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Web Log Teil 504: 19.7.2017 - 25.7.2017

19.7.2017: Noten, italienisches Essen und schlechte Werbung

Nachdem ich euch in den letzten Blogs mit speziellen Themen gefordert habe, nun drei allgemeine Themen, zu denen jeder etwas zu sagen hat. Fangen wir an mit den Noten. Letzte Woche kam in Quarks & Co eine Sendung über Schulnoten. Ich muss sagen die hat mich zum Nachdenken gebracht. Ich war eigentlich immer stolz auf meine Noten. Zumindest die Guten. Wenn man mal von dem Grundstudium an der Uni absieht, hatte ich seit dem Ende der Hauptschule immer nur gute Noten, sowohl in drei Schulsystemen, wie auch zwei Hochschulen und sonstigen Kursen. Aber der Beitrag über eine Schule ohne Noten, zumindest bis in die letzten Klassen hat mich doch zum Umdenken gebracht. Anstatt Noten gab es eine Einstufung – im Prinzip auch eine Note, aber mit Hinweisen und einer Beurteilung und as nicht auf ein Fach bezogen, sondern wirklich einzelne Inhalte. Ich habe mich zuerst gefragt wie die Lehrer dafür Zeit haben so detaillierte Beurteilungen zu schreiben, aber wenn man es genauer betrachtet, müssen sei, dafür keine Klassenarbeiten stellen und korrigieren. Trotzdem setzt dies eine intensive Beschäftigung mit dem Schüler voraus, um überhaupt so viel über ihn zu wissen, um die Beurteilung zu schreiben. Etwas was wohl bei 25 Schülern in einer Klasse kaum möglich ist. Wenn man so detaillierte Beurteilungen bekommt, hilft das Einem Defizite zu erkennen. Zumindest wenn man wirklich den Stoff lernen will, ist das hilfreich.

Ich habe dann meine alten Zeugnisse rausgeholt und nachgeschaut, was die Noten über mich aussagen. Im Prinzip steht da ja mein Leben drin, aber wie ich durch die Zeugnisse blätterte, hatte ich Probleme. Einmal hatte ich in Wirtschaftslehre 9 Punkte, ein Halbjahr später 13. Was da passiert ist? Ich weiß es nicht. Wie sicher jeder merkt, ist Deutsch nicht meine Stärke, ich hatte im Gymnasium aber durchgehend 8-10 Punkte und in der Berufsfachschule ein gut. Die Note sagt also nicht einmal, was darüber aus ob ich das Fach eigentlich beherrsche. Ich dachte mir dann: „Welche Note ist eigentlich die, die am meisten über Dich aussagt?“ und kam dann auf Verhalten und Mitarbeit. Komisch, obwohl ich schwören konnte, das es die Note immer gab, gab es so was nur bis zum letzten Halbjahr der Hauptschule. Nun war ich eigentlich schon immer ein unbequemer Mensch, auch als Kind. Schon damals habe ich mit meiner Meinung nicht hinter dem Berg gehalten und meine Mutter musste sich etliche Klagen der Lehrer anhören.

Allerdings war ich auch, zumindest, nachdem ich meine erste Augenoperation in der vierten Klasse hatte, immer am Stoff interessiert (vorher habe ich schlicht und einfach nicht erkennen können, was an der Tafel stand). Ich hätte also erwartet, dass ich immer schlechte Verhaltensnoten und gute Mitarbeitsnoten hatte – Pustekuchen. Die letzten Jahren waren beide gut bis sehr gut, nur in der fünften habe ich mir mal ein unbefriedigend bei dem Verhalten eingehandelt. Was auch der Beitrag bei Quarks und Co aufzeigt: Noten sind nicht objektiv, sie sind subjektiv und hängen von verschiedenen Umständen auch vom Lehrer ab. Als ich von der Hauptschule auf die Berufsfachschule gewechselt bin, ist bei mir in einem Jahr der Notendurchschnitt um 0,7 gestiegen, bei fast allen anderen Mitschülern dagegen gesunken. Ich hatte einen sehr anspruchsvollen Lehrer. Wie meistens im Leben habe ich das erst nach dem Ende der Hauptschule schätzen gelernt denn die Berufsfachschule kam nun ziemlich leicht vor, einiges war sogar nur Wiederholung von Dingen, die ich schon kannte.

Okay, Noten für Verhalten und Mitarbeit darf man nicht mehr geben und das ist auch sinnvoll. Aber wie sieht es mit den Noten selbst aus. Sind die eigentlich wirklich notwendig? Also wenn ich mich zurückerinnere, so war ich mir immer bei Klassenarbeiten, Tests, Prüfungen nach der Arbeit ziemlich sicher, welche Note ich bekommen würde. Vielleicht nicht genau, aber auf eine halbe Note genau. Für die Selbsteinstufung braucht man Noten nicht, eher zur Fremdeinstufung. Leider geht es nicht ohne Noten, denn es gibt sie ja auch jenseits der Schule. Bei Arbeitszeugnissen gibt es zwar keine Noten aber trickreiche Formulierungen, die man auch nachschlagen kann und im Prinzip füllen die die die Bewertung veranlassen auch ein Blatt mit Noten aus, das dann in der Personalabteilung in Formulierungen wie „Hat sich redlich bemüht“ oder „hat stets zu unserer höchsten Zufriedenheit“ umgesetzt werden. Sobald es eine Note gibt, achtet man nur noch auf sie. So auch bei der Schule „ohne Noten“. In den letzten beiden Schuljahren gibt es sie auch dort, weil gesetzlich vorgeschrieben. Ein Schüler in der 12ten Klasse. „Es gibt nach wie vor die Beurteilungen, doch ich habe bald gemerkt, dass ich nur noch auf die letzte Seite mit der Note schaue“.

Eine Welt mit differenzierter Beurteilung wäre schön, ich fürchte nur sie wird es nicht geben.

