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Web Log Teil 562: 14.7.2019 - 25.7.2019

14.7.2019: Der neue Moon-Rush

Alle paar Jahre taucht eine Meldung auf, wie der Mond wirtschaftlich genützt werden kann. Waren das nach der Mondlandung die Massenelemente des Gesteins, das angereichert an leichten Elementen wie Titan ist, so kam mit dem Fortschritt der Kernfusionsforschung das Helium-3 in den Fokus, ein seltenes Heliumisotop, das die Kruste mit dem Sonnenwind über Milliarden Jahre angesammelt hat. Helium-3 setzte die Anforderungen für eine Kernfusion deutlich herab, ist auf der Erde aber sehr selten.

Nun gibt es eine neue Meldung, pünktlich zum 50-sten Jubiläum der Mondlandung. Der Tatbestand ist eigentlich nicht neu. Man hat schon vor Jahrzehnten am Apollo 14 Landeplatz in dem losen Oberflächenmaterial (Staub, Regolith) unter dem Mikroskop kleine Diamanten gefunden. Sie entstehen, wie das viel häufigere Glas durch die extremen Bedingungen eines Einschlags, der dann vorhandenen Kohlenstoff durch Druck und Temperatur in Diamanten verwandelt. Nur waren diese eben mikroskopisch klein, viel zu klein um sie als Schmucksteine zu nutzen und auch noch zu klein für den Einsatz in Werkzeugen.

Nachdem die NASA 2010 die Elektronenstrahl-Massenspektrometrie für die Untersuchung der Genesis-Proben erfolgreich eingeführt hatte, gab es die Genehmigung weitere Steine des geborgenen Mondgesteins zu untersuchen. Das ist äußerst selten. Der Großteil des Materials wird unverändert in kontrollierter Atmosphäre gelagert für zukünftige Generationen und neue Analysenverfahren. Wie die inzwischen 50 Jahre seit der Landung zeigen, eine weise Entscheidung. Während man relativ einfach an kleine Mengen des Feinmaterials kommt, ist es fast unmöglich einen ganzen Felsbrocken zu bekommen, speziell, wenn er für oder durch die Untersuchung verändert wird.

Für die Elektronenstrahl-Massenspektroskopie musste man die Felsen aber durchschneiden, denn die Methode sollte die interne Struktur besser aufklären. Bei ihr schlägt ein Elektronenstrahl Ionen auf der Oberfläche heraus und das Massenspektrometer bestimmte ihre chemische Struktur. Wie bei einem Elektronenmikroskop ist der Strahl fein fokussierbar. So kann man die mineralogische Struktur eines Mikrometer großen Bereichs untersuchen – das war entscheidend für die Wahl der Methode denn das Mondgestein ist sehr inhomogen und Felsbrocken bestehen aus verschiedenen Gesteinen, die durch Einschläge vermischt wurden. Mit der Methode kann diese Vermischung nun besser untersucht werden.

Beim Apollo 14 Landeplatz fanden sich bei einem von drei durchschnittenen Felsbrocken nun auch makroskopisch sichtbare Diamanten. Da sie durchschnitten waren, war eine Größenabschätzung nicht einfach. Doch man kam zum Schluss, dass die Diamanten etwa 2, 3 und 5 Karat hatten. Sie hatten hohe Farbreinheit, jedoch deutliche Einschlüsse. Das Ergebnis wurde 2012 publiziert und geriet dann in Vergessen, auch weil die Diamanten von den Forschern nicht hervorgehoben wurden. Sie waren ja an der Entstehung des Mondgesteins interessiert.

2015 erschien dann noch ein Aufsatz, der sich mit der Entstehung der Diamanten beschäftigt. Er zog dazu auch die Daten des M3-Mappers hinzu, einem Instrument auf dem indischen Mondorbiter Chandrayaan 1 das von den USA gestellt wurde. Der M3 ist ein Multispektral-Spektrometer im sichtbaren Bereich und dem nahen IR, wo viele Gesteine markante Absorptionsbanden haben. M3 konnte wegen des frühen Ausfalls der Sonde nur 20 % der Oberfläche erfassen, darunter auch den Landeplatz von Apollo 14. In den Spektren sieht man in dieser Zone eine hohe Konzentration Kohlenstoff in Form von Graphit. Man findet diese aber punktuell auch an vielen anderen Stellen. Nach dem Artikel entstehen die Diamanten in zwei Stufen. Der erste ist der Einschlag eines Kometen auf dem Mond. Kometen bestehen zum großen Teil aus flüchtigem Material. Vor allem Wasser aber auch Kohlendioxid und Methan. Aus letzten beiden soll beim Aufschlag dann vor allem Graphit entstehen. Im zentralen Bereich, können es auch die mikroskopisch feinen Diamanten sein, die man schon lange kennt. Der Einschlag bringt so hohe Temperaturen auch in der Peripherie auf, das beide Gase mit dem Oberflächengestein reagieren und zu Kohlenstoff reduziert werden. So entstehen die vielen punktuellen Kohlenstoffvorkommen, die der M3 entdeckte. Jedes steht für mindestens einen Kometeneinschlag. Der Aufsatz nutzte dies aus, um deren Zahl zu schätzen, kam aber auf eine niedrige Größenordnung. Die beste Erklärung dürfte sein, das die Erde die meisten Kometen anzieht, sodass sie den Mond verfahren. Dazu passt auch das 80 % der Vorkommen an Kohlenstoff auf der Mondrückseite liegen. Diese ist permanent von der Erde abgewandt und wird von Kometen die auf die Erde zufliegen bei den meisten Mondpositionen im Orbit zuerst getroffen.

