wenn man das um 200 kg höhere Triebwerksgewicht berücksichtigt und noch eine VEB drauf montiert steigert dies die Nutzlast auf 13,6 anstatt 11,5 t wie dies bei der ESC-B geplant ist und noch schlimmer: die gesamte Delta IV Entwicklung war preiswerter als der Kostenvoranschlag von EADS für die ESC-B Oberstufe...

Die Sache mit der Laktose

Da in dem Käse, den ich aktuell esse (wie viele Lebensmittelchemiker, habe ich die Angewohnheit beim Essen nebenbei die Verpackungen unter die Lupe zu nehmen) fett draufsteht "laktosefrei" wird es mal Zeit, die Laktose und ihre Unverträglichkeit unter die Lupe zu nehmen.

Zuerst einmal: Was ist Laktose? Laktose oder Milchzucker ist ein Disaccharid, also ein Zucker, der aus zwei Elementarzuckern aufgebaut ist, in diesem Falle einem Molekül Glucose und einem Molekül Galactose. Wer es genau wissen will: Aufgrund der Bindung zwischen dem ersten C-Atom der Galaktose und dem 4-ten der Glucose und lautet der chemische Name 4-(β-D-Galactopyranosyl)-D-glucopyranose. Die Laktose ist nach der Saccharose oder dem Rohr- und Rübenzucker das zweithäufigste Disaccharid in der Nahrung. Sie kommt allerdings ausschließlich in Milch vor, wo sie das einzige Kohlenhydrat ist. Alle Säugetiere enthalten Laktose in der Milch. Bei Kuhmilch sind es rund 4,7%. Frauenmilch enthält 7,1%. Die Milch der Säugetiere, die wir konsumieren, hat einen Laktosegehalt zwischen 2,8 und 7,4 % (Extreme: Rentier und Esel), wenn man sich auf die häufigsten Milchsorten von Ziege, Schaf und Kuh beschränkt, sind es nur rund 4,3 bis 4,8% in der Milch.

Der menschliche Körper hat sich nicht auf viel Laktose eingestellt. Säuglinge verfügen über eine sehr aktive Laktase, das ist das Enzym, dass die Laktose in ihre beiden Bestandteile Galactose und Glucose spaltet. Beim Erwachsenen nimmt dieses Enzym an Aktivität ab, sprich der Körper produziert weniger davon. Das ist, wenn wir die Ernährung betrachten wie sie bis vor 10.000 Jahren vorherrschte auch sinnvoll: Erwachsene ernährten sich damals nur von Fleisch, gesammelten Früchten und Wildgemüse und es trifft auch auf die frühen Agrarkulturen zu, die dann Fleisch durch Getreideprodukte ersetzten. Die Folge: Wenn unser Körper Nahrungsmittel mit viel Laktose aufnimmt, wie Milch oder bestimmte Milchprodukte, dann gelang sehr viel Laktose in den Dickdarm, nur ein Teil wird im Dünndarm gespaltet und resorbiert. Denn nur die Monosaccharide werden durch die Dünndarmwand aufgenommen.

Die Laktose dient dann den Darmbakterien, die es im Dickdarm gibt, als Nahrung. Die sich darüber freuen, denn normalerweise kommt im Dickdarm nur das Zeug an, dass unser Körper schwer abbauen kann wie Sehnen, unabbaubare Stärke oder Ballaststoffe. Und die Darmbakterien vergären den Zucker bei optimalen Wachstumsbedingungen sofort und erzeugen dabei viel Gas, was zu Blähungen und Bauschmerzen führt.

