Home Site Map Sonstige Aufsätze Weblog und Gequassel counter

Web Log Teil 280: 26.5.2012 - 29.5.2012

26.5.2012: Wie mache ich subjektive Vergleiche?

TP1024 Vergleich bringt mich auf ein Thema, das mir immer wieder unterkommt. Schaut man sich mal bei Kommentaren um oder in Raumfahrt-Foren, dann taucht immer der Vergleich auf. Wenn ich keine Argumente habe, dann zeihe ich einen Vergleich heran. Also ich vergleiche Projekt/FirmaX mit Projekt/FirmaY. Es gibt zwei Dinge die mir dann immer auffallen. Das eine ist, das ich sags mal (und das meine ich nicht gemünzt auf die Personen die die Vergleiche machen, sondern auf den Ort von dem ich es kenne), das "Kindergartenverhalten". Also wenn man bei kleinen Kindern schimpft wenn sie was angestellt haben, dann kommt meistens die Antwort: "Aber Fritzle hat doch genau das gleiche gemacht". Also die Versäumnisse bei einem Projekt das einem am Herzen liegt, werden damit begründet dass es andere Projekte gab, bei denen die Versäumnisse noch größer waren, also es teurer, dauerte länger, oder nicht das rauskam was man sich erhoffte.

Nur das ist wie bei Fritzle keine Rechtfertigung dafür, dass es hier schief lief.

Der zweite Punkt ist natürlich de,r dass man immer was sucht wo wirklich schlecht lief, auch wenn es nicht so richtig passt. Dabei kann man bei jedem Vergleich die Zahlen raussuchen die einem passen. Mal ein Beispiel? Ich beweise zuerst einmal das das Space Shuttle das preiswerteste Transportmittel zur ISS ist, das wir haben.

Also ein Space Shuttle kann 17 t Fracht zur ISS bringen, 14,5 t zurückbringen und sieben Astronauten befördern. 2009 kostete der Betrieb 2980 Millionen Dollar. Es wurden 5 Flüge durchgeführt. Damit kostet ein Start rund 600 Millionen Dollar.

Beim CRS Programm bezahlt die NASA dem billigeren Anbieter (SpaceX) 1,6 Milliarden Dollar für 20 t Fracht bei 12 Versorgungsflügen (1,7 t pro Flug). Ein Sitz mit einer Sojus Kapsel kostet 63 Millionen Dollar. Würde die NASA also nur die 6 Astronauten, die derzeit jährlich transportiert werden und 10 Versorgungsflüge (17 t Fracht) in den Orbit bringen, so würde sie das 1,36 Milliarden für die Fracht und 378 Millionen für die Astronauten kosten. Zusammen also 1738 Millionen Dollar. Dieselbe Fracht und Astronautenzahl transportiert ein einziger Shuttle Flug für 600 Millionen Dollar, also ist das Shuttle viel billiger.

Damit habe ich eine Behauptung doch schlüssig beweisen. Nun beweise ich euch, das das Space Shuttle der teuerste ISS Versorger ist. Ich mache also nicht mal den üblichen Trick, dass ich auf ein anderes Feld ausweiche in dem das Shuttle schlecht ist (z.B. den Transport von Satelliten in den GTO Orbit).

Das Shuttle Programm hat fixe Kosten von 200 Millionen Dollar. Ein Flug selbst ist relativ preiswert. Das bedeutet, dass man eben fast die gleichen Kosten hat, egal ob man einmal oder fünfmal pro Jahr startet (wer das Shuttleprogramm ansieht. sieht auch diese gleichbleibenden Kosten, während die Flugzahl schwankt). Das bedeutet dass die realen Kosten bei einem Flug pro Jahr also eher bei 2,5 Milliarden Dollar liegen und nicht bei 600 Millionen.

Selbst wenn das nicht gegeben wäre, so nehme ich dann einfach die Entwicklungkosten hinzu. SpaceX gab bisher 680 Millionen für die Dragon aus, sie soll ja auch bemannt fliegen können. Seien wir großzügig und rechnen mit 2 Milliarden Entwicklungskosten für eine bemannte Version die mit dem Shuttle konkurrieren kann. Wenn die ISS bis 2020 betrieben wird, so braucht man bei der derzeitigen Flugrate von vier CRS Flügen noch zwei Mannschaftstransporte pro Jahr, die SpaceX für 140 Millionen pro Flug anbieten will. Das sind dann 8 Jahre x 6 Flüge x 140 Millionen = 6720 Millionen + 2000 Millionen Entwicklungskosten so sind wir bei 8720 Millionen. Das sind pro Tonne Fracht (Astronauten mal weggelassen) 107 Millionen $. Das Space Shuttle Programm kostete 301,8 Milliarden Dollar (im Wert von 2010). Das sind pro Flug 2,235 Milliarden Dollar oder pro Tonne Fracht 131 Millionen Dollar.

Kurzum: wenn ich richtig suche, finde ich bei jedem Projekt Zahlen die mir gefallen oder nicht. Dabei war ich oben ja noch fair. Ich habe zwei Versorgungssysteme vergleichen die beide bemannt eingesetzt werden können.

Wenn ich Stimmung machen will, dann vergleiche ich einfach mal Äpfel mit Birnen und türke ein bisschen die  Zahlen. Beispiel gefällig? Ich vergleiche eine Trägerrakete für den intentionellen Transport (also um unabhängig zu sein) mit wenigen Starts pro Jahr mit einem Versorgungssystem für die ISS. Nun ist die Vega schon deswegen teurer, weil sie nur wenige Flüge pro Jahr durchführt. SpaceX hat nicht umsonst ihre Falcon 1e beerdigt, weil das Marktsegment nicht lukrativ ist. Also die besten Voraussetzungen, das ein Kontrahent im Nachteil ist. Doch wenn mir das nicht reicht, trickse ich noch ein bisschen bei den Zahlen.

So sage ich mal frech die Vega würde seit 12 Jahren entwickelt. Das wurde sie nicht. Entwicklungsbeginn war der 25.2.2003. Davor wollte Italien die Rakete, bekam aber nicht die Zustimmung der anderen Mitgliedsländer.

Dann rechne ich mal dreist die VERTA Mittel (Vega Weiterentwicklungsprogramm, das läuft gerade erst an) auf Flüge um, und verschweige dass damit auch andere Aktivitäten finanziert werden, wie eine kostengünstigere Produktion oder die Weiterentwicklung des Trägers. VERTA ist das Parallele zu ARTA, das Ariane 5 begleitet. Bei Ariane 5 wurde so die Nutzlast in den letzten Jahren um 800 kg gesteigert und gerade erfolgte der Test eines neuen Boosters mit weiteren Verbessrungen. Ein Start der Vega kostet (Link als Beweis) 32 Millionen Euro. Aber so kann ich eben behaupten es wären 80 Millionen.

Der wesentlichste Fehler ist aber, das beide Dinge nicht vergleichbar sind. Die Vega wird nie eine hohe Startrate erreichen, SpaceX rechnet dagegen mit vielen Starts und hat ja schon durch die Buchungen der NASA 4 Starts pro Jahr. Die Vega war ja auch deswegen nicht unumstritten. Deutschland wollte sie z.B. nicht.

Vergleichen wir fair:

So und nun vergleichen wir mal und damit Gerüchte gleich verstummen: Hier die Entwicklungskosten der H-2B (41,7 Milliarden Yen, rund 417 Millionen Dollar). Der letzte Start kostet 183 Millionen Dollar. Link und die Entwicklung des HTV kostete 68 Milliarden Yen mit dem ersten Flugexemplar. Die folgenden 14 Milliarden Yen (680 / 140 Millionen Dollar).

So nun vergleichen wir mal:

Kriterium HTV / H-2B Dragon / Falcon 9
Nutzlast: 6.000 kg 1.700 kg
Kosten: 140 Millionen Dollar 74 Millionen Dollar
Startkosten: 183 Millionen Dollar 59 Millionen Dollar
Pro Tonne Nutzlast 53,8 Millionen Dollar 78,2 Millionen Dollar
Entwicklungskosten Trägerrakete 417 Millionen Dollar 300 Millionen Dollar
maximale Nutzlast Trägerrakete 16,5 t 6,8 t
pro Tonne Nutzlast: 11,1 Millionen Dollar 8,6 Millionen Dollar
Testflüge bis zum ersten Routinefrachtransport 0 3

Also der Startpreis der Falcon 9 ist etwas günstiger. In sonst allen Parametern ist die Kombination Rakete/Raumschiff schlechter. Sie ist nicht mal in den Entwicklungskosten so viel günstiger, wenn man die viel höhere Nutzlast der H-2B betrachtet.

