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Web Log Teil 413: 29.1.2015 - 3.2.2015

29.1.2015: Neuigkeiten von SpaceX Teil 2

Ich kann gleich anknüpfen an Markus W. Kommentar man könnte SpaceX nicht mit anderen Raumfahrtfirmen oder Raumfahrtbehörden vergleichen. Nun bei Raumfahrtbehörden gebe ich dem recht, die müssen schon als staatliche Behörden mehr Öffentlichkeit zeigen. aber warum nicht mit anderen Raumfahrtfirmen? Das ist doch genau, das was SpaceX ist. Natürlich gibt es Unterschiede. Das auffälligste ist der krasse Gegensatz zwischen echten veröffentlichten Fakten und dem enormen Medienauftritt, vornehmlich durch Elon Musk (ohne ihn gäbe es sogar nahezu Null Fakten) und auch die Fixierung auf ein Publikum das wohl gar nicht informiert werden will sondern nur Videos anschaut und auch die Angaben nicht hinterfragt. Doch auch wenn ich nur SpaceX mit sich selbst vergleiche, ist doch klar, dass man enorm viel verschweigt wenn etwas nicht klappt. Gut andere Firmen die neu in der Branche sind veröffentlichen gar nichts und arbeiten still und leise. Das ist für Berichterstatter nicht erfreulich, doch wenigstens konsequent und wenigstens keine reine Erfolgsberichterstattung wie sie von totalitären Staaten bekannt ist. Beim Nachdenken, womit man SpaceX vergleichen kann, fiel mir nur Microsoft ein:

Doch nach dieser Einleitung zu den vielen Neuigkeiten von SpaceX, keine andere Firma macht ja so viele Schlagzeilen, gefühlt mehr als alle andere Firmen zusammen.

Da gibt es zuerst einmal einige Neuigkeiten von CCDev, nachdem der Einspruch von Sierra Nevada von der GAO abgewiesen wurde. Im Frühjahr 2017 will SpaceX ihren ersten bemannten Flug absolvieren, im Juli schon gefolgt von Boeing. Nach NASA Angaben wird auch Boeing den ersten Flug durchführen (sagt dieser Artikel). Sie glauben irgendwie nicht so recht an den Zeitplan von SpaceX:: So sagte der NASA Sprecher:

“If you listen to their schedule … SpaceX is saying they’re going to fly first, but we’ll see,” Lueders said. “We’ll work with them, and we both know that they still have a ways to go working through their certification schedule. "

Selbst wenn SpaceX Boeing um einige Monate schlagen, so hat Boeing doch kräftig aufgeholt: Die Dragon Kapsel wurde schon 2006 angekündigt, fünf Jahre bevor Boeing mit ihrer CST-100 begann, sogar noch bevor sie COTS Auftrag hatten. Immerhin verspricht SpaceX bis zum ersten bemannten Flug 50 Flacon 9 Starts. Da der in zwei Jahren sein soll und man derzeit 14 Stück gestartet hat sind das 36 Starts bis dahin oder alle 3 Wochen einer. Da müssen sie sich noch steigern. Es kann natürlich auch sein, dass der erste bemannte Flug wenn er erst nach 50 Starts stattfindet erst in drei Jahren ist, denn 12 pro Jahr wären wohl zu schaffen.

Die NASA gab den durchschnittlichen Sitzpreis mit 58 Millionen Dollar an, was gegenüber den inzwischen auf 76,5 Millionen gestiegenen auf einer Sojus preiswert ist. Die NASA gab keine Preise für jeden Anbieter an, doch die kann man errechnen. Die GAO hat nämlich bei Erwiderung des Einspruchs von Sierra Nevada die reinen Entwicklungskosten publiziert, mehr hat die NASA nämlich zuerst gar nicht beantragt und da die NASA die Gesamtsumme bis sie für die Flüge und Entwicklung bis 2019 angab kann man die Differenzen berechnen:

  Kosten für NASA (Haushalt) Gesamt Differenz
SpassX 1750 Millionen 2600 Millionen 850 Millionen
Sierra Nevada 2550 Millionen 3300 Millionen 750 Millionen
Boeing 3010 Millionen 4200 Millionen 1190 Millionen

Beide firmen werden je zwei Crew Rotationen pro Jahr garantiert, beide haben dieselbe Mannschaftskapazität von 7 Personen. Nimmt man den Durchschnitt der Differenz (850 + 1190 / 2 = 1020 Millionen) und setzte diese im Verhältnis zu den realen Differenzen, dann kostet ein Sitzplatz bei SpaceX 48,3 und bei Boeing 67,7 Millionen. Da nach dem derzeitigen Plan es jeweils zwei Starts 2018/19 stattfinden sollen kostet ein Start von SpaceX 212,5 Millionen und einer von Boeing 297,5 Millionen. Bei der Angabe von 58 Millionen für die Sitzplätze wird es dann übrigens nur 4 Astronauten pro Start geben - das lässt noch Kapazitäten fei für Bigelows Raumstation, falls die mal kommt oder die NASA startet drei Personen mehr - allerdings mit weiteren Kosten dann bei der Versorgung.

Dei zweite Neuigkeit nach dem Satellitenprojekt mit Google ist die Einigung von SpaceX mit der Air Force. SpaceX hatte im Frühjahr 2014 gegen die USAF prozessiert, weil diese im Dezember 2012 einen Kontrakt an ULA vergaben hatte. Die USAF stellte mehrfach den Antrag die Klage abzuweisen, weil SpaceX sich damals weder bei der USAF beworben hatte noch wenn es sich beworben hätte einen Auftrag erhalten, da die Firma nicht zertifiziert war (der Jungfernflug der Falcon 9 v.1. fand ja auch 10 Monate nach Auftragsvergabe statt). Die Richterin drängte auf Meditation und die muss nun erfolgreich gewesen sein. Es gibt keine Details wie diese wohl aussieht außer der, dass die USAF und SpaceX nun gemeinsam die Unterlagen durchgehen, denn die Zertifikation verzögerte sich doch stark und wurde für Juli dieses Jahres erwartet - klar, wenn ich laufend von Elon Musk Äußerungen lese die an Verleumdung heranreichen, sowohl über das Pentagon im Allgemeinen wie auch den 2013 ausgeschiedenen General der danach in die Industrie wechselte, dann gebe ich mir sicher nicht viel Mühe die Zertifikation zu beschleunigen, sondern bei einer so prozessfreudigen Firma wird man es sicher 150% genau machen.

Doch zu diesem Deal gibt es inzwischen auch ganze andere Gerüchte, dazu später mehr.

Dann gibt es noch ein neus Video das nun den Flug und die Landung der Falcon Heavy zeigt. Nach dem werden die beiden Booster synchron auf einer Landeplattform bei der Startbasis landen und die zentrale stufe folgt später. Nun ja wenn mans glaubt... Selbst Elon Musk sagte in seiner Q&A dass die Abtrennungsgeschwindigkeit zu hoch ist und die Landung an Land daher wahrscheinlich nicht ökonomisch, Ich biete mal eine neue SpaceX Wette an, die ich wie alle vorherigen gedenke zu gewinnen:

Wetten dass ... es SpaceX nicht bis Juli 2017 gelingt alle drei beim Start gezündeten Stufen auf Land sicher niedergehen zu lassen, sodass sie danach noch heil sind?

Das sind zwei Jahre nach dem für Mitte des Jahres angekündigten Jungfernflug, der sich ja auch schon um mehr las zwei Jahre verzögert hat.

30.1.2015 Die NSA und SpaceX

Letzte Woche gaben SpaceX und Google bekannt, dass sie über 4000 Satelliten bauen wollen. Das ist nur eine Schlagzeile, die die Firma in den letzten Wochen machte. Hier einige Zusammenfassungen der wichtigsten Daten die ich im Folgenden verwenden werde:

Das ist doch schon etwas mysteriös nicht wahr? Die Frage ist: warum sollte Google als bisher alleiniger Dienstanbieter das Interesse haben, nun in das Geschäftsfeld des Netzanbieters einzusteigen? Noch dazu mit Satelliten, die viel teurer als jedes Seekabel sind. Weitere Fragen ergeben sich nach den Kosten. 4000 Satelliten zu starten wird, selbst wenn man die Kosten pro Exemplar drastisch reduzieren kann sehr teuer und dürfte auch von Google nicht einfach zu stemmen sein. Dazu braucht das US-Unternehmen Hunderte von Empfangsstationen überall auf der Welt. Schwer vorstellbar das dies einer US-Firma so einfach gelingt.

Ähnliche Fragen stellen sich bei der Einigung Air Force und SpaceX. Das merkwürdigste ist, dass diese so geheim sind. Der ULA Block buy gegen den prozessiert wurde, war es nicht. Die meisten Ausschreibungen von Regierungsbehörden und Organisationen sind es nicht. Ebenso nicht die Ergebnisse. Sie werden schließlich alle über Steuermittel finanziert. Doch es gibt in den USA eine Ausnahme: das sind "schwarze Projekte", die tauchen in den USA nicht mal bei den Finanzen auf, geschweige denn das man etwas über sie verlautbart. Zahlreiche Flugzeugtypen wie die U-2, F-117 oder B-2 waren vor der Indienststellung schwarze Projekte. Weiterhin müssen Geheimdienste keinerlei Auskünfte über ihre Budgets und deren Verwendung abgeben.

Auch ist es sehr ungewöhnlich, das eine Firmenchefin um ihre Freiheit fürchten muss, wenn sie nur das kleinste Detail über den Deal verlautbart.

Dafür wird die USAF nun die Zertifikation der Falcon 9 beschleunigen, nachdem sie diese vorher verzögerte. Also plötzlich verstehen sich die beiden wieder, nachdem vorher Elon Musk das Pentagon der Kungelei mit ULA beschuldigte und die USAF noch im letzten Juni das Angebot GPS-Satelliten für 80 Millionen Dollar zu starten ablehnte.

Doch es gibt jemand der hat Interesse daran, dass zum einen die Details der Einigung der USAF mit SpaceX geheim bleiben und zum anderen die Firma Tausende von Satelliten baut die den Internet Traffic transferieren: die NSA.

Die NSA kann so ohne Probleme den weltweiten Internet Traffic mitschneiden und bekommt so auch noch alle Schlüssel die ja auch transferiert werden müssen frei Haus geliefert um verschlüsselte Nachrichten zu entschlüsseln. Die NSA hat auch das Geld um dieses Vorhaben zu finanzieren und sie kann den nötigen Druck auf Google aufbauen die als Strohfirma fungieren. Schließlich arbeiten diese schon jetzt eng mit der NSA zusammen. Weiterhin gibt es keine andere Firma, die so im Geheimen arbeitet und gleichzeitig fähig wäre mit ihren vier Launchpads in drei Weltraumbahnhöfen auch die Starts durchzuführen. Indem SpaceX nun auch die Satelliten baut ist alles in einer Hand und läuft weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Man darf davon ausgehen dass der Deal mit der USAF einige zusätzliche Starts für SpaceX umfasst die genauso teuer wie die von ULA oder noch teurer sind, damit die Firma die nötigen Investitionen in den Satellitenbau tätigen kann. Kein Problem hat auch die US-Regierung überall auf der Welt Empfangsstationen zu erreichten. Sie hat fast überall Militärnasen die dafür genutzt werden können, selbst auf Kuba, also dem letzten kommunistischen Land gibt es noch Guantano-Bay. Schon heute nutzt sie diese um den terrestrischen Funkverkehr abzuhören.

Und gäbe es eine bessere Tarnung für das Unternehmen als CEO Elon Musk? Er ist nicht der erste charismatische Milliardär der Geheimprojekte für die US-regierung durchführt. wer wird nicht an Howard Hughes erinnert, der die Spruce Goose als geheimes Transportflugzeug im Auftrag der US-Navy entwickelte und später in deren Auftrag ein sowjetisches Atom-U-Boot barg?

Nun dürfen sich die SpaceX Fans freuen: Mit dem Geld das die NSA nun in den Laden pumpen wird, kann man nicht nur die Bergung der Booster finanzieren, damit sind nun auch Elon Musks Pläne einer Marskolonisation deutlich mehr in greifbare Nähe gerückt. So ist es natürlich auch leicht möglich jede Konkurrenz durch hohe Startzahlen leicht zu unterbieten.

Was noch offen ist, ist ob dies schon lange so geplant war. Schließlich haben andere Regierungsbehörden schon viel in SpaceX investiert, ohne dass diese Firma zu den Zeitpunkt irgendeine Leistung erbracht hat. Die Falcon 1 Entwicklung wurde zu 60% von der USAF finanziert, die auch die ersten beiden Flüge buchten. Die NASA vergab ihren COTS Auftrag bevor auch nur die erste Falcon 1 abgehoben hatte und den CRS Auftrag bevor der erste Start einer Falcon 9 geglückt war. Bei CCDev bekam SpaceX immer Gelder, selbst wenn die NASA die Mittel niemals vom Kongress bekam hielt sie immer an der Zwei-Firmenpolitik fest von denen eine Firma immer SpaceX sein musste. Dabei ist die NASA nicht von SpaceX überzeugt. Ebenso wenig die USAF. Beide vergaben leine Aufträge für wertvolle Nutzlasten (DSCOVR ist eine 2002 eingelagerte Raumsonde und keine USAF Nutzlast, Jason-3 ist eine NOAA Nutzlast die nur von der NASA gemanagt wird, wie die anderen Wettersatelliten auch). Vieles spricht dafür dass man schon vorher so Geld heimlich in die Firma gepumpt hat, wahrscheinlich viel mehr als die Aufträge der USAF/NASA, die nur als Alibi dienten, damit niemand fragt wie SpaceX die ganzen Entwicklungen bisher finanziert. Genügend Kritik, dass dies eigentlich um ein mehrfaches teurer sein müsste gab es ja schon. Das ist nicht die einzige Finanzspitze. Damit sein Ruf nicht leidet und er bei Tesla nicht Pleite geht hatte das DOE schon 2010 Tesla eine Finanzspritze von 465 Millionen Dollar gegeben.

Ach ja, und wenn man so über heimlich subventionierte Starts die europäische Konkurrenz schädigen kann ist das natürlich auch willkommen, genauso wie man damit angeben kann - eine smarte Firma macht alles besser und billiger, sie steigt von Nichts zu einem großen Player auf. Das ist doch der amerikanische Traum. Tolle Reklame für Amerika die man noch kostenlos dazu bekommt. Klar ist nun auch warum Musks schon seit Jahren von enormen Preisreduktionen und enorm vielen Starts sparach - er wusste ja was er von der NSA noch an Aufträgen bekommen würde,..

1.2.2015: Heldenverehrung

Vor zwei Wochen lief bei Quark & Co, die Sendung mit dem Titel "Welche Zukunft hat die bemannte Raumfahrt". Nun ist mein Eindruck von Quarks & Co, das sie noch zu den eher besser recherchierten Sendungen gehört. Den hatte ich zumindest bei den Sendungen wo ich fachlich auch mitreden kann also aus dm Bereich Ernährung. Was würden sie wohl von dem Titel erwarten? Also ich würde annehmen, dass man anfängt die bemannte Raumfahrt seit den Anfängen kurz rekapituliert, was man erreicht hat, was es gekostet hat. Dann eine Gegenüberstellung was man mit der unbemannten Raumfahrt im gleichen Zeitraum erreicht hat bzw. erforscht hat. Dann würde ich meinen Blick auf die ISS richten, was sie kostet und was dafür an Ergebnissen produziert wird und wo die Forschung sinnvoll ist und wo nicht. Dann würde ich meinen Blick auf weitere Projekte wenden wie die Rückkehr zum Mond, Flug zum Mars oder Sonnensystem heraus. Wo gibt es Beschränkungen finanzieller und biologischer Art?

Alsso so würde ich wohl eine Sendung aufbauen. Doch um was ging es? Heldenverehrung. Studiogast war Alexander Gerst. Mit ihm wurde von Ranga Yogeshwar ein "Interview" geführt, das den Titel wohl nicht so verteilt. Da gab es Fragen wie "Ich habe gehört die besten Partys gibt es bei den Russen?". Hmmm ja so was würde ich in der "Bunten" erwarten, aber in Quarks und Co?

Es gab zwar einige Einspieler in denen es auch um die Gefahren bei einem Flug zum Mars ging, aber wirklich kritisch war es nicht. Kein Kommentar zu einem Film in dem man durch das Sonnensystem reist bis der Saturn auftaucht - jeder der nur Grundlagen der Raumfahrt kennt, weiß, das dies in für Menschen vertretbarer Zeit heute und wahrscheinlich auch in den nächsten Jahrzehnten nicht möglich sein wird. Auch keine kritische Nachfrage als Alexander Gerst die gerade laufende Rosetta-Mission als "Percursormission" bezeichnet, also der Robotik die Rolle der Vorerkundung einräumt (was sollen Menschen auf einem Himmelskörper dessen Gravitation so gering ist, dass man mit einem schritt sich auf Fluchtgeschwindigkeit beschleunigt und der Gase abgibt?).