Die Laktoseintoleranz hat nun verschiedene Gesichtspunkte. Der Erste ist, dass die Disaccharidspaltenden Enzyme in der Zellwand der Darmzellen untereinander konkurrieren. Das bedeutet, dass wenn selbst bei Personen die Laktose gut vertragen, es zu Problemen kommen kann, wenn die Nahrung gelichzeitig viel Saccharose enthält. Dann wird diese bevorzugt aufgenommen und Laktose gelangt in die tieferen Darmabschnitte. Allerdings ist das selten, dies ist vielmehr die Ursache für Durchfälle, wenn man zu viele Zuckeraustauschstoffe zu sich nimmt, da diese noch schlechter gespalten und aufgenommen werden als die Laktose. Das System ist aber auch durch genügend hohe Mengen an Milchzucker überforderbar, weshalb dieser auch als mildes Abführmittel in reiner Form eingesetzt wird.

Viel ausgeprägter ist, dass in großen Teilen der Bevölkerung die Laktase nach dem Säuglingsalter ihre Aktivität stark absenkt und man nur geringe Mengen an Laktose spalten kann. Auch scheint die Laktoseunverträglichkeit eine Sekundärfolge bei anderen Darmerkrankungen zu sein.

Diese Nahrungsmittelunverträglichkeit ist nicht nur die bekannteste Nahrungsmittelunverträglichkeit (nicht wie manchmal gesagt wird, eine Allergie oder auch nur Pseudoallergie), sondern auch die am besten untersuchte. Das Gen auf dem Chromosom 1konnte inzwischen ermittelt werden und Untersuchungen an Skelettresten in ganz Mitteleuropa zeigten, dass sich die Laktosetoleranz (eigentlich ein Gendefekt) innerhalb von nur 40 Generationen von 5 auf 90% der Bevölkerung anstieg. Dies wird mit der zunehmenden Nutzung von Rindern und Milch als Nahrungsquelle in Beziehung gebracht. Wer Milch vertrug, hatte einen Selektionsvorteil, denn er konnte eine zusätzliche Nahrungsquelle nutzen und hatte größere Chancen Nachkommen in die Welt zu setzen, die ebenfalls über diesen Selektionsvorteil verfügten.

Noch heute ist es so, dass es sehr große geografische Unterschiede gibt:

Land

Anteil an der Bevölkerung

Schweden

3%

USA, Angloamerikaner

6%

Deutschland

10-20%

Schweiz

17%

England

20-30%

Frankreich

40%

USA, Afroamerikaner

73%

Japan

fast 100%

Der ursprüngliche Ursprung des Gendefektes konnte inzwischen im norddeutschen Raum rund um Hamburg-Lübeck ausgemacht werden, innerhalb von Europa gibt es daher Abweichungen, wenn man sich geografisch von dieser Region entfernt. Die Mutation trat jedoch an vielen Orten auf. So haben Afrikaner und Asiaten aufgrund einer Ernährungsweise, die nur wenige Milchprodukte beinhaltet, fast keine Laktosetoleranz, sie ist bei einzelnen Gruppen jedoch viel ausgeprägter. Die Vieh haltenden Völker in Afrika, wie Massai oder Inder, die viel Viehzucht betreiben und Kühe als Milchquelle nutzen, (und sie sogar als "heilig" ansehen) haben eine viel höhere Toleranz.

Es ist aber auch so, dass Laktoseintolerante nicht automatisch keine Laktose vertragen. Es ist immer eine gewisse Restaktivität vorhanden. 12 g Laktose, das ist in etwa die Menge, die in einem Glas Milch steckt, werden in der Regel gut vertragen. Dasselbe gilt für Sauermilchprodukte. Diese sind zwar in der Regel nur kaum laktosereduziert, doch man konsumiert von Sauermilchprodukten nicht größere Mengen. Joghurt oder Kefir enthält fast genauso viel Laktose wie Milch, doch sind die Mengen, die man isst, kleiner. Fast laktosefrei sind gereifte Käse, so wurde auch dieser beworben. Die Laktose dient den Bakterien, welche die Reifung durchführen als Nahrung und man isst noch weniger von dem Käse, der ja nun viel mehr Fett beinhaltet. Das gilt für alle Schnittkäse wie Gouda, Emmentaler oder Tilsiter aber auch Weichkäse wie Camembert, Brie oder Gorgonzola.

