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Web Log Teil 55 : 24.2.2008-

Sonntag: 24.2.2008: Wer hat Angst vor dem bösen Hydrazin?

Ja so könnte man überspitzt formulieren, wofür Hydrazin in letzter Zeit herhalten muss. Demnach ist Hydrazin ultragefährlich und man muss einen Satelliten mit 500 kg Hydrazin abschießen. Kasachstan schneidet ebenso Millionenbeträge von Russland heraus, wenn eine Trägerrakete in der Steppe niedergeht wie dies z.B. zweimal in dem letzten Jahr bei dem Fehlstart einer Dnepr und einer Proton der Fall war.

Also es ist Zeit etwas Aufklärungsarbeit zu betreiben. Es gibt zum einen einmal 3 Hydrazinderivate:

Hydrazine werden sehr oft in der Raumfahrt eingesetzt. Die Titan verwandte es in den ersten 3 Stufen, die Delta in der Oberstufe, der Space Shuttle hat etwa 10 t dieses Treibstoffs an Bord wenn er startet. Die Proton setzt es in den ersten 3 Stufen ein, die Dnepr, Rockot, Shtil, Volna Kosmos und Zyklon in allen Stufen und die Ariane 4 in den ersten zwei Boostern und den ersten zwei Stufen. Alle chinesischen Trägerraketen, die PSLV und GSLV verwenden den Treibstoff. Auch die alte Ariane 5 Oberstufe und das ATV verwenden diese Treibstoffe. Eine Proton hat beim Start etwa 200 t Hydrazin an Bord. Sie verfügt übrigens nicht über einen Selbstzerstörungsmechanismus.

Ich mache diese Aufzählung aus einem Grund: Um klar zu machen, dass schon seit fast 50 Jahren Hydrazin eingesetzt wird und es auch logischerweise immer wieder freigesetzt wurde. Bedeutender sind dabei wohl eher die vielen Starts von Militärraketen -alle sowjetischen ICBM von 1960 bis zur neuesten Generation setzten diesen Treibstoff in allen Stufen ein und davon gab es hunderte von Erprobungsstarts. Alleine die Dnepr (RS-36M) weist 140 solche Starts auf) Auch in den Orbit gelangten erhebliche Mengen. Nicht nur als Treibstoff an Bord von Satelliten, sondern vor allem auch als Resttreibstoff an Bord der Oberstufen. Erst seit etwa 20 Jahren wird zumindest in dem Westen der Treibstoff abgelassen. Bei chinesischen und russischen Oberstufen ist das heute noch die Ausnahme. Erst kürzlich explodierte eine chinesische Oberstufe als der steigende Druck in den Tanks diese zerriss.

Wenn man sich wegen 500 kg Hydrazin Gedanken macht, müsste man ehrlicherweise fast jede ausgediente Oberstufe abschießen, weil durch Sicherheitsreserven und nicht nutzbaren Resten viele Oberstufen mehr Hydrazin enthalten als diese 500 kg.

Wie giftig ist es nun?

Die Gefährdung hat aber auch andere Aspekte: Wie wahrscheinlich ist es, dass man durch Hydrazine vergiftet wird? Nun es ist sicher sehr gefährlich, wenn man neben einem Satelliten steht und der Tank hat ein Loch, weshalb die Betankung auch von Männern in Schutzanzügen durchgeführt wird. Bei einem Satelliten der vom Orbit herunter kommt, müsste man schon recht genau getroffen werden, denn sobald der Stoff freigesetzt wird bildet er natürlich eine Wolke und verdünnt sich sehr stark. Das ist aber recht unwahrscheinlich, denn selbst wenn der Tank kein Druckventil hat, durch den der Treibstoff entweicht, so erhitzt er sich doch beim Wiedereintritt so stark, dass er platzt. Das war bisher bei allen Tanks die man geborgen hat so, auch beim Tank der Columbia, wie die Cartright Kommission in ihrem Bericht feststellte. Ihr Tank wies einen Riss auf, als er gefunden wurde, durch den das Hydrazin sich beim Wiedereintritt verflüchtigte. Eine Kontamination der Fundstelle konnte nicht festgestellt werden.(Es ist durchaus nicht so, dass eine Space Shuttle ohne Treibstoff landet, das erlauben schon die Sicherheitsrichtlinien der NASA nicht. Es müssen mindestens Reserven für etwa 100 m/s bleiben, das sind je nach Zuladung und Missionsdauer etwa 3 t Treibstoff wovon etwa 1 t auf das Hydrazin entfällt).

Problematischer ist Hydrazin als Umweltgift. Es ist wie schon gesagt recht fischtoxisch, wird aber recht schnell abgebaut. Die Giftigkeit des Hydrazins, aber auch des Stickstofftetroxid (das als Reinsubstanz ein Atemgift ist und Verätzungen der Lunge verursachen kann und wenn es in den Boden gelangt mit Wasser zu Salpetersäure reagiert und dadurch den Boden versauert) wird neuerdings von Kasachstan genutzt um Gelder von Russland zu bekommen. Ich sage bewusst "benutzt", denn sobald die Millionen für Umweltschäden in der Steppe gezahlt wird, sind weitere Starts möglich. Verglichen mit den vielen Raketen, die man in den sechziger und siebziger Jahren von Baikonur aus gestartet hat, sind die heutigen Starts sicher heute nicht das Problem. Zumal man ja nicht umsonst Baikonur in die unbewohnte Steppe gebaut hat.

Kerosin, der zweite Haupttreibstoff den russische Träger nutzen ist zwar akut nicht so giftig, doch viel umweltschädlicher. Dies ist wie wenn ein Heizöltanker verunglückt und das Heizöl ausläuft. Anders als Hydrazin ist Kerosin schwer abbaubar und kann noch viel größere Mengen von Trinkwasser unbrauchbar machen. Das zeigt, das es zumindest bei Kasachstan vornehmlich um Politik geht und weniger um Umweltschäden.

So nun zurück zu USA-193. Ich meine nach wie vor es gäbe keine Gefahr durch den Satelliten. Er ist nicht mal besonders schwer. Ein Progress oder Sojus Raumschiff mit diesem Treibstoff an Bord ist dreimal schwerer. Warum man ihn abschoss? Es gibt 3 mögliche Erklärungen:

Die Militärs wissen schon was es ist. Vielleicht ist es aber auch nur mal wieder mal eine verrückte Aktion von GWB, bei dem ja die Politik im allgemein und speziellen nicht besonders rational ist.

Mittwoch 27.2.2008: Braucht Russland die Angara?

Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion hat sich auch in Russlands Raumfahrt einiges geändert. Die einschneideste Änderung war, dass nun die Ukraine und Kasachstan unabhängige Republiken wurden. Beide Staaten sind nicht reich, es gibt keine Bodenschätze wie in Sibirern, so versuchten beide Devisen von Russland zu bekommen, und so steigen die Preise für Produkte aus diesen Ländern. Russland wollte analog unabhängig von den anderen Sowjetrepubliken sein und in vielen Dingen geht dies auch, doch nicht in allen. So stammen eben Teil von Trägerraketen aus der Ukraine, einige sogar komplett wie dir Zyklon. Umgekehrt ist Baikonur der wichtigste Weltraumbahnhof den Russland hat und das Starten der Raketen ließ man sich gut bezahlen.

So gibt es seit 1990 Bestrebungen Russland unabhängiger zu werden. Bei den Trägerraketen setzte man mehr auf russischen Modelle und so nahm die Starts der Zyklon und Zenit ab, die Teile von der Ukraine enthalten. Es gab auch den Versuch mit dem neuen Kosmodrom Swobodny im fernen Osten eine Konkurrenz zu Baikonur aufzubauen, doch mehr als einige Starts sah Swobodny nie. Das Problem des Raketenstartplatzes ist heute weitgehend gelöst: Russland zahlt eine fürstliche Pacht für das Gelände und Baikonur ist praktisch eine extraterritoriale Insel in der unter anderem es zwei Währungen und zwei Schulsysteme gibt. Ab und an gibt es Ärger wenn ein Fehlstart zu der Belastung der Steppe mit giftigem Treibstoff führt, doch nach Zahlung einiger Millionen ist wieder Eitel Sonnenschein.

