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Web Log Teil 547: 1.3.2019 - 13.3.2019

1.3.2018: Zeit für die Lebensmittelüberwachung professionell zu werden

Aktuelle Ereignisse brachten mich dazu mich nach längerer Zeit wieder mit der gesundheitsbezogener Werbung auseinandersetzen. Die war schon, als ich vor über 20 Jahren Lebensmittelrecht mir einverleiben musste, ein Minenfeld.

Die gesetzliche Vorgabe war damals recht klar: es ist verboten Lebensmitteln (und Nahrungsergänzungsmitteln) Wirkungen zuzuschreiben, die sich auf die Heilung oder Linderung von Krankheiten beziehen. Das grundlegende Problem schon damals: die Werbung für Lebensmittel beruhte ja nicht darauf, dass jemand sagte "Mit Saft X bekommst Du deine Erkältung im Nu wieder weg", sondern "Mit Saft X bekommst Du erst gar keine Erkältung". Das klingt zum einen viel positiver, weil auf die Gesundheit und nicht Krankheit bezogen. Und der Markt ist viel größer, denn sonst trinkt man den Saft nur, wenn man eine Erkältung hat, aber wenn er vorbeugend wirkt, vielleicht das ganze Winterhalbjahr.

Eine Werbung, die positive Aussagen für die Gesundheit macht, war aber schon damals vom Gesetz her erlaubt.

Daneben gab es schon immer die von Juristen ausgedachten Sprüche, die an der Grenze waren und über die dann erst Gerichte entscheiden mussten.

Beurteilung von Gesundheitsversprechen früher

Ich habe dies gehasst. Man hat als junger Mensch, wenn man wirklich Jahre studiert hat, dann noch ein Jahr in einer Untersuchungsanstalt arbeiten muss, die Vorstellung, man sei nun ausreichend vorbereitet für den Beruf und wisse alles. Was übrigens auch stimmt, in einer der ersten Kaffeepausen in der Untersuchungsanstalt, in der ich war, sind wir irgendwie auf ein Lebensmittelchemiethema gekommen und ich habe darüber geredet, da sagte dann einer der Laborleiter "Ja diese Studenten, die direkt von der Uni kommen, die haben den Stoff noch drauf". In der Behörde ist jeder Laborleiter nur für einen Teilbereich zuständig, in dem Fall waren es Pflanzenschutzmittel und auf dem Gebiet dann zwar Experte, vergisst aber den Rest seiner Ausbildung den er nicht mehr braucht leicht. Oft nicht mal das. Als ich das erste Mal eine Besprechung mit der Leiterin des Labors für Fette und Fertiggerichte hatte, und es um ein Sesamöl ging glaubte sie mir eine Aussage über Sesamöl nicht. Just kam da gerade ein Anruf herein und ich konnte im Belitz-Grosch, dem Standardwerk für Lebensmittelchemie nachschlagen und ihr nach dem Telefonat die Stelle präsentieren, in der meine Aussage belegt war.

Aber zurück zum eigentlichen Thema. Wenn es um solche "gesundheitsbezogenen Angaben" ging, blieb einem als Student (und für die Laborleiter gilt das genauso) nichts anderes übrig, als in die Bibliothek zu gehen, und Gesetzeskommentare zu lesen. Das war im Prinzip eine Kurzzusammenfassung von Urteilen zum Sachverhalt und man musste eben eines finden, wo eine ähnliche Aussage schon mal von einem Gericht beurteilt wurde.

Da fühlt man sich herabgesetzt. Man ist nun Lebensmittelchemiker, könnte an einem Gericht als Gutachter auftreten, muss sein Urteil aber nicht nach dem eigenen Fachwissen abgeben, sondern danach, was andere Richter und damit zumindest was den naturwissenschaftlichen Teil angeht, Laien, schon mal geurteilt haben. Aber so läuft es in der Juristerei. Richter hören meist auf das was andere Richter schon mal geurteilt haben.

Das war zu meiner Zeit, als ich noch als Lebensmittelchemiker arbeitete, also vor 1999. Ich bin dem Thema wie man sieht treu geblieben, denn ich habe das Studium ja niemals bereut und es war das, was ich gerne machen wollte - allerdings Lebensmittel analysieren, ihre Veränderungen erforschen, ihre Wirkungen aufklären, nicht Rechtsfragen klären. Um genau das geht es aber in der Praxis. So bin ich froh, dass ich heute über das Thema zwar schreiben kann, aber nicht Gutachten anfertigen muss.

Seit 2006: Die Verordnung 1924/2006 EU

2006 hat sie die EU dem Thema angenommen und die sogenannte Health Claims Verordnung erlassen. Die Verordnung die korrekt "Verordnung (EG) Nr. 1924/2006 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 20. Dezember 2006 über nährwert- und gesundheitsbezogene Angaben über Lebensmittel" und einige Folgeverordnungen regeln heute die Angaben europaweit. Die entsprechenden Paragrafen im deutschen Gesetz sind ersatzlos weggefallen.

Auf den ersten Blick sieht es für die Rechtsposition gut aus. In Art. 2 Abs. 2 Nr. 5 der Verordnung werden anders als im deutschen Recht bis dahin nicht nur Angaben zur Linderung von Krankheiten gemacht, sondern auch für die Gesundheit, eine sogenannte "gesundheitsbezogene Angabe". Als zweite Maßnahme ist per Gesetz nun jede Werbung verboten, außer der Werbung die erlaubt ist. Für letzte gibt es ein Verfahren. Ein Unternehmen muss für eine Behauptung, einen sogenannten "Health Claim", einen Antrag bei der EU stellen und Belege für ihn vorweisen wie z.B. Studien. Die europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA setzt dann ein Expertenpanel dran und das entscheidet über den Health Claim. Das ist nicht nach dem Geschmack der Hersteller denn das dauert und das Paneel ist konservativ. Die meisten Health Claims werden abgelehnt, darunter auch als prominentes Beispiel die für aktive Milchsäurebakterien oder Vitamin C als Vorbeugung für Erkältungskrankheiten.

Damit wäre die Welt doch in Ordnung oder?

Auf den ersten Blick ja. Viele Werbebotschaften (nebenbei: wenn hier oder allgemein im Lebensmittelrecht von "Werbung" die Rede ist, dann ist damit nicht nur die Werbung in Medien gemeint, sondern jede Angabe des Herstellers zu seinem Produkt, auch die auf der Packung aufgedruckten) wurden so einkassiert. Die Hersteller mussten sich auf gut klingende, aber letztendlich triviale Botschaften zurückziehen wie "Vitamin C trägt zu einer normalen Kollagenbildung für eine normale Funktion der Haut bei oder Biotin und Zink tragen zur Erhaltung einer gesunden Haut bei oder Vitamin E trägt dazu bei, die Zellen vor oxidativem Stress zu schützen. Der springende Punkt ist dabei "trägt dazu bei". Also alleine damit ist es nicht getan.

Doch die EU hat ihre Rechnung ohne deutsche Gerichte gemacht. Sich von der EU die Gesetzgebung vorschreiben lassen? Das stößt deutschen Richtern übel auf und so hat sich eine Parallelgesetzgebung etabliert, sogenannte Beauty-Claims. Das sind Aussagen wie: "Collagen kann zu einem glatten und festen Hautbild führen", "Falten werden aufgepolstert" oder "… um 15 Jahre optisch verjüngen". Man glaubt es nicht: Solche Aussagen sind für einen Drink mit Kollagen, Hyaluronsäure und Elastin zulässig. Während die erste Aussage noch ein "kann" enthält, sind die anderen beiden konkrete Versprechen. Wer möchte da nicht zugreifen, wenn die Haut um 15 Jahre verjüngt wird? Diese wurden von einem deutschen Gericht genehmigt,

Die Begründung: es handele sich um Aussagen über die oberflächliche Erscheinung der Haut, nicht über die gesundheitliche Funktion der Haut. Mir sträuben sich die Haare. Natürlich muss man zwischen der oberflächlichen Erscheinung und Vorgängen in der Haut unterscheiden. Aber das ist nicht so einfach. Eine Hautcreme, die per Definition nicht in die Schichten eindringen darf, die lebendes Gewebe enthält, hat eine oberflächliche Funktion. Trotzdem glätten diese die Haut über eine bestimmte Zeit und sie haben auch eine Schutzfunktion und damit sind sie indirekt auch für die Gesundheit wichtig, z.B. als UV-Schutz. Man kann also beide Teile nicht sauber trennen.

Aber es gibt einen wichtigen Unterschied: Eine Hautcreme wird aufgeschmiert, was auch für andere Kosmetika gilt. Niemand erwartet von ihr, das sie eine dauerhafte Tiefenwirkung hat. Genau das Gegenteil erwartet man von einem Nahrungsmittel. Es passiert den Verdauungstrakt, wird aufgespalten, aufgenommen und gelangt dann in die Zellen, idealerweise dorthin, wo man es haben will, hier also in die Hautschichten. Wenn es dort Wirkung hat, dann beim lebenden Gewebe. Das heißt ich erwarte von dem Wirkstoff eine dauerhafte Wirkung und eine positive Wirkung auf die Gesundheit, zumal die meisten Menschen den normalen Alterungsprozess der Haut als Krankheit ansehen. Wenn ich also solche Beauty Claims lese, dann nehme ich sie ernster als wenn mit denselben Claims für Hautcreme werben würde. Hand aufs Herz: wenn sie lesen: "Weniger Falten" und "Straffes Hautbild" und "Mehr Hautfeuchtigkeit". Klingt das nicht gut und nach konkreten, nachprüfbaren Versprechen? Es sind aber nur unverbindliche Beauty-Claims, mit denen jeder werben darf. Sie müssen nicht mal beweisen werden.

Her mit den Beauty Claims!

Mich wundert angesichts dieser Rechtslage, warum dies bisher nur auf Nahrungsergänzungsmittel beschränkt ist. Das Lebensmittelrecht stellt diese mit Lebensmitteln gleich. Damit sind diese Werbeaussagen auch für Lebensmittel zulässig. Liebe Hersteller von Gummibären, Fruchtgummi und Co: auch eure Produkte enthalten Kollagen! Ihr könnt auch mit den schon erwähnten Beauty-Claims werben! Liebe Backfabriken: ihr verwendet Cystein, eine Aminosäure, die auch in Haaren häufig vorkommt (früher wurde sie auch aus Haaren gewonnen). Also werbt mit den positiven Eigenschaften eurer Brote für die Haare. Liebe Wurstwarenhersteller: durch die Verwendung von Schweineschwarten sind eure Würste ebenfalls reich an Kollagen: Damit sind sie nach der Meinung deutscher Gerichte gut für die Haut. Werbt damit!

Ehrlich ich wünsche mir das genau das geschieht. Denn diese Beauty Claims nehmen überhand und ich finde, weil der Verbraucher von Nahrungsergänzungsmitteln anders als bei Kosmetika eine dauerhafte Wirkung und einen Einfluss auf die Gesundheit erwartet, dass man diese Claims auf Kosmetika beschränkt. Vielleicht wachen die Gerichte mal auf, wenn sie inflationär auch bei Lebensmitteln auftauchen.

Unerlaubte, aber nicht geahndete Health Claims

Das ist die eine Sache, die ich in diesem Blog ansprechen will. Das zweite ist, dass unsere Lebensmittelüberwachung über 20 Jahre nach dem Aufkommen des Internets noch immer sich nicht auf dieses eingestellt hat. In der Praxis läuft dies so: Es gibt ein Nahrungsergänzungsmittel in einer Verpackung und einen Produktbeileger, das Gegenstück zum Beipackzettel bei Arzneimitteln. Der Beileger ist juristisch in Ordnung. Warum? Eine Untersuchungsbehörde zieht eine Probe, untersucht diese analytisch und klopft die Verpackung und den Beileger auf Verstöße ab. Was sie nicht tut: den Internetauftritt überprüfen außer es ist wirklich nicht zu übersehen wie die Fernsehwerbung von Mühlenhof und Werbung mit Selbstverständlichkeiten. So kann man auf der Webseite weitaus mehr versprechen und das kann dann auch über Beauty Claims hinausgehen. Aus derselben Webseite von der die Beauty Claims stammen: "ein XXX entwickelt, das die Haut von innen strafft." Oder: "Die Kollagen-YYYYY stimulieren die Hautzellen (Fibroblasten), wieder mehr körpereigenes Kollagen und Hyaluron zu produzieren … Schon nach vier Wochen wird die Hautfeuchtigkeit deutlich erhöht und Falten werden reduziert. Die Haut wird am ganzen Körper straffer und ebenmäßiger.".

Das sind nun keine Aussagen mehr über die oberflächliche Wirkung, sondern konkrete Aussagen über Wirkung von Innen, also Beeinflussung der tieferen Hautschichten und über Stimulierung der Hautzellen und damit eindeutig Health Claims und damit verboten, denn für Kollagen und Kollagen-Hydrolysate hat die EFSA schon 2013 einen Health Claim abgelehnt.

Machen sie mal den Test und nehmen sie ein beliebiges Nahrungsergänzungsmittel das mit solchen Aussagen wirbt. Besuchen sie mal die Website und schauen sie sich die Angaben dort an und dann vergleichen sie diese mit den Angaben im Produktbeileger. Ich prophezeie: sie werden viele Angaben auf der Website nicht im Beileger wiederfinden.

Die Politik tut nichts

Was ist die Lösung der Politik? Seit das Verbraucherministerium in CDU/CSU Hand ist, tut sich eigentlich nichts. Die Lösung war vor einigen Jahren das Portal Lebensmittelklarheit.de. Dort sollen Verbraucher Verstöße melden, die dann mit dem Unternehmen meist im Einverständnis geklärt werden. Übertragen auf den Straßenverkehr ist das wie wenn sie jemand bittet nicht im Parkverbot zu parken oder in einer Spielstraße langsam zu fahren. Es nützt nichts. Wenn aber an der Windschutzscheibe ein Knöllchen steckt oder sie einen Brief mit Blitzer-Foto bekommen und beide Mal Geld berappen müssen, dann ändern sie ihr Verhalten.

Mein Vorschlag: gründet eine eigene Abteilung, die die Landesuntersuchungsanstalten ergänzt und nur die Aufgabe hat, Werbung in den Medien zu verfolgen. Sie ist für alles zuständig, was bundesweit publiziert wird, also Print, Fernsehen und vor allem Internetwerbung. Die Leute können sich so auf dieses Themengebiet spezialisieren, Datenbanken mit Slogans und Urteilen anlegen und viel professioneller den Konzernen gegenübertreten als der kleine Lebensmittelchemiker in einer Landesuntersuchungsanstalt, der neben dieser Werbung sich auch mit zig anderen Dingen beschäftigen will. Dazu müsste man diesen Teil der Lebensmittelüberwachung auf Bundesebene ausgliedern, was an der Länderhoheit kratzt und dafür sorgt, das es nicht dazu kommt, aber es wäre im Sinne aller Beteiligten, denn so können sich die Landesuntersuchungsanstalten auf die Überwachung der lokalen Unternehmen konzentrieren und hätten mehr Zeit dafür und könnten alle Fälle von überregionaler Werbung auf die Spezialisten abschieben, ja sie hätten dort auch kompetente Ansprechpartner, die ihnen bei ähnlichen regionalen Fällen helfen könnten.

Natürlich kostet eine solche Abteilung Geld, aber die Verstöße sind strafbewehrte Ordnungswidrigkeiten, beim Wiederholungsfall kann es sogar bis zu 1 Jahr Freiheitsstrafe geben. Bei einem kleinen Review einiger Urteile gab es Bußgelder im höheren vierstelligen bis niedrigen fünfstelligen Bereich, also so plus/minus 10.000 Euro. Da lohnt es sich. Wenn ich davon ausgehe, dass ein Lebensmittelchemiker nur eine Beanstandung pro Woche bearbeitet (ich meine man kann mehr schaffen - zwei Tage pro Beanstandung, davon einen für einen Gerichtstermin müssten ausreichen) dann bringt er dem Staat 40.000 Euro pro Monat, kostet ihn aber nur etwa 6.000 Euro (mit Rückklagen in die Pensionskasse und Sozialabgaben). Ich glaube das wird sogar noch mehr werden. Die ersten Verfahren werden schleppend laufen. Jede Firma wird warten, bis es ein Gerichtsurteil gibt. Doch je mehr es davon gibt um so mehr Erfahrungswerte liegen vor, um so höher das Prozessrisiko für die Firma. Nach einigen Jahren ist davon auszugehen, dass nicht nur die Zahl der Verstöße sinkt, sondern es meist nicht mehr zu einem Prozess kommt, sondern die Firmen lieber gleich das Bußgeld zahlen, wenn sie wissen, das sie keinen Erfolg vor Gericht haben. Damit wären zumindest die Health-Claims vom Tisch. Ich würde aber auch gegen Beauty-Claims vorgehen. Einfach nur um eine breite Basis an Urteilen zu haben, was erlaubt ist und was nicht. Heute ist die Vorgehensweise die, dass wenn die Aussage nicht irgendwie darauf hindeutet, das die Wirkung von Innen oder tieferen Schichten kommt, man jede Aussage als Beauty Claim zulässt und nicht dagegen vorgeht.

Doch wirtschaftlich denken kann unser Staat offensichtlich nicht. Sonst würde er auch im Finanzamt vielmehr Steuerfahnder einstellen oder ausbilden, von denen jeder im Durchschnitt 1 Million Euro pro Jahr einbringt, aber nur etwa 80.000 Euro kostet. Für mich ist es höchste Zeit, dass auch die Lebensmittelüberwachung professioneller wird.

7.3.2019: Sieben Wochen ohne Lügen

Zwischen Fastnacht und Ostern liegt ja traditionell die Fastenzeit. Früher wurde da ja noch richtig gefastet. Heute denkt man da eher an eine Einschränkung des Luxuses. Vor einigen Jahren habe ich mal probeweise auf Alkohol verzichtet, was für mich keine große Einschränkung war, weil ich eh wenig trinke. Deutlich schwerer wäre es auf Kaffee oder Süßigkeiten zu verzichten. Dieses Jahr hat die evangelische Kirche eine gute Idee, die ich umsetzen will: bis Ostern auf Lügen zu verzichten. Das will ich umsetzen.

Ich denke das macht mir weniger Probleme als anderen. Wer den Blog hier dauerhaft liest, vor allem meine Meinungsartikel, ahnt das ich nicht gerade ein höfflicher Mensch bin. Ich sage auch sonst meist geradeaus meine Meinung, eine schlechte Eigenschaft, die ich von meinem Vater übernommen habe. Immerhin ist es noch meine Meinung, mein Vater hat immer so getan als wäre seine Meinung die Tatsache. Höfflichkeit ist meiner Meinung ja die andere Medaillenseite der Lüge. Wenn man immer die Wahrheit oder sagen würde, was man denkt. Die Welt wäre voller Konflikte. Im Kleinen wie Großen. Man hat eine Ahnung davon, wenn ein Politiker wie Trump mal diese Regel zum größten Teil ignoriert und ausländische und inländische Politiker beschimpft.

Das zweite was mir die sieben Wochen ohne Lügen vereinfacht, ist, das ich alleine bin, und zwar gerne. Ohne viele Kontakte kommt man nicht in die Gefahr, lügen zu müssen. Trotzdem stand als Prüfung gestern meine Schwester vor der Haustür. Sie lässt sich selten blicken, weil Sie und mein Bruder seit Jahren verstritten sind und ich meine das mein Bruder recht hat. Natürlich hat sie auch auf ihn geschimpft und ich habe mich entschlossen, besser gar nichts dazu zu sagen. Wenn ich die Wahrheit gesagt hätte es hätte böse geendet. Denn Sie traute der Abrechnung meines Bruders über die Heizkosten eines 6-Familienhauses, dass sie gemeinsam geerbt haben, nicht und wollte den Heizungstank inspizieren, um festzustellen, wie groß er ist. Auf der Plakette konnte Sie aber die Angabe nicht finden. Sie ging dann in der Überzeugung der Tank fasst 340 Liter. Ich habe mir verkniffen zu sagen, das ich sie für nicht nur paranoid, sondern auch sehr dumm halte, und nur mal drauf verwiesen, dass der Tank 1,5 m hoch ist und einen Raum von mehreren Metern Breite und Länge ausfüllt und erheblich größer als mein Tank ist, dessen Volumen von 7.000 l, ich kenne. Ich habe nur drauf verwiesen, dass ich als Einzelperson 1500 bis 1600 l Heizöl im Jahr brauche, und es sich hier um ein 6-Famileinhaus handelt.

Meiner Ansicht nach entfallen die zwischen 80 und 200 Lügen, die man nach psychologischen Untersuchungen ja pro Tag von sich gibt, auf das sich selbst Anlügen. Ich hätte zumindest Probleme auf die nötige Konversationsdauer zu kommen. An manchen Tagen wechsele ich keinen Satz mit einem Menschen. Und das Leben geht nicht ohne Selbstanlügen, deswegen habe ich das auch ausgeblendet. Wenn ich diesen Blog schreibe, dann lüge ich mich selbst an, denn ich nehme an, dass sich eine größere Anzahl von Menschen dafür interessiert. Ich kann mir aber die Website Statistiken ansehen und da hat der ganze Blog (auch mit allen schon erschienen Artikeln) im Monat rund 23.000 bis 25.000 Aufrufe. Populäre Artikel schaffen im Jahr etwa 2.000. Das reicht noch nicht mal um ihn bei der VG-Wort für eine Vergütung einzureichen. Das gleiche kann man von den Büchern behaupten. Wenns gut läuft dann sind es 100 pro Jahr. Dafür würde woanders wohl niemand sich an die Tastatur setzen. Aber ich bilde mir ein, sie sind trotzdem wichtig. Sind sie auch, aber wahrscheinlich nur für mich. Die Selbst-Belügerei werde ich nicht abstellen, sonst müsstet ihr für sieben Wochen ohne Blog auskommen und das Erscheinen des Saturn-Buchs würde sich noch weiter verzögern.

Das verzögert sich sowieso noch etwas. Ich hatte am Montag einen Ausfall meiner Crucial SSD. Ich lasse zwar ein Backup der Festplatte und auch meiner Dateien laufen, aber die beiden Sicherungen waren vom 25 und 27.2 da sie nur wöchentlich erfolgen, ich habe also vier Tage verloren. Ich hatte noch Glück im Unglück, denn ich habe erst im Oktober auf diese SSD gewechselt. Vorher hatte ich eine Samsung 830 mit 240 GB, die wurde zu klein, dann bin ich mit dem Mini-Partition Tool umgezogen. Die Crucial hatte ich zwar schon seit August 2016, aber vorher nur genutzt um große, aber selten genutzte, Dateimengen dort unterzubringen wie Spiele oder Images für virtuelle Computer. Als primäre Platte nutzte ich sie erst als bei meiner Samsung SSD der feie Platz auf 60 GB gesunken war. Das war letzter Oktober. Ärgerlich ist es trotzdem. Denn intensiv genutzt wurde sie so erst seit einfugen Monaten und hätte ich sie sofort eingesetzt wäre der Ausfall noch während der Garantiezeit passiert. Gestern kam nun eine neue Samsung 860 EVO an, die hoffentlich so lange hält wie meine alte die seit 2012 ihren Dienst tut. Ich habe dazugelernt und daher auch bewusst nicht die billigere 960 genommen, die vier anstatt drei Bits pro Zelle speichert. Eine SSD mit 2 Bits pro Zelle gibt es ja anscheinend nicht mehr von den Markenherstellerin zu kaufen.

Immerhin: Glück im Unglück. Die alte 830 EVO hatte ich nicht gelöscht, sodass der Computer von ihr bootete. Ich bemerkte den Unterschied sogar anfangs nicht, stutze nur als ich ah das alle Artikel seit Oktober weg waren. Als ich dann auf die Datenträgerbezeichnung und Größe schaute, war dann alles klar. Immerhin: es ist beruhigend, das ich immer ein bootfähiges Ersatz-Windows habe und ich denke ich werde mein Programm Easybackup auch auf mehrere Backups und dafür kürzeren Zeiträumen umstellen.

Also für alle die große Chance: ihr habt sieben Wochen lang Zeit meine ehrliche Meinung zu allen Themen zu hören. Ich nehme mir aber die Freiheit heraus, nicht immer zu antworten. Eine Pause wird es in jedem Falle geben, nämlich am 1. April, ich denke den Grund muss ich dafür nicht nennen.

5.3.2019: Nutze den Placeboeffekt.

Ich denke ich muss den meisten Lesern hier nicht erklären, was der Placeboeffekt ist. Ich will es aber trotzdem tun, damit die Schlussfolgerungen, die ich draus ziehe verständlicher werden.

Unter dem Placebo-Effekt versteht man das ein Medikament ohne Wirkstoff wirkt. Je nach Krankheit soll dies zwischen 20 und 50 Prozent der Wirkung ausmachen.

Das hat natürlich einige Folgen. Eine der Folgen ist, dass man bei Medikamentenstudien sehr sorgfältig vorgehen muss und sehr viele Teilnehmer braucht, um eine statistisch signifikante Aussage über die Wirksamkeit zu treffen. Nutzt man veröffentlichte Formeln für die benötigten Teilnehmerzahlen, so kommt man leicht auf 1.000 Teilnehmer pro Studie. Das ergibt sich einfach aus den Tatsachen, wenn (im Mittel) bei einem Drittel der Teilnehmer es eine Besserung ohne Wirkstoff gibt und der auch nicht bei allen wirkt (also selbst das Medikament keine 100 % erreicht) benötigt man schon viele Teilnehmer, damit man im Gauss-Diagramm auf die Seite rutscht, wo der Fehler in den einstelligen Prozentbereich liegt.

Standard ist daher in der Medizin die Doppelblind-Studie. Darunter versteht man, das es zwei Gruppen gibt. Die eine erhält ein Scheinmedikament und die andere den Wirkstoff. Weder Teilnehmer noch Arzt/Schwester wissen aber ob der Teilnehmer ein Placebo oder ein Medikament erhält. Auch dadurch, dass man immer doppelt so viele Patienten benötigt, wie eigentlich nötig, steigt die Teilnehmerzahl für medizinische Studien deutlich an.

Das auch der Arzt nicht wissen darf, ob der Patient ein Placebo erhält, hat einen einfachen Grund: Eine der bekanntesten Ursachen für den Effekt ist, das wir zum einen Respekt vor Autoritäten haben. Wenn ein Arzt sich um einen kümmert, dann reicht das alleine aus, das sich bei vielen die Symptome bessern. Je stärker die Zuwendung desto stärker der Effekt. Der Arzt ist ja Fachmann, er wird mir helfen, so die Überlegung im Hinterkopf. Vor der modernen Medizin war das oft das Einzige, was ein Arzt, damals wohl eher Heiler oder Schamane, tun konnte. Je intensiver die Zuwendung ist, desto größer der Effekt. So wirken Handauflegen und Massagen mehr als Gespräche und Tänze in Wilden Kostümen mehr als Gebete.

Grundlegend in allem ist bei Placeboeffekt die Verknüpfung von Geist mit Körper. Wie wir unseren Körper und seine Signale empfinden, hat viel mit unserer Vorstellung zu tun. Wenn wir annehmen, das die Schmerzen durch ein Mittel oder eine Behandlung nachgelassen haben, dann tun sie es auch oft. Das geht sogar soweit das ein Arzt mal nur die Hälfte der Patienten, die eine Knie-Op hatten, wirklich operiert hat. Bei den anderen machte er zwar einen Schnitt, tat aber nichts um die Ursache zu bekämpfen. Da dies unter lokaler Betäubung erfolgte, bekamen die Patenten auf dem Monitor stattdessen Bilder einer aufgezeichneten echten Knieoperation zu sehen. Nun ist das keine Kleinigkeit. Wenn die Gelenke am Knie hin sind, reiben sie aufeinander und das tun sie, auch wenn man nach der Op nichts verändert hat. Trotzdem empfand ein Teil der Patienten danach keine Beschwerden mehr und dies auch noch nach Jahren. Der Körper hat den Schmerz ausgeblendet. Er ist zwar noch da wird aber nicht mehr wahrgenommen. Das ist Grundlage von Entspannungstechniken und Hypnose, die teilweise sogar die Narkose ersetzen können.

Ein anderes Beispiel: Wie lange männliche Versuchspersonen ihre Hand in Eiswasser halten können, bis sie sie herausziehen, weil es zu schmerzhaft ist, das ist nach einer Studie stark davon abhängig wie attraktiv die weibliche Person ist, die die Zeit nimmt. Auch hier wird die Schmerzgrenze offenbar durch die Wahrnehmung (oder Ablenkung?) verschoben.

Ein Teil der Ärzte findet daher auch, dass die Homöopathie, bei denen kein Wirkstoff mehr in den Medikamenten vorhanden ist, primär durch den Placeboeffekt wirkt.

Der Noecboeffekt

Zur Vervollständigung: es gibt auch den Noceboeffekt. Da erwartet man keine Wirkung von einem Medikament und es wirkt nicht. Da kann ich sogar aus eigener Erfahrung eine Geschichte erzählen. Als ich Chemie studierte, musste ich auch mal Acetylsalicylsäure (ASS) synthetisieren, also den Wirkstoff in Aspirin und anderen Kopfschmerztabletten. Das war so einfach und auch dieses Molekül so einfach aufgebaut, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dass es wirksam in den relativ komplexen Ablauf der Signalübertragung zwischen den Nervenenden eingreifen könnte. Danach wirkten Tabletten mit ASS bei mir nicht mehr, bis einige Jahre später man entdeckte, dass ASS in kleiner Menge auch positive Wirkungen bei Thrombosen hat und präventiv einen Herzinfarkt vorbeugt. Das hat meine Einstellung geändert und seitdem wirken die Tabletten wieder. Ich kaufe aber da ich nur an den Wirkstoff glaube immer die billigsten. Das sind derzeit die Tabletten von A1 Phrama, die nur 40 % derer von Ratiopharm und 20 % der Aspirin kosten.

Aufgrund des Nocebo-Effekts sollte man auch vorsichtig beim Durchlesen von Verpackungsbeilagen von Medikamenten sein. Es kann nämlich durchaus sein, dass man die dort beschriebenen Nebenwirkungen bei sich beobachtet – wenn man nämlich glaubt, dass ein Medikament eine bestimmte Wirkung hat, dann ist der Schritt nicht weit daran zu glauben, dass es auch eine bestimmte Nebenwirkung bei einem selbst auslöst.

Placebos und Nahrungsergänzungsmittel

Nach dieser Einleitung nun zum Hauptthema. Ich kam drauf, weil ich in letzter Zeit über viele Nahrungsergänzungsmittel gestolpert bin, die alle möglichen Wirkungen auf Haut, Nägel und Haare oder die Gesundheit allgemein versprechen. Dazu gehören auch Mittel gegen verschiedene Alterswehwehchen wie nachlassendes Gedächtnis, Darmprobleme oder Vitalität, die, wenn man wie ich zur Hauptsendezeit ARD & ZDF anschaut, fast die Hälfte des Werbeblocks ausmachen. Bei vielen dieser „Krankheiten“ gibt es nicht wirklich belastbare Symptome. Ob man Schmerzen hat oder nicht, ist relativ klar abgrenzbar. Doch wie sieht es beim Hautbild aus, bei der Vergesslichkeit oder Darmproblemen? Sie sind nur schwer quantisierbar und oft nicht mal richtig qualifizierbar. Vor allem ist hier die Verknüpfung mit dem Geist/der Vorstellung viel intensiver als vielleicht bei Rücken- oder Knieschmerzen, Diabetes oder Bluthochdruck (obwohl auch bei Letzterem Entspannung hilft). Jeder weiß, wie die Haut auf Stress reagiert, nämlich auch gestresst. Mit Wellness basiert eine ganze Industrie darauf Menschen zu entspannen, um ihr Äußeres zu verschönern. Das der Darm ein eigenes Nervensystem hat, das sehr empfindlich auf Stress reagiert ist auch bekannt. Jeder kennt das Magenbrummeln bei Prüfungsangst, die Schmetterlinge im Bauch beim Verliebtsein. Wenn man also glaubt, dass ein Medikament die Darmprobleme, egal ob Durchfall, Verstopfung oder Krämpfe löst, dann entspannt man sich und damit auch das vegetative Nervensystem im Darm. Ich habe das selbst ausgenutzt. Etwas entspannendes im Vaporizer aufgenommen, bevor man zur Darmspiegelung geht und ich war so entspannt, dass ich keine Betäubung brauchte und auch nicht haben wollte.

Und direkt verbunden ist der Geist natürlich mit geistiger Fitness. Wer meint Ginkgoextrakt oder Weinlaubextrakt helfe seinem Gedächtnis auf die Sprünge wird bald eine Verbesserung feststellen. Schon alleine die Angst, etwas zu vergessen kann ja eine Blockade auslösen.

Bei allem kommt dann noch die Rückkopplung hinzu: merkt man erst einen Effekt, dann weiß man ja es wirkt und es wirkt dann noch besser.

Der Gewinn an einem Beispiel

Damit kann man wirklich viel Geld verdienen. Ein Hersteller von Nahrungsergänzungsmitteln verkauft 2,5 g Kollagen-Hydrolysat pro Ampulle in einer 28 Stückpackung für 89.- Euro. Kollagenhydrolysat ist Gelatine, durch ein Enzym in kleinere Bruchstücke aufgespalten. Es wird auch bei Amazon als Nahrungsergänzungsmittel angeboten (interessanterweise auch zum Muskelaufbau, dazu ist es, weil zwei essentielle Aminosäuren fehlen, aber nur bedingt bis kaum geeignet). Bei Amazon kosten 1 kg Kollagenhydrolysat zwischen 25 und 40 Euro. Wenn ich nur diesen Preis nehme (ein Hersteller wird größere Mengen abnehmen und es günstiger bekommen), so kostet der Wirkstoff Kollagenhydrolysat (ohne Ampulle, einige Vitamine und Zinksalze, aber auch ohne Zusatzstoffe und Konservierungsstoffe) für eine Packung nur 1,75 bis 2,80 Euro. Das sind also enorme Verdienstmargen, selbst wenn man noch die Kosten für Ampullen, Werbung und den Anteil, den die Apotheken einstreichen, abzieht. Der Verkauf nur über Apotheken ist auch so ein Trick, um mit dem Placeboeffekt zu werben. In der Apotheke kaufen wir Medikamente, werden von Personen in weißen Kitteln bedient. Eine Substanz X die wir dort kaufen muss also schon mal besser sein als dieselbe Substanz, die wir im Discounter kaufen. Vor einigen Jahren gab es sogar Werbung für ein „Apothekenmagnesium“. Diesen Trend bedienen einige Firmen die inzwischen sogar Kosmetika nur über Apotheken verkaufen.

Doch zurück zum Beispiel. Die Packung zum UVP von 89 Euro versorgt einen schon mal für 28 Tage. Allerdings schreibt der Hersteller, das da zwar erste Effekte schon sichtbar wären, aber Erstanwender erst nach 3 Monaten mit deutlichen Ergebnissen rechnen können. Folgt man dem, so ist man schon die dreifache Summe los. Rein statistisch wird dann, selbst wenn der Wirkstoff Kollagen-Hydrolysat wirkungslos für die Haut ist, (und das ist er nach Ansicht der europäischen Ernährungsaufsicht EFSA) bei einem Teil der Konsumenten sich das Hautbild verbessern. Da die Haut nicht nur auf den Placeboeffekt, sondern direkt auf Stress reagiert und die Einnahme einen in jedem Falle entspannt, weil man ja was Gutes für die Haut tut, würde ich den Prozentsatz an „geheilten“ hoch ansetzen.

Doch selbst für den Fall, das man nichts sieht, hat der Hersteller noch Lösungen parat. Da gibt es eine Seite mit Rückmeldungen von Anwendern. Bei den meisten liest man von einer Einnahme über mehr als die drei Monate, oder sogar dauerhaft. Wenn jemand Zweifel hat, ob das Präparat wirksam ist der kommt vielleicht auf die Idee, das die Dauer zu kurz war und schon geht die nächste Packung über die Theke.

Ein zweiter Trick nennt der Hersteller „Freundinnen-Effekt“. Man soll seine Freundin fragen ob sie Verbesserungen sieht. Toller Trick. Zum einen sind die meisten engen Freunde/innen zu höflich, um zu sagen „Nö, da hat sich nichts getan“. Zum anderen unterliegt man ja nicht nur selbst dem Placeboeffekt. Der kann bei anderen, die meinen, es müsste sich was verändert haben genauso zuschlagen. Schon sinkt der Teil der Käufer, die keine Wirkung sehen, nochmals ab.

In der Folge kann man dauerhaft, denn wie Kosmetika muss man das Präparat dauerhaft nehmen, obwohl es ja angeblich die Hautzellen zu neuer Teilung animieren soll, einen treuen Kundenstamm aufbauen, der ein Vielfaches des Produktionspreises für die Packung zahlt.

Nutze den Placeboeffekt selbst aus!

Nun aber der Tick: Das Ganze funktioniert nur so, weil man glaubt, das die Ampullen wirken. Der Hersteller hat gerade mal in 11 Studien 805 Probanden zusammenbekommen. Das ist die Zahl, die man für eine wirklich aussagekräftige Studie bräuchte. Doch addieren kann man die Teilnehmerzahlen nicht, zu unterschiedlich waren die Fragestellung, Vorgehensweise, Versuchsdauer und die untersuchten Dinge und Dosierungen in den Studien. Es gibt also 11 Studienergebnisse, die alle nicht wissenschaftlich ausreichend signifikant sind.

So kann man aber die Werbung und das Renommee sich selbst zu Nutze machen. Hier zwei Vorschläge von mir:

Vorschlag A: Analogon

Angenommen Kollagen-Hydrolysat habe einen positiven Effekt auf die Haut und die Studienergebnisse stimmen, dann gibt es den Effekt, auch wenn man das Pulver aus dem Großhandel nimmt. Ich würde, weil man ja nicht weiß, ob es bei einem persönlich anschlägt, für den Anfang eine eher kleine Packung nehmen. 250 g sind ab 11,50 Euro zu haben. Selbst die reicht problemlos bei der gleichen Dosierung wie im Originalpräparat für drei Monate. Mann kann nach dem Motto „viel hilft viel‘“ auch stärker dosieren. Beim verlinkten Präparat werden 10 anstatt 2,5 g pro Tag empfohlen.

Wenn Kollagen-Hydrolysat wirkt, so hat man über 90 % der Kosten gespart. Einziger Zusatzaufwand: man muss das Pulver selbst in ein Getränk auflösen (bitte kein trübes Getränk nehmen, Kollagen wird in der Lebensmittelindustrie genutzt, um Trübungen aus Apfelsaft und Wein zu entfernen).

Vorschlag B: Leckerer Ersatz

Wenn (wie ich annehme) Kollagenhydrolysat unwirksam ist, stammt jede Wirkung nur aus dem Placeboeffekt. Dann kann man aber jede Substanz nehmen um was gutes für die Haut zu tun. Wie weit man da geht, hängt nur von der Vorstellungskraft ab. Anfänger können es mit Gummibärchen probieren (enthalten auch Kollagen, aber kein Kollagenhydrolysat). Fortgeschrittene nehmen Vitaminbonbons (fast alle Vitamine haben irgendeine Verbindung zur Haut, am stärksten das Vitamin C, das zur Bildung des Kollagens nötig ist) und Profis nehmen ein x-beliebiges leckeres Lebensmittel, das sie mögen wie Schokolade, Eis, Kekse, Fruchtjoghurt etc.

Das wichtigste ist ein Ritual und ein intensives Glauben an die Wirkung. Also nehmen Sie sich Zeit, am besten zu einem festen Termin (z.B. vor dem Schlafengehen) genießen sie die Aufnahme und denken sie daran wie nun die Schokolade (Gummibärchen, Eis …) an ihre armen, geschundenen Hautzellen gerät, die den ganzen Tag über der Sonne, Wind und Regen ausgesetzt waren. Wie sich diese über diese leckere Mahlzeit freuen und wieder gesunden und ich wette: Bei etwa der Hälfte der Leser wird das Hautbild besser.

Andere Beispiele

Das war ein Beispiel. Man kann dies noch fortsetzen. Es gibt wie schon gesagt inzwischen eine Flut dieser Nahrungsergänzungsmittel. Teilweise mit Pflanzenextrakten, manchmal mit Vitaminen oder eben hier Nahrungsbestandteilen. Ich meine das ein Großteil der Wirkung auf dem Placeboeffekt beruht. Dann kann man sich aber auch selbst eine Alternative zu einem konkreten Mittel suchen. Man muss nur glauben, das die Werbung auch auf dieses Substitut zutrifft, denn natürlich verstärkt Werbung mit Personen, denen das Präparat angeblich geholfen hat, den Effekt. Das man etwas glaubt, nur weil andere das so sagen, ist ja nicht neu. Die Tatsache wurde schon im Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ beschrieben. Will man die Werbung für sich positiv nutzen, so sollte das Sublimat aber den gleichen Wirkstoff haben, was aber kein Problem ist. Dazu im Internet einfach mal nachschauen, was das Präparat enthält. Vitasprint, die seit Jahren Werbung im Fernsehen machen, geben als Hauptwirkstoff 500 µg Vitamin B12 pro Dosis an. Das ist zugegebener Weise schwer selbst zu dosieren. (ein Salzkörnchen hat ein Gewicht von mehreren Milligramm und das ist schon ein vielfaches von 500 µg = 0,5 mg = 0,0005 g). Allerdings gibt es Vitamin B12 auch von anderen Herstellern in Tablettenform zu kaufen. Hier z.B. 365 Tabletten mit 1000 µg pro Tablette, also die doppelte Dosis. Nur kosten diese Tabletten 11 Euro, Vitasprint für einen Monat dagegen über 54 Euro, kurz: Die Tabletten sind bei doppelter Wirkstoffmenge etwa 60-mal billiger.

Für Vitamin B12 Zufuhr gibt es übrigens, anders als für viele andere beworbene Präparate tatsächlich eine Indikation: Reine Veganer haben Probleme mit der Versorgung mit diesem Vitamin, da es nur in tierischen Nahrungsmitteln vorhanden ist. Da der Körper es aber speichern kann und der Tagesbedarf nur (je nach Organisation das ihn festlegt nur 3-5 µg/Tag beträgt braucht man auch da nicht jeden Tag hoch dosiertes Vitamin B12 schlucken.

Fazit

Wenn Sie an die Wirkung und den Sinn von Nahrungsergänzungsmittel glauben, so besteht eine reelle Chance, dass sie bei Ihnen auch wirken. Doch dann gibt es für sie eine Alternative, indem sie den Wirkstoff einfach direkt nehmen und nicht noch die Werbung, den Apotheker und den Hersteller fürstlich dafür bezahlen, dass er diesen für sie in kleinen Dosen abfüllt. Das spart bei den meisten Präparaten über 90 Prozent der kosten ein.

7.3.2019: Sieben Wochen ohne Lügen

Zwischen Fastnacht und Ostern liegt ja traditionell die Fastenzeit. Früher wurde da ja noch richtig gefastet. Heute denkt man da eher an eine Einschränkung des Luxus. Vor einigen Jahren habe ich mal probeweise auf Alkohol verzichtet, was für mich keine große Einschränkung war, weil ich eh wenig trinke. Deutlich schwerer wäre es auf Kaffee oder Süßigkeiten zu verzichten. Dieses Jahr hat die evangelische Kirche eine gute Idee, die ich umsetzen will: bis Ostern auf Lügen zu verzichten. Das will ich umsetzen.

Ich denke das macht mir weniger Probleme als anderen. Wer den Blog hier dauerhaft liest, vor allem meine Meinungsartikel, ahnt das ich nicht gerade ein höfflicher Mensch bin. Ich sage auch sonst meist geradeaus meine Meinung, eine schlechte Eigenschaft, die ich von meinem Vater übernommen habe. Immerhin ist es noch meine Meinung, mein Vater hat immer so getan als wäre seine Meinung die Tatsache. Höfflichkeit ist meiner Meinung ja die andere Medaillenseite der Lüge. Wenn man immer die Wahrheit oder sagen würde, was man denkt. Die Welt wäre voller Konflikte. Im Kleinen wie Großen. Man hat eine Ahnung davon, wenn ein Politiker wie Trump mal diese Regel zum größten Teil ignoriert und ausländische und inländische Politiker beschimpft.

Das zweite was mir die sieben Wochen ohne Lügen vereinfacht, ist, das ich alleine bin, und zwar gerne. Ohne viele Kontakte kommt man nicht in die Gefahr, lügen zu müssen. Trotzdem stand als Prüfung gestern meine Schwester vor der Haustür. Sie lässt sich selten blicken, weil Sie und mein Bruder seit Jahren verstritten sind und ich meine das mein Bruder recht hat. Natürlich hat sie auch auf ihn geschimpft und ich habe mich entschlossen, besser gar nichts dazu zu sagen. Wenn ich die Wahrheit gesagt hätte es hätte böse geendet. Denn Sie traute der Abrechnung meines Bruders über die Heizkosten eines 6-Familienhauses, dass sie gemeinsam geerbt haben, nicht und wollte den Heizungstank inspizieren, um festzustellen, wie groß er ist. Auf der Plakette konnte Sie aber die Angabe nicht finden. Sie ging dann in der Überzeugung der Tank fasst 340 Liter. Ich habe mir verkniffen zu sagen, das ich sie für nicht nur paranoid, sondern auch sehr dumm halte, und nur mal drauf verwiesen, dass der Tank 1,5 m hoch ist und einen Raum von mehreren Metern Breite und Länge ausfüllt und erheblich größer als mein Tank ist, dessen Volumen von 7.000 l, ich kenne. Ich habe nur drauf verwiesen, dass ich als Einzelperson 1500 bis 1600 l Heizöl im Jahr brauche, und es sich hier um ein 6-Famileinhaus handelt.

Meiner Ansicht nach entfallen die zwischen 80 und 200 Lügen, die man nach psychologischen Untersuchungen ja pro Tag von sich gibt, auf das sich selbst Anlügen. Ich hätte zumindest Probleme auf die nötige Konversationsdauer zu kommen. An manchen Tagen wechsele ich keinen Satz mit einem Menschen. Und das Leben geht nicht ohne Selbstanlügen, deswegen habe ich das auch ausgeblendet. Wenn ich diesen Blog schreibe, dann lüge ich mich selbst an, denn ich nehme an, dass sich eine größere Anzahl von Menschen dafür interessiert. Ich kann mir aber die Website Statistiken ansehen und da hat der ganze Blog (auch mit allen schon erschienen Artikeln) im Monat rund 23.000 bis 25.000 Aufrufe. Populäre Artikel schaffen im Jahr etwa 2.000. Das reicht noch nicht mal um ihn bei der VG-Wort für eine Vergütung einzureichen. Das gleiche kann man von den Büchern behaupten. Wenns gut läuft dann sind es 100 pro Jahr. Dafür würde woanders wohl niemand sich an die Tastatur setzen. Aber ich bilde mir ein, sie sind trotzdem wichtig. Sind sie auch, aber wahrscheinlich nur für mich. Die Selbst-Belügerei werde ich nicht abstellen, sonst müsstet ihr für sieben Wochen ohne Blog auskommen und das Erscheinen des Saturn-Buchs würde sich noch weiter verzögern.

Das verzögert sich sowieso noch etwas. Ich hatte am Montag einen Ausfall meiner Crucial SSD. Ich lasse zwar ein Backup der Festplatte und auch meiner Dateien laufen, aber die beiden Sicherungen waren vom 25 und 27.2 da sie nur wöchentlich erfolgen, ich habe also vier Tage verloren. Ich hatte noch Glück im Unglück, denn ich habe erst im Oktober auf diese SSD gewechselt. Vorher hatte ich eine Samsung 830 mit 240 GB, die wurde zu klein, dann bin ich mit dem Mini-Partition Tool umgezogen. Die Crucial hatte ich zwar schon seit August 2016, aber vorher nur genutzt um große, aber selten genutzte, Dateimengen dort unterzubringen wie Spiele oder Images für virtuelle Computer. Als primäre Platte nutzte ich sie erst als bei meiner Samsung SSD der feie Platz auf 60 GB gesunken war. Das war letzter Oktober. Ärgerlich ist es trotzdem. Denn intensiv genutzt wurde sie so erst seit einfugen Monaten und hätte ich sie sofort eingesetzt wäre der Ausfall noch während der Garantiezeit passiert. Gestern kam nun eine neue Samsung 860 EVO an, die hoffentlich so lange hält wie meine alte die seit 2012 ihren Dienst tut. Ich habe dazugelernt und daher auch bewusst nicht die billigere 960 genommen, die vier anstatt drei Bits pro Zelle speichert. Eine SSD mit 2 Bits pro Zelle gibt es ja anscheinend nicht mehr von den Markenherstellerin zu kaufen.

Immerhin: Glück im Unglück. Die alte 830 EVO hatte ich nicht gelöscht, sodass der Computer von ihr bootete. Ich bemerkte den Unterschied sogar anfangs nicht, stutze nur als ich ah das alle Artikel seit Oktober weg waren. Als ich dann auf die Datenträgerbezeichnung und Größe schaute, war dann alles klar. Immerhin: es ist beruhigend, das ich immer ein bootfähiges Ersatz-Windows habe und ich denke ich werde mein Programm Easybackup auch auf mehrere Backups und dafür kürzeren Zeiträumen umstellen.

Also für alle die große Chance: ihr habt sieben Wochen lang Zeit meine ehrliche Meinung zu allen Themen zu hören. Ich nehme mir aber die Freiheit heraus, nicht immer zu antworten. Eine Pause wird es in jedem Falle geben, nämlich am 1. April, ich denke den Grund muss ich dafür nicht nennen.

12.3.2019: Die spinnen, die Briten!

Für den heutigen Blog, der sich mal mit einem aktuellen (und das schon seit zwei Jahren) Thema befasst, gäbe es etliche Überschriften. Man könnte auch den Song von „The Clash“ nehmen: „Should i stay or should i go?“. Es geht natürlich um den Breakxit. Thema auch hier im Blog schon seit dem 18.6.2016 – ja es ist schon fast die Jahre her, das die Briten darüber abgestimmt haben.

Meine Meinung dazu habe ich ja schon mal hier von mir gegeben. Was diese Woche aber abläuft, kann ich wohlwollend wohl nur als eine Zeitschleife bezeichnen. Possentheater, Leben in einem Paralleluniversum würde aber auch fallen. Es ist im Prinzip eine Wiederholung vom Dezember/Januar. Ein Drama in drei Akten:

Schon im Januar war mein Verständnis für die britische Regierung klein. Sie hatten zwei Jahre Zeit zum Verhandeln, haben die Verhandlungen lange Zeit blockiert und so wurde der Vertrag erst relativ spät fertig – im Januar waren es ja auch nur noch 2 Monate zum Austritt. Dabei haben sie den Antrag erst am 29.3.2017 gestellt – die Volksabstimmung war am 23.6.2016. Sie hatten also 9 Monate Vorlauf um sich eine Strategie zusammen mit der EU zu überlegen. Es gab Zeit genug, doch die Briten meinten schon damals, mit Blockadepolitik weiter zu kommen. Das hat sie viel Zeit gekostet.

Nun schmeckt der Vertrag den meisten englischen Abgeordneten nicht, sowohl von der Opposition wie auch der Regierungskoalition. Doch schon im Januar muss allen klar gewesen sein, dass der Termin fix ist und es einen Austritt aus der EU gibt, mit oder ohne Vertrag. Also ich hätte ihn akzeptiert, den England ist in zweierlei Weise in einer schlechten Verhandlungsposition. Sie sind alleine gegen 27 EU-Staaten und sie haben den Austrittstermin vom 29.3. im Rücken. Was folgte war innenpolitisches Gezänke auf Kosten von Europa und den Briten. Es stimmten die Konservativen gegen den Vertrag, den er nicht weit genug ging und es stimmten die gegen den Vertrag, die gar nicht raus aus der EU wollten. Das ergab eine satte Mehrheit dagegen. Nur weil man in der Opposition, die wohl mehrheitlich in der EU bleiben will, gegen die Regierung sein muss.

Nun sind zwei Monate vergangen, jeder weiß, dass May nicht viel bei den Nachverhandlungen rausschlagen konnte, wie den auch in der Position in der sie ist, und es wiederholt sich! In welcher Welt leben die Abgeordneten dort?

Meine Bitte an alle in Brüssel, die etwas zu sagen haben: Keine Nachverhandlungen mehr, kein neuer Termin. Keine Verschiebung des Austritts. Mir wäre eine Kooperation Englands mit der EU auch lieber, aber es hat Grenzen und das, was da als Nachverhandlungen bezeichnet wird, wirkt für mich wie Erpressung, denn es sind ja Nachverhandlungen, die nur zu Gunsten eines Partners sind.

Vor allem möge man sich an politisch verantwortlicher Stelle überlegen, was man für ein Signal man damit aussendet. Wir haben in der EU ja auch ein paar Probleme. EU-Länder vor allem im Osten die keine Asylanten aufnehmen wollen, Polen, wo Meinungsfreiheit und Abhängigkeit der Justiz beschnitten werden. Ungarn, Bulgarien und Rumänien mit Demokratiedefiziten. Europafeindliche Regierungen in Italien, Österreich und den Niederlanden. Wenn man in der Art mit der EU umspringen kann, dürfte auch diese Staaten die Überlegung anstellen, dass man sein eigenes Süppchen weiter kochen kann, mit der EU kann man es ja machen.

Vor allem ist ja nicht auszuschließen, dass noch andere Länder aus der EU mal austreten wollen. Wenn dann der Breakxit Vorbild ist, in der Art, dass man solange nachverhandelt, bis man das Ergebnis hat, das einem selbst nützt wie z.B. Zugang zum Binnenmarkt aber keine Zahlung an die EU und volle staatliche Unabhängigkeit, dann dürfte dies einige Länder dazu animieren, sich einen Austritt zu überlegen. Die meisten nicht, die zentralen Länder wie Deutschland durch die alle Waren gehen und mit vielen Nachbarn, für die wäre es wirtschaftlich schlecht. Das müssten Länder an der Peripherie ohne viele EU-Nachbarn sein. Die südlichen EU-Staaten wie Spanien, Italien, Griechenland scheiden aus, weil sie hoch verschuldet sind und ohne EZB Aufkäufe von Anleihen der Staatsbankrott droht. Ebenso die Östlichen (ehemalige Ostblockstaaten) die Nettoempfänger sind. Aber Schweden, Finnland und Irland an der Peripherie für die wäre vielleicht ein Zugang zum Binnenmarkt ohne EU als übergeordnete Instanz verlockend, vor allem für Irland, die davon profitiert, dass dort etliche Konzerne ihr Geld zu kleinen Steuersätzen versteuern und die nun die Steuern anheben sollen. Als unabhängiger Staat sind sie nicht am an die EU-Weisung gebunden, können ihre Steuern selbst festlegen und durch die Insellage dann auch physisch von der EU getrennt. Das kann sich lohnen, denn wenn auch der Steuersatz niedrig ist, aber die ganzen EU-Einnahmen im kleinen Irland versteuert werden, ist das ein sattes Plus für ein bevölkerungsarmes Land. Wenn die Briten mit dieser Taktik davonkommen und ein noch weitergehendes Abkommen durchsetzen können, dann könnte ich mir schon vorstellen, dass die irische Regierung einen Austritt doch mal durchrechnen lässt. Zumal sie dann ja keine Probleme mehr mit der Grenze in Nordirland haben,

Klar ist, wenn es bei dem Stand heute Mittag bleibt, also keiner Ratifizierung des Vertrags es auf beiden Seiten Verlierer gibt. Es ist vor allem eine Abkehr von einem Status an, den man sich gewöhnt hat. Sowohl als Privatperson (Reisen in ganz Europa ohne Reisepass oder Visum) wie auch Unternehmen (keine Zölle, gemeinsame Normen und Vorschriften, ein Produkt ist EU-weit verkehrsfähig, wenn es in einem EU-Staat die Bormen erfüllt). Aber für die meisten EU-Staaten ist das eben dann mehr Bürokratie, aber in einem tolerierbaren Maß, den England macht bei keinem den Großteil des Exports oder Imports aus, eventuell mit Ausnahme von Irland die auch Lebensmittel produzieren, die im restlichen Europa niemand essen möchte wie Cheddar-Käse (mit einer Ausnahme: er ist die Basis für Schmelzkäse). Aber für England sind die Folgen dramatisch. 2015 importierte England Waren für 303 Milliarden Euro und exportierte für 185 Milliarden in die EU – bei Gesamtimporten von 565 Milliarden und Importen von 415 Milliarden Euro. Kurz: 2/3 der Importe stammen aus der EU, aber nur 40 % der Exporte. Wenn dies nun teurer wird, dann ist vor allem die EU betroffen, sondern England.

Das mus eigentlich einem Abgeordneten klar sein. Unverständlich, warum dann so viele gegen die vernünftigste Lösung stimmen. Vielleicht ist das so ein Briten-Gen. Es ist dieselbe Sturheit, die sie 1776 an den Tag legten, als die Kolonien in Amerika sich gegen eine Steuer wehrten die nur dem englischen König zugutekam, der aber 5.000 km entfernt ist. Vernünftige Leute hätten gesagt, „okay da ist was dran, geben wir das Geld in den Kolonien aus, die müssen ja sowieso entwickelt werden, dann hat man längerfristig sogar noch mehr Nutzen“, denn man importierte ja viel aus den Kolonien: Tabak, Felle etc. Nein, da schickt man die Armee hin. Resultat: heute sind die Kolonien eine Weltmacht und Großbritannien ist nur noch dem Namen nach Groß. Die Leute ticken dort anders. Das geht schon mit dem Essen los. Jedes Land hat Dinge, die man nur dort mag und andere Gerichte, die sich weltweit durchsetzen, doch England scheint nur die erste Kategorie bei den Gerichten aufzubieten: Pommes mit Essig, frittierten Fisch, zum Frühstück Bratwürste, Spiegeleier und Speck, so leckere Gerichte wie Lamm mit Minzsoße oder Brotpudding. Für den Rest Europas ungenießbar. Das kann nur Zufall sein, doch ich habe das Gefühl, diese Insellage fördert irgendwie eine gewisse Verschrobenheit.

Auch politisch tickt man dort anders. Schon in den Achtzigern gab es unter Margret Thatcher Dauerzoff mit der EU. Als Deutschland wiedervereinigt werden sollte, war England dagegen. England war der einzige Staat, der Bush in den völkerrechtlich nicht legitimierten Angriffskrieg auf den Irak folgte. Nur dort kam man auf die sämtliche Energie die gesamte staatliche Infrastruktur inklusive Stromnetz, Wasserversorgung und Bahn zu privatisieren. Weil nur dort (und in den USA) der Glaube an den Kapitalismus noch so präsent ist. Woanders hat man erkannt, dass der reine Kapitalismus nur zur Verarmung der meisten und wenigen Reichen führt.

Was bleibt? Auch dafür gibt es einen Song von den Clash: London Calling. Mehr als Warten was die Abgeordneten beschließen kann man nicht tun. Ich mache aber eine Prophezeiung: Am Ende der Woche ist man genauso weit wie am Anfang ….

 


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