Bevor jemand kommt: Die Daten sind die der jetzigen Kombination (Block I wie es früher hieß) und nach den NASA Verträgen (12 Flüge für 20 t Fracht). SpaceX verspricht für die Zukunft bessere Werte, doch zum einen gibt es das noch nicht, die Kosten sind auch unbekannt. An den NASA Verträgen ändert das auch nichts. Im Gegenteil. Nach ihrem eigenen Launch Manifest geht SpaceX davon aus, dass sie sogar 16 Flüge durchführen müssen, denn so viele stehen auf dem Manifest....

Und bevor noch jemand kommt mit bemannt und Rückführbarfähigkeit: die Dragon wurde entwickelt bevor man den COTS Auftrag bekam. Seitdem versucht man die NASA zu überzeugen sie weiter zu verwenden. Derzeit gibt es keinen Plan sie bemannt einzusetzen, sie ist dafür noch nicht soweit, das zeigt schon ein Blick ins Datenblatt der Dragonlab - die Atmosphäre ist unreguliert, von allem anderen was einen Frachttransporter von einem von der Besatzung steuerbaren und sicheren Gefährt unterscheidet mal abgesehen und die NASA hat auch keinen Vertrag über den Rücktransport von Fracht abgeschlossen. Das sind schöne Nice To Have Features, aber der Kunde will sie nicht .... Im Gegenteil: Sie kosten Nutzlast. OSC wird mit einer kleineren Rakete mehr Nutzlast transportieren. (Und da bei Frachttransportern auch das Volumen eine Rolle spielt wird auch die Falcon 9 v1.1 (Wann kommt Falcon 95 und Falcon XP?) nichts dran ändern).

Ideal wäre ein Vergleich mit dem direkten Konkurrenten OSC. Doch da diese erst noch Flüge durchführen müssen ist dies zu früh (sie bekamen den Auftrag auch mehr als ein Jahr nach SpaceX) und wäre nicht fair. Und wir wollen hier ja faire Vergleiche sehen. Aber am liebsten sind mir im Blog gar keine Vergleiche, denn wie schon gesagt: ich kann nicht meine Fehler oder Minderleistung damit rechtfertigen, dass es woanders nicht geklappt hat.

28.5.2012: Glückwunsch SpaceX

So so ich soll also SpaceX Glückwünsche übermitteln? Äh Leute, das ist ein Blog, so eine Mischung zwischen Kommentarspalte einer Zeitung und Leserbriefseite. Findet ihr da auch Glückwünsche an Merkel zu ihrer Politik? Wer einmal die Blogsuchfunktion bemüht, wird feststellen es gab unter 1766 veröffentlichten Blogs keinen einzigen mit einem Glückwunsch zu einem Raumfahrtprojekt. Nicht mal zu denen, mit denen ich mich wegen meiner Bücher intensiv auseinandergesetzt habe. Ich habe mal beim Schwimmen drüber nachgedacht. Vielleicht sollte man wirklich manchen Leuten gratulieren. Vielleicht denen vom, JPL, die die Voyagers gebaut haben, die nun, 35 Jahre nach dem Start noch arbeiten. Also vielleicht gibt es im August einen weiteren Glückwunsch-Blog.

Ich habe mir überlegt ob ich diesen Blog satirisch aufziehen soll, schließlich ist ja bei SpaceX ne ganze Menge Realsatire drin. Doch dann vielen mir doch einige Dinge ein, für die ich Elon Musk und SpaceX wirklich ehrlich gratulieren kann.

Also ich glaube eure Zukunft ist gesichert. Selbst wenn das Schnellballsystem nicht aufgeht (so wie ich es ausgerechnet habe, müsst ihr nun erst mal für rund 460 Millionen Dollar Aufträge erfüllen, nicht gerade wenig, wenn eure gesamten Einnahmen in zehn Jahren bei 1,2 Milliarden Dollar lagen), so dürftet ihr bei den engen Beziehungen in die höchsten Kreise eben anders gerettet werden - siehe Tesla Motors....

28.5.2012: Facebook - gefällt mir nicht

In einer Woche haben die Aktien von Facebook ein Drittel an Wert verloren - Das gefällt mir. Ich fand Facebook noch nie sympathisch. Nicht nur seit das Unternehmen vor einigen Jahren wegen seiner Datenschutzbestimmungen in die Kritik geriet. Das wurde ja immer schlimmer. Inzwischen geht es ja in Richtung völliger Überwachung des Users und Nutzung aller dabei gewonnenen Daten für Werbung (und was kommt dann noch?). Wenn ich mir die aktuelle ct' ansehe, dann ist das beängstigend was da gemacht wird und was möglich ist. Es geht in Richtung "Big Brother", denn Facebook kann auch ihr Surfverhalten überwachen. Man braucht dazu nur einen "I like Button" auf einer Seite, denn man nicht mal anklicken muss. Das laden der Seite reicht und in den Cookies legt Facebook ab, dass sie das besucht haben. (dieser Blog hat natürlich keinen "I like that" Button). Überflüssig zu sagen, dass ich nicht bei Facebook bin. (es gibt einige Namensvetter dort, aber mich nicht).

Ich konnte aber schon mit dem Konzept nichts anfangen. Warum sollte ich an einer bestimmten Stelle alle Kontakte öffentlich präsentieren und für alle irgendwelche Nachrichten präsentieren. Also bei mir bestehen Kontakte aus persönlichen Beziehungen. Und die sind unterschiedlich. Wenn ich in den Urlaub gehe sollte das meine Familie und Kollegen an der Arbeit wissen. Aber muss das ein Schulkamerad wissen, denn ich seit 10 Jahren nicht mehr gesehen habe? Also wenn ich etwas mitzuteilen habe, geht das direkt und wenn ich mich mit jemanden unterhalten will dann auch. Dass ein Unternehmen das auch noch missbraucht ist dann eigentlich nur die Krone des ganzen.

Ich muss aber auch sagen in "Social Nets" bin ich ein Technikmuffel. Ich konnte auch nicht den tieferen Sinn von Twitter erkennen. Vor allem nicht im Internet das nichts vergisst. Bei meinem Blog habe ich wenigstens die volle Kontrolle über das was ich publiziere. Aber bei einem Dienst?

Man sollte sich von allen Diensten emanzipieren. Also ich rücke inzwischen von Google ab. Der Grund ist einfach: Alles was ich von Google benutzt habe wird eingestellt. Google Video, Google Notebook. Es ist weniger die auch hier platzierte Werbung. Das ist nicht die Art von Service die ich im Kopf habe,

Schlimm finde ich, dass Facebook aufgewertet wird. Praktisch jede Firma, jede Fernsehproduktion hat eine Facebook Seite und wirbt damit. Besonders schlimm finde ich das beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Da wird regelmäßig kritisch über facebook berichtet und dann gibt es bei jedem Magazin doch die Einblendung der facebook Adresse und oft sogar den Hinweis. "Besuchen sie uns bei facebok". Leute, Glaubwürdigkeit sieht anders aus.

Ich wünsche Facebook dass sie pleite gehen, aber dem scheint nicht so zu sein. Aber wenn eine Firma die mit den Daten ihrer Mitglieder Schindluder betreibt diese verliert oder die Einnahmen ausbleiben, dann ändert sich vielleicht bei dem Datenschutz bei anderen Firmen was.

29.5.2012: Etwas mehr Bescheidenheit

Also am Sonntag bin ich beim Surfen über den Wikipedia Eintrag über Udo Pollmer gestolpert. Wer ihn nicht kennt: Udo Pollmer ist ein Lebensmittelchemiker der sehr oft in den Meiden vorkommt. Ihn "nicht unumstritten" zu nennen ist gelinde gesagt eine leichte Untertreibung, entsprechendes spiegelt sich auch in den Wikipedia Diskussionseiten wieder. Schon als ich studierte galt Udo Pollmer als das schwarze Schaf bei den Lebensmittelchemikern. Udo Pollmer ist ziemlich provokant und einige der Aussagen von ihm sind grenzwertig. Ich nehme mal die aus dem Wikipediaartikel:

"Von Rohkost wird wegen erhöhter mikrobiologischen Belastung und Darmbeschwerden abgeraten": Auch unter Ernährungswissenschaftlern ist erwiesen, das reine Rohkost, eine Sonderform des Vegetarismus nicht empfehlenswert ist, es fehlen zahlreiche Vitamine und Spurenelemente und die Resorptionsrate ist sehr gering. Doch ich denke das meint er nicht. Was er meint ist, das Rohkost für uns schlecht verdaulich ist, was ebenso unumstritten ist. Die meisten Allergeien in Deutschland gibt es gegen Gemüse. Sie sind bei Rohkost besonders ausgeprägt und dass die ballaststoffreiche Nahrung Blähungen verursacht ist ebenso unumstritten. Das die in dem Artikel zweimal erwähnte Aussage "Rohe Lebensmittel übertragen Krankheitskeime" korrekt ist, ist ebenso unumstritten. Was leider im Wikipedia Artikel nicht klar ist, ob er sich generell gegen rohe Nahrungsmittel wendet oder nur gegen die Rohkost als Lebensform. Denn natürlich spricht nichts dagegen in Maßen Obst und Gemüse (z.B. als Salat) roh zu essen.

Dass der BMI nicht alleine das Maß aller Dinge ist, sollte sich inzwischen herumgesprochen haben. Zum einen hat die Ernährungsforschung inzwischen noch andere Kennzahlen eingeführt wie Waist to Hip Ratio und Taillenumfang und zum anderen wären nach dem BMI Bodybuilder extrem adipös und Kinder dürften gar nichts wiegen.

Das Panschereien in den Lebensmitteln zugenommen haben ist nicht nur seine Meinung, sondern auch meine. Ich beobachte das beim Untersuchen von Lebensmitteln immer mehr. Qualitativ hochwertige Zutaten werden durch billige ersetzt, so Milchfett durch Pflanzenfett, nicht erlaubte Farbstoffe durch färbende Lebensmittel umgangen etc. Nicht umsonst gibt es heute das Berufsbild des "Food Designers"

Ich gehe darauf nur ein, weil ich zeigen will, dass man sich mit Pollmer objektiv und sachlich auseinandersetzen kann, denn was mir dann aufstieß ist die Aussage von Ibrahim Elmadfa, in Deutschland bekannter Ernährungswissenschaftler "Konstruktive Kritik wäre gut, aber Pollmer spricht nicht unsere Sprache, er gehört nicht zu unserem Kreis. Außerdem ist er Chemiker, nicht Ernährungswissenschaftler“.

Also als Ernährungswissenschaftler würde ich mich nicht besonders weit aus dem Fenster lehnen. Ich habe das Fach in der Schule gehabt und es besteht eigentlich aus zwei Fächern. Es ist ein Teilbereich der Biochemie, der sich nur mit der Verdauung der Nahrung beschäftigt und ein Teilbereich der Medizin, der sich mit den Krankheiten beschäftigt die durch die Ernährung verursacht werden. Nun der erste Teil ist wissenschaftlich abgesichert. Für ihn gabs sogar etliche Nobelpreise.

Bei dem medizinischen Teil sieht es ganz anders aus. Im Prinzip versucht die Ernährungsforschung eine Ursache Wirkungsbeziehung herzustellen. Das klappt in der Medizin leidlich gut bei einem Medikament das eine bestimmte Wirkung an einer Stelle des Stoffwechsels hat oder irgendwo in ein körpereigenes System spezifisch eingreift. Was die Ernährungswissenschaft dagegen versucht, ist eine Aussage zu treffen, ob z.B. Olivenöl die Lebenserwartung oder die Gesundheit fördert. Das dies im Prinzip den ganzen Menschen betrifft und wir noch dazu unterschiedlich sind mit unterschiedlicher genetischer Prägung macht die Sache nicht einfacher und vor allem nützt anders als bei medizinischen Studien es ja nichts, wenn man eine Kurzzeitstudie durchführt. Es geht ja um das Leben. Was nützt es wenn sich ein Krankheitsbild verbessert und man dann später früher an einer anderen Krankheit stirbt?

Zahlreiche Empfehlungen wurden teilweise oder ganz einkassiert, so die für Salz, extrem cholesterinarme Ernährung und wie ich inzwischen erfahren habe, sieht die Ernährungsforschung inzwischen auch die Omega-6 Fettsäuren, die wichtigste Klasse an essentiellen Fettsäuren nicht mehr so positiv. Das war als ich noch in der Schule war anders.

Trotzdem vertreten zahlreiche Ernährungswissenschaftler noch die Theorien, als seien sie in Stein gemeißelte Erkenntnis oder kaschieren zumindest, dass man sie per Prinzip nicht beweisen kann mit hübschen Worten wie "evidenzbasiert" (was dem Ernährungsforscher sein evidenzbasiert ist, ist dem Soziologen sein "empirische Feldforschung").

Was mich aber besonders ärgert, ist die Behauptung er wäre Chemiker und versteht damit nichts von Ernährung. Also ich wäre da bescheidener. Zum einen gehört es zum Beruf eines Lebensmittelchemikers über Ernährung Bescheid zu wissen. Denn eine wesentliche Aufgabe ist die Beurteilung der Werbeaussagen die sich nicht auf die Chemie sondern Ernährungsphysiologie beziehen. Das Fach ist bei allen Berufen rund um die Ernährung wohl das interdisziplinärste. Die Kernaufgabe ist es Lebensmittel zu beurteilen und das nicht nur chemisch, sondern rauch rechtlich. Dazu gehören dann Kenntnisse in Recht, man muss Kenntnisse in der Technologie haben um die Zusammensetzung und das Produkt zu beurteilen und eben in Biochemie/Toxikologie/Ernährung um die Wirkung auf den Menschen oder nur Werbeaussagen zu beurteilen. Demgegenüber muss sich ein Ernährungswissenschaftler nur wenig mit den Nahrungsmitteln beschäftigen. Ihm reichen einige Tabellenangaben über die Zusammensetzung.

Ich habe einige Bücher über Ernährungslehre im Schrank, darunter übrigens eines von Elmadfa und mein Eindruck ist nun nicht gerade, "das ist ein schwieriges Fach". Also ich kann die flüssig lesen ohne es studiert zu haben, darunter auch das von Elmadfa, das nach den Amazon-Wertungen der Hammer sein soll. Es ist eben ein Auswendiglernfach, bei dem man nun nicht gerade viel Verständnis haben muss. Umgekehrt hat auch Elmadfa ein Buch über Lebensmittelchemie geschrieben und das habe ich mir angeschaut. Also ich hätte mit dem Buch mein Examen nicht bestanden, denn es ist wie Ernährungsbücher kein Verständnisbuch, sondern ein Buch das Tatsachen aneinanderreiht. Also wenn ich selbst ein Buch über ein fremdes Fach schreibe und dabei scheitere, dann würde ich wirklich meine ´Klappe halten über die Qualifikation derer aus diesem Fach.

Was viel mehr helfen würde, wäre wenn jemand von den Ernährungswissenschaftlern auch in den Fernsehsendungen auftritt. Wenn ich Pollmer sehe, dann meistens in einer illustren Runde, in der er der einzige vom Fach ist. Dann kommen dann meistens noch Verbraucherschützer, die nicht so tief in der Materie drin sind, Industrievertreter die mehr der Gewinn als die Zusammensetzung ihrer Produkte interessiert oder Verbraucher dazu. Daher ist es auch recht einfach dass seine Aussagen unwidersprochen sind.

Das ist natürlich auch eine Forderung an die Medien, denn warum ist Pollmer bei den Medien so beliebt? Eben weil er so kontroverse Themen hat und relativ provokativ rüberkommt. Aus dem gleichen Grunde taucht ja auch Thilo Bode aus, der noch viel schlimmer ist, denn als Politologie ist er auch noch fachfremd. Für ihn ist alles Skandal was er nicht kennt und wenn man seinen Forderungen folgt läuft das auf eine Kultur des Protektionismus raus, also Mozzarella nur noch aus Büffelmilch, Schwarzwälder Schinken muss nicht nur im Schwarzwald hergestellt werden, sondern die Schweine müssen auch davon stammen (was das Produkt enorm verknappt und teurer macht).


Sitemap Kontakt Neues Impressum / Datenschutz Hier werben / Your advertisment here Buchshop Bücher vom Autor Top 99