Das Zweite war eine Sendung über die Entwicklung der Bundesrepublik. Da kam ein Beitrag über Gerichte, aus Ländern, die einzogen, nachdem die Deutschen im Ausland Urlaub machten und ein Promi nannte als Beispiel Mirakuli mit dem Zusatz „komisch, das schmeckt scheußlich, aber damals habe ich es geliebt“. Da ich in dem Blog hier auch schon mal gelesen habe, dass das Gericht ungenießbar sein soll, nehme ich das als Aufhänger. Ich esse nämlich gerne Mirakuli, bzw. Die NoName Variante Combino. Gut, das Gericht gewinnt keinen Stern, schon alleine, weil die Packung billiger ist, als wenn man Spaghetti und pürierte Tomaten getrennt kauft. Aber scheußlich? Mir fiel dann eine Sendung mit Tim Mälzer ein, der ist ja Sternekoch und findet Dosenravioli toll. Bei einer Sendung, in der eine Ernährungsexpertin Tipps für das Augfpeppen gab, verwahrte er sich vehement dagegen, die müsse man so essen, wie sie aus der Dose kommen und dann kam mir die Erleuchtung: kindliche Prägung. Bei uns gab es immer Deutsches, besser gesagt schwäbisches Essen mit nur wenigen Ausnahmen. Mirakuli war so eine, wahrscheinlich, weil es im Prinzip Nudeln mit Soße sind. Ravioli gab es bei uns nicht. Die habe ich, glaube ich, zum ersten Mal mit 15 probiert und fragte mich, wie man so was freiwillig essen kann. Sie schmecken nach gar nichts. Seitdem kann man, die Versuche Dosenravioli zu essen, an einer Hand abzählen.

Ich muss auch gestehen, ich bin der Albtraum eines italienischen Restaurants. Ich esse italienisches Essen wie deutsches Essen. Wenn ich Mirakuli mache, wird die Tomatensoße mit Tomatenmark verlängert und es kommt noch ein Teelöffel gekörnte Brühe rein. Seit ich im Garten Thymian und Oregano auch diese. Mir war er Klacks Soße bei der Nudelmenge immer zu wenig. Die Spaghetti werden in 4 Teile gebrochen, weil kurze Nudeln genauso gut wie lange schmecken, aber viel praktischer sind und ich esse Spaghetti weich und nicht al Dente.

Damit nicht genug. Ich mag kein Basilikum. Ich finde es schmeckt einfach nur bitter. Mozzarella kommt bei mir nicht mal auf die Pizza (ich nehme Emmentaler oder geraspelten Parmesan dazu). Ich habe einmal Mozarella mit Tomaten probiert – schmeckt auch nicht besser als mit ohne Tomaten. Mozarella ist ein für mich geschmacklich indifferenter Käse und wird nur noch von Mascarpone übertroffen. Der schmeckt nicht mal salzig und soll wohl so was wie Frischkäse sein. Von der einzigen Packung, die ich je gekauft habe, haben meine Katzen die Hälfte verzehrt.

Ganz kann die Prägung allerdings nicht durch die Kindheit erfolgen. Denn bei uns gab es auch keine Pizza. Die habe ich auch erst mit 15 kennengelernt. Inzwischen mache ich mir Pizza selbst, weil mir die Fertigpizza zu hart war. Und die gibt es regelmäßig.

Nun zum letzten Thema: schlechter Werbung. Eigentlich wird ja alles immer professioneller. Wer heute alte Werbung aus den Fünfziger bis Achtzigern anschaut, muss oft schmunzeln. Da erscheint das schlechte Gewissen bei der Jakobs Krönung, wird Persil von einem Mann im Anzug mit den Worten „Da weiß man, was man hat“ oder noch besser „Das beste Persil aller Zeiten“ angepriesen (eine andere Aussage würde implizieren, dass man das Produkt verschlechtert hat). Da fallen heute Beispiele mit richtig schlechter Werbung wirklich auf. Zwei fielen mir auf. Das eine ist die Fernsehwerbung der Firma Medipharma Cosmetics, sie ich schon mal auf dem Visier hatte. Die ist extrem gekünstelt, so erkennt man, wenn in Apotheken gedreht wird, im Hintergrund nur Regale voll mit einem Produkt, wahrscheinlich diesem Produkt. Aber besonders toll ist der Spot für die Olivenöl Intensivcreme. Da sagt dann zuerst der Apotheker „ohne Parabene und Mineralöl“, dann die „Verbraucherin“ „ohne Parabene und Mineralöl, das hat mich sofort überzeugt“ und dann kommt das natürlich auch noch im Abspann „ohne Parabene und Mineralöl“. Die Wahrscheinlichkeit das zwei Personen genau denselben Fachbegriff in derselben Formulierung zweimal benutzen ist gering. Ein Verbraucher wird wohl nicht von Parabenen sprechen (fragen sie mal 10 Leute, was das eigentlich ist...) sondern von Konservierungsstoffen sprechen. Mir ist der Ausdruck PHB-Ester geläufiger und ich denke die meisten Verbraucher werden auch von Erdöl, Paraffin, Vaseline oder synthetischem Öl sprechen, nicht Mineralöl. Ich denke dann denken sie eher an Benzin. Kurzum: die Werbung ist extrem künstlich, extrem schlecht gemacht.

Das Zweite ist eine nervige Radiowerbung, ich vermute sie ist nur regional bekannt. Es gibt bei uns ein Mineralwasser namens Peterstaler. Das machte jahrelang Werbung mit einem Reporter mit nerviger Stimme der Mitarbeiter der Firma fragte was sie machen würden und die sagten nur „Ich bin Peterstaler“. Das haben sie nun variiert, fangen mit dem Beginn der alten Werbung an und nun machen sich Leute ein bisschen über die alte Werbung lustig und sagen sie wären schon immer Petertaler oder hätten das Wasser probiert und wären hängen geblieben.

Ich finde die neue Werbung genauso schlecht. Das grundlegende Problem: Es ist Mineralwasser. Bei Mineralwasser kann man am Produkt nichts ändern, nicht die Rezeptur abändern (wovon ich auch abraten würde, Coca Cola hat mit einem „neuen Rezept“ in den Achtzigern die größte Pleite in der Firmengeschichte gehabt). Die Firma Peterstaler hat es zuerst mit Identifikation mit Mitarbeitern versucht, die man aber als Konsument eh nicht kennt und die dann mehr über die Firmenkultur als das Produkt sagen, nun eben darüber das es gut schmecken würde und dies andere überzeugt – ein besserer Ansatz aber noch nicht der ideale. Ich würde, wenn es geht, auf die Inhaltsstoffe abheben. Nach den Angaben des Unternehmens etwas Calcium (81,6 mg/l), relativ viel Natrium (124,8 mg/) und an Anionen vor allem Hydrogenkarbonat, ist chemisch also eine Mischung aus Soda und Kalk. Gut, da kann man nun nicht mit günstiger Mineralstoffzusammensetzung werben. Immerhin ist die Zusammensetzung ähnlich bekannter Markenwässer wie Evian oder Apollinaris. Da könnte man sich mit diesen vergleichen. Viele werden auch die leicht salzige Note mögen, dann schmeckt das Wasser nicht so nach Wasser. Aber in der Werbung herausgehört habe ich das noch nie. In den mindestens 10 Jahren die die Werbung läuft habe die niemals gesagt, wie ihr Wasser schmeckt. Seltsam oder? Das Zweite, was mir noch einfällt, ist, weil es heute auch ein Thema ist, der Bezug auf die Rationalität, auf die auch andere Firmen setzen. Da ich leider nicht weiß ob die Werbung bundesweit läuft kann ich mich nicht dazu äußern, wenn sie nur regional läuft, dann wäre das ein Punkt, wo man ansetzen könnte.

Soviel für heute, was meint ihr zu den Themen?

21.7.2017: Drei Monate ohne SpaceX …

Enden heute. Ich habe am 25.4. verkündet einige Zeit nichts mehr über die Firma zu schreiben, und ich denke 3 Monate später ist eine gute Zeit, mal wieder das Thema aufzugreifen. Ich Pfands toll. Wenn ich alleine sehe, was in den drei Monaten wieder an widersprüchlichen Meldungen auftauchte und wie alte Ankündigungen zusammenfallen. Ich werde das Konzept beibehalten, weil es extrem viel Zeit spart, schlussendlich hat sich an der grundlegenden Situation, nämlich dem, dass sich andauernd was ändert und es nicht wirkliche harte Fakten gibt, nichts geändert. Ich bin für das folgende SpaceNews und Spaceflight now als Portale durchgegangen nach den News über die Firma. Allerdings mit Suchfunktion, sodass mir vielleicht ein paar Dinge entgangen sind. Ich will den Artikel in zwei Teile aufteilen. Das Erste sind die Fakten, das Zweite ist meine persönliche Interpretation.

Fakten

Die wohl am meisten beachtete Meldung kam vor einigen Tagen. SpaceX hat sich offiziell von der Landung mit Triebwerken bei der Dragon verabschiedet. Den Newsportalen war dies eine Schlagzeile wert, ich fand es ist ein alter Hut. Schon vor Monaten war bekannt, das SpaceX von der Land auf die Seebergung umschwenkte, die GAO monierte das, in einem Report über die Verzögerungen beim CCDev Programm und die dadurch entstehenden Zusatzkosten (die GAO ist so etwas wie unser Bundesrechnungshof, wacht also darüber, ob die Steuergelder nicht verschwendet werden). Für eine Seelandung braucht man aber keine Triebwerke.

Neues gibt es auch von den Raketen. Zum einen das derzeit die „Block 3“ fliegt, dem für einige Monate die Block 4 folgen sollen und Ende des Jahres dann die Block 5. Details gibt es wenige. Die Block 5 sollen ein Dutzend Mal wiederverwendbar sein, die derzeitigen zwei bis dreimal. Viele Komponenten sein umdesignt und für längere Betriebsdauer requalifiziert worden, aber ob sich grundlegende Parameter wie Massen und Schub ändern, dazu gibt es wie immer keine Daten.

Die meisten Portale gehen von einer weiteren Verschiebung der Red Dragon aus, die man im Februar schon von 2018 auf 2020 verschoben hat oder einer Streichung, weil Musk selbst zugibt, dass seine Idee nicht so richtig gefunkt hat: Now I’m pretty confident that is not the right way and there’s a far better approach.”. Für die Anwendung auf der Erde, die ja vorher erfolgen sollte, sind wohl die Sicherheitsprobleme die Ursache: “The reason we decided not to pursue (powered landings) heavily is it would have taken a tremendous amount of effort to qualify that for safety, particularly for crew transport,”.

Auch scheint er seine Marskolonisationspläne, die ja ziemlich große Vehikel voraussetzen zu überdenken. “It’s evolved quite a bit since the last talk. The key thing that I’ve figured out is how to pay for this whole system to go to Mars. It’s super expensive.”. Wei die neuen, nun wohl preiswerteren Transporter aussehen, hat er aber leider nicht gesagt.

Interessant ist aber folgendes Zitat von Shotwell: “Three years ago or so we were producing six rockets a year. This year we are going to produce more than 20.”

Schon vorher, im Juni flog eine wiederaufbereitete Dragon zur ISS. Diese Dragon war am 25.20.2014 gelandet und inspiziert und Komponenten ausgetauscht worden. Die NASA sah nach Durchforstung der Dokumentation kein größeres Risiko. Inzwischen ist die Dragon wieder gelandet. Anders als bei anderen Abänderungen wurden keine Details über den Vertrag publiziert (als Orbital nach Ausfall der Antares einen Atlas Start buchte und man so mehr Fracht zur Iss bringen konnte und einen Versorgungsflug einsparte, bekam die NASA Geld von Orbital zurückgezahlt und hat das auch veröffentlicht). Obwohl die Dragon zur ISS gebraucht fliegen darf, ist die Falcon 9 in wiederverwendbarer Form noch nicht qualifiziert.

Die Falcon Heavy rutscht auch weiter nach hinten. Von Sommer auf „spät“ im Jahr. Erwartungen schreibt Musk herunter. Man müsste „Tonnen an zusätzlicher Hardware“ in der Zentralstufe installieren. Die gleichzeitige Zündung aller drei Cores scheint auch ein Problem zu sein. “There’s a lot of risk associated with the Falcon Heavy. There’s a real good chance that vehicle does not make it to orbit. I want to make sure and set expectations accordingly.”

Im Januar weist das Launch Manifest 41 offene Missionen auf, heute 52. Die Nutzlast der Falcon Heavy ist von 54,4 auf 63,8 t geklettert und das bei gleicher Startmasse. Musk selbst rechnete am 4.4. mit 20 weiteren Missionen dieses Jahr.

Beim Start von Intelsat 35e mit 6761 kg erreichte dieser nur einen subsynchronen Orbit mit einem Apogäum von 31230 km. Der Inmarsat 5 F4 schaffte bei 6061 kg Startgewicht dagegen einen supersynchronen Orbit (Apogäum 68839 km). Beide erlaubten keine Bergung der Erststufe. ULA gewann dagegen den STP-3 Start für 191 Mill. $. SpaceX konnte nicht mithalten: „the mission performance required that we bid Falcon Heavy.We did submit a bid, but with the knowledge that our first Falcon Heavy flight might occur after the time of the award. Given we have not flown Falcon Heavy, we did not anticipate winning this mission.” Also die Falcon Heavy wird benötigt, dabei ist die STP-3 Mission nicht schwer: 3.493 kg Mindestanforderung, eventuell bis 4537 Pfund Nutzlast.

Schlüsse

Ich halte den Verzicht auf die Landung mit Triebwerken für konsequent. Bisher wurde immer gewassert, warum also von etwas bewährtem abweichen? Zudem durfte die Firma ja eine schon benutzte Kapsel bei einem CRS-Flug einsetzen und der unterscheidet sich nun nicht so sehr von einem bemannten Flug. Auch eine CRS-Kapsel darf nicht undicht werden und muss ankoppeln können. Wenn man also die Dragon schon bei Seebergung wiederverwenden kann, warum etwas neues probieren? Damit ist aber wieder eine großspurige Ankündigung von Musk widerlegt. Wie tönte er doch auf Twitter:“Dragon 2 is designed to be able to land anywhere in the solar system”. Ja anywhere heißt nun: die Erde. Scheiden vorher schon die meisten anderen Körper aufgrund des dV aus, klappt es ohne Antrieb nun auch nicht mehr auf Mond und Mars. Beim Mars braucht man nur wenig Antriebsvermögen, doch die Atmosphäre ist so dünn, das es ohne nicht geht. Alternativ kann man auch Airbags verwenden. Dabei sind beide Ankündigungen (Twitter Meldungen vom Musk vom 27.4.2016 ) wieder mal Material für Ablage P wie Papierkorb. Verwunderlich ist das nicht. Schon im Dezember 2016 hatte sich die NASA davon verabschiedet eine Nutzlast mitfliegen zu lassen. Dabei hatte man damals schon den Starttermin um zwei Jahre verschoben.

Wenn SpaceX nach Shotwells Aussage dieses Jahr 20 Raketen produziert und drei Jahre vorher, 2014 nur sechs, dann wird einiges klar. Ich kann mich noch erinnern, wie SpaceX für 2014 14 Starts ankündigte. Ihr eigenes Launch Manifest wies Anfang Januar 2014 noch 15 Starts für 2014 aus (damals noch mit Datum). 2014 gab es keine Fehlstarts, trotzdem hat die Firma, obwohl sie also jede Menge Startaufträge hat, nur sechs Träger gebaut. Dafür, dass man sie immer so mit Lob überschüttet, ist das erstaunlich wenig geschäftstüchtig. Viele andere Firmen freuen sich über jede Menge Aufträge und würden die schnell abarbeiten, schon allein um den Kunden zufriedenzustellen, damit er weitere Starts bucht. SpaceX macht das Gegenteil und in dem Jahr gab es auch keinen Fehlstart, der die Firma daran gehindert hätte, die Aufträge durchzuführen. Warum? Nun bei Trägern ist Vorkasse üblich. Es gibt einen Starttermin meistens etwa 1-2 Jahre in der Zukunft und bis zu diesem vereinbarten Starttermin muss der Start in Raten bezahlt werden. Das Geld hat man dann und wenn man die Starts erst später ausfuhren muss, spart man solange die Ausgaben. Wieder ein Beweis für meine Idee vom Schneeballsystem bei SpaceX. Dazu passt auch das die Firma nach eigenen Angaben 1 Milliarde Dollar in die Entwicklung der Wiederverwendung der ersten Stufe gesteckt hat. Irgendwoher muss das Geld ja kommen. So viel Geld von Investoren hat die Firma nie akquiriert, aber 16 vorbezahlte Starts ergeben rund 1 Milliarde Dollar. Der Satellit SAOCOM, der übrigens 2014 gestartet werden sollte, (Startunterzeichnung war sogar schon 2009) wartet übrigens immer noch auf seinen Start.

Wie ist der Start der wiederverwendbaren Dragon einzuordnen. Seltsam ist, dass die NASA nichts über eine finanzielle Kompensation veröffentlicht hat. Da ist sie sonst recht schnell, schließlich möchte sie als Regierungsorganisation beweisen, das sie keine Steuergelder verschwendet und wenn SpaceX Kosten spart, ist es üblich das man dann Geld zurückbekommt so wie damals bei Orbital. Auch seltsam ist das die Dragon zur ISS fliegen darf, die wiederverwendbare erste Stufe aber noch nicht genutzt werden kann. Aus „Kundensicht“ - der CRS-Kontrakt unterscheidet sich von normalen Abschlüssen der NASA dahin gehend, dass sie weitaus weniger intensiv in die Mission eingebunden ist. Sie bucht nur einen Service, kann aber nicht wie bei anderen Starts Forderungen stellen, wie SpaceX vorzugehen hat und was sie alles zusätzlich an Dokumentation abliefern müssen. Aus dieser Sicht sollte es egal sein, ob die Dragon oder Erststufe wiederverwendet wird, und die Falcon 9 war als sie die ersten Dragon Flüge durchführt auch nicht zertifiziert. Vieles spricht dafür wie auch der gebuchte Start des X-37 ohne Ausschreibung, dass man die Firma gezielt stützen will, denn so spart SpaceX Kosten ein, bzw. kommt zu einem Start ohne Konkurrenz fürchten zu müssen.

Schaut man sich das Launchmanifest an, so sieht es auf den ersten Block toll aus – weitere 11 Missionen gewonnen. Doch, wenn man dann die Einträge vergleicht, so sieht das anders aus. Von 26 neuen Starts seit Jahresanfang entfallen 19 auf Regierungsaufträge, alleine 13 auf CRS/CCdev Flüge, die alle in ferner Zukunft liegen. Das bedeutet: SpaceX ist wie ich schon mal geschrieben habe langsam auf dem Weg zu ULA 2.0. Regierungsaufträge machen inzwischen knapp die Hälfte der Starts aus, berücksichtigt man das für die CRS und CCDEV Flüge mit den Kapseln mehr als doppelt so viel wie für einen Start bezahlt wird und ein Start für die USAF / NASA signifikant teurer ist sind es sogar 70 % der Einnahmen, die 2,6 Milliarden aus CCDev hinzugerechnet steigt der Anteil auf 80 % - als ich letztes Mal reinschaute, waren es noch 70%. Beides hängt meiner Ansicht nach zusammen: Da die Firma seit es sie gibt, nie geplante Startpläne halten konnte, immer hinterherhinkte und zwei spektakuläre Explosionen mit Totalverlust der Nutzlast hinnehmen musste bleiben nun eben die Aufträge aus. Die Regierung springt ein mit Ausschreibungen ohne Konkurrenz oder Buchung von CRS Flügen bis Nummer 26 (im Januar war noch bis Flug 15 gebaucht, der auch erst in zwei Jahren ansteht) also 11 Versorgungsflügen auf einen Schlag. So was nennt man Quersubvention.

Interessanter finde ich die letzten Starts und zwar die Orbits mit Nutzlastangaben. Erinnern wir uns: Musk sagte eine Seelandung kostet 15 % Nutzlast. Die Falcon 9 soll derzeit (die Angaben wechseln ja dauernd) 8,2 t in den GTO transportieren, 15 % weniger sind 6.970 kg. Alle Satelliten, die kleiner sind, sollten also eine Bergung auf dem Dronenschiff ermöglichen. Nun kommt der Intelsat 35 mit 6,76 t schon nicht in den GTO, sondern nur einen subsynchronen GTO. Daraus kann man ableiten, dass die Nutzlast für den GTO schon ohne Bergung kleiner ist, denn sonst hätte man diesen ja dort abgesetzt. Bei 6,06 t (Inmarsat 5 F4) geht immer noch keine Bergung, aber immerhin ein supersynchroner Orbit, der rund 300 m/s energieintensiver ist als ein GTO, der Intelsat braucht dagegen rund 80 m/s bis zum GTO. Daraus kann man relativ gut die maximale Nutzlast einer Falcon 9 ohne Bergung für den GTO zu rund 6,24 t ableiten. Hmm, differiert irgendwie mit den SpaceX Angaben auf der Webseite. Aber sicher nur kurz, bis diese wieder angepasst werden …

Zur Falcon Heavy. Warum wundert mich es nicht, dass sich nun rausstellt, das es nicht ganz so einfach ist, 30 Triebwerke simultan zu zünden? Hmmm, vielleicht weil ich das schon mal vorhergesagt habe? Es hat schon einen Grund, warum es bisher nur Raketen bis maximal 8,9 Triebwerken gab, die erfolgreich flogen. Die N-1 mit 30 scheiterte dagegen. Von dem Cross-Feeding habe ich seit Längerem nichts mehr gehört. Ob es noch Bestandteil des Konzepts ist, weiß man also nicht. Ich halte Musks Äußerungen über einen Totalverlust beim Jungfernflug aber für Understatements. Ähnliches gab es ja schon beim Start der ersten Falcon 9 von ihm. SpaceX hat mittlerweile über 30 Falcon 9 gestartet, dann kann man erwarten, dass sie auch die Falcon Heavy im Griff haben. Zudem würde ein Träger mit nicht nur kleinen, sondern massiven Problemen (schafft nicht den Orbit) mindestens einen weiteren Teststart nötig machen, der ja nicht geplant ist. Ich sehe bei der Falcon Heavy ein ganz anderes Problem: Sie ist zu groß. Wenn SpaceX mit der Falcon 9 rund 6,3 in den GTO bringt, dann können sie fast alle Satelliten starten, die heute kommerziell gestartet werden. Doppelstarts sind nicht vorgesehen und wohl auch nicht möglich (Länge und dadurch induzierte aerodynamische Belastung). Es gibt Äußerungen von SpaceX. dass sie die Rakete nur für US-Regierungsmissionen brauchen. Dafür spricht auch das ULA die STP-3 Mission gewonnen hat. Der GEO hat vom Cape aus ein dV von 1700 m/s zum GTO. Eine Mars-Transferbahn 1400 m/s. Das bedeutet, eine Falcon 9 sollte in etwa die gleiche Masse wie zum Mars in einen GEO transportieren können. Bei 4020 kg Nutzlast, die für den Mars angegeben sind, würde eine Falcon 9 also ausreichen. Auch hier: Wenn man dafür die Falcon Heavy braucht, stimmt was nicht mit den Nutzlastangaben. Immerhin das ist profitabel. NASA Starts kosten 84/86 Mill Dollar auf der Falcon 9, DOD-Starts sogar 96. Das ist erheblich mehr als man im kommerziellen Sektor bekommt, zumal wie oben geschrieben die Starts garantiert sind, schließlich läuft schon jetzt die Subventionsmaschine auf Touren.

Nun noch zu den anderen Ankündigungen. Der ITS ist zu teuer? Super-Expensive? Manchmal frage ich mich in welcher Welt Musk lebt. Seine Falcon 9 kostet 60 Millionen, wenn sie 12-mal wiederverwendet werden, kann dann sinkt der Startrpeis nach Shotwells Aussage auf 40 Millionen. Aber er prognostiziert eine Reduktion der Startkosten nicht auf 2/3 sondern 1/100 und er will Menschen für 100.000 $/Ticket auf den Mars bringen mit einer Rakete, die mindestens 10-mal größer als eine Falcon 9 und entsprechend teurer ist. Und nun merkt er auf einmal das, das irgendwie nicht so klappt? Woanders würde man wohl so vorgehen: Eine Idee wird mal durchgerechnet, und wenn man sie umsetzen kann, dann fängt man an zu entwickeln und wenn man auch dann noch sicher ist, dass es klappt, dann kündigt man es an. Bei Space läuft es meiner Ansicht nach so. Der große Vorsitzende hat eine Idee, posaunt sie heraus und das Fußvolk muss sehen wie sie umsetzen können. Anders kann ich mir nicht erklären, dass man erst ankündigt, man will auf Landebeinen und mit Triebwerken landen und das dann nach einigen Jahren einstellt. Anders kann ich mir Projekt, wie den Its die jeder für utopisch hält, nicht erklären, wie auch das man von so vielen Dingen, die angekündigt werden, wie Raptor Triebwerk, Red Dragon oder der Flotte von erdnahen Kommunikationssatelliten nichts mehr hört.

Was Musk völlig am Arsch vorbei geht scheint es Geld zu verdienen. Wenn man 2014 15 Starts im Launch Manifest hat, aber nur 6 Träger baut, dann sind einem die Kunden egal. Anders kann man es nicht ausdrücken. Bald wird man wohl auf einen Falcon Start warten müssen wie auf einen Trabi. Ebenso hört man nichts vom neuen Spaceport in Texas, der ja eigentlich längst (2016) betriebsbereit sein sollte. Angesichts dessen das im Cape nur eine von zwei Startrampen bereit ist, wäre das sicher eine Entlastung. Nun redet man von Ende 2018 für den ersten Start. Aber ich vermute die Produktion von Trägerraketen ist das limitierende. Denn selbst wenn sie 20 Starts pro Jahr hinbekommen (die Zahl nannte ja Shotwell als Produktionsziel für dieses Jahr), dann sind das immer noch 4 weniger als Musk im April ankündigte.

Fazit

Viele Ankündigungen, viele geplatzte Blasen, nichts konkretes. Die letzten drei Monate waren wie die letzten 8 Jahre. Musk ist eben der Münchhausen für das 231-ste Jahrhundert und wie Münchhausen findet er genügend Leute, die seine Geschichten glauben.

Für mich hat sich das Konzept bewährt. Ich habe zwar zum Durchsuchen der News und zum Schreiben dieses langen Artikels fast einen Tag gebraucht, aber wenn ich drei Monate lang die Firma verfolgt hätte, wäre das noch viel Zeitaufwendiger. Ich wage nicht dran zu denken, wie viel Zeit die SpaceX Fans über Diskussionen über die vielen Ankündigungen verbraten, und einige Monate später ist dann doch wieder alles anders. Schade ist es nur um die Website. Die zu aktualisieren, habe ich aufgegeben, dazu hat die Wahrheit von SpaceX zu viel Elastizität und Fakten ändern sich zu schnell – alleine von der Falcon 9 kann ich mindestens 3 „Modelle“ anhand der Webseite Angeben unterscheiden.

Ich denke 2-3 Monate ist ein schöner Zeitpunkt für den nächsten SpaceX-Artikel also so Anfang bis Mitte Oktober. Wer weiß, vielleicht hat SpaceX bis dahin wieder mal eine Startrampe in die Luft gejagt oder man hat ein neues Projekt angekündigt, wie die Energiegewinnung im Weltraum oder die bemannte Mondlandung.

25.7.2017: Wie klein kann der Schub für eine Oberstufe sein?

Schaut man sich neue Oberstufen an, so fällt auf, dass das Schub/Gewichtsverhältnis seit Jahrzehnten absinkt. Das bedeutet bei einem gegeben Gewicht hat die Stufe immer weniger Schub. Man kann dies auch in der Startbeschleunigung ausdrücken, oft angegeben in Bruchteilen von G. Die Ersten, speziell für Trägerraketen konstruierte Oberstufen, kamen wenige Jahre nach Beginn der Raumfahrt auf. Vorher verwandte man einfach das, was es schon gab.

In den USA waren die ersten beiden Oberstufen die Transtage und die Centaur. Die Transtage sollte Satelliten in den GEO bringen und hatte einen Schub von 72 kN bei einer Startmasse (mit Nutzlast) von 14 t, entsprechend einer Beschleunigung mit 5,1 m/s. Die Centaur wog mit maximaler Nutzlast 20 t bei einem Startschub von 134 kN spricht einer Beschleunigung von 6,7 m/s. In dieser Region von 0,5 bis 0,7 g lagen die meisten Stufen damals. So auch Block E auf der Sojus. (6,1 ms), Block L (8,1 m/s), Block D (Proton) war schon eine Ausnahme mit einer Startbeschleunigung von 3,7 m/s.

Im Laufe der Zeit wurden die Stufen immer größer die Triebwerke blieben gleich oder neue Triebwerke, meist mit geringerem Schub wurden eingesetzt. Das RL-10 in der Centaur gibt es nach wie vor. In der aktuellen Centaur hat es inzwischen 99 kN Schub – aber nur noch ein Triebwerk bei einer inzwischen auf 32 t angestiegenen Startmasse (3,1 m/s). Lediglich bei schweren Nutzlasten baut man zwei Triebwerke ein. Das kam bisher noch nie vor wird aber bei den Starts des Starliners und Dreamchasers so sein. Auf der Delta 4 wird eine Variation des RL-10 eingesetzt und hier ist die Startmasse mit maximal 45 t mit Nutzlast bei der Delta 4H sogar noch größer: 2,4 m/s Startgeschwindigkeit.

In Europa wurde das HM-7 zuerst auf der Ariane 1 eingesetzt. Hier wogen Stufe und Nutzlast maximal 12,3 t, was eine Startbeschleunigung von 4,9 m/s ergab. Es wird heute noch eingesetzt, doch mittlerweile wiegen Nutzlast und Stufe 31,5 t bei einer Startbeschleunigung von 2,0 m/s.

In Russland wären die Oberstufen Fraget, Ikar, Volga und Breeze zu nennen – Startbeschleunigungen von 0,43 m/s 1,78 m/s, 0,67 m/s und 0,66 m/s.

Europa stellte als neue Stufe die EPS in Dienst, auch hier: das Aestus Triebwerk hat 28,7 kN Schub bei einer maximalen Startmasse von 29 t – Startbeschleunigung 1 m/s.

Die Schubwahl hat zwei Aspekte. Das erste das die Stufe es in einen Orbit schaffen muss. Die untere Stufe bringt einen Großteil der Vertikalbeschleunigung auf. Die oberen Stufen brauchen daher keine Startbeschleunigung über 1 g. Sie sollte aber auch nicht zu klein sein, denn die Rakete fällt, wenn der Schub geringer ist, und sei muss die Orbitalgeschwindigkeit erreichen, bevor die Höhe wieder zu stark abgesunken ist. Natürlich steigt zum Brennschluss die Beschleunigung wieder an, sodass sie dann wieder Höhe gewinnt, trotzdem sind vor allem bei LEO-Orbits, wo der Orbit ja erst zu Brennschluss erreicht wird, (bei GTO wird eine erste stabile Bahn weitaus früher, weil man hier rund 2,4 km/s mehr aufbringen muss und auch die Nutzlast leichter ist) die Gefahr bei geringem Schub groß, dass man wieder verglüht. So zumindest einmal passiert beim Jungfernflug von Block DM3, als dieser nach 25 Minuten zünden sollte, aber von den Technikern zu voll betankt wurde, sodass er schon nach 10 Minuten wieder in die Atmosphäre eintrat.

Erreicht die komplette Stufe einen Orbit oder fast einen Orbit, so kann der Startschub wirklich gering sein. Die Ikar und Block L erreichten immer einen Orbit, bei der Fregat kann das je nach Nutzlast auch der Fall sein und bei Breeze M und EPS fehlen jeweils nur wenige Hundert Meter pro Sekunde bis zum Orbit, was selbst bei niedrigem Schub nur eine kurze Brenndauer nötig macht.

Im Orbit selbst könnte der Schub dann eigentlich beliebig klein sein – wie ja auch Ionenantriebe zeigen. Auch hier hilft ein Blick auf den Tellerrand. Heute verwenden die meisten Satelliten für den Transfer vom GTO in den GEO Triebwerke mit 400 bis 500 N Schub. Die wurden erstmals im Symphonie Satelliten 1974 eingesetzt. Symphonie wog 245 kg, die größten Satelliten heute 7 t, der Schub ist aber gleich geblieben. Dafür wird der Orbit in mehreren Umläufen angehoben. Der Triebwerksschub blieb gleich, weil dieser an der Grenze ist, wo man ein Triebwerk ohne Kühlung betreiben kann und größere Triebwerke daher teurer und komplexer wären.

Bei den Satelliten ist das noch unkritisch, die machen eine Apogäumszündung in 35.800 km Höhe. Dort ändert sich selbst bei einer Brenndauer von 1 Stunde der Abstand kaum. Das bedeutet geringe Gravitationsverluste und geringe Auswirkungen auf das Apogäum. Anders sieht es beim Transfer von LEO in einen GTO aus. Nach der Zündung in einem LEO wird das Gespann schneller, und gewinnt an höhe. Je weiter es sich während des Betriebs der Stufe von der Erde entfernt, desto länger kann die Gravitationskraft die Stufe abbremsen und desto höher sind die Gravitationsverluste. Zudem steigt das Perigäum durch den Schubimpuls in größerer Höhe an.

Ich habe das im Folgenden simuliert. Ausgangsbasis ist eine 20 t schwere Stufe mit einem Triebwerk von variablem Schub und einem spezifischen Impuls von 3100 m/s, typisch für einen lagerfähigen Treibstoff. Die Ausgangsbahn ist 200 km kreisförmig, die Zielbahn 200 x 35800 km mit einem ΔV von 2457 m/s bei einem Impuls mit Dauer Null. Modelliert man dies nun mit mehreren Triebwerksschüben und dauerndem Betrieb, so ergibt sich folgende Tabelle:

Schub

Restmasse

Geschwindigkeitsänderung

Bahn

Δv Kreisbahn 35800 km

Δv Gesamt

1 kN

5.506 kg

3998,6 m/s

12.605 x 35.800 km

652,4 m/s

4651 m/s

2 kN

5.951 kg

3757,7 m/s

8.917 x 35.800 km

831,9 m/s

4589,9 m/s

5 kN

6.516 kg

3475,7 m/s

5.903 x 35.800 km

1010,9 m/s

4486,6 m/s

7,5 kN

7.065 kg

3225,7 m/s

3.925 x 35.800 km

1148,3 m/s

4374 m/s

10 kN

7.620 kg

2991,4 m/s

2.459 x 35.800 km

1265,1 m/s

4256,5 m/s

15 kN

8.262 kg

2740,7 m/s

1.238 x 35.800 km

1374,0 m/s

4114,7 m/s

20 kN

8.565 kg

2628,9 m/s

791 x 35.800 km

1416,2 m/s

4045,1 m/s

40 kN

8.920 kg

2503,4 m/s

350 x 35.800 km

1459,9 m/s

3963,3 m/s

80 kN

9.019 kg

2468,7 m/s

238 x 35.800 km

1467,1 m/s

3935,8 m/s

Ab 10 kN kann der Transfer in einem Umlauf geschafft werden sonst in mehreren. Wie zu erwarten, haben Bahnen mit einem niedrigen Schub ein höheres Perigäum. Das kostet Energie und das zeigt sich in der Geschwindigkeit, die aufzubringen ist und dadurch auch in der Nettonutzlast.