Etwas anders liegt es bei den Raketen. Das Sortiment der benutzten Träger von Russland hat seit 1990 stark abgenommen und beschränkt sich heute praktisch auf die Sojus und Proton. Starts der Kosmos gab es seit Jahren nicht, die Zyklon wird nicht mehr gebaut und die Zenit fliegt praktisch nur noch kommerziell. Seit mindestens 15 Jahre gibt es aber Pläne für eine Raketenfamilie die alle bisherigen Träger ersetzen soll, die Angara. Obgleich es mittlerweile genügend Mittel für die Entwicklung gibt ist der Jungfernflug immer weiter herausgeschoben worden. Erste Tests sollten schon 2006 beginnen, nun ist die Ree von 2009.

Die Frage ist: Braucht Russland die Angara ? Meine Antwort: Nein. die Angara soll aus Boostern bestehen die das RD-191 einsetzen, eine Einkammerversion des RD-171. Mehrere dieser Booster (bis zu 4) bilden die größte Version. Die Zentralstufe dann nur ein Booster und die Oberstufen sollen die schon entwickelten Triebwerke RD-124A (aus der dritten Sojus Stufe) und bei den kleineren Versionen die Breeze-KM Stufe einsetzen. Damit kann man eine Familie mit 2-24.5 t Nutzlast schaffen.

Auf den ersten Blick also eine gute Option, da auch eine Stufe mit flüssigem Wasserstoff vorgesehen ist welche eine GTO Nutzlast von 6.6 t offeriert.

Allerdings gibt es keinen Grund für die Entwicklung .Die alten Sojus und Proton Raketen sind nicht modern, aber sie sind erprobt. Die Sojus ist zudem äußerst zuverlässig (bei der Proton kann man dies nicht im gleichen Maße sagen). Die alte Technik ist auch vergleichsweise preiswert.

Die Zenit auf der die Angara technologisch aufbaut ist moderner, verwendet Hochdrucktriebwerke, aber sie ist auch teurer. Schon zu Sowjetzeiten fanden nicht viele Starts mit ihr statt. Die neue Technik ist auch nicht zuverlässiger als die Proton. Von den bislang 61 Starts misslangen 11 - das ist keine gute Bilanz.

Insbesondere kann nicht die Kostenaspekt die Antriebsfeder sein. Es lohnt sich nicht für Russland neue Raketen zu bauen, wenn man die gleichen Nutzlasten wie vor 20 Jahren startet. Wöllte Russland kosten sparen, so könnte es leicht auf seine ausgemusterten Interkontinentalraketen zurückgreifen die im Westen als Rockot, Dnepr, Shtil, Volna und Start angeboten werden. Diese wurden schon gefertigt, man müsste nur noch die Startkosten aufbringen.

Eine Triebfeder könnte der kommerzielle Transport sein. Proton und Zenit wetteifern schließlich mit Ariane um kommerzielle Transporte in den GEO Orbit. Doch auch hier gilt: Eine größere Nutzlast kann man einfacher transportieren. Die Nutzlast für den GRO Orbit wird begrenzt durch die geographische Breite von Baikonur. Es liegt bei 52 Grad nördlicher Breite. Zum einen ist die Geschwindigkeit die aufgebracht werden muss dort größer als in Äquatornähe, weil die Erdrotationsgeschwindigkeit kleiner ist. Zum anderen muss man beim Übergang in den endgültigen Orbit diese Bahnneigung abbauen und das kostet zusätzlichen Treibstoff.

Man kann das Problem aber auch anders lösen. Die Zenit startet zum Beispiel von einer umgebauten Ölbohrplattform vom Äquator aus. Obwohl die Nutzlast für erdnahe Bahnen bei der Zenit deutlich kleiner als bei der Proton (13.7 zu 21.6 t). Die Nutzlast im GTO Orbit aber höher (6.1 zu 5.6 t). Dabei steigerte die Breeze Oberstufe auf der Proton diesen Wert bedeutend, da sie es ermöglichte erst am Äquator die erste Bahnanhebung durchzuführen. Trotz alledem bleibt das Manko eines Startplatzes mit hoher geographischer Breite.

Bei der Sojus führte der Wechsel von Baikonur zum äquatornahen Startplatz in Französisch Guyana sogar zu einer prozentual noch größeren Steigerung um 50 %. Wöllte Russland also eine stärkere Kinkurrenz bilden, so wäre es einfacher die Raketen nahe des Äquators zu starten, von der Nordspitze von Australien aus oder von einer Südseeinsel. Man müsste dann dort ein Startgelände aufbauen und das Gelände anmieten. Ich glaube kaum, dass es da mehr Probleme gibt als bei einem Sojus Start von Kourou aus oder von der Ölplattform von Sea Launch aus. Was nötig wäre, wäre nur eine diplomatische Initiative seitens Russlands. Ein möglicher Startort wäre z.B. eine zu Jemen gehörende Insel Sokotra die bei 12 Grad nördlicher Breite liegt.

Der einzige Grund der eine neue Rakete könnte Kliper sein. Kliper ist deutlich schwerer als ein Sojus Raumschiff. Er soll 13.5 t beim Start wiegen - das ist eine Nutzlast für eine Zenit. Die Zenit ist aber eine Rakete deren Hersteller in der Ukraine liegt. Da man nun wieder über Mittel verfügt wird man diese nutzt  sich unabhängig von Kasachstan und der Ukraine sein will. Dazu passt aber nicht, dass man die Angara von Plesetsk  aus starten will. Zwar ist Plesetsk  nach Baikonur der wichtigste Weltraumbahnhof der Sowjetunion. Aber es liegt zu weit nördlich. Starts sind praktisch nur in polare Umlaufbahnen möglich. Ein Start zur ISS ist erschwert und für kommerzielle Transporte ist der Standort noch viel ungünstiger als Baikonur. So passt zu den ganzen Angara Plänen aber nicht das Swobodny  nach neuesten Bekanntmachungen geschlossen werden soll.

Meine persönliche Meinung: Wir werden wohl niemals die Angara sehen.

Freitag 29.2.2008: Wahlen, Wahlversprechen und der Wählerwille

Ich habe gestern mal in meinen Blogstatistik geschaut. Er erfreut sich steigender Beliebtheit mit 50-100 Seitenabrufen pro Tag. Ich war erstaunt, da die meisten Besuche auf die Artikel entfallen, die sich eigentlich nicht mit Raumfahrt beschäftigen, während die Kommentare sich gerade auf diese konzentrieren. Der beliebteste Blog ist über den Kinder Maxi King. Ich möchte daher heute mal ein Thema aufgreifen, das mich derzeit beschäftigt und auch im Fernsehen breit diskutiert wird und durchaus kontrovers mit unterschiedlichen, aber jeweils gut begründeten Standpunkten.

Die Wahlen in Hessen und Hamburg haben wieder einmal zu Konstellationen geführt in denen Koalitionen schwer möglich sind. In Hessen reicht es weder zu Rot-Grün, noch zu Schwarz-Gelb und in Hamburg scheint nur Rot-rot-grün oder Schwarz-Grün möglich zu sein, in jedem Fall müssen sich Partner zusammen finden die politisch weit auseinander liegen. Nun entbrennt eine Debatte darum ob sich Ypsilantis  mit den Stimmen der Linkspartei wählen lassen soll. Dabei wird immer der "Wählerwille" angesprochen. Was ist richtig? Sollte eine Partei sich strikt an ihre Wahlversprechen halten, auch wenn dies bedeutet, dass sie dann nicht an die Regierung kommen kann und - im Falle von Hessen - es praktisch nur die große Koalition als Möglichkeit mehr gibt? Andererseits hat die SPD ja Wahlkampf gegen die CDU geführt, wäre dann eine große Koalition nicht dann auch ein Bruch des Wahlversprechens?