Die Erklärung für die größeren Diamanten ist schwerer. Dazu muss ein zweiter Einschlag eines beliebigen Himmelskörpers hinzukommen. Er verschiebt erneut das Gestein, das sich vorher weiträumig verteilte und konzentriert an bestimmten Stellen den Kohlenstoff, wodurch es dann, wenn dies im Einschlagspunkt ist, durch Druck und Temperatur zu den größeren Diamanten kommen kann. Das passt sowohl zu den Verunreinigungen in den Diamanten, wie auch dazu das man diese großen Diamanten nur in einem Gestein fand, nicht aber im losen Oberflächenmaterial, das durch zahlreiche Kleineinschläge und Zertrümmerung entstand.

Der Aufsatz wurde nun aufgegriffen und jemand machte sich Mühe dies zu modellieren und in der Simulation entstanden auch Diamanten. Mehr noch die Simulation konnte Vorhersagen über die Menge machen. Demnach muss es abhängig von der Konzentration zwischen 100 und 3000 Diamanten mit mehr als einem Karat Diamanten pro Kubikmeter Material geben. Der Apollo 14 Landeplatz liegt dabei in der Mitte mit prognostizierten 800 Diamanten/m³. Die Maximalgröße eines Diamanten ist auch von der Konzentration abhängig. Am Apollo Landeplatz sollten die größten Diamanten nicht größer als 7 Karat sein, bei den höchsten Vorkommen, die man entdeckt hat, können es auch 11 Karat sein. Typisch wird sein, dass die Diamanten wie die schon bekannten weitestgehend farblos sind – es gibt kaum Elemente in der Mondkruste die färben könnten – dafür aber Einschlüsse haben. Für die Schmuckindustrie wären somit nur die großen Exemplare interessant die man so aufsögen kann, dass man kleine Diamanten ohne Einschlüsse bekommt. Für die Verwendung als Material für Bohrmeisel ist das aber kein Hemmnis.

Diese Erkenntnis hat nun zu einem neuen „Goldrausch“ geführt. China hat angekündigt auf der nächsten Sonde, Chang‘E-6 einen Selektiv-Multipsektralskanner mit hoher räumlicher und spektraler Auflösung mitzuführen. Derartige Instrumente setzt China schon erfolgreich auf der Suche nach seltenen Erden auf Satelliten ein. Es ist ein Multispekralscanner wie M3, bei dem man aber nur die Daten weniger Spektralbereiche nutzt. Meistens 3-4 Linien, in denen ein Mineral absorbiert und 4-6 weiteren Bereichen in denen es nicht absorbiert, dafür aber andere Elemente, die auch nahe des Absorptionspunkts des gewünschten Minerals absorbieren, um diese ausscheiden zu können. Da nur noch typischerweise 10 anstatt 256 oder 480 Linien ausgelesen und übertragen werden können die Instrumente eine viel höhere räumliche Auflösung erreichen.

Ähnliche Instrumente wollen auch US-Firmen entwickeln. Für sie fehlen aber noch die Fluggelegenheiten und eine eigene Raumsonde können die wenigsten finanzieren. Sie hoffen auf eine neue NASA-Sonde, bei der die Instrumente dann mitfliegen können.

Würden dann in einigen Jahren die Vorkommen von Grafit (die Diamanten sind zu wenig konzentriert um sie aus dem Orbit heraus erkennen zu können) genau kartiert sein, so könnte man nach Stellen Ausschau halten, wo man nach Diamanten suchen könnte. Das wären neuere Einschläge innerhalb dieser Zonen. Wie man die Diamanten dann aber gewinnen will, ist noch offen. Der erste Schritt ist noch relativ klar: Die größeren Steine werden zerkleinert. Aus den Bruchstücken müssen dann die Diamanten selektiert werden. Auf der Erde geschieht das über die Dichte, indem man den Gesteinsbrei mