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Web Log Teil 491: 9.2.2017 - 16.2.2017

9.2.2017: Früher war alles besser ...

Derzeit läuft eine Welle von "Retrosendungen". Ich nenne so Sendungen, die sich mit einer Geschichte befassen, die erst einige Jahrzehnte zurücklegt, besonders beliebt sind die Achtziger. Anders als bei den üblichen Geschichtssendungen geht es auch nicht um Ereignisse, Kriege oder Personen, sondern um Zeitgeschichte, also vielen Ereignissen und dem Alltagsleben. Auf den heutigen Blog bin ich durch die zweiteilige ZDF-Sendung „Früher war alles besser“ über die 50er und 60er und 70er und 80er Jahre Gekommen.

Die Sendung erklärt vieles am Tatbestand, das früher (angeblich) alles besser war mit Psychologie. So erinnert uns Musik an Ereignisse. Wir verbinden mit ihr nicht nur Erinnerungen. Man kann durch Untersuchungen nachweisen, das, wenn wir Musik hören, die uns wichtig ist nicht nur das Hörzentrum aktiv ist, sondern auch andere Regionen die für ander Sinne wie Sehen oder Riechen. Wir „sehen“ das Ereignis nochmals vor unserem inneren Auge und riechen, was damals unsere Aufmerksamkeit fesselte wie z.B. Blumen oder ein Parfüm. Kurzum: Wenn wir uns an etwas positiv erinnern, dann „erleben“ wir das erneut. So wundert es nicht das in Experimenten Personen, die zuerst eine Musik hörten, die ihnen etwas bedeutet, mehr Geld spendeten, als eine Vergleichsgruppe die Musik hörte, die keine Bedeutung für sie hatte.

Die Sendung räumt auf mit einigen Vorurteilen. So das früher alles billiger war. Bei den meisten Dingen, die wir konsumieren, ist es so, dass sie im Laufe der Zeit billiger wurden. Es gibt einige Ausnahmen. So wurde Energie z.B. teurer. Das erlaubt es uns, sehr viel mehr Geld für „Luxus“ auszugeben. Als Luxus definiere ich mal alles, was man nicht zum Leben braucht. Dazu gehören Reisen, aber auch Elektronik-Schnickschnack. Bei den Reisen ist es offensichtlich. Nach dem Krieg ging man zuerst innerhalb von Deutschland in den Urlaub, dann nach Italien, Spanien und heute sind beliebte Reiseziele die USA, Karibik, Neuseeland, Malediven. Meine Nichte hat mit ihren 25 Jahren schon mehr von der Welt gesehen als meine Eltern in ihrem ganzen Leben.

So müssen wir auch Armut immer wieder neu definieren. Es wird heute als ein Einkommen definiert, das der Hälfte des Durchschnittseinkommens entspricht. Früher konnte man Arme sofort erkennen. Kinder trugen die abgetragenen und meist nicht passenden Klamotten der Geschwister oder hatten geflickte Nahrung. Sie konnten sich keine Süßigkeiten leisten oder die Familien kein Fleisch oder Kaffee. Heute drückt sich das eher darin aus das Sie kein aktuelles Smartphone haben oder nicht in den Urlaub fahren können. Wenn sich Armut in dem Aussehen niederschlägt, dann am ehesten, darin, dass sie nicht dem Markenfetischismus folgen können. Der trat gottseidank erst ein, als ich schon aus der Phase raus war, wo mir bei der Kleidung wichtig war, was andere darüber denken.

Nach der Sendung leben wir heute in der sichersten Welt des letzten Jahrhunderts. Es gäbe so wenige Konflikte und so wenige Tote durch Krieg wie niemals zuvor in den letzten 100 Jahren. Auch wenn gerade eine Mietpreisexplosion beschworen wird, so haben wir noch nie so viel Wohnraum pro Person zur Verfügung: 45 m², Anfang der Achtziger waren es noch 30 m² und in den Zwanzigern sogar nur 13 m². In fast allen Aspekten ist heute alles besser als früher. Die Kaufkraft ist höher, der Lebensstandard. Dinge die früher Luxusartikel waren, werden zum Gebrauchsgegenstand und Massenprodukt (Autos, Computer, Handys …). Wir arbeiten immer weniger und haben immer mehr Freizeit.

Das einzige was wirklich schlechter wurde: das leben wurde hektischer. Durch die Digitalisierung nutzen wir die Freizeit die wir mehr haben nicht, sondern setzen uns unter Stress indem wie dauernd nach Mails schauen, oder wie viele "Likes" wir haben.

Wie immer habe ich da eine andere Sicht auf die Dinge. Ich meine nicht das früher alles besser war. Nehmen wir mal die Achtziger. Die meisten (so auch ich) erinnern sich am besten an die Zeit, in der sie Teenager oder junge Erwachsene waren, wahrscheinlich da nach Psychologen unser Gehirn sich in dieser Zeit in einem „Umbau“ befindet prägen sich Erinnerungen besser ein. Einiges teile ich mit der Allgemeinheit. So höre ich bis heute gerne die Titel, die damals aktuell waren und meiner persönlichen Meinung hat nach 1990 die Qualität der Musik erst langsam, dann ziemlich stark abgenommen. Aus den letzten Jahren haben nur wenige Titel es auf meinen MP3-Player geschafft. Passend zur „Umbautheorie“ des Gehirns habe ich auch eine Vorliebe für die NDW, obwohl viele der Lieder einfach schlecht und / oder schwachsinnig sind. Und auch ich verbinde Lieder mit Ereignissen. „We will rock you“ lief im Bus bei der Reise nach Bozen in der achten Klasse als Schleife. Das vergesse ich nie. Doch damit hört es auch schon auf. Ich fand schon in den Achtzigern einen Großteil der Mode scheußlich. Weniger, die immer gerne in Sendungen aufgegriffenen Schulterpolstern, als vielmehr die Farben. Die waren entweder bei Sportbekleidung, wie dem damals aktuellen Aerobictrend, recht grell oder es waren Pastellfarben oder sehr auffällige Farben wie senfgelb in Mode. Zumindest, das Sportbekleidung grell sein muss, hat sich bis heute gehalten. Ich verstehe, nicht warum Laufschuhe neonpink sein müssen, sie sehen so eigentlich nur schieße aus. Wie man 100 Euro für einen Laufschuh ausgeben kann der so auch nur billig aussieht ist mir ein Rätsel. Das Zweite war der Uniformismus. Er drückte sich darin aus, das die Moden dazu führten das viele gleich aussahen oder fast jeder die gleiche Frisur hatte. So der Jeanslook und die VoKuHiLa-Frisur bei den Männern in den Achtzigern. In den Siebziegen waren es dann Parka und lange Haare.

Das zweite ist die Vorstellung, dass es früher wirklich besser war. Wenn ich an die Achtziger denke, dann an ein Jahrzehnt, in dem ich viele Ängste hatte. Vor dem Kalten Krieg, vor allem am Anfang, und zwar weniger wegen der Sowjetunion als vielmehr wegen der Aufrüstung und Konfrontationspolitik durch Reagan. Es gab Konflikte, wo ich nur den Kopf schüttelte. So die Invasion von Grenada als das drei Jahre vorher an die Macht gekommene Regime sich an Kuba anlehnte. Eine kleine Insel in der Karibik bedroht die USA? Wers glaubt ...Ein Jahr vorher gab es den Falklandkrieg. England schickte eine ganze Invasionsflotte um den halben Erdball nur wegen einiger Inseln am Rande der Antarktis, auf der mehr Schafe als Menschen lebten. Das war wohl ein letztes Aufzucken um sich als Weltmacht zu beweisen. 30 Jahre später tritt England aus der EU aus, und wenn das so weiter geht, sind sie in einigen Jahren der 51-ste Bundesstaat der USA – einer früheren Kolonie. Dazu kamen die vielen kleinen Konflikte. So der Abschuss der Korea Airlines KLA-007 1983. Reagan kündigte SDI an, das er als das Nonplusultra ansah, weil dies die Kernwaffen „entschärfte“. Dabei war genau dieses Gleichgewicht des Schreckens die Grundlage, das es keinen Krieg zwischen den beiden großen Blöcken gab. Zumindest wusste ich schon damals das es nicht durchführbar war. Tausende bis Zehntausende von Waffen im Weltall zu stationieren waren mit den Trägerraketen und dem Space Shuttle nicht zu transportieren. 10 Jahre später hat man es stillschweigend eingestellt.

Am meisten bewegte mich damals aber die Umweltzerstörung. Das Waldsterben ging durch die Medien. Wenn man linear weiterrechnete, dann müsste, Deutschland in einigen Jahren waldfrei sein. Das ein Trend sich abschwächen kann, zeigte sich zum Glück auch bei AIDS. Die Krankheit wurde Anfang der achtziger erst öffentlich bekannt und als dann die ersten Prominenten wie Rock Hudson starben, gab es eine fast panische Stimmung. Die Fallzahlen stiegen exponentiell an, es wurden nun plötzlich auch Heterosexuelle infiziert und Gauweiler setzte in Bayern eigene Gesetze gegen Aids-Kranke durch.

In dieser Zeit kam zum ersten Mal das Stichwort „Treibhauseffekt“ auf und mir war die Dimension sofort klar, weil ich mich damals schon für Astronomie interessierte und die Venus mit ihrem Treibhauseffekt kannte. Dazu kamen dann noch die Entdeckung des Ozonloches und die Explosion von Tschernobyl, nachdem es ja schon 1979 in Harrisburg fast einen GAU gegeben hatte. Das hinterließ in mir den Eindruck, dass wir Technik einsetzen, die wir nicht beherrschen oder wir nicht fähig sind, auch die Folgen unserer Technik zu kontrollieren. Den Eindruck habe ich bis heute behalten, doch das Gefühl, das der Weltuntergang bevorsteht, habe ich heute nicht mehr.

Wie viel besser sind wir doch heute da. Unsere Bundesregierung hat alle großen Probleme gelöst und kann sich nun kleinen Details widmen, wie z. B. gestern die Verschärfung von Gesetzen gegen Übergriffe gegen die Polizei oder die Maut. Überhaupt geht es heute viel schneller mit Gesetzen. Die Mietpreise steigen – eine Mietpreisbremse wird beschlossen. Es gibt einen Anschlag eines „Gefährders“ - neue Gesetze die „Gefährder“ als Straftat einführen und Fußfesselzwang, auch ohne Verbrechen begangen zu haben, werden erlassen. Irgendwie dauerte das alles in den Achtziger länger, wahrscheinlich, weil Kohl die weniger wichtigen Probleme einfach ausgesessen hat. In den USA gibt es ja heute schon Gesetze im Tagesrhythmus. Früher hat man nach 100 Tagen eine erste Bilanz einer neuen Regierung gezogen, nach Trump kann man das schon nach 14 Tagen.

In einem bewährt sich das Erinnern nur an positives voll: Das Jahrzehnt ende mit dem Untergang der DDR. Wenn ich heute daran zurückdenke, dann an Nachrichtenbilder von Menschen, die über die Deutsch-österreichische Grenze bei einem Festival stürme, den Sturm auf die Botschaft in Prag, in den Westen geschmuggelte unterbelichtete Bilder der Montagsdemo in Leipzig und den Mauerfall. Ich erinnere mich nicht an das, was danach kam: Massenarbeitslosigkeit, Verramschen der DDR durch die Treuhand und einem vor allem durch die Misswirtschaft der Bundesregierung beim Schaffen von „blühenden Landschaften“ enormen Schuldenberg. (Man hatte damit das Apollo-Programm rund 10-mal finanzieren können ...)

In den Achtzigern habe ich die Schule abgeschlossen und Chemie/Lebensmittelchemie studiert. Ich fand beides ziemlich anstrengend und habe mich enorm reingehängt. Ich habe dann noch im neuen Jahrtausend Softwaretechnik studiert, und obwohl ich - wie jeder andere - im Laufe der Zeit geistig abbaute, war das letzte Studium viel einfacher und ich habe ohne große Mühen einen guten Abschluss geschafft. Im Chemiestudium war ich lange Zeit maximal Mittelmaß und brauchte bei den Praktika regelmäßig viel länger als andere. Erst zum Schluss konnte ich wieder aufschließen. Trotzdem habe ich damals viel mehr gelernt als später.

Vor allem hat sich eines erleichtert: der Zugang zu Wissen. Früher musste man sich durch Bücher wühlen. Vieles konnte man gar nicht erst sich aneignen, weil es die Bücher nicht gab. Wenn es sie doch in der Bibliothek gab, musste man erst mal wissen in weichem Buch etwas zu finden war. Man musste sich buchstäblich durch Bücher wühlen und viele Seiten lesen, um etwas zu finden, was man für eine Recherche benötigte. Heute tippt man eine Suchanfrage in den Browser und kann innerhalb von Minuten einige Quellen überprüfen. Das Internet ist toll. Für mich, weil ich eigentlich nichts anderes mache als früher. Ich habe früher für mich Daten von Raketen und Raumsonden zusammengeschrieben und als ich ganz Jung war auch selbst ein Raumsondeprogramm überlegt. Heute mache ich das öffentlich, indem ich das als Webseite veröffentliche, bzw. arbeite an meinen eigenen Programmen um die Dinge zu berechnen. Für die Raumfahrt interessiere ich mich seit 1980, als ich zum Abschluss der Hauptschule von Stanek das „Planetenlexikon“ geschenkt bekam. Die Fotografien von Mars und Jupiter weckten mein Interesse an der Technik der Sonden, die diese erstellten. Ich kannte die ganzen Achtziger und Neunziger in meinem Bekanntenkreis niemand, der sich für dieses Thema interessiert hätte. Es gibt auch nicht viele, die sich für Raumfahrt interessieren, zumindest der technischen Seite. Bei schönen Bildern oder Filmen vor allem über bemannter Raumfahrt sieht es anders aus. Durch das Internet können sich so auch „Randgruppen“ finden und man kann mit gleichgesinnten diskutieren, die man so niemals kennengelernt hätte. Ohne das Internet würde ich wohl immer noch alles in Hefte schreiben.

Früher war auch deswegen nicht alles besser, weil ich ein Resümee mit der Sendung teilen kann: es geht mir heute materiell besser als damals. Als Student hatte ich 200 Mark im Monat für alle Ausgaben. Sicher, Wohnen und ein Großteil des Essens kosteten nichts, aber mit 200 Mark machte man keine großen Sprünge. 60-70 gingen alleine für den Verbundpass ab. Wenn Semesteranfang war, standen neue Bücher an und die kosteten alle zwischen 50 und 100 DM. Dann war meist schon am 15. das Geld zu Ende. Wenn ich was Größeres kaufen wollte, dann musste ich Monate, oder im Falle eines neuen Computers, Jahre drauf sparen. Heute bin ich materiell abgesichert, und wenn ich mir was leisten will, dann tue ich das einfach, meist ohne lange nachzudenken. Dabei habe ich gar nicht mal so viel im Leben gearbeitet und Unsummen verdient. Aber ich bin den bescheidenen Lebensstil von damals nicht losgeworden und habe, als ich verdient habe, den Großteil auf die hohe Kante gelegt. Wenn man es so sieht, so sind die gar nicht so tollen Achtziger dran schuld, warum es mir 30 Jahre später viel besser geht ...

12.2.2017: Ein Schritt vor, einen Schritt zurück

Es kommt, wie es kommen muss. Immer wenn in den USA ein Dösbaddel Präsident wird (prominente Vorbilder: George W. Bush und Ronald Reagan), kann man das schlimmste für das NASA-Programm befürchten. Nun ist es noch nicht offiziell, aber Charles Miller, Mitglied des „Übergangsteams“, das von der alten in die neue Regierung überleiten soll, zeigt schon, wohin die Reise gehen könnte:

Fangen wir mal an, die drei Punkte zu diskutieren.

Private bemannte Raumfahrt

Der erste Punkt ist ja nicht neu. Bigelow will seit Jahren eine kommerzielle Raumstation starten. Obwohl die Firma durch Kongressbeschluss (soviel zum Thema „private Entwicklungen“ in den Besitz der neuesten NASA-Technologie für aufblasbare Hüllen kam, die es erlauben die Startmasse einer Hülle um 50% zu senken, hat sie es in 10 Jahren nicht geschafft eine Raumstation zu starten. Vor zehn Jahren startete sie ihren ersten Prototyp Genesis I. Zwischendurch musste die Firma ihren Mitarbeiterstab abbauen. Nun ist ein Mini-Modul an der ISS angebracht und wird für zwei Jahre getestet. Ein Start auf der Atlas V ist gebaucht, nachdem ihre Station seit 10 Jahren bei SpaceX im Launchmanifest gelistet ist, aber nie gestartet wurde.

Man könnte nun meinen, dass dies mit den erst ab 2018 verfügbaren „kommerziellen“ Vehikeln zusammenhängt. Doch ich sehe das nicht so. Man hätte schon in den vergangenen Jahren mit Russland fliegen können, die ja auch in der Aufbauzeit der ISS immer wieder "Weltraumtouristen" starteten. Ich sehe vielmehr keinen Bedarf. Es ist ja nicht so, dass man nicht an Bord der ISS nicht kommerziell forschen könnte. Ja man hat früher sogar angenommen, so den Betrieb finanzieren zu können. Wie sich zeigte, war der Bedarf gleich Null. Nicht mal, als man keine Kostenerstattung verlangte, fanden sich Kunden. Die NASA hat seitdem einen Großteil ihrer Racks an Universitäten abgegeben, um eigene Forschungsmittel zu sparen. ESA und JAXA nutzen ihre Labors für Forschung. Bis heute sind nicht alle Racks belegt, es gäbe also durchaus Möglichkeiten für die Kommerzialisierung, ohne eine neue Raumstation zu starten, die ja auch Geld kostet. Die Startkosten für Experimente und Personal dürften vergleichbar sein, also sehe ich keinen Bedarf für die Industrie an Bord einer privaten Weltraumstation.

Der zweite Kundenstamm wären Touristen. Es gibt ja immer wieder Weltraumtouristen, auch wenn der Kreis bei zweistelligen Millionenbeträgen pro Start klein sein dürfte. Aber auch hier ist die ISS die bessere Alternative. Russland will schon Touristen transportieren, nachdem die gebuchten Plätze für US-Astronauten wegfallen. Die beiden „kommerziellen“ Transporter (ich setze das bewusst in Klammern, denn diese wurden ja für 8,4 Milliarden Dollar von der NASA entwickelt und nicht auf eigene Faust. Bezahlt werden alle Flüge auch von der NASA. Das einzig Neue ist dran, dass die NASA weniger Einfluss auf die Auslegung der Vehikel hat) haben jeweils 7 Plätze. Es werden pro Start nur vier Astronauten starten. Somit könnte man die anderen drei Plätze für Touristen nutzen. Da der Start schon von der NASA finanziert ist, wären die Plätze relativ preiswert buchbar. Interessenten müssten für ihre Ausbildung und die Versorgungsgüter zahlen. Das Erste ist nicht angebbar, doch der Verbrauch an Versorgungsgüter ist bekannt. Es sind rund 12 kg/Tag, was bei den heutigen US-Transportern rund 1,05 Millionen $ pro Tag entspricht. Ein 14-Tages-Aufenthalt wäre so deutlich billiger als bei den Russen.

Kurzum: kommerzielle bemannte Raumfahrt: Der Bedarf ist (Moment, ich rechne noch mal genau nach …) ist genau gleich Null. Zumindest, wenn man „Kommerziell“ so nimmt, wie es allgemein angesehen wird, nämlich das der Staat nichts damit zu tun hat. Das man vom Staat auf Staatskosten entwickelte Vehikel nimmt und dann kommerziell nutzt ist in etwa genauso kommerziell wie die Waffenindustrie: Die verkauft zwar auch Panzer und Kampfflugzeuge, die sind aber alle im Staatsauftrag entwickelt worden.

Neue Jobs durch neue Industrien

Nummer zwei kann man kurz abhandeln: Immer wenn eine neue Regierung an die Macht kommt, verspricht sie neue Jobs. Und weil das bei bestehenden Industrien schwierig ist, und oft die Leute auch die Ursache kennen (z.B. Wettbewerbsschwäche einer einheimischen Industrie, billigere ausländische Konkurrenz, Globalisierung mit Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland) kommt man auf die glorreiche Idee neue Industrien zu schaffen. Nur ich kenne kein Beispiel, wo man ad hoc vom Staat ausgehend eine neue Industrie schuf und die dann ohne den Staat auskam. Gerade die Weltraumfahrt zeigt doch, wie es wirklich geht. Es gibt heute zwei Teilaspekte, die kommerziell erfolgreich sind: Kommunikationssatelliten und Erdbeobachtungssatelliten. Die ersten Kommunikationssatelliten wurden schon privat von Firmen finanziert. AT &T buchte den ersten kommerziellen Start für Courier A. Seitdem ist diese Industrie eigenständig und benötigt keine Staatsaufträge. Wenn es welche gibt, dann um die eigene Industrie im Wettbewerb zu stärken. Das hat die ESA über Jahrzehnte so gemacht, letztes Beispiel ist die „Small-Geo“ Plattform, deren erstes Exemplar vor zwei Wochen startete. Das zweite Beispiel ist die Erdbeoachtung. Ronald Reagan wollte diese privatisieren. Damals war aber die Nachfrage zu gering und die Kosten von Satelliten zu hoch. Was rauskam war nur ein Debakel bei der US-Erdbeobachtung, das bis heute anhält. Mittlerweile betreibt die ESA mehr Erdbeobachtungssatelliten als die NASA. Heute ist dies anders. Um die Jahrtausendwende wurden die ersten kommerziellen Erdbeobachtungssatelliten gestartet. Derzeit gibt es zwei Trends: große Satelliten mit immer kleinerer Auflösung, derzeit minimal 30-35 cm und kleine Satelliten, die viel günstiger sind, mit Auflösungen von 1-5 m, dafür viel günstiger. Das letzte Segment boomt derzeit. Das führte dazu das inzwischen die NRO ihre großen visuellen Satelliten (KH-12) nicht mehr baut und Bilder von Digiglobe erwirbt. Was sich verändert hat, ist das die Technologie um hochauflösende Bilder zu gewinnen dramatisch billiger wurde und vor allem auch die Kunden die nötige Infrastruktur haben. Ein Satellitenbild hat einen Umfang von mehreren Hundert Megabyte. In den Achtzigern waren die Computer, die man brauchte, um es zu verarbeiten teuer, Echtzeitzugriff war unmöglich, man bekam nach einigen Tagen ein Magnetband. Heute kann man über das Internet innerhalb von 1-2 Stunden nach Bildgewinnung auf die Daten zugreifen. Die kommerziellen Satelliten entstanden von alleine ohne staatliche Förderung. Das ist auch der Fall bei den erdnahen Kommunikationssatelliten wie Iridium, Globalstar, O3B und nun Oneweb.

Kurzum: Wenn sich etwas kommerziell lohnt, dann braucht man keine Industrie mit Subventionen erschaffen. Dann geht das von alleine. Wenn etwas schon beim Start Subventionen braucht, dann geht es meist auch nicht dauerhaft ohne. SpaceX wirbt ja damit, „privat“ zu sein. Doch Musk hat mehrmals betont, wie seine Firma schon nahe am Bankrott war, als der COTS-Auftrag sie rettete. 70% des Auftragsvolumens heute stammen vom Staat. Ich glaube kaum, dass SpaceX bei den nun weggebrochenen kommerziellen Aufträgen noch überleben könnte. Im Gegenteil: Der Staat ist die Stütze der Firma. Er springt nicht ab, wenn die firma Raketen in die Luft jagt, die Gelder fließen, unabhängig vom Fortschritt nach Budgetplanung. Besser geht’s doch nicht.

„Private“ Alternative zur SLS

Kommen wir zum letzten Punkt: einer „privaten“ Alternative zur SLS. Die Geschichte der SLS zeigt ja das Grundproblem der bemannten US-Raumfahrt. George W. Bush initiierte nach dem Columbia Desaster eine neue Richtung: Constellation – es sollte nun zum Mond gehen mit der Ares I+V und Orion. Aber und daran hat sich seitdem nichts geändert: Bitte, finanziert das Mondprogramm aus der Portokasse! Apollo schluckte 2/3 des NASA-Haushaltes, der damals auch noch höher war, gemessen am Gesamthaushalt (in der Spitze 3,3% des US-Haushaltes, heute sind es weniger als 0,5%). Da ist doch klar, dass dies nicht so einfach geht. Bushs‘s NASA löste das Problem indem Shuttle und ISS eingestellt werden sollten. Das Shuttle wurde nach Fertigstellung der ISS außer Dienst gestellt, die ISS sollte bis 2016 betrieben werden (vorher ging es wegen der Verträge mit ESA und JAXA nicht, die 10 Jahre Betrieb ihrer Labors beinhalteten). Als Obama ans Ruder kam, waren beiden Programme noch aktiv und Constellation kaum vorangekommen. Er stellte die beiden Trägerraketen ein, die Kapsel dürfte weiter bestehen, schließlich waren kommerzielle Vehikel damals noch nicht geplant. Der Senat beauftragte dagegen die NASA eine Schwerlastträgerrakete zu entwickeln – vorbei am weißen Haus. Entsprechend heißt die SLS auch gerne „Senate Launch System“. Allerdings so viele Mittel bekam die SLS auch nicht, was auch ihren Jungfernflug verzögert. Gestrichen wurde die Oberstufe, weshalb mit einer umgebauten Delta-IV Oberstufe (eigentlich viel zu klein für eine Trägerrakete dieser Größe) nur 70 t in einen Erdorbit befördert werden können. Mit einer besseren Oberstufe könnten es mindestens 105 t werden.

Nun soll auch die SLS eingestellt werden, nachdem die Befürworterfront im Senat bröckelt.

Ich halte gar nichts davon. Zuerst einmal ist die Rakete nun fast fertig entwickelt, sicher noch ohne die nötige Oberstufe, aber Orionmissionen, die sie benötigen gibt, es ja auch erst ab 2021. Eine neue „private“ Rakete kostet aber auch erst mal Geld für die Entwicklung und eventuell geringere Startkosten kommen auch erst rein, wenn man die Entwicklungskosten auf viele Flüge umlegen kann. Das ist aber bei einer Schwerlastrakete nicht zu erwarten. Man riskiert vielmehr das sich das Programm noch weiter verzögert. Zudem: Welche Alternativen gibt es heute? Es gibt ja keine Rakete mit 70 t Nutzlast, ausbaubar auf 130 t in der Entwicklung. Die Falcon Heavy soll 54 t haben. Da SpaceX aber alles bergen will, kann man 30% abziehen und liegt bei 38 t. Noch schlimmer: Als zweistufige Rakete sinkt die Nutzlast stark ab. Zum Mond sind es noch 13,6 t (ohne 30% Abzug), die SLS dürfte, wenn man die 70 t Nutzlast für den LEO als Basis nimmt, rund 26 t zum Mond befördern, also rund das doppelte. Es gibt noch weitere Gründe, die gegen die Falcon Heavy sprechen. Das Erste ist, dass die derzeitige SLS am Beginn der Evolution ist. Es fehlt eine entsprechende Oberstufe und auch leistungsfähige Booster. Die dürften nach NASA Angaben die Nutzlast auf 130 t anheben. Ich komme auf bei gleichen Aufstiegsverlusten sogar 150 t, davon 52 t zum Mond. Dagegen ist die Falcon Heavy, das Ende der Evolution der Falcon 9. Leistungssteigerung? Unwahrscheinlich. Die Firma scheint ja schon mit der Fertigstellung dieser für Mondmissionen um den Faktor 3-4 zu kleinen Rakete überfordert zu sein und liegt inzwischen 4 Jahre in der Entwicklung zurück.

Das Nächste ist die Erfahrung mit SpaceX. Bei der Falcon 9 gab es drei Starts mit gravierenden Vorkommnissen (taumelnde Nutzlast in zu niedrigem Orbit beim ersten Flug, Triebwerksausfall mit zu niedrigem Orbit beim dritten Flug, ausbleibende Wiederzündung beim sechsten Flug) und zwei Totalverluste. Das ist eine ziemliche Pannenserie, nicht nur vergleichen mit dem bemannten Raumfahrtprogramm der NASA, sondern auch anderen kommerziellen Trägern. Vor allem vergleicht man die beiden Verluste mit dem Shuttle (den die NASA heute ja als nicht zuverlässig genug ansieht) mit den beiden Verlusten von SpaceX so zeigt sich eines: Die NASA kannte ihr Trägersystem gut und es gab in beiden Fällen vorher Hinweise. Beim Verlust der Challenger warnten Angestellte von Thiokol aufgrund schon vorher angeschmorter Ringe vor dem Start und wurden von der NASA bedrängt, den Start zu genehmigen. Bei der Columbia liegt der Fall etwas anders. Es gab immer abfallende Schaumstücke, aber keine großen, die jemals den Hitzschutzschild ernsthaft beschädigten. Das abbrechende Stück traf durch Zufall die Flügelvorderkante. Hätte es die Oberfläche getroffen, der Schaden hätte nicht zum Verlust geführt. Es war also eine Kombination aus Zufall und Herstellungsmängeln. Den Zufall konnte die NASA nie ausschließen, weshalb sie dann auch bei der einzigen Mission die nicht zur ISS führte, eine Rettungsmission ansetzte.

Bei SpaceX rätselt man nach einem Totalverlust erstmal, untersucht ihn und findet nach Monaten schließlich die Ursache. Der Nachteil dieser „Methode“ ist, dass man so nicht weiß, wie viele versteckte Fehler es noch gibt. Einen? Zehn? Hundert? Nicht mal SpaceX weiß es. Da ziehe ich die Vorgehensweise der MASA vor. In der man viel mehr untersucht, testet und verbessert, auch wenn die Entwicklungskosten dadurch deutlich höher sind und die Startkosten ebenfalls. Das ist auch woanders so üblich. Das Merlin 1D wurde qualifiziert nach 1.970 s Testsekunden, bei einer Betriebsdauer von 185 s. Das ist also etwa das 11-fache der Laufzeit eines Triebwerks oder der Laufzeit aller Triebwerke eines Falcon 9 Starts. Wenn ein Automobilhersteller einen neuen Motor qualifiziert, dann kommen zu vielen Testläufen im Labor unzählige Tests von Produktionsexemplaren in allen klimatischen Gebieten der Erde. Ein Motortyp hat danach auf verschiedenen Fahrzeugen weitaus mehr als die zehnfache Lebensdauer absolviert. (Nicht ein Motor, aber in der Raumfahrt werden auch mehrere Testtriebwerke verwendet). Übertragen auf SpaceX würde das heißen: Wenn alle Testmotoren die nominale Lebensdauer eines Autos, (200.000 km) zusammen erreichen, ist der Motor qualifiziert. (Da bei einer Falcon 9 nicht in jeder Flugphase ein Antrieb ausfallen darf, ist die Solllebensdauer die aller Triebwerke und nicht die eines Triebwerks).

SpaceX reist nach Presseberichten derzeit die Latte bei CCDev, ihre Falcon 9 schafft die Kriterien nicht. Wie immer verspricht die Firma, dass die nächste „Evolution“ „Block 5“ es richten soll. Mich erinnert das immer an eine Firma, die was liefern soll und einen dauernd vertröstet, Bei einer Bestellung kann ich diese stornieren. Das geht mangels Alternative bei einer Schwerlastrakete nicht.

Bleiben noch andere Firmen. ULA produziert zuverlässige Träger und das seit Jahrzehnten. Die Vulkan wird 2 Milliarden Dollar in der Entwicklung kosten bei anfangs 22 t Maximalnutzlast (später mehr, doch das ist wie bei der SLS in der Erstfinanzierung nicht dabei). So kann man leicht hochrechnen, dass man für SLS Niveau 8 Milliarden ausgeben muss. Ebenso dürfte der Starpreis von 200 Mill. Dollar um das Vierfache auf 800 Millionen wachsen – und auch hier ist man nicht weit von der 1 Milliarde für die SLS weg. Es wird also nicht wesentlich billiger, es kostet nur weitere Zeit und Zeit ist Geld vor allem bei der bemannten Raumfahrt, wo man zugeteilte Budgets hat.

Resümee

Das grundlegende Problem der bemannten Raumfahrt ist jedoch ein anderes: Seit drei Präsidenten kippt jeder die Programme, die schon laufen. Bush Shuttle/ISS, Obama Ares I+V, Trump nun Orion/SLS. Jedes Mal setzt man Milliarden in den Sand, weil die Entwicklung wieder eingestellt wird. Keiner erhöht den Haushalt so stark, dass das Programm soweit fortgeschritten ist, das ein Einstellen beim nächsten Präsidenten teurer als das Fortsetzen wäre. So kann man von Mondprogrammen oder Marsprogrammen weiter träumen. Es wird sie nie geben.

13.2.2017: Was ist ein Fehlstart – gar nicht so einfach zu beantworten

Die aufkommende Diskussion über LOC (Loss of Crew) and LOM (Loss of Mission) Risiken, bringt mich auf unser heutiges Thema. Es geht darum, wann ein Start "erfolgreich" ist und wann ein „Fehlstart“. Das wirkt nur auf den ersten Blick einfach.

Nun gibt es natürlich die offensichtlichen Fälle. Wenn eine Rakete beim Aufstieg explodiert wie 2015 eine Falcon 9 oder 2014 eine Antares gleich nach dem Abheben, dann ist das klar. Auch wenn, was zum Glück, der Normalfall ist, die Satelliten die vorgesehene Umlaufbahn erreichen dann auch. Doch es gibt genug Zwischenstadien. Hier ein paar Beispiele:

Sehr häufig ist eine Unterperformance einer Stufe. Dafür gibt es verschiedene Gründe. So kann eine Turbopumpe nicht den vollen Druck erreichen, der spezifische Impuls sinkt ab oder noch schlimmer das Mischungsverhältnis ist falsch und nach völligem Verbrauchen des Treibstoffs ist die Bahn zu niedrig. Das kam bei einigen Proton-Starts vor allem bei Versagen der Breeze-M vor. Wenn die Nutzlast klein genug ist, kann die Rakete das Ausgleichen so beim Start von GPS-IIF3 2012 oder einer Cygnus auf einer Atlas 2016. Wenn es nur um die Rakete geht, so war dies auch beim Start von Apollo 13 (Triebwerksausfall in der S-II) und beim Start von Skylab (Zwischenstufenadapter lässt sich nicht ab und erhöht die Nutzlastmasse um 5 t) der Fall. Oftmals geht es aber nicht.

Seltener kommt es vor, das die Ausrichtung bei der Zündung nicht stimmt, so prominent passiert beim Start von Galileosatelliten mit einer Sojus STB von Kourou aus.

Auch bei bemannten Missionen ist es nicht so einfach. LOC – Loss of Crew ist ja noch eindeutig definiert. Ein Mensch ist tot oder eben nicht. Den Fall das jemand „nur“ schwer verletzt ist, ist in der Raumfahrt äußerst unwahrscheinlich. Doch wie sieht es bei „Loss of Mission“ aus? Auch hier gibt es Fälle, wo es eindeutig ist: Apollo 13, wo die Mondlandung nicht stattfand oder die Auslösung des Rettungssystems bei Sojus 31. Aber viel häufiger gibt es Pannen. Meistens kann man durch weitere Versuche noch die Mission retten. Das könnte man von der Rettung von Skylab behaupten. Andere Missionen erreichen nicht ihre vollen Missionsziele. Bei Gemini 8 musste die Mission abgebrochen werden, weile eine Düse dauernd feuerte, bei Gemini 9 klappte das zweite Missionsziel – EVA Arbeiten nicht. STS-2 wurde wegen Problemen der Brennstoffzellen von 5 auf 2 Tage gekürzt. STS-51F hatte einen Abort to Orbit mit anfangs zu niedrigem Orbit, vergleichbar einer Unterperformance einer Trägerrakete.

SpaceX führt neue Kategorien ein. Schon vorher gab es den Fall, dass Satelliten vor dem Start beschädigt wurden. Mal wurde ein Kran auf den Satelliten fallen gelassen (Insat), mal bei einem Vibrationstest zu stark geschüttelt. Letztes Jahr wurde der DSN-1 Satellit beim Transport zum CSG beschädigt. Das ein Satellit aber erst bei einem Probecountdown beschädigt wird ist neu. Bei anderen LSP wird die Nutzlast erst zum Start montiert. Hot-Fires erfolgen (wenn überhaupt) bei der Integration der Stufe und nicht erst beim Startplatz. Es gibt nur einen vergleichbaren Fall in der US-Geschichte, das war die Atlas 9C die am 24.9.1959 explodierte und die ganze Startrampe 12 zerstörte. Der Wiederaufbau dauerte 7 Monate. Mal sehen ob SpaceX schneller ist. Streng genommen ist es weder ein Fehlstart noch ein Fehler beim Transport und der Vorbereitung.

Schön wäre es daher, wenn man einen "partiellen Fehlstart" gäbe. Aber auch so ist die Entscheidung nicht einfach. Nehmen wir mal die Arianestarts 502 und 510. Bei L502 zeigte sich das die Rollachsentriebwerke mit dem auftretenden Drehmoment überfordert waren, es ging der Treibstoff aus und am Ende des Betriebs rotierte die EPC. Dadurch sammelte sich der Treibstoff an der Außenseite und es wurde ein vorzeitiger Brennschluss ausgelöst. Die EPS stabilisierte wieder die Bahn und brannte länger als geplant, konnte aber die fehlende Geschwindigkeit nicht ausgleichen. Das Massemodell eines Satelliten wurde in einem 524 x 27000 km Orbit entlassen. Die ESA deklarierte den Flug als Erfolg. Schließlich hatten alle Stufen korrekt funktioniert und das Problem der Rollachsenkontrolle wurde durch weitere Triebwerke und mehr Treibstoff angegangen. Es trat nie wieder auf. Trotzdem erscheint der Flug in allen Listen als Fehlstart, weil die geplante Bahn nicht erreicht wurde (auch wenn es sich um keinen Satelliten, sondern nur Ballast handelte).

Bei L510 gab es eine Verbrennungsinstabilität bei der EPS-Stufe und eine Komponente des Treibstoffs wurde vorzeitig verbraucht. Die beiden Satelliten wurden in einem 17.545 × 594 km Orbit mit 2,9 ° Neigung zum Äquator ausgesetzt. Geplant war ein 35.853 × 858 km hoher Orbit, mit einer Neigung von 2 Grad.  Die Geschwindigkeitsdifferenz zwischen beiden Orbits betrug rund 500 m/s. Das hätte die Lebensdauer des japanischen Satelliten stark verkürzt und er wurde als Totalverlust der Versicherung gemeldet. Der europäische Artemis hatte als erster Satellit Ionentriebwerke an Bord und erreichte seine Endbahn. Anders als befürchtet, wurde auch die Lebensdauer nicht verkürzt. Nach 11 Jahren (Solllebensdauer 10 Jahre) verkaufte die ESA den Satelliten für 1 Euro an Avanti Communcations, er arbeitet noch immer, mittlerweile im 14-ten Jahr. Auch hier wäre also die Einstufung „Partieller“ erfolg besser.

Woanders ist man großzügiger und übernimmt die Angaben eines LSP. Ich sehe z.B. einige Parallelen der beiden Ariane 5 „Fehlstarts“ zu SpaceX Starts. Beim ersten Start der Falcon 9 wurde die Nutzlast in einem elliptischen Orbit entlassen, dazu um die Achse torkelnd. Die Abweichungen der Bahn waren schon höher als im Users Guide versichert (wie sich in Folge zeigen sollte, war das der Normalfall. Im neuen Users Manual wurde daher auch die Toleranz um 50% angehoben. Der springende Punkt: SpaceX deklarierte den Flug als vollen Erfolg. Wie bei Ariane 502 versagte die Rollachsenkontrolle und die Nutzlast taumelte im Orbit (dies war bei 502 z.b. nicht der Fall). So ist ein Satellit ein Totalverlust. Man bekommt dadurch keine Kommunikationsverbindung wie sich auch bei der Progress M-27M zeigte, die auch rotierend im Orbit entlassen wurde. SpaceX deklarierte den Flug als vollen Erfolg und so steht er auch in den Listen.

Beim vierten Start fiel ein Triebwerk aus und es wurde ein zu niedriger Orbit erreicht. Das Perigäum war um 100 km zu niedrig. Die nur mit 900 kg Fracht (SpaceX gibt 3.300 kg Maximalnutzlast an) beladene Dragon konnte dank eigener Treibstoffvorräte den Zielorbit erreichen. Eine nur 128 kg schwere Sekundärnutzlast nicht mehr. Sie wurde noch am selben Tag als Totalverlust gemeldet. Die Parallelen zu L510 sind unübersichtlich. SpaceX reklamiert den Start als Erfolg.

Beim ersten Start der V1.1 Variante scheiterte die Wiederzündung da durch kaltes Helium eine Leitung zwischen erster und zweiter Zündung zufror. Da die Nutzlasten schon bei der ersten Zündung ausgesetzt wurden und man mit der zweiten Zündung eine GTO-Mission durchspielen wollte, deklarierte man ihn auch als vollen Erfolg. Wäre es eine echte GTO-Mission gewesen, die Nutzlast wäre im Transferorbit gestandet wie z.B. Telkom 3 bei einem Proton Start am 6.8.2012.

Wendet man also die gleichen Kriterien wie bei den beiden Ariane 5 Starts auf die Falcon 9 an, so haben wir drei Fehlstarts mehr.

Kurzum: Man sollte das Mal regeln. Entweder, das wäre meiner Ansicht nach die beste Lösung, man führt einen „partiellen Erfolg“ (klingt besser als partieller Fehlstart) ein oder nimmt ein hartes, nachprüfbares, Kriterium. Ein partieller Erfolg liegt vor, wenn ein Teil der Missionsziele erreicht wurde (wenn an Bord nur Dummynutzlasten sind, wie üblich bei Testflügen) oder die Nutzlast den Endorbit noch erreichen konnte, aber ihre Lebensdauer verkürzt ist, wie es dann meist durch den verbrauchten Treibstoff der Fall ist. Alternativ liegt das vor, wenn eine von mehreren Nutzlasten ein Verlust ist, die andere(n) nicht. Das halte ich für die beste Lösung.

Belässt man es bei der Einstufung "Fehlstart oder Erfolg", so braucht man ein hartes Kriterium. Bei kommerziellen Starts gibt es ein einfaches Kriterium: Ist es ein Versicherungsfall oder nicht (es gibt auch Fälle, wo die Versicherung nur einen Teil des Betrages zahlt, die der verkürzten Lebensdauer entspricht). Ansonsten nimmt man das Users Manual des LSP und vergleicht die zugesicherten Toleranzen für den Orbit mit den realen ab. Macht man das bei SpaceX, so sieht es sehr sehr schlecht aus. Von den ersten 11 Starts der Falcon 1+9, bei der ich das noch verfolgt habe, hielten nur zwei die Angaben des Users Guide ein. Der für die Falcon 1 und Falcon 9 „V1.0“ verschwand dann übrigens von der Website.

16.2.2017: Rationale Politik: Beispiel Drogen

Ich weiß nicht was ihr von der Politik erwartet. Der Trend geht ja dahin, das man immer weniger erwartet, und das aus gutem Grund. Ich bin Naturwissenschaftler und Techniker. Man sagt der Bundeskanzlerin ja an, dass sie als Physikerin angeblich alles Durchdenken würde, oder wie ein Journalist formulierte „Das Problem von hinten angeht“, was für mich keinen Sinn macht. Aber ich erwarte von jemand der einen naturwissenschaftlich-technischen Hintergrund hat, dass er die Vorgehensweise der Naturwissenschaft anwendet. Das heißt etwas durchdenken, logisch handeln und nicht auf wilde Hypothesen hereinfällt und nicht etwas tut von dem Er eigentlich weiß, das es unlogisch ist oder nur einer kleinen Gruppe nützt.

Ich sehe das in der Politik nicht. Eher scheint Merkel das Kohlsche Vorgehen übernommen zu haben und tut gar nichts. In der Naturwissenschaft kommt man so allerdings nicht weiter. Schön wäre es, wenn sie wirklich wie ein Wissenschaftler agieren würde, das heißt, man überdenkt die Pro- und Kontraargumente, die Folgen und Kosten. Als Beispiel will ich mal die Drogenpolitik nennen. Die ist meiner Ansicht nach extrem dogmatisch geprägt. Kürzlich hat der Bundestag beschlossen, dass man Cannabis nun auf Rezept bekommen kann. Das ist einzigartig. Bei keiner der anderen Drogen kann man von einer positiven Wirkung sprechen, oder sie gar als Medizin einsetzen. (Wenn man davon absieht, dass natürlich auch unter dem Drogenmissbrauch auch der unkontrollierte Konsum von Medikamenten fällt). In den Fünfzigern gab es mal das „Frauengold", das enorm beruhigend auf hysterische Frauen gewirkt hat (zumindest nach der Werbung). Der Hauptwirkstoff von Frauengold war Alkohol. Seitdem gibt es noch etliche andere freiverkäufliche „Medikamente“ die winzige Auszüge von Kräutern als Alibi enthielten und sonst viel Alkohol wie Klosterfrau Melissengeist, Doppelherz etc. Doch obwohl als Medikament beworben helfen die nicht.

Ich finde die gesamte Drogenpolitik verlogen. Nach Ansicht von Experten widerspricht sie sogar dem Grundgesetz. Denn das erlaubt es einem sich selbst Schaden zuzufügen. Nach dem Betäubungsmittelgesetz ist aber schon der Konsum von Drogen verboten. Das ist grundgesetzwidrig, Würde man diesen Schutz vor „Selbstbeschädigung“ auf andere Dinge ausdehnen, so müsste man auch Tattoos, Piercing oder alle Operationen verbieten, die nicht gesundheitlich nötig sind. Das heißt die plastische Chirurgie, die zur „Verschönerung“ gedacht ist, aber auch Dinge wie Botox-Spritzen oder Fettabsaugen. Wenn ich mir krasse Fälle von eingefrorener Mimik und Ballonlippen ansehe, dann fände ich ein solches Gesetz gar nicht mal überflüssig.

Doch selbst wenn der Gesetzgeber das ändert (de Fakto hat er mit der „geringen Menge“ bei der ein Verfahren eingestellt wird, ja den Konsum aus der Strafverfolgung ausgeschlossen, aber trotzdem bleibt der Konsum illegal). Es würde nichts ändern. Denn er kann ja noch immer den Anbau und den Handel verbieten, das bedeutet, das Recht zum Konsum würde einem nichts nutzen, weil man nichts erwerben darf oder (was zumindest bei einigen Drogen möglich ist) selbst anbauen oder herstellen darf.

Was heißt den eine faktenbasierte Politik? Bei Drogen z.B., indem ich mal folgende Punkte abklopfe:

Abhängigkeitspotenzial der Droge

Wie viele konsumieren sie, und wie viele werden davon abhängig? Wichtig ist der Prozentsatz der Abhängigen an den Konsumenten, denn natürlich gibt es harte Drogen, die sehr wenige konsumieren, von denen aber viele abhängig sind und „Volksdrogen“ die vergleichsweise viele konsumieren aber nur ein kleiner Anteil ist abhängig. Dann ist bei der letzen Gruppe die absolute Zahl an Abhängigen größer, aber die harten Drogen sind trotzdem gefährlicher.

Gesundheitsgefährdung durch Drogen.

Hier gibt es enorme Unterschiede. Das Paradebeispiel sind hier Alkohol und Hanf. Es ist noch nie, in Hunderten von Jahren Konsum weltweit, irgendjemand an Cannabis gestorben. Es gibt auch keine nachweisbaren Gesundheitsschäden im physischen Sinn. An Alkohol, der dagegen erlaubt ist, starben alleine in Deutschland 2016 15.000 Personen nur an Alkohol. Die Zahl erhöht sich, wenn man Alkohol als Mitursache für die Entstehung oder Verschärfung von anderen Krankheiten hinzunimmt, auf 62.000 bis 74.000 pro Jahr in den letzten 5 Jahren.

Wenn eine Droge sehr große Folgen für die Gesundheit hat, (das muss nicht tödlich endet, es reichen auch ander Folgen wie Fettleber bei Alkohol) dann ist sie gefährlicher als eine, die nur geringe Folgen hat.

Gesellschaftliche Folgen.

Außer der individuellen Gefährdung gibt es die gesellschaftlichen Folgen. Da ist zum einen bei bestimmten Drogen die Beschaffungskriminalität. Bei Alkohol gibt es auch die Folgen durch Aggressionen wie Gewalt in der Familie, Randalieren, Schlägereien oder noch Schlimmeres. Bei Tabak war lange Zeit ein Problem, das man durch Passivrauchen auch seine Gesundheit gefährden konnte. Soviel zur „Harmlosigkeit“ von legalen Drogen...

Zuletzt natürlich die Kosten für die Allgemeinheit für die Behandlung, der Folgen des Drogenkonsums sei, es für Entziehungskuren wie auch Behandlung der Folgen.

Die heutige Praxis

Das sind nur drei Punkte, die mir spontan einfallen. Was haben wir stattdessen? Es gibt zwei legale Drogen, und zwar welche mit großen Auswirkungen auf die Gesundheit, die sind gesellschaftlich akzeptiert. Wann immer man (z. B. bei der Hanflegalisierung) einbringt, das Cannabis viel harmloser als Tabak und Alkohol seie, heißt es, „das wäre kulturell geprägt“ und man dürfte es nicht verbieten. Das hat nichts mit Rationalität zu tun. Wenn ich möchte, das möglichst wenig Drogen (egal welcher Art) konsumiert werden, dann sollte ich drauf hinarbeiten, dass man dieses Ziel erreicht. Stattdessen gibt es zwei Drogen die sind weitestgehend erlaubt, ohne Mengenbeschränkung und Probleme bei der Beschaffung und andere sind total verboten. Dazwischen gibt es rein gar nichts. Also sich zur Besinnungslosigkeit besaufen und man kann in der CSU weit nach oben bringen oder einmal einen Joint konsumieren und man kann, wenn man erwischt wird, schon ein Krimineller sein. Das ist doch nicht eine rationale Poltik.

Nun erhebt der Staat ja auf die Drogen Steuern und wahrscheinlich führt er das als Argument für seine „Gesundheitsvorsorge“. So nach dem Motto: Wir haben Tabak in den letzten Jahrzehnten enorm verteuert (ich kann mich noch erinnern, als eine Packung Zigaretten 2,50 DM kostete und da waren sogar noch 21 Stück drin). Dazu kommen Verbote für die Werbung und den Verkauf an Jugendliche. Aber so richtig wirken tut das angesichts der vielen Toten und Kranke nicht. Wenn der Staat wirklich ernst mit der Drogenprävention machen würde, dann wäre der Weg ein anderer. Natürlich nicht ein Verbot. Das würde angesichts von Tausenden, die heute davon abhängig sind, aber noch mehr, die regelmäßig Tabak und Alkohol konsumieren, nichts bringen. Das haben andere Länder, wie die USA bei der Prohibition ja beweisen. Ich sehe den Weg darin, zum Einen auf einen gesellschaftlichen Wandel hinzuarbeiten. Dazu gehört auch das Politiker in der Öffentlichkeit keinen Alkohol konsumieren. Sie haben ja dann auch Vorbildcharakter. Politiker die im Vollrausch Verkehrsunfälle bauen, sind da eher kontraproduktiv. Zum anderen eben die Droge nicht verbieten, aber den Zugriff erschweren. Das bedeutet eben, dass man nicht überall Alkohol kaufen kann. Und nicht in jeder Menge. Im Prinzip entspricht es dem Modell, dass man in Colorado beim Hanf verfolgt: Man bekommt Cannabis nur in bestimmten zugelassenen Geschäften. Die müssen von Schulen einen Sicherheitsabstand einhalten und man kann dort nur kleine Mengen für den täglichen Konsum kaufen. Auf Alkohol übertragen darf man dann vielleicht eine Flasche Wein oder 2-3 Flaschen Bier kaufen, aber keinen ganzen Kasten und eine Schachtel Zigaretten, aber keine Stange. Natürlich hindert das die schon Abhängigen nicht an ihrer Sucht. Das ist auch nicht der Sinn der Sache, aber es erschwert es denen, die nahe an der Sucht sind an ihren Stoff zu kommen und es schärft das Bewusstsein: Du tust etwas was unerwünscht ist. Die wo dagegen nur ab und an mal eine Flasche Bier trinken sind dagegen kaum betroffen. Aber sie denken vielleicht darüber nach ob sie so oft trinken müssen, wenn sie mehrmals in der Woche ihren Nachschub kaufen müssen.

Tolerierte Volksdrogen – ohne Substanzen

Ein zweiter Punkt ist, das unser Gesetzgeber sich völlig fokussiert auf Drogen, die man in irgendeiner Form einnimmt. Zwar weist der Drogenbericht inzwischen auch Glücksspiel, Internetsucht und Computerspielsucht. Ich habe mir mal den Drogenbericht 2015 angesehen. Er ist nicht mal so schlecht. So nehmen Tabak und Alkohol durchaus den meisten teil ein, obwohl immer von der Politik als „kulturell“ verharmlost. Ich fand bei Cannabis nur Fallzahlen, wie viel man beschlagnahmt hat oder wie viele Cannabis konsumieren, aber keine Zahl wie viele einen problematischen Konsum haben. Den gibt es aber bei Glücksspiel: 0,3 bis 0,8 % der Bevölkerung in den letzten Jahren, ebenso viele bei Computerspielen (bei Jugendlichen sogar 1,2%) und ganz schlimm ist es bei der Internetsucht, die betrifft 500.000 Erwachsene (1%) und 250.000 Jugendliche, wobei bei den 14 bis 16-Jährigen sogar ein Spitzenwert von 4% erreicht wird. Das sind mehr Abhängige als bei allen legalen und illegalen Drogen zusammen und das bei Jugendlichen, die doch sonst einen besonderen Schutz genießen!

Davon sind also viel mehr Personen betroffen als von illegalen Drogen. Doch was tut der Gesetzgeber? Eigentlich nichts. Dabei kann man hier mit wenigen Mitteln relativ viel machen. Technische Geräte, die süchtig machen können, könnten eine technisch eingebaute Zeitsperre haben, wie z.B. maximal 4 Stunden Internet am Tag oder nach 20 Uhr nur noch Verbindungen für Anrufe. Bei Glücksspiel kann man heute schon bundesweite Hausverbote erlassen, doch das geschieht sehr selten und meist auf Antrag der Betroffenen selbst. Vor allem finde ich sehr komisch das man hart gegen Drogen vorgeht, die man als "illegal" brandmarkt, diese neuen „Drogen“ die aber auch nicht kulturell geprägt sind (außer vielleicht Glücksspiel) und die es erst seit einigen Jahren oder Jahrzehnten gibt, gegen die wird nichts getan, nicht mal die von mir erwähnten relativ einfach umzusetzenden technischen Maßnahmen. Wenn ich z.B. Computerspielen mit mangelnder sportlicher Aktivität und stundenlangem Sitzen vor dem Monitor assoziiere, könnte, man auch auf die Idee kommen, eine Gamer-Grafikkarte nur bei Vorlegen eines aktuellen Fitnesspasses und bei einem BMI unter 27 zu verkaufen. Das klingt zuerst surreal, aber genau das ist es doch was wir wollen: Die Leute sollen eben nicht vor dem Computer hocken und sich bewegen, und wenn sie das tun, dann sollen sie auch spielen dürfen, eben eine auf Fakten basierte Politik.

Gesellschaftliche Ächtung

Der zweite Punkt ist gesellschaftliche Ächtung. Das kann funktionieren. Muss aber nicht. Bei Tabak hat das funktioniert, die Zahlen des Drogenberichtes zeigen, dass der Konsum stark rückläufig ist. Obwohl Designerdrogen oder Crystal-Meth einen viel übleren Ruf haben und es bei Letzterem genug abschreckende Beispiele gibt, sind hier die Fallzahlen aber eher gestiegen. Völlig in die Hose ist es gegangen beim Cannabis. Cannabis ist illegal, das schon seit Jahrzehnten, doch der Hype von Cannabis liegt nicht in den Sechziger Jahren und den frühen Siebzigern, also zur Zeit von 68-ern und Hippies sondern heute. Es wird immer mehr sichergestellt, umfragen zeigen auch das immer mehr schon mal Cannabis zu sich genommen haben. Warum? Nun, wenn ich mir mal das Fernsehen als Medium ansehe, so tauchen dort immer wieder illegale Plantagen auf oder es wird ein Joint geraucht. Doch die Konsumenten werden dort nicht als Schwerverbrecher dargestellt, sondern die Polizei geht darüber hinweg (hat natürlich beim Fernsehen meist damit zu tun, dass dort nur Morde aufgeklärt werden, und von einem Zeugen wird man kaum eine Aussage bekommen, wenn man ihn wegen drei illegalen Hanfpflanzen einsperrt). Manchmal raucht auch der Kommissar einen Joint. Cannabis hat also nicht den üblen Ruf einer illegalen Droge mit fürchterlicher Abhängigkeit, gesellschaftlicher Ausgrenzung, Gesundheitsschäden, und Beschaffungskriminalität, eher den von lockeren Leuten, die gut drauf sind, mit Liebe ihre Hanfpflanzen hegen und pflegen. Kurzum: Unsympathisch sind Cannabis-Junkies eher nicht. Sie randalieren nicht, grölen nicht´, rauben niemanden aus.

Was lehrt uns das: Man kann nichts gesellschaftlich ächten, was eigentlich nichts Böses mit den Menschen macht. Es fehlt dann einfach das abschreckende Beispiel.

Kommen wir zum letzten Punkt der Politik nach Rationalität: Was hat der Staat von Verboten und Geboten. Auch dies gilt es abzuwägen. Eine illegale Droge kostet erst mal etwas. Die Strafverfolgung kostet Geld. Wenn jemand verurteilt wird, verursacht er auch Kosten. Das muss man Gegenrechnen mit den Kosten, wenn viel mehr Leute die Droge konsumieren würden. Das sind dann Kosten für Entzugskliniken, Behandlung der Gesundheitsschäden (vor allem bei Alkohol und Tabak) aber auch Kosten für die Gesellschaft wie verursacht durch Beschaffungskriminalität oder Verlust der Impulskontrolle.

Eigentlich müsste auch unter diesem Gesichtspunkt Cannabis legalisiert werden. Junkies sind eher gut drauf. Sie tun auch keinem Weh, sondern liegen eher phlegmatisch auf der Couch rum. Junkies grölen keine Parolen, beginnen keine Schlägereien vor dem Stadium und gehen nicht auf Demos. Kurzum: Eigentlich sind sie der Idealzustand des Wählers, den sich ein Politiker wünschen kann. Ich vermute aber genau hier hat man doch mal nachgerechnet, und zwar mit dem Worst-Case Szenario. So nach dem Motto: was passiert, wenn 82 Millionen Deutsche Cannabis konsumieren und nur 10% davon dann dauerbekifft sind? Die gehen nicht mehr zur Arbeit, verdienen nichts mehr und die Kosten für die Sozialausgaben explodieren – Harz IV hin oder her. Unter dem Gesichtspunkt macht es auch Sinn, das Alkohol legal ist: Nach dem Drogenbericht sterben Alkoholabhängige durchschnittlich mit 61 Jahren – 17 Jahre früher als der Rest der Bevölkerung und damit vor dem Renteneintrittsalter. Das spart pro Alkoholtoten 13 Jahre Rente de Rentenkasse. Bei 1000 Euro pro Monat also rund 169.000 pro Person – das ist doch mal ein Argument für den Alkohol! Genauso wird man wohl bei Tabak gerechnet haben. Je nach Studienlage sterben die 5-12 Jahre früher. Auch hier eine enorme Ersparnis und noch ein Vorteil: An Lungenkrebs stirbt man enorm schnell, anders als bei den Gesundheitsschäden durch Alkohol. Er hat eine lange Vorlaufzeit bis zum Ausbruch doch dann geht es schnell. So verursacht ein Raucher weniger Kosten, als er später der Rentenversicherung einspart. Vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum diese Drogen erlaubt sind!


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