Die zweite Position sagt etwas anders: Es gibt Wahlversprechen, aber sie müssen sich den Realitäten des Wahlergebnisses stellen, bei dem in Hessen weder die CDU noch die SPD mit ihren bevorzugten Koalitionspartnern die Regierung stellen kann und man nun nach einer Lösung suchen muss, die eben zu einer Regierung führt. Das halte ich für einen vernünftigen Standpunkt. Nur wenn man sich mit den Stimmen der Linken wählen lässt - wie verlässlich ist diese Mehrheit dann? Muss Ypsilanti dann nicht bei jeder Abstimmung nach Stimmen in der Opposition fischen? Wie lange wird diese Minderheitsregierung Bestand haben? Ist die Regierung dann nicht von der Linken in gewisser Weise erpressbar?

Es gibt zwei Dinge die ich für wichtig halte: Das eine ist, dass die Linke nun auch in den alten Bundesländern in die Parlamente einzieht. Man muss sich mit dieser Situation abfinden, genauso wie der Einzug der Grünen in den achtziger Jahren die Parlamente umkrempelte. Die Parolen, die heute von der CDU/CSU gegen die Linke gebracht werden, sind die gleichen die ich vor 20 Jahren gegen die Grünen gehört habe. Heute sind die Grünen etabliert und ihr Parteiprogramm hat wenig Ähnlichkeit mit dem vor 20 Jahren. Ich denke man muss sich damit abfinden, dass es genügend Wähler gibt, damit je eine Partei weit rechts und weit links im Spektrum die 5 % Hürde überschreitet. Früher waren die Grünen das Sammelbecken für die linken Wähler, heute sind es die Linken. Rechts wird nur deswegen nicht so sehr beachtet, weil hier 3 Parteien miteinander konkurrieren und die Chance, dass eine so die 5 % Hürde überschreitet kleiner ist. Das Parteiprogramm dieser Partien ist meist weit von der Wirklichkeit entfernt. Sei es der Hinauswurf von Ausländern bei den Rechten oder die Forderung nach einem Grundgehalt von 1000 Euro pro Monat bei den Linken - das ist schlicht und einfach nicht machbar. Aber wenn viele Leute solche Parteien wählen, dann hat dies Einfluss auf die anderen Parteien. Das Deutschland sich heute so für den Umweltschutz und Verhinderung des Klimawandels einsetzt hat damit zu tun, dass selbst die CDU gesehen hat, das deswegen über Jahrzehnte die Grünen gewählt wurden und das eben den Wählern wichtig ist.

Ich bin aber überzeugt, dass es genauso wie es bei den Grünen immer schon "Realos" gab es auch bei den Linken Leute gibt die einen Anflug von Realitätsnähe haben Die Frage ist: Soll man eine Regierung von diesen Leuten abhängig machen?

Diese Frage muss gelöst werden, denn sonst gibt es in absehbarer Zeit in vielen Länderparlamenten wie beim Bund nur die Lösung der großen Koalition. Diese hat in meinen Augen aber nur Nachteile. In den anderen Konstellationen besteht die Koalition aus einem großen und einem kleinen Partner. Der große Partner kann weitgehend seine politischen Forderungen durchsetzen, der kleine Partner muss weitgehend zurückstecken und wenn wir uns die kleinen Parteien ansehen, dann ist ihr Kernprogramm auch auf die Interessen eines bestimmten Klientel ausgerichtet. Die FDP weitgehend auf die Interessen der Gutverdienenden und Selbstständigen und die der Grünen für die, wo ökologisch orientiert sind. Die Linke vertritt im Prinzip die Personen die kein Einkommen aus Arbeit oder Kapitaleinkünften haben. Eine Koalition ist so einfacher, weil die große Partei nicht in allen Punkten Kompromisse suchen muss, sondern nur in denen wo die kleine Partei besonders interessiert ist.

Das Problem ist größer bei der großen Koalition: Hier gibt es in allen Gebieten Kompromisse zu schließen. Beide Partner sind fast gleich stark und beide Partner bilden eine Notkoalition und führen sonst gegeneinander (und während der Regierungszeit in den Länderparlamenten) Wahlkampf. Diese Notlösung ist nun aber schon in vielen Länderparlamenten der Normalfall geworden.

Es bleibt noch der Wählerwille, der so gerne bemüht wird. Doch es gibt nicht "den" Wähler. Es gibt Millionen die unterschiedliche Interessen haben und so unterschiedliche Parteien wählen. Gerade das führt ja zu den Konstellationen die ja für die Politiker so schwierig sind. Aber eines wollen alle Wähler: Eine stabile Regierung. Wenn man also den Wählerwillen als Maßstab nimmt, so gibt es für mich nur eine Möglichkeit: Eine Partei die massiv bei der Wahl verloren hat, sollte in die Opposition, auch wenn sie noch absolut die größte Partei ist, denn der Wähler hat ja wohl ihr das Vertrauen entzogen. Ich halte es aber für überlegenswert ob man bei wirklich festgefahrenen Verhältnissen wie in Hessen, überlegen sollte nochmals zu wählen. Und zwar genau einmal, ohne zusätzliche Finanzierung vom Staat, ohne lange Vorbereitung und Wahlkampf, sondern innerhalb von einigen Wochen. Es besteht die Hoffnung, dass dann sich einige überlegen ob ihr Votum so gut war. Eventuell verliert die Linkspartei dann Stimmen, eventuell reicht es aber auch für CDU/FDP, vielleicht bekommen die Linke sogar noch mehr und spätestens dann sollte man sich überlegen ob man kategorisch eine Koalition mit ihnen ablehnt. Wenn man dasselbe Ergebnis bekommt, dann bedeutet das aber auch, dass man sich mit ihm abfinden muss und nach einer Lösung suchen muss, auch wenn diese den Politikern nicht gefällt. Wenn dies mit bestimmten Personen nicht machbar ist, dann müssen diese eben abtreten.

Ich halte das für eine gute Möglichkeit. Wir kennen bei Bürgermeisterwahlen ja auch eine zweite Abstimmung wenn ein Kandidat nicht die absolute Mehrheit erreicht. Das ist zwar nicht das gleich, aber etwas ähnliches: Der Wähler erhält die Gelegenheit sein Votum nochmals zu präzisieren. Was meinen Sie dazu?

Sonntag: 2.3.2007: Das Regieren wird schwieriger

Um an den letzten Eintrag mal anzuknöpfen, eine rein mathematische Betrachtung der Bundestagswahlen seit der Entstehung der BRD.

1949 gab es noch 12 Partien und Unabhängige im deutschen Bundestag, darunter Parteien die heute vergessen sind wie die Bayernpartei oder deutsche Partei. Dabei ist übrigens die CSU als eigene Partei gezählt. Schon 1953 waren es nur noch 7 und 1857 nur noch 5. 1961 war dann ein Stand erreicht, der für 20 Jahre Bestand haben sollte: Es gab CDU, CSU, SPD und FDP. Da es sehr schwierig ist für eine der beiden großen Partien mehr als 50 % der Stimmen zu erhalten (Kohl schaffte es 1980 fast) war seitdem die FDP immer in der Regierung bis 1998 mit wechselnden Koalitionspartnern, was ich insbesondere nach dem 180 Grad Wechsel 1982 die Bezeichnung "Wendehals" Partei einbrachte (Der Wendehals war der Vogel des Jahres 1982).

Mit dem Einzug der Grünen 1983 änderte sich zum ersten mal seit über 20 Jahren etwas. Die Reaktion der etablierten Parteien erinnert verblüffend an das was man heute hört, wenn von der Linken die Rede ist. Sie wurden als Haufen von Alt-Nazis, Kommunisten, Idealisten und Spinnern beschimpft. Es dauerte einige Jahre bis man erkannte, dass sie keine kurzzeitige Erscheinung waren und sich dadurch die Parteienlandschaft nachhaltig verändert hat: Es ist heute für die beiden großen Partien unmöglich die absolute Mehrheit zu bekommen. Selbst Ergebnisse von 40+ % die in den siebziger Jahren normal waren sind heute ein Spitzenergebnis. Vor allem aber ist nun die FDP nicht mehr Zünglein an der Waage. Zumindest die SPD hat nun mit den Grünen einen weiteren potentiellen Koalitionspartner. 1985 gab es die erste rot-grüne Koalition in Hessen und seitdem sind die Grünen nicht nur in den Ländern mit an der Regierung beteiligt.