Problematisch ist vielmehr, das Milchzucker als Trägerstoff für Zusatzstoffe und Aromen wie auch als geschmacks- und zuckerfreier Füllstoff inzwischen in vielen Lebensmitteln zugesetzt wird, so Süßspeisen, Schokolade und Eis. (Es ist zwar ein Zucker, doch ist er kaum süß. Seine Süßkraft beträgt nur 10-20% dessen von Haushaltszucker). Milchzucker bindet viel Wasser, er wird daher als billiger Stoff zugesetzt um eine cremige Konsistenz zu erreichen, so bei Cremes, Eis, Joghurt. Schokolade wird er zugesetzt, um Milchpulver einzusparen. Seit es fettreduzierte Produkte gibt, findet man ihn auch in diesen, wie Wurst, weil man so das Fett reduzieren kann, ohne dass sich Konsistenz und Volumen des Lebensmittels ändern.

Problematisch ist, dass Milchzucker trotz dieser Verwendung nicht als Zusatzstoff gilt, sondern als Lebensmittel. Auch gibt es keinen Warnhinweis, wie dies bei echten Lebensmittelallergien der Fall ist (z.B. gegen Nüsse, Äpfel oder Soja). Bei diesen sind entsprechende Warnhinweise Pflicht. Das ist um so bedenklicher, weil Milchzucker sich inzwischen in vielen Lebensmitteln findet, die ohne Milch hergestellt werden, bei denen man also keinen Milchzucker vermutet wie z.B. Wurst.

In den USA, wo es viel mehr Laktoseinterolante gibt, gibt es seit einigen Jahrzehnten daher laktosefreie Milch und Produkte zu beziehen. Bei diesen wird ein entsprechendes Enzym zudosiert, das dann die Laktose spaltet. Bekannt ist dies vor allem bei Milch. Es gibt dort auch das Enzym isoliert zu kaufen, um dies selbst durchzuführen, doch das ist praktisch nur bei Frischmilchprodukten praktikabel, gegen Milchzucker, der in Fertigprodukten zugesetzt wurde, hilft dies nichts, weil das Enzym Zeit zum Wirken braucht und eine wässrige Lösung vorliegen muss. Auch darf man das Lebensmittel erst erhitzen, wenn das Enzym wirken konnte, da es durch Hitze deaktiviert wird.

10.5.2012: X und der Shuttle

Es heißt ja immer, man soll sich kein X für ein U vormachen lassen, aber diesmal geht es um ein SpaceX das man sich für ein Space Shuttle vormachen lässt. Nun rückt ja der COTS 2/3 Start näher (derzeit geplant für den 19 oder 22.sten Mai, klappt er an diesen Tagen nicht so führen einige ungünstige Umstände (Abschattung der Solarzellen beim Anflug, Progress und HTV Transporter welche Vorrang haben) dazu, dass er sich bis mindestens Mitte Juli verschiebt. Weil SpaceX mal wieder so in dem Meldungen kommt habe ich diese verfolgt und plötzlich machte es klick - die ganzen Aussagen hatte ich doch schon mal gehört.

Und richtig. Es gab schon mal ein Trägersystem, dass angetreten war:

Das war das Space Shuttle. Pläne in den siebziger Jahren sahen bis zu 572 Flüge über einen Zeitraum von 13-14 Jahren mit 5 Orbitern vor. Jeder Orbiter sollte zwölfmal pro Jahr starten und preiswerter als eine Delta Trägerrakete sein. Die USA stellten daraufhin Mitte der achtziger Jahre ihre Trägerraketenproduktion ein.

Und was verspricht SpaceX?

Das sind die Versprechungen. Was war die Realität beim Space Shuttle?

Das Space Shuttle startete wirklich in den ersten Jahren enorm oft. Die Startrate stieg rasant an um 1985 13 Starts pro Jahr zu erreichen (so viele sollten später nie mehr erfolgen und dies obwohl der letzte Orbiter erst im Herbst 1985 seinen Erstflug hatte). Sie beförderten zahlreiche Kommunikationssatelliten und dies preiswerter als die US-Konkurrenz.

Aber:  Bei jedem dieser Flüge gab es kleinere oder größere Probleme. Der einzige "Abort to Orbit" im STS Programm war STS-51F. Bei STS-2 wurde die Mission nach Ausfall einer Brennstoffzelle um mehr als die Hälfte verkürzt. Bei STS-4 war trotz Verbrauch der Reserven im ET die Umlaufbahn um 2,5 km zu niedrig, bei STS-9 explodierten bei der Landung die APU und gerieten in Brand - wäre das wenige Minuten früher passiert, so wäre das Shuttle während des Wiedereintritts nicht mehr steuerbar gewesen und verglüht wie die Columbia 20 Jahre später.

Erinnert das nicht an die Probleme der Firma mit dem großen "X"? Die Ähnlichkeiten gehen ja bis ins Detail, so wurde der erste Start der Columbia um zwei Tage verzögert weil die vier Bordrechner beim gegenseitigen Synchronisieren eine kleine Zeitabweichung hatten, ein Softwareproblem, das bei den Tests nicht entdeckt wurde. Wundert es einen nicht, dass SpaceX seit Monaten die Dragon nicht zum Start bekommt, obwohl doch ihre Software "fehlerfrei" sein soll. (Orginalzitat des Chefentwicklers!, der übrigens vorher für Spielkonsolen entwickelt hatte)

Beim Space Shuttle endete dies mit dem großen Bang. Bei dem nicht nur herauskam, dass die Booster ein Designproblem hatten. Sondern es wurde deutlich dass das ganze Shuttleprogramm in den letzten Jahren getrimmt wurde, eine möglichst hohe Startrate zu erreichen. Auf Kosten der Sicherheit und Wartung. Das erklärte auch die vielen Probleme vorher. Es gab Praktiken, über die man nur den Kopf schütteln konnte, so das (wörtlicher Fachjargon) "kanibalisieren" - stellte sich bei der Überholung eines Orbiters heraus dass es ein defektes oder zu wartendes Teil gab, so wurde aus einem anderen Orbiter das entsprechende Teil ausgebaut, was diesen dann lahmlegte....

Trotzdem: die Shuttles transportierten vor allem US-Nutzlasten, nicht so viele kommerzielle Nutzlasten wie erwartet. Sie konnten nicht alle Träger ersetzen und sie mussten subventioniert werden um Aufträge zu erhalten, die sonst an Arianespace gefallen wären. Die offiziell angekündigten Preise waren nicht kostendeckend.

Als man alle Mankos nach STS-51L beseitigte, verteuerten die Shuttles sich soweit, dass selbst wenn es nicht das Verbot des kommerziellen Einsatzes gegeben hätte, sie nicht mehr konkurrenzfähig gewesen wären.

Die Parallelen zu SpaceX sind deutlich. Auch hier: Versprechungen über Startraten und Preise, die bisher noch nicht umgesetzt wurden. Letztes Jahr erfolgte überhaupt kein Start obwohl es nach dem Manifest vom Dezember 2010 (also nur einen Monat vor Jahresbeginn! 8 hätten sein sollen (hier Beweislink über Web.archive.org). Die vielen Starts gibt es nur auf der Website. Früher hieß es ja "Papier ist geduldig", heute muss man wohl sagen "Webseiten sind noch viel geduldiger". Kommerzielle Kunden gibt es bislang ebenfalls nur dort. noch keine kommerzielle Nutzlast wurde gestartet und kein Kunde konnte daher nachprüfen, ob die Versprechungen auch eingehalten wurden. Es scheinen auch alle zu warten - denn die Verzögerung scheint ja nur die Dragon zu betreffen. Die Falcon 9 wäre ja nach zwei Flügen eigentlich einsatzbereit und Triebwerke werden ja auch in Unmengen gefertigt,  so fragt man sich, warum dann nicht SpaceX die ganzen kommerziellen Starts die sie angeblich haben, stattdessen abwickelt ....

Dann die unzähligen Probleme bei den bisherigen Flügen. Was jeder sehen konnte, wie die taumelnde Stufe im falschen Orbit beim ersten Flug wurde verharmlost. Was man nicht sofort sehen konnte wurde verschwiegen (Triebwerksausfall beim letzten Flug - als ein Experte davon Wind bekam, verklagte ihn SpaceX, musste aber vor einem Beratungspanel der NASA dann den Zwischenfall einräumen). Auch hier ist übrigens eine vorzeitige Abschaltung eines Triebwerks nur "eine Anomalie". Jau wie sagte doch der Presseoffizier als die Challenger explodierte "We have an anomaly"....

Nun steht COTS 2/3 an, ein Flug der Elon Musk schlecht schlafen lässt und dessen Erfolgsaussichten er gleich mal auf 40 bis 50 % herunterschraubt. Wie bitte? Ist das nicht dieselbe Dragon von der er bei der COTS 1 Pressekonferenz sagte, sie könnte in sechs Monaten bemannt fliegen? Ja vielleicht bemannt, aber nicht automatisch, was wohl zeigt wo SpaceX steht...

Traurig ist auch, dass die NASA als Kunde nichts dazu sagt. Wobei mich schon eines wundert: SpaceX besteht darauf, die beiden COTS Flüge zusammenzulegen um Kosten zu sparen, und setzte dann die Erfolgsquote auf 40 bis 50 % an. Wäre es dann nicht besser zwei Flüge durchzuführen, wie geplant und diese vielleicht mit höherer Erfolgsaussichten? Warum stimmt die NASA einem Unternehmen zu, dass nur zu 40-50% erfolgreich eingestuft wird? Sie muss schließlich Abweichungen vom Missionsplan der zwei Flüge vorsieht genehmigen. Das wirkt sich doch auch auf die NASA aus, wenn sie dies zulässt und dann eine Schlappe einstecken muss, wenn die kommerziellen Unternehmen es dann nicht hin bekommen. Beim Konkurrenten OSC wurde extra ein zusätzlicher Flug genehmigt um das Risiko zu senken. Irgendwie seltsam.

Vor allem ist es seltsam, wenn man seine Hoffnungen auf ein Unternehmen setzt, dass erst beim zweiten Flug ihrer Dragon die ISS anfliegt und das dann zu 40-50% klappen soll. Erst der nächste Flug, also der dritte Einsatz, soll dann die ISS versorgen. Nur mal als Erinnerung. ATV und HTV machten keine Erprobungsflüge und transportierten schon beim ersten Start Versorgungsgüter. Das ATV kann anders als die Dragon sogar autonom ankoppeln und muss nicht manuell eingefangen werden.

Wie es beim Space Shuttle ausging ist bekannt - es konnte weder die kommerziellen Flüge ersetzen noch die bestehenden Trägerraketen ersetzen. Es wurde zu einem Spezialtransporter für bemannte Weltraumlabors zuerst mit Rückführung zur Erde, später blieben diese im All. Ich prognostiziere, dass es SpaceX genauso gehen könnte, wenn sich nicht sehr bald sehr viel ändert: mehr Termintreue, weniger Ankündigungen, dafür mehr Flüge und vor allem: wenn ich kommerzielle Kunden gewinnen will, sollte ich vielleicht mal die Aufträge, die ich habe auch mal durchführen. Aber vielleicht sind es auch keine echten Aufträge sondern nur Optionen. Sprich: Wenn SpaceX beweisen kann das sie zügig starten können und die Nutzlast auch heil den vorgesehenen Orbit erreicht, dann werden erst Aufträge draus.

Da man davon nichts sieht, könnte es sehr wohl sein, dass SpaceX so endet wie das Shuttle - sie machen eben die schon fest gebuchten CRS Flüge. Viel mehr wird nicht dazukommen.


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