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Web Log Teil 447: 14.1.2016

14.1.2016: Die Druckgeförderte Rakete

Da ich mit der Korrektur meines Buchs ganz gut im Zeitplan bin (auf S.360 noch 200+ zu machen) nehme ich mir heute mal ein Thema vor, das ich schon längere Zeit mal anbrechen will, aber weil es eben doch einige Arbeit auch mit FCEA ist bisher vor mir hergeschoben habe. Ich kam wieder drauf als ich mich wieder mit den Trägern von Nord Korea und Iran beschäftigt habe.

Wenn ich in dem Staat wäre und einer Rakete möglichst ohne Risiko und mit geringem finanziellen Aufwand fertigstellen wöllte würde ich Druckgasförderung in Betracht ziehen. Doch ginge das und wie groß wäre die Nutzlast?

Zuerst mal die Grundlagen. Damit wir alle auf dem selben Niveau sind.

Jedes Raketentreibwerk verbrennt Treibstoff in der Brennkammer. Dabei entsteht ein sehr hoher Druck, mit dem dann die heißen Gase durch eine Düse die Brennkammer entlassen. Ohne mathematischen Beweis kann man sich leicht denken, dass der Schub um so größer ist, je höher der Druck ist - bei einem Wasserstrahl setzt die Feuerwehr und der Hochdruck Reiniger ja auch auf mehr Druck für mehr "Power". Damit der Treibstoff nun gegen den Brennkammerdruck eingespritzt werden kann, muss der Druck in den Tankleitungen noch höher sein, vor allem bei der Komponente die vorher die Brennkammerwand und oft auch die Düse umströmt um sie zu kühlen, da sie dabei an Druck verliert.

Bei den meisten Triebwerken benutzt man eine Turbopumpe um diesen Druck zu erzeugen. Dazu wird in einer kleinen Brennkammer ein Teil des Treibstoffs verbrannt, das Gas treibt eine Turbine an (genauso wie einem Kraftwerk, nur viel kleiner) und die dann direkt eine Pumpe, meist eine Kreiselpumpe. Dieses System ist nicht ohne. Die Turbopumpe ist bei den meisten Triebwerken die Hauptfehlerursache Nummer 1, weil sie auch die meisten beweglichen Teile enthält. Die Turbine z.B. schnell rotierende Rotorblätter. Entfällt die Turbopumpe, so entfällt auch dieser anfällige Teil des Triebwerks.

Doch ohne Turbopumpe muss der Druck schon in den Tanks vorhanden sein und das ist dann schon der Hauptnachteil von rein druckgeförderten Triebwerken: die Tankwände werden dann sehr dick und sehr schwer. Normal sind bei Tanks mit aktiver Förderung ein Druck von 1-4 Bar. Alte Triebwerke der Fünfziger Jahre arbeiten dagegen mit einem Brennkammerdruck von 40 Bar, in den Sechzigern erreichte man 70-80 Bar und heute haben die besten Triebwerke mit dem Nebenstromverfahren 110 bis 120 Bar und nach dem Hauptstromverfahren 200 bis 220 bar. Man kann leicht ausrechnen, dass wenn man von 4 bar auf 220 bar Tankdruck gehen will man die Wände 55-mal so dick machen muss - sie wiegen dann mehr als der Treibstoff selbst.

Doch bei Oberstufen ist die Druckförderung verbreitet, Satellitenantriebe arbeiten fast nur damit. Das hat seinen Grund. Sie arbeiten im (Fast)Vakuum. Da kann man einen geringen Brennkammerdruck (üblich 10 bis 20 bar) durch eine große Düse kompensieren. Ein solches Triebwerk ist dann nicht so effizient wie eines mit Turbopumpenförderung doch dafür gibt es andere Vorteile wie Störungsarmut, geringe Kosten (die Turbopumpe stellt auch einen größeren Kostenfaktor bei der Entwicklung und Produktion dar). Die Delta Oberstufe, die EPS Oberstufe der Ariane 5 und die Triebwerke des Space Shuttles, Apollo und Orion waren alle druckgefördert.

Für Stufen die am Erdboden starten wurde die Technik bis auf zwei Ausnahmen noch nie eingesetzt und das hat Gründe und die sind schwerwiegend. Der Brennkammerdruck hat direkte Auswirkungen auf die Triebwerksgröße. Der Schub ist proportional dem Brennkammerdruck und der Fläche der Brennkammer vor dem Düsenhals. Sinkt der Brennkammerdruck so brauche ich eine entsprechend große Fläche. Geht man von 80 bar als moderatem Brennkammerdruck bei Turbopumpenförderung auf 20 Bar bei Druckförderung über, so hat die Brennkammer die doppelte Größe in jeder Dimension und das achtfache Gewicht. Will man dies durch eine größere Düse kompensieren, mit einem hohen Expansionsverhältnis so wird die noch größer - denn bei gleicher Größe sinkt auch deren Expansionsverhältnis um den Faktor 4. Bei Oberstufen kommt man dann bald in die Problematik das die Düse zu schwer wird oder nicht mehr in den Stufenadapter passt. Man sehe sich nur mal die Abbildung der Düse der Delta Oberstufe der Delta 2 an - und das Triebwerk hat gerade mal 30 kN Schub.

Bei Erststufen die bei 1 bar Außendruck arbeiten müssen, hat man dann das Problem, das der Druck an der Düsenmündung nicht viel kleiner als 1 bar sein darf damit dort keine turbulente Strömung entsteht so sind bei niedrigen Brennkammerdrücken die Düsen in ihrer Größe begrenzt. Man kommt so auf niedrige Expansionsverhältnisse und verschenkt vom Energiegehalt des Treibstoffs etwas.

Nach der Einführung nun eine kleine Diskussion über die Technologie einer rein druckgeförderten Rakete. Es bietet sich an, als Vorgabe existierende Triebwerke zu nehmen. Satelliten Apogäumsmotoren abreiten mit 10 Bar Brennkammer- und 20 Bar Tankdruck. Das Aestustriebwerk mit 11 Bar und 20,5 Bar Tankdruck liegt in derselben Größenordnung. Die Delta Oberstufe liegt besser: das AJ-10 arbeitet bei 20 bar Brennkammerdruck, der Tankdruck liegt dann bei 35 Bar.

Für den Betrieb am Boden gibt es nur zwei Vorlagen. Das eine ist die OTRAG. Ein Modul hatte einen Brennkammerdruck von 30 Bar absinkend auf 10 Bar. Das Expansionsverhältnis betrug nur 4. Der Tankdruck 40 Bar. Das zweite ist die Diamant bei einem Tankdruck von 22 Bar und einem Brennkammerdruck von 17,6 Bar. Das Expansionsverhältnis betrug dort auch nur 3,6.

Als Treibstoff habe ich zwei Alternativen genommen. Zum einen das "klassische" Salpetersäure Kerosin - klassisch weil es in der Diamant, ORAG, Safir, Unha und Kosmos B eingesetzt wird. Es ist lagerfähig und billig und der erste lagerfähige Treibstoff, der schon im dritten Reich erprobt wurde. Als Alternative habe ich NTO/Kerosin durchgerechnet. NTO (Stickstofftetroxyd) entsteht als Vorprodukt bei der Salpetersäuresynthese und dürfte so leicht zu beschaffen oder herzustellen sein, anders als UDMH das in der Herstellung recht teuer ist. NTO kam trotzdem erst später zum Einsatz weil es bei Normalbedingungen gasförmig ist. Bei hohem Druck wird es aber verflüssigt und der Zerfall in NO2 wird unterdrückt. Daher ist es eine gute Wahl für Tanks die immer unter Druck stehen. Gegenüber der Salpetersäure enthält es kein Wasser und liefert so bei der Verbrennung mehr Energie und höhere Verbrennungstemperaturen.

Während des Betriebs entleeren sich die Tanks. Damit sinkt der Druck ab. Es gibt mehrere Methoden dem zu begegnen:

Heute üblich ist es den Tankdruck durch Zugabe von Helium auszugleichen. Das mag eine Lösung bei 1-2 Bar Tankdruck sein, nicht jedoch bei 20 bis 30 Bar. Die Heliumdruckgasflaschen würden dann die Trockenmasse enorm ansteigen lassen.

Die Diamant verbrannte einen Teil des Treibstoffs in einem Gasgenerator und leitete dieses Gas in die Tanks. Es hielt so den Tankdruck aufwendig. Das ist eine umsetzbare Lösung. Sie hat den Vorteil das die Bedingungen im Triebwerk immer gleich sind.

Bei der OTRAG füllt man die Tanks nur zu zwei Dritteln. Der Brennkammerdruck nahm so laufend ab. Damit auch der Schub und spezifische Impuls. Dafür ist das System sehr einfach, kommt ohne bewegliche Teile (Ventile, Gasgenerator) aus und hat noch den Vorteil, dass so die Brennzeit ansteigt, da der Sub absinkt. So bleibt auch die Spitzenbelastung klein. Für einen Satellitenträger keine schlechte Losung.

Ich habe mich bei allen drei Stufen daher für eine Teilbefüllung der Tanks (zu 2/3) entschieden. Der Brennkammerdruck nimmt so um 2/3 während des Betriebs ab. Als Brennkammerdruck habe ich für die erste Stufe 20 bar (30 Bar Tankdruck) und 10 Bar (20 Bar Tankdruck) für die Oberstufen gewählt. Mit FCEA habe ich dann die Berechnung durchgeführt. Eingabedatei für Kerosin/HNO3:

problem    o/f=4.8
      rocket  equilibrium  frozen  nfz=2  tcest,k=3800
  p,bar=20,7,10,3.3
  sup,ae/at=4,30,60
react  
  oxid=HNO3 t,k=298
  fuel=RP-1 t,k=298
insert 
output
     siunits
    plot pi/p  ae ivac ivacfz
end


Folgende Tabelle entsteht mit gemittelten Impulsen im Vakuum von eingefrorenen und freien Gleichgewicht

Brennkammerdruck 20 7 10 3.3
Expansionsverhältnis 4 2590 2563 2573 2543
Expansionsverhältnis 30 3018 2992 3001 2972
Expansionsverhältnis 60 3115 3085 3094 3065

Man sieht, dass der Brennkammerdruck nicht so viel Einfluss hat, die Größe der Düse schon. Damit allerdings das Triebwerk nicht zu groß wird, setze ich auf einen Anfangsdruck in den oberen beiden Stufen von 10 Bar, absinkend auf 3.3 Bar und 20 Bar, absinkend auf 7 Bar in der ersten Stufe. Das Expansionsverhältnis der ersten Stufe ist fest bei 4.

Das ganze nun noch für NTO/Kerosin:

problem    o/f=3.7
      rocket  equilibrium  frozen  nfz=2  tcest,k=3800
  p,bar=20,7,10,3.3
  sup,ae/at=4,30,60
react  
  oxid=N2O4 t,k=298
  fuel=RP-1 t,k=298
insert 
output
     siunits
    plot pi/p  ae ivac ivacfz
end


Ich habe als Mischungsverhältnis 1:3,7 angesetzt, das entspricht einem Überschuss von 33% an Kerosin, entsprechend anderen Verbrennungen wo der Verbrennungsträger mit etwa 25 bis 35% im Überschuss eingesetzt wird.

Brennkammerdruck 20 7 10 3.3
Expansionsverhältnis 4 2686 2657 2667 2635
Expansionsverhältnis 30 3103 3075 3081 3053
Expansionsverhältnis 60 3191 3163 3173 3141

Der Gewinn ist nicht hoch, zwischen 80 und 100 m/s, doch das kann bei Raketen mit insgesamt schlechten Werten (die Safir transportiert bei 22 t Startmasse gerade mal 52 kg in den Orbit) einiges bewegen. Die Tankmasse kann man nach der Kesselformel berechnen. Ich habe mich für kugelförmige Tanks entschieden, sie haben die geringste Wanddicke.

Es gilt:

Smin = p*Radius/(4*Elastizitätsmodul).

Die Wanddicke Smin steigt so proportional zum Innendruck und Durchmesser des Tanks. Als Legierung habe ich Al2219 genommen mit einem Elastizitätsmodul von 400 bis 460 n/mm². Ein Sicherheitszuschlag von 25% beim Druck wurde berücksichtigt. p ist dann 3 N/mm² und 2 N/mm².

Als Träger habe ich einen Safir Ersatz modelliert. Mit drei Stufen mit 15, 3, 0,6 t Treibstoff. Man erhält dann folgende Tabelle:

Treibstoff 15000,0 3000,0 500,0
Davon HNO3 12413,8 2482,8 413,8
Davon RP-1 2586,2 517,2 86,2
Durchmesser HNO3 Tank 286,6 167,6 92,2
Durchmesser RP-1 205,8 120,4 66,2
Wanddicke HNO3 1,1 0,4 0,2
Wanddicke RP1 0,8 0,3 0,2
Gewicht Tank HNO3 793,9 105,6 17,6
Gewicht Tank RP-1 293,8 39,1 6,5
Nutzlast 130,0

Nutzlasthülle 50,0

Strukturen 136,0 18,1 3,0
Schub: 334000,0 44300,0 7600,0
Triebwerk 1670,0 443,0 76,0
Steuerung 64,0 12,6 4,0
Adapter 22,1 7,9 3,6
Trockengewicht 2979,8 628,0 110,7
Startgewicht 17979,8 3628,0 610,7
Gesamtgewicht 22398,6 4418,8 740,7
Spezifischer Impuls 2577,0 2987,0 2987,0
Geschwindigkeit 2854,6 3393,4 3357,3
Brennkammerdurchmesser: 37,7 23,7 9,8
Düsendurchmesser n=30 75,3 130,1 53,9
Betriebsdauer 173,6 303,4 294,8

Für Strukturen, Adapter und Lenkung habe ich gängige Faktoren am Gesamtgewicht angesetzt, beim Triebwerk mit Rahmen 1/10 des Schubs bei den Oberstufen und 1/20 beim Erststufentriebwerk. Auch dies eher zu hoch als zu gering gegriffen (das Aestus hat z.B. 2/3 des Schubs des Zweitstufentreibwerks aber nur 42% des Gewichts bei einer größeren Düse. Bei der Düse habe ich die kleinere mit einem Entspannungsverhältnis von 30 gewählt. Die spezifischen Impuls jeweils als Mittel von 20 und 7 bar (erste Stufe) 10 und 3,3 bar (Oberstufen)

Der Schub beträgt bei den Oberstufen das Oberstufengewicht + Nutzlast und bei der Erststufe 1,5 x Startgewicht.

Basierend auf einem dV von 1600 m/s mehr zum Orbit habe ich eine Nutzlast von 130 kg errechnet. Davon ginge natürlich noch die Steuerung in der dritten Stufe ab die hier nicht mit dabei ist. Trotzdem wäre die Nutzlast höher als bei der Safir bei in etwa gleicher Startmasse.

Mit NTO sieht es sogar noch etwas besser aus:

Treibstoff 15000,0 3000,0 500,0
Davon NTO 11808,5 2361,7 393,6
Davon RP-1 4054,1 810,8 135,1
Durchmesser HNO3 Tank 286,4 167,5 92,2
Durchmesser RP-1 239,1 139,8 76,9
Wanddicke HNO3 1,1 0,4 0,2
Wanddicke RP1 0,9 0,3 0,2
Gewicht Tank HNO3 791,9 105,3 17,6
Gewicht Tank RP-1 460,6 61,3 10,2
Nutzlast 145,0

Nutzlasthülle 50,0

Strukturen 156,6 20,8 3,5
Schub: 334000,0 44500,0 7600,0
Triebwerk 1670,0 445,0 76,0
Steuerung 64,0 12,6 4,0
Adapter 22,3 8,1 3,9
Trockengewicht 3165,4 655,0 115,1
Startgewicht 18165,4 3655,0 615,1
Gesamtgewicht 22630,5 4465,1 760,1
Spezifischer Impuls 2672,0 3067,0 3067,0
Geschwindigkeit 2904,9 3417,8 3288,7
Brennkammerdurchmesser: 37,7 23,8 9,8
Düsendurchmesser 75,3 130,4 53,9
Betriebsdauer 180,0 310,1 302,7

Wenn man dann die Strukturfaktoren als konstant annimmt (6,03, 5,77 und 5,51) und dann bei gegebener erster Stufe die Stufenverhältnisse optimiert kommt man zu folgender Rakete (nur HNO3/RP-1):

Vollmasse Leermasse spez. Impuls Geschwindigkeit
17979,0 kg 2980,1 kg 2577,0 m/s 2698,7 m/s
4229,9 kg 733,1 kg 2987,0 m/s 3420,8 m/s
731,7 kg 132,8 kg 2987,0 m/s 3280,8 m/s

Gesamtstartmasse: 23107,4 kg

Nutzlast: 166,8 kg = 0,72 Prozent der Startmasse

Das ist etwas besser als beim händischen Ansatz (0,58%).

Eine rein druckgeförderte Rakete wäre also machbar. Sofern man sich Mühe gibt sie zu optimieren. Dazu gehören eben kugelförmige Tanks. Bei Zylinderförmigen wäre die Wanddicke am Zylinder doppelt so groß und an den Abschlussböden noch größer, sodass dann rasch das Leergewicht ansteigen würde, zumal das Volumen/Oberflächenverhältnis absinkt. So werden heute aber die Träger gebaut (Oberstufen und Satelliten haben oft kugelförmige Tanks). Die einzige Ausnahme war die N-1 (11A52) bei der man zur Gewichtseinsparung alle Tranks in den ersten drei Stufen kugelförmig auslegt. So in etwa nur in klein sähe dann auch die Rakete aus - wie ein spitzer Kegel.

In der Praxis würde man wohl auf die dritte Stufe in Druckförderung verzichten. Die Brennzeit der beiden unteren ist mit fast 500 s so lange, dass sie eine Höhe erreichen in der sie eine dritte Stufe ohne Freiflugphase absetzen können. Wäre diese aus festen Treibstoffen, mit einem (ohne größere Probleme) erreichbaren Massenverhältnis von 10 zu 1 bei 600 kg Gewicht und einem spezifischen Impuls von 2700 m/s so würde das die Nutzlast von 130 auf 155 kg steigern - mehr noch, die Steuerung könnte nun in die zweite Stufe verlagert werden und würde so von den 130 kg wegfallen, sodass die effektive Nutzlast sicher verdoppelt wäre.

Feststoffantriebe sind nun eigentlich technisch nicht so aufwendig. Zumindest wenn sie wir in diesem falle nicht lenkbar sein müssen und auch nicht besonders leicht. Dann reicht ein Gehäuse aus glasfaserverstärktem Kunststoff, eine düse aus einem hochtemperaturfesten Metall wie Niob und man braucht eben den Zünder und die Füllung. Die Stabilisierung würde man durch Drallstabilsierung durch die zweite Stufe vor dem Zünden erreichen. Nah diesem Regime starteten viele kleine Träger wie Diamant, Black Arrow, Lambda.

Die hohen Strukturmassen, das ist der Preis, gerade bei Oberstufen, wo dieser Faktor klein sein sollte wirkt sich dies stark auf die Nutzlast aus. Interessanterweise ist er nicht so wichtig bei der Erststufe wo man auch das größte Kosteneinsparungspotential hat. Über die Konzeption kamen aber Ideen für rein druckgeförderte Erststufen trotzdem nie hinaus.

20.1.2016: Überflüssige Dinge

So, heute mal wieder ein kurzweiliger zur Interaktion einladender Beitrag. Ich bin jetzt mit der Korrektur der "Internationale Trägerraketen" durch. 576 Seiten sind es geworden. Es ging so schnell, weil Norbert Brügge, der viele Grafiken für das Buch gemacht hat mich ein bisschen angetrieben hat. Vorgenommen hatte ich mir nur 20 Seiten pro Tag, teilweise habe ich 70 bis 80 geschafft. Ich will bevor es bald wieder einen Raumfahrt Aufsatz gibt mal wieder ein anderes Thema anschneiden: überflüssige Dinge. Ich bin durch den PEARL Prospekt drauf gekommen. Die Firma hat sich aus einem Shareware-Vertrieb zu einem Versand gewandelt, der neben vielen Dingen für die Rechner auch vieles für andere Lebensbereiche bereitstellt, darunter viel kurioses. So macht es Spaß im Katalog zu blättern und oft kommen mir da Dinge unter von denen ich sagen würde "Die braucht kein Mensch". So Vakuumsäcke um Kleidung platzsparender zu verstauen (angeblich durch Luft -Raussaugen mit dem Staubsauger 75% weniger Platz (und 200% mehr Knitterfalten)). Gerade das ist aber der Reiz den Katalog mal durchzublättern so nach dem Motto "Mal sehen was es diesmal wieder sinnloses gibt". Nun darüber kann man verschiedener Meinung sein, denn irgendwer kauft das ganze auch. So hat mein Neffe eine ganze Ansammlung von elektrisch betriebenen Küchenmaschinen da gibt es etliches: Eierkocher, Pizza-Backöfen, Sandwhich-Maker, Waffeleisen, elektrische Gewürzmühle, inzwischen sogar Maschinen die nicht nur alles mögliche zerkleinern, schlagen sondern auch gleich Kochen und Backen und natürlich hat der Katalog weitere skurrile Maschinen zu bieten: So die Kaffeemaschine mit Mini-Backofen oder die Kaffeemaschine mit integrierter Kaffeemühle.

Bei mir beschränkt sich das Sortiment auf einen Mixer, eine Küchenmaschine zum zerkleinern, einen Pürrierstab, die Kaffeemaschine, die Mikrowelle und eine Kaffeemühle. Schon die letztere ist eigentlich überflüssig, Kaffee kann man auch gemahlen kaufen. Ich bilde mir aber ein, dass er so besser schmeckt und seit ich alleine bin würde ich auch ziemlich lange brauchen eine Packung leer zu machen. So kann ich die kleine Menge jeden Tag frisch machen. Erfolgreich widerstanden habe ich der Versuchung einen Wasserkocher zu kaufen. Den gibt es für die Gäste in unserem Ferienhaus und er ist echt praktisch, es geht deutlich schneller als mit der Herdplatte oder (weil es bei mir nur einzelne Tassen sind) mit der Mikrowelle. Zudem könnte ich ihn im Bad platzieren und müsste so nicht mehr für eine Tasse Tee ein Stockwerk rauf und runter. Doch nur fürs Wasserkochen ein eigenes Gerät? Ich benutze schon die Küchenmaschine selten, eigentlich nur wenn ich gleich ein ganzes Kraut koche und dann portionsweise einfriere oder wenn ich Zwiebeln ganz fein zerkleinert brauche. Sonst reicht mir eine Handreibe und die ist auch schneller geputzt. Der Aufwand fürs Putzen ist der Hauptnachteil der Küchenmaschine.

Nun aber zu einigen Dingen die ich für völlig überflüssig halte und ich hoffe mal von euch weitere zu hören. Ich habe bewusst auch einige genommen die provokativ sind.

Laubsauger/Bläser: Es gibt seit rund 130 Millionen Jahren Laubbäume. So lange kam die Natur ohne Laubbläser aus. Trotzdem höre ich im Herbst jede Menge von diesen Dingern heulen. Ich lasse das Laub im Garten liegen, es wird über den Winter brüchig und beim ersten Mähen macht der Rasenmäher Humus draus. So sollte es in der Natur auch sein, nur dauert es ohne Rasenmäher etwas länger. Die einzige Ausnahme ist das Laub einer Magnolie direkt vor dem Haus. Magnolien haben ziemlich viele dicke und große Blätter und direkt am Haus liegen sie auf den Wegen und der Treppe. Die bearbeite ich schon im Herbst mit dem Rasenmäher und leere den Korb auf den Kompost. Zuletzt gibt es auch noch einen ganz normalen Rechen.

Natürlich hat der Laubbläser/Sauger seine Berechtigung. Die Stadt braucht ihn für die Alleebäume  oder Bäume auf den Gehwegen die ja nur in einer Pflanzmulde stehen. Das Laub würde sonst durch den Regen glitschig werden und eine Gefahr darstellen. Doch der normale Otto-Normalverbraucher braucht ihn nicht, nur damit der Garten "ordentlicher" aussieht (mein Garten ist auch nicht Ordentlich sondern "natürlich".

Dann der Tablet-PC: Ja ich habe nicht verstanden warum man ihn  braucht. Was kann man mit ihm tun? Ohne Tastatur und Maus kann man damit surfen, Videos schauen und einfache Spiele spielen, alles was sich eben mit wenigen unterscheidbaren Gesten bedienen lässt. Schon Email wird zur Qual wenn man eine Bildschirmtastatur nutzt. Damit finde ich es ziemlich überflüssig: die Zeit wo ich wild und zum Spaß herumgesurft bin ist lange vorbei. Ich suche heute gezielt nach Dingen die ich recherchieren möchte. Vor allem wird das Material ja dann benötigt ich arbeite damit und spätestens dann brauche ich eine Tastatur.  Videos schauen tu ich am liebsten entspannt im Liegen und mit beiden Händen frei um was zu trinken oder die nach ein paar Minuten auftauchenden Katzen zu streicheln (spätestens dann wäre ein Tablett sehr unpraktisch) und Spiele die nur wenige Gesten brauchen sind einfach Jumo & Run Games - ich bevorzuge aber Strategiespiele vor allem rundenbasiert, damit man auch nachdenken kann.

Diätratgeber und Ernährungspläne: abnehmen ist ganz einfach - man muss nur weniger essen als man an Energie verbraucht. Trotzdem gibt es zu dem Thema zig Bücher, darunter eins von mir (hätte ich obiges nicht ins Vorwort geschrieben, es würde sich wohl besser verkaufen). An und für sich ist es ganz einfach, doch jeder hofft es gäbe doch einen tollen Trick wie man abnehmen könnte ohne zu hungern oder alles zu essen was man mag .... So verkaufen sich solche Bücher oder Zeitschriften wie geschnitten Brot.

Fitness Studios: Auch mit dem Sport ist es ganz einfach: man muss ihn nur ausüben. Dabei kann man mit Laufen, Fahrradfahren und Schwimmen wenig falsch machen. Sprich man kann damit zwar auch Muskeln überbeanspruchen aber nicht ganz so einfach wie mit Trainingsgeräten wo man etwas hochhebt oder streckt. Zudem regelt man dort selbst das Tempo nach der eigenen Leistungsfähigkeit und nicht den Vorgaben eines Laufbandes. Das alles kostet wenig bis nichts und mit Ausnahme des Schwimmens kann man viel in den Alltag einbauen z.B. einfach mal die Treppen nehmen oder mit dem Fahrrad zum Einkaufen fahren.

Wenn man das ausdehnt was man nur wirklich braucht, dann kommt man zu einer Lebensweise die vom Ballast entfernt ist. Das soll anscheinend befreiend sein. Zumindest habe ich das einem Beitrag entnommen. Ich bilde mir nun nicht gerade ein viel anzuhäufen, so habe ich wenig übrig für Dinge die einfach nur rumstehen und dauernd geputzt werden muss (Zierrat) aber einiges sammelt sich schon an. Ich kann mich z.B. schwer von alten Büchern. So habe ich mich erst letztes Jahr von Dokumentationen über alte Programme getrennt die ich seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr benutze. Ich habe ein relativ einfaches Ordnungssystem: Dinge die ich mindestens einmal pro Jahr brauche sind je nach Frequenz der Häufigkeit in Schubladen und Schränken im Wohnbereich untergebracht. Alles was ich einmal in 10 Jahren brauche auf dem Speicher oder im Keller. Und von allem anderen trenne ich mich.

Viel radikaler ist da Yvonne Willicks. Die Dame moderiert Sendungen wie "Haushaltscheck". Sie hat eine extreme Form von Bescheidenheit entwickelt. Wörtliches Zitat aus einem ihrer Sendungen wo es auch um das Thema "Überflüssiges" ging: "Kleidungsstücke die ich länger als 180 Tage nicht mehr anhabe gebe ich ab". Dabei hat sie sogar ein System das zu erkennen: Sie hängt die Bügel nach Benützung anders herum wieder in den Schrank. Wenn ich das machen würde, mein Kleiderschrank wäre noch um einiges aufgeräumter. Winterklamotten braucht man dank Klimaerwärmung deutlich nach 180 Tagen. Einige dicke Sachen die ich jetzt bei -10° anhabe, brauche ich nicht mal jedes Jahr und zwei Skihosen die gefüttert sind nur wenn es Richtung -20° geht, zum letzten Mal war das 2012. Nun glaube ich nicht das Frau Willicks so wenige Klamotten hat, eher viel mehr als ich. Sie wird die wohl nur öfters als ich wechseln: Ich trage Oberbekleidung eine Woche lang, außer die Temperatur ändert sich stark. Davon habe ich zwei Garnituren: eine für zuhause und eine fürs rausgehen. Frau Willicks wird wohl täglich oder sogar mehrmals täglich wechseln. Und sie hält sich wohl im Winter nie in der Kälte auf (ich erledige alles zu Fuß oder per Fahrrad und wenn es nicht gerade so kalt ist wie jetzt mache ich auch jeden Tag einen Spaziergang).

So das sind meine Gedanken zu überflüssigen Dingen: Was sind eure zu überflüssigen Dingen und welche haltet ihr für wirklich überflüssig (provokative Beispiele erwünscht, das ein USB-Wärmepad für die Kaffeetasse überflüssig ist dürfte wohl unstrittig sein).

23.1.2016: Buchkritik: Horst Köhler: "Zur Kritik an Wernher von Braun"

Ich weiß nicht, wie es für euch ist, aber ich kenne Bücher, die mich geprägt haben. Ich habe mich schon als Teenager für Astronomie interessiert, vor allem für die Planeten. Damals waren meine Lieblingsplaneten Neptun und Pluto. Neptun, weil er blau war. Die Farbe fand ich irgendwie chic und Pluto, weil er irgendwie aus der Reihe tanzte - er war anders als die Gasriesen klein, so weit draußen und hat eine elliptische, geneigte Umlaufbahn. Als ich beim Abschluss der Hauptschule einen Büchergutschein bekam, habe ich mir von Bruno Stanek das Planetenlexikon gekauft. Dessen Aufnahmen der Raumsonden, die Voyager Vorbeiflüge an Jupiter und Viking Mission waren damals gerade vorbei, weckten mein Interesse an Raumfahrt.

Das erste Buch, das ich mir kaufte, war das Jugendbuch „100 x Raumfahrt“ von Host Köhler. Es hat mein Interesse an Trägerraketen geweckt, das heute, 35 Jahre später immer noch anhält. Das Buch ist präzise und trotzdem allgemein verständlich. Noch heute würde ich es jedem empfehlen, der sich für Raumfahrt interessiert, weil es die Grundlagen enthält ohne ins Schwafeln oder in ein Niveau für Raumfahrtstudenten abzugleiten, also den goldenen Mittelweg findet. Später habe ich mir vom Autor noch zwei Bücher gekauft: „die Planeten“ - eine gute Zusammenfassung der Kenntnisse über das Sonnensystem mit dem Stand von 1982 und „der Mars“, eine Beschreibung der Erkenntnisse über den Mars nach der Viking Mission. Danach scheint er keine Raumfahrtbücher mehr geschrieben zu haben. Die Suche wird auch dadurch erschwert, das der Name weitverbreitet ist. So heißt auch ein ehemaliger Bundespräsident so.

Ich war erstaunt, als ich dann im Dezember ein Mail von Host Köhler bekam. Er räumt wegen eines Umzugs sein Archiv und fragte nach, ob ich Interesse an einer Broschüre über Wernher von Braun hätte. Ich habe sie bestellt und sie ist Gegenstand dieser Buchkritik.

Wie man am Titel „Zur Kritik an Wernher von Braun“ sieht, handelt es sich nicht um eine Biografie. Vielmehr, das wird im ersten Kapitel deutlich, entstand das Buch durch die Auseinandersetzung, dass das Gymnasium von Friedberg bei Augsburg den Manen von Brauns ablegen sollte. Der Autor beschreibt die Auseinandersetzungen und die Rolle der Medien, vor allem einer lokalen Zeitung. Dann beschäftigt er sich zuerst mit den Vorwürfen, die in den letzten zwei Jahrzehnten gegen Wernher von Braun erhoben wurde. Der Großteil des Buches nimmt sich dieser systematisch an. Zuerst kommt eine Kurzzusammenfassung der Vita Wernher von Brauns. Dann folgt eine Charakterbeschreibung von Brauns. Der Hauptteil beschäftigt sich dann mit der Verantwortung von Brauns für die V-2. Das geht los mit den Kontakten zu der Führung, der Mitgliedschaft in NSDAP und SS, der Verantwortung im Raketenprogramm und dessen Organisation in Entwicklung und Fertigung bis hin zu Frage ob Wernher von braun persönlich für KZ verantwortlich ist. Die letzten Kapitel beschäftigen sich damit, ob er den Häftlingen hätte helfen können und eine Diskussion der vorherigen Kapitel. Abgerundet wird das Buch durch einige Biografien von Personen die im Buch erwähnt werden oder wichtig für die V-2 waren.

Das Buch ist geradlinig. Der Aufbau ist logisch und die Kapitel bauen historisch und fachlich aufeinander auf. Ebenso sind die Schlüsse nachvollziehbar: Wernher von Braun wusste von den Umständen bei dem Bau der Rakete. Er selbst war aber nicht dafür verantwortlich und konnte in der damaligen Zeit auch nichts tun. Schon die Hilfe war damals so gefährlich, das man um sein Leben fürchten musste. Das macht der Autor auch bei einigen bekannten Einzelschicksalen in Peenemünde deutlich, wo Personen in Strafkompanien landeten, weil sie sich für Häftlinge einsetzten. Am Rande geht der Autor auch auf ein Phänomen ein, das ich selbst bemerkt habe: je länger der Zweite Weltkrieg vergangen ist, desto kritischer sieht man das Verhalten der Personen in der damaligen Zeit. Es reicht heute nicht mehr während der 12 Jahre des NS-Regimes nicht politisch gewesen zu sein (nach Entnazifizierungsregeln: „Mitläufer“) sondern man erwartet von ihm aktiven Widerstand. Das damals schon geringste Vergehen reichten um wegen „Wehrkraftzersetzung“ vor einem Standgereicht zu landen wird übersehen. Bei uns sollen eine Reihe von Straßen in einem neuen Stadtteil der mal ein Fliegerhorst war umbenannt werden. Diese bekamen die Namen von deutschen Flugzeugbauern wie Claude Dornier oder Heinkel. Nun sind diese auch in der Kritik wegen der Zwangsarbeiter, die dort arbeiteten. Seltsamerweise gilt das nicht für die wichtigste Straße in Ostfildern: die Hindenburgstraße ist immerhin nach dem ehemaligen Feldmarschall benannt, der mit seinen Entscheidungen verantwortlich für den Tod Hunderttausender an der Westfront im ersten Weltkrieg war und als Reichspräsident alle Gesetze unterzeichnet hat, mit denen Hitler 1933 die Demokratie abschaffte. Dabei war der Reichspräsident, anders als unser Bundespräsident, das Staatsoberhaupt. Hindenburg war zutiefst national und nicht demokratisch gesinnt. Mal sehen, wann man drauf kommt, dass Friedrich der II für den Tod eines Drittels seiner Untertanen im siebenjährigen Krieg verantwortlich ist.

Zurück zu der Broschüre. Jemand der nach Pro-Argumenten für Wernher von Braun sucht, dem kann man sie bedingungslos empfehlen. Nur wenig Kritisches ist zu bemerken. Was mir auffällt, ist das der Autor einige Dokumente erwähnt aber sie nicht im Buch als Scan vorkommen. Das würde dem Buch mehr Authentizität geben. Zwei Argumente finde ich schwach. Das eine ist bei der Vita von Brauns, das er als überzeugter Christ nicht Militarist und Nazi sein kann, geschweige denn Verbrechen an der Menschlichkeit begangen hat. Doch wie der Autor selbst erläutert, fand von Braun erst in Amerika also nach dem Krieg zur Religiosität. Das Zweite ist das von Braun Zitat, dass man alles - eben auch Raketen - militärisch und zivil nutzen kann. Nun hat von Braun aber nicht an den Grundlagen geforscht wie Hermann Oberth oder Goddard. Er wurde schon vor dem Dritten Reich von der Reichswehr angestellt. Dass diese nicht Raketen für zivile Zwecke entwickelt, dürfte klar sein. Spätestens mit Kriegsbeginn war klar das die A-4 auch eingesetzt werden könnte.

Die Diskussion am Schluss könnte durchaus etwas ausführlicher sein. Sie ist in der derzeitigen Form mehr eine Zusammenfassung der vorherigen Kapitel als Antwort auf das Kapitel mit den Kontraargumenten. Auch vermisse ich im Personenverzeichnis einige Personen. Sowohl im Buch erwähnte wie Rudolph Nebel, der schon 1933 nichts mit dem Regime zu tun haben wollte und dadurch verhaftet wurde und nicht mehr an Raketen arbeiten dürfte, wie auch andere Zeitzeugen die heute vor allem in Fernsehdokumentationen erscheinen, die sich ja auch mit dem Thema beschäftigen wie die letzten aus dem von Braun Team wie Ernst Stuhlinger und Konrad Dannenberg. Beide sind inzwischen auch verstorben, aber ihre Aussagen kommen immer noch in Dokumentationen vor.

Vermisst habe ich auch einen anderen Aspekt. Man beschäftigt sich im Zusammenhang mit von braun nur mit den Toten, welche die Entwicklung und Produktion der A-4 kostete. Keiner der Kritiker und auch Host Köhler hat sich Gedanken gemacht was passiert wäre, hätte man die Rakete nicht entwickelt wäre. Meiner Ansicht nach hätte das viel mehr Menschenleben gekostet. Das gesamte A-4 Programm soll 2 Milliarden Reichsmark gekostet haben. Das umfasst die Investitionen in die anlagen in Peenemünde, dort sieben Jahre Entwicklung mit Tausenden von Arbeitern, die Errichtung der Produktionsanlagen im Mittelwerk Dora und die Produktion von 6000+ Raketen. Was wäre passiert, wenn man die Gelder woanders ausgegeben hätte, wenn die Leute in der Rüstungsindustrie gearbeitet hätten? Ein Jagdflugzeug vom Typ ME 109 kostete etwa 250.000 Reichsmark Es wurden 33.000 Stück produziert. Mit 8.000 weiteren Maschinen hätte man die Luftherrschaft über Deutschland länger aufrechterhalten können. Ein Kampfpanzer des Typs 4 kostete etwa 170.000 Reichsmark Auch hier hätten 11.000 mehr produziert werden können. Das wäre bei nur 8.400 gebauten Exemplare weitaus mehr als die normale Produktion gewesen. Die Rüstung hätte egal wohin man die Gelder und Arbeiter gesteckt hätte länger produzieren können und das hätte den Krieg verlängert. Nach Zeit Online gab es, alleine bei der Wehrmacht, in den letzten 3 Kriegsmonaten 150.000 weitere tote, dazu kämen noch die Verluste in der Zivilbevölkerung, die nach demselben Artikel während der letzten zwei Kriegsjahre höher als bei der Wehrmacht waren. Die Zahl der Toten bei der Produktion der V-2 ist schwer zu beziffern, weil in Mittelwerk Dora auch andere Rüstungsgüter produziert wurden und die meisten Häftlinge beim Bau umkamen. Eine Zahl von etwa 6000 bis 7000 dürfte in der richtigen Größenordnung ein. Dazu kommen etwa 1000 Tote durch die Angriffe der A-4. Wäre der Krieg also nur um wenige Tage verlängert wurden indem man nicht die A-4 gebaut hätte, das hätte viel mehr Menschen das Leben gekostet. Wären es gar drei Monate gewesen (und das erscheint nicht ausschließbar, dann wären die Atombomben nicht auf Hiroshima und Nagasaki, sondern auf Deutschland abgeworfen worden.

Wernher von Braun hat es leider versäumt zu Lebzeiten nicht nur die Toten, die es durch die A-4 gab zu bedauern, sondern sich für diese öffentlich zu entschuldigen, unabhängig, ob er persönlich schuldig ist, das hätte die Diskussion nicht in dem Maße aufkommen lassen. So stehen sich aber zwei Bilder gegenüber - das von Wernher von Braun bis zu seinem Tode (und noch lange Zeit danach) gültige als dem Weltraumpionier, der Amerikas ersten Satelliten startete und die Amis ermöglichte den Wettlauf zum Mond zu gewinnen und dem neuen als Mensch, der für seine Vision über Leichen geht. Ich glaube zumindest, solange er in der NASA tätig war, war auch eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit nicht erwünscht. Schließlich war von Braun seit 1955 US-Staatsbürger und auch die Amis wollten nicht am Saubermann Image kratzen, aber er hätte sicher in den letzten Jahren vor seinem Tod Gelegenheit gehabt sich dazu zu äußern.

Das Buch wird vom Autor auf seiner Webseite selbst vertrieben. Sie taucht zwar auch bei Amazon auf, jedoch nur mit rudimentären Angaben, sodass ich nicht sicher bin, ob sie im freien Handel erhältlich ist. Sie ist für jeden der sich für Von Braun interessiert absolut lesenswert.


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