Die Wende und die Integration der DDR brachte die PDS mit in den Bundestag. Als ehemalige SED waren sie nun die neuen Paria im Bundestag. Es sah es in den ersten Jahren so aus, als würde mit zunehmender zeitlicher Distanz von der Wende ihr Wählerpotential immer geringer. 2002 schafften sie es weder über die 5 Prozenthürde, noch bekamen sie die nötigen 4 Direktmandate für eine Fraktion zusammen. So zogen nur 3 direkt gewählte Abgeordnete ein. 2005 kam dann der Zusammenschluss mit dem westdeutschen Wahlbündnis Arbeit & soziale Gerechtigkeit – Die Wahlalternative zu einer gemeinsamen Liste und damit vor allem im Westen zu mehr Stimmen.

Die folge ist dass wir nun 5 Parteien im Bundestag haben. 2 Große und 3 kleine mit jeweils so 8 % Stimmen mit kleinen Ausschlägen nach Oben und unten. Zwei der kleinen Partien sind links orientiert. Die FDP wohl in der Mitte. Man kann leicht durch Nachdenken ermitteln, dass hier die klassische Koalition eine große und eine kleine Partei schwierig ist. Es klappt nur wenn beide Parteien erfolgreich sind. Die Wahrscheinlichkeit, dass man entweder noch eine zweite kleine Partei zum Regieren braucht oder nur eine große Koalition möglich ist relativ hoch.

Ich halte daher Überlegungen der SPD ob man mit den Linken koalieren kann nicht für einen Tabubruch, sondern politisches Zweckdenken. Das gilt genauso für die CDU wenn sie an eine Koalition mit den Grünen denkt, denn noch nie wahr die CDU so "grün" wie heute - man denke nur an Merkels Initiative hinsichtlich Klimaschutz. Das Austrocknen des Wählerresoirvoirs für die Linken dürfte schwer sein. Das Stammklientel der ehemaligen PDS dürfte mit fortschreitender Zeit geringer werden, doch es bildet heute schon die Minderheit und viele wählen diese aus Protest. Ich glaube das uns die Linken noch lange erhalten bleiben werden, weil viele mit der Sozialpolitik unzufrieden sind. Für mich, der ich von 100 Euro Lohnerhöhung noch 35 Euro netto herausbekomme und der Nachrichten, dass selbst lebenslanges einzahlen in die Rentenversicherung gerade mal eine Grundsicherung bedeutet sind Forderungen nach einem Grundgehalt von 1000 Euro unvorstellbar - wie soll man dies finanzieren? Doch gibt es genügend die heute schon von Harz IV leben und die notwendige Reduktion dieser Ausgaben vom Staat als Einschnitt empfinden. Solange man die Ursachen, nämlich dass viele Marschen heute vom staatlicher Hilfe leben und sich der Staat dies eben nicht leisten kann nicht beseitigen kann, wird es die Linke geben als Sprachrohr dieser Leute.

Das ist ein Problem, das über Koalitionen herausgeht und das sich nicht in einer Legislaturperiode löst. Die Frage ist: Kann man heute mit den Linken koalieren? Auf Bundesebene wohl sicher nicht. Das Wahlprogramm auf Bundesebene liest sich wie eine Wunschliste für den Weihnachtsmann. Im Osten gibt es seit langem Koalitionen mit der PDS. Ich denke die Fragen wird man auf Landesebene klären müssen, dann spielen Personen eine wichtige Rolle. Ich halte z.B. die hessische CDU mit Kochs Demagogie für genauso radikal wie die linken und eine große Koalition mit Koch kann ich mir beim besten willen nicht vorstellen.


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