Selbst das Scheitern wird vermarktet. So scheitert der Einbau eines Experiments. Eine Schraube bricht ab, der Bolzen muss herausbekommen werden ohne das es Späne gibt und man findet die Lösung in Rasierschaum mit dem der Bereich eingesprüht wird und der Späne bindet. De Beitrag ist professionell gemacht mit Einbeziehung der Experimentatoren. Die Aussage "Ohne bemannte Raumfahrt wäre das Experiment gescheitert". Was der Zuschauer nicht erfährt: Wie sinnvoll ist das Experiment, ist es wahnsinnig wichtig oder ein "Machen wir wenn wir noch Plätze frei haben"-Experiment. Und was das kostet. Der einzige Punkt bei dem der Zuschauer einhaken kann ist der letzte Satz: Der Einbau sollte 10 Stunden dauern, dauerte nun 24 Stunden. Danach braucht das Experiment keine Betreuung weder bei Inbetriebnahme, noch beim Ablauf.

Ich hakte mal da rein, Alexander Gerst war in seinem Blog stolz, dass man in einer Woche 82 Arbeitsstunden für Wissenschaft schaffte (er kann deswegen stolz drauf sein, weil der Durchschnitt der letzten Jahre bei etwas über 40 Stunden liegt). Er war 163 Tagen an Bord der Station, in drei Jahren wird die ESA drei dieser 163 Tage Aufenthalt haben, zusammen also 489 Tage oder 70 Wochen. Bei Vier Personen (Gerst bezieht sich nur auf das US-Segment) sind das pro Astronaut 20,5 Stunden oder 1435 Stunden für die Wissenschaft. Allerdings ist das ein Spitzenwert für eine Woche. Bei der Expedition 37/38 betrug der Durchschnitt 12,2 Stunden pro Astronaut/Woche. Nehmen wir mal 15 an als Durchschnitt. Nun gibt die ESA in diesen drei Jahren 1200 Millionen Euro für die ISS-Operationen aus, das sind also 1,124 Millionen Euro/Stunde. Bei 10 Stunden kostet so der Einbau des Experiments schon 11,4 Millionen Euro, mit Verzögerung 27,4 Millionen Euro. Das Experiment selbst kostet nur 42 Millionen Euro mit Transport zur ISS.

Der Beitrag zeigt aber auch wie aufwendig alles ist: als die Schraube abbricht, kann man sie nicht sofort mit einer Zange herausdrehen, das ist im Zeitplan nicht vorgesehen. 4 Tage dauert es bis man das Herausdrehen genehmigt und auf den Arbeitsplan gesetzt bekommen hat. Es Scheitert. Für das Herausdrehen mit einem Schleifpapier und dem Rasierschaum und dem Genehmigen braucht man weitere 3 Wochen! Dasselbe zeigt sich als man am 19.1.2015 einen merkwürdigen Geruch aus dem ATV wahrnimmt. Dort wird Müll gelagert. Was würden sie tun? den riechenden Müllsack sucehn und aussortieren. Bei der ISS schließt man die Luke, verständigt die Bodenkontrolle, die dann drei Tage später die Erlaubnis für dass Öffnen der Luken und das Suchen nach dem Müllsack erteilt!

Kein Wunder dass das ATV Kontrollzentrum Sonderschichten einlegen musste, weil diesmal der Transporter flacher in die Atmosphäre eintritt (er soll den Wiedereintritt der ISS simulieren), alles muss enorm durchgeplant werden, es ist unglaublich bürokratisch geworden und unterscheidet sich damit gravierend von den ersten zwei Jahrzehnten der Raumfahrt als man noch viel mehr Freiheiten hatte und improvisierte. Ich befürchte beim heutigen Burokratieoverhead wäre sowohl Skylab als Raumstation wie auch die Besatzung von Apollo 13 verloren gewesen, bevor an eine Lösung erarbeitet hat. Nebenbei entkräftet man damit auch ein Hauptargument für die bemannte Raumfahrt, nämlich das man so was mal schnell reparieren kann. Das Experiment brauchte so 3 Monate bis zur Inbetriebnahme und 3 Jahre vom Antrag bis zum Flug zur ISS. Was der Beitrag auch unterschlägt ist das es kein unabhängiges Experiment von einer Uni ist, sondern von dem Institut für Materialphysik im Weltraum stammt, also speziell dafür konstruiert wurde. Dagegen suggeriert der Beitrag es wäre ein Experiment das es auf der erde schon gäbe und das um bessere Bedingungen zu bekommen an Bord der ISs durchgeführt werden soll.

Nun nimmt man von der ISs ja wenig wahr - zumindest was es an Ergebnissen gibt. Stattdessen gibt es Schlagzeilen durch Gimmicks. Da flog mit Alexander Gerst eine Biene zur ISS, die mal auf dem Dach der Bonner Kunstaustellung lebte und nach dem (natürlichen) Tod in Kunstharz eingegossen wurde. nun kam sie wieder zurück. Boah, dafür brauchen wir bemannte Raumfahrt, genauso wie für dss Befördern eines Meteoriten ins All mit einem ATV. Meine Meinung: So etwas macht die bemannte Raumfahrt nicht populärer, genauso wie das Mitführen anderer Gimmicks sondern löst nur Fragen aus wie "Muss man so was mit unseren Steuergeldern finanzieren?".

3.2.2015: Die konservativste Branche

Es gibt ja das Gerücht, Weltraumfahrt wäre progressiv. Ich erinnere mich noch an Jochaim Bublath und da fiel in fast jeder Sendung ein Spruch wie "Als Ergebnis der modernen Weltraumforschung"... Das hat man dann bei Switch auch aufgenommen und karikiert.

Nun war die Weltraumfahrt mal sehr innovativ. Von Brennstoffzellen habe ich Jahrzehnte bevor die Automobilindustrie die entdeckt hat gehört - sie wurden kaum dass sie erfunden wurden in den Gemini Raumkapseln eingesetzt. Um die mangelnde Zuverlässigkeit von Computern auszugleichen erfand man das Voting und Redudante Auslegung aller Teile. Der Apollo Rechner war eines der ersten Realzeitsysteme und der erste Microcontroller. Auch später noch waren Entwicklungen in der Weltraumfahrt vor allem im instrumentellen Bereich dem kommerziellen Bereich weit voraus. Als man den CCD-Chip für Galileo auswählte konnte man bei Tausenden von hergestellten Chips nur zwei Exemplare finden, die die Flugqualität erreichten - der Chip hatte fünfmal so viele Pixel wie kommerziell verfügbare Exemplare.

Inzwischen hat man überall einen Gang zurückgeschaltet. Dafür gibt es auch gute Gründe. Bei der Mikroelektronik steigen sowohl die Kosten mit kleiner werdenden Strukturen an wie auch deren Empfindlichkeit. so hinken die Chips für Bordcomputer um Jahre bis Jahrzehnten hinter kommerziellen Exemplaren hinterher. Spitze dürfte derzeit der japanische HR5000S sein, eine MIPS 64K Architektur im 0,15 Mikrometerprozess. In derselben Auflösung entstanden 2001 kommerzielle Chips wie der Pentium 4, wobei die auch noch über eine größere Chipfläche (der HR5000s belegt nur 50 mm²) hatten. So ist selbst die erste Pentium 4 Generation doppelt so schnell wie dieser Chip.

Bei der Antriebstechnik ist am deutlichsten sichtbar, dass man heute einen Gang zurückschaltet. Verglichen mit vor 50 Jahren schaffen heute Antriebe maximal 10% mehr Performance und das oft für deutlich höhere Kosten, weshalb man oft drauf verzichtet das letzte Quäntchen Leistungen herauszuholen.

Noch immer führend sind neuentwickelte Instrumente die Gigapixelkameras bei Kepler und Gaia zeigen doch auch hier wird inzwischen oft recycelt und ein Experiment eingesetzt, das schon vor Jahren schon flog.

Innerhalb der Raumfahrt gibt es aber eine Branche die ist noch um einiges konservativer als der Rest der Branche: die Hersteller von Nachrichtensatelliten. Sonst gilt die ja als Vorzeigebeispiel. Wenige Jahre nach dem ersten Sputnik startete man die ersten geosynchronen Satelliten und die waren gleich so gewinnbringend, das gleich zwei Organisationen INETLSAT und COMSAT gegründet wurden. Europa entwickelte die Ariane, weil die USA ihre Kommunikationssatelliten nicht starten wollte. Allerdings ist dieser Teil der Branche extrem konservativ. Hier nur einige Beispiele:

Lange Zeit setzte man nur auf die Drallstabilisierung. Dabei war der ganze Satellit trommelförmig und rotierte schnell um die eigene Achse. Die Solarzellen befanden sich auf der Zylinderoberfläche. Intelsat wandte sich erst mit der Intelsat V Serie davon ab, und nur weil die immer größeren Zylinder nun nicht mehr in die Nutzlastverkleidung der Atlas Centaur passten. Als dann das Space Shuttle wieder mehr Raum bot, hat man die intelsat VI wieder mit Drallstabilisierung konstruiert. Würde SpaceX für die Branche eine Nutzlastverkleidung bieten, die 100 m² große Zylinderflächen erlaubt (so 7 m Durchmesser, 14 m Höhe), sicher würden sie sofort wieder zurückwechseln ...

Lange Zeit nutzten die Satelliten Feststoffantriebe als Apogäumsmotoren, auch das ging bis in die frühen 90-er so. Die haben einen festen Impuls, erfordern also eine hohe Genauigkeit beim Einschuss, binden die Nutzlast an eine Rakete und erlauben nur einen Impuls (kein Problem bei Standard-GTO, aber große Probleme bei sub- oder supersynchronen GTO). Auf lagerfähige Treibstoffe stellte man erst um als man sowieso große Treibstoffmengen für den immer längeren Betrieb /heute bis 15 Jahre) brauchte. Solarzellenausleger, Drallradstabilisierung und Apogäumsmotor mit flüssigen Treibstoffen wurden übrigens mit den deutsch-französischen Symphoniesatelliten eingeführt. Die Entwicklungskosten übernahmen so DFVLR und CNES.

Und dabei ist es bis heute geblieben. Die ganze Branche verbessert ihre Produkte evolutionär und wartet drauf, dass die Regierung neue Entwicklungen finanziert. In den USA hat die NASA sechs ATS Satelliten gebaut. Einige ihrer erprobten Techniken wurden erst Jahrzehnte später breit eingesetzt so Faltantennen mit einer Oberfläche aus einem Metallgitternetz. Dazu kamen die TDRS Satelliten und bis heute entwickelt das Militär neue Kommunikationssatelliten mit neuen Technologien die dann wenn sie funktionieren in kommerziellen Satelliten übernommen werden und in Europa macht das die ESA auch so. Olympus, Artemis, Alphasat bzw. Alphabus seien als Schlagworte mal in den Ring geworfen.

Wo die Branche wäre, wenn sie die Entwicklung selbst finanzieren müsste - man kann nur spekulieren. Immerhin jammert sie schnell, wenn die Konkurrenz doch was neues entwickelt. Als vor ein paar Jahren Hughes einen alten Bus so modifizierte das er ganz ohne chemischen Treibstoff auskommt "All electric" genannt, jammerte zumindest die europäische Industrie angesichts dieser neuen Konkurrenz und nun fördert die ESA das natürlich auch noch. Dabei sollte man annehmen angesichts der heutigen Situation (Satelliten mit 15 Jahren Lebensdauer bestehen zu 2/3 aus Treibstoff und da dann auch die Tanks viel wiegen macht das Antriebssystem 75% der Startmasse aus) man wenigstens Ionentriebwerke für die Lageregelung einsetzt. Doch das scheiterte zumindest in Europa bei TV-Sat wo man das Zusatzgewicht für zwei RIT-10 nicht unterbringen konnte. So wartet die Branche heute in Europa noch auf das Regierungsvorbild ....

Dabei ist diese Branche hochprofitabel. Kein Satellitenhersteller muss eine Regierung bitten ihr die Entwicklungskosten für eine neue Serie zu finanzieren, wie dies bei den Trägerraketen gang und gäbe ist und gemessen an den Einnahmen über die Transponder die 2012 bei 160% der Abschreibungskosten lagen also 60% Reingewinn (mit straken regionalen Schwankungen in Europa sind es z.B. 220%) ist das noch gar nichts. Man sollte da annehmen das die Käufer der Satelliten eher an Innovation interessiert sind, denn sie machen noch höhere Gewinne, aber auch ihnen scheint wohl Zuverlässigkeit wichtiger zu sein. Verständlich bei 60% Gewinn ist es Wurst wenn die Trägerrakete bei "All-Electric" Satelliten nur noch die Hälfte kostet, das steigert ihn dann nur von 60 auf 70%, erhöht aber wahrscheinlich in ihren Augen die Wahrscheinlichkeit eines Totalausfalles um ein mehrfaches dessen.

Manchmal habe ich das Gefühl selbst Beamte sind heute innovativer als die Hersteller von Kommunikationssatelliten.


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