Deutlich ist aber auch das schon eine moderate Schubsteigerung hier eine deutliche Nutzlaststeigerung bringt, danach der Gewinn aber kleiner wird. In der Gesamtbilanz (also mit der Anhebung des Apogäums) sieht es nicht so schlecht, aus. Der Geschwindigkeitsunterschied ist klein. Es sind nur 700 m/s Unterschied in der Gesamtbetrachtung zwischen 1 und 80 kN Lösung). Höher als 4720 m/s kann es auch physikalischen Gründen nicht werden. Würde man mit dem Satellitenbetreiber ein Paket aushandeln können, indem man beim Startpreis auch den Treibstoffbedarf, den er später hat, berücksichtigt (er müsste seinen Satelliten ja z.B. nicht voll betanken) so könnte der Schub in der Tat sehr gering sein. Die Tabelle ist meiner Ansicht nach realistisch, denn Ariane 5 G hatte in etwa ein Perigäum von 590 bis 620 km bei einer Startmasse von 20,5 t bei 28,7 kN Schub.

Allerdings wiegen die Druckgastanks natürlich auch etwas und das Triebwerk ebenfalls. Im Folgenden bin ich von einem für Stufen typischen Strukturverhältnis von 10:1 bei den Tanks ausgegangen und das Triebwerk sollte 1/15 des Schubs wiegen (so ist es beim Aestus). Dann kommt man zu folgenden Nettomassen:

 

Schub

Masse ohne Stufe

1 kN

4.050 kg

2 kN

4.632 kg

5 kN

5.130 kg

7,5 kN

5.722 kg

10 kN

6.315 kg

15 kN

6.988 kg

20 kN

7.288 kg

40 kN

7.545 kg

80 kN

7.387 kg

Nun werden die Unterschiede bei hohem Schub schon deutlich kleiner: Dem eingesparten Treibstoff steht das höhere Gewicht des Triebwerks entgegen. Natürlich ist ein größeres Triebwerk auch teurer. Ab 15 kN ist der Gewinn klein, 500 kg. Bei 80 kN fällt in diesem Modell sogar die Nutzlast, das liegt aber bei der starren Modellierung – das Triebwerk würde hier 660 kg wiegen, wenn es druckgefördert wäre. Bei dem Schub würde man aber eine Turbopumpe einsetzen und das Treibwerksgewicht würde auf 200 kg sinken.

So macht die Dimensionierung des Aestus mit 28,7 kN durchaus Sinn, wenn man diesen Sachverhalt bedenkt. Es gibt aber Einschränkungen. Die Erste ist die, dass man einen Orbit erreichen muss. Bei ATV-Missionen wird die EPS Oberstufe nur mit 5,2 anstatt 10 t betankt, sonst würde sie keinen Orbit erreichen. Das kostet in diesem Fall rund 900 kg Nutzlast. Das Zweite ist, das die Missionsdauer stark anzeigt, vor allem wenn man anders als hier modelliert nur nahe des Perigäums das Triebwerk betreibt. Dann benötigt man zur Überwachung viele Bodenstationen oder eine Verbindung zu Satelliten im Orbit, um die kritischen Brennphasen zu überwachen. Diese Möglichkeit hat derzeit nur die NASA. Dann steigt auch das Trockengewicht an. Man braucht weitere Batterien für die längere Missionsdauer zur Stromversorgung und die Tanks müssen isoliert werden, was ebenfalls das Gewicht erhöht.

Fluchtgeschwindigkeiten

Völlig anders ist die Situation bei Missionen zu Mond, Mars und Venus. Aufgrund des hyperbolischen Exzesses (siehe Rechenbeispiele) ist die Zielgeschwindigkeit um so geringer je höher die Kreisbahngeschwindigkeit ist, von der aus gestartet wird. Das Anheben des Perigäum ist daher kontraproduktiv. Hier nochmals die Tabelle nun aber für ein C3 von 10 km/s, typisch für eine Mars-Transferbahn:

 

Schub

Masse mit Stufe

Masse ohne stufe

1 kN

2.506 kg

750 kg

2 kN

2.920 kg

1.198 kg

5 kN

3.511 kg

1.828 kg

7,5 kN

3.868 kg

2.204 kg

10 kN

4.302 kg

2.665 kg

15 kN

4.943 kg

3.337 kg

20 kN

5.321 kg

3.719 kg

40 kN

5.864 kg

4,183 kg

80 kN

6.049 kg

4.120 kg

Auch hier das gleiche Verhalten: Die Nutzlast nimmt zuerst stak zu, dann immer weniger. Die niedrigere Nutzlast bei 80 kN Schub ist wie oben der Modellierung geschuldet auch hier läge sie bei einem Triebwerk mit Turbopumpe um 300 kg höher. Die Differenzen sind nun aber noch viel größer bei einer aufgrund des höheren Δv stark gesunkenen Nutzlast. Für Fluchtbahnen wünscht man sich also ein Triebwerk im höheren Schubbereich, Ansonsten muss man das ganze anders abwickeln, als hier simuliert: ich habe das Triebwerk dauernd betrieben. Bei dem einzigen Einsatz des schubwachen Triebwerks der Breeze-M bei Phobos Grunt war die geplante Vorgehensweise die:

Man hat also drei Zündperioden, jeweils um das Perigäum herum.

Einen ähnlichen Tanz vollzieht die Breeze M bei Proton Missionen, die je nach Zielort (Standard-GTO, Supersynchroner GTO) nicht wie bei anderen Trägern eine Stunde oder kürzer, dauern, sondern 9 bis 24 Stunden aufgrund der langen Freiflugphasen zwischen den zwei bis vier Bahnanhebungen. Das ist der Preis für einen kleinen Schub. Russland setzt nach wie vor für eigene Satelliten, also nicht kommerzielle Einsatze Block DM ein, der schubstärker ist und maximal 2 Zündungen benötigt. Die Nutzlast ist kleiner als mit der Breeze M, doch anscheinend ist das unkomplizierte Bahnregime wichtiger als die maximale Nutzlast.

Außer der Reihe habe ich mal berechnet was passieren würde wenn man einen Satelliten mit (entsprechend dimensionierten Tanks) mit zwei 400 N Triebwerken direkt vom LEO in den GEO transferiert. Ich errechne ohne Triebwerke und Tanks eine Nettomasse von 3.077 kg. Bei 7.400 kg Nutzlast (entsprechend dem Wert der EPS-Stufe) komme ich bei gleichen Annahmen auf 4.307 kg, Es lohnt sich also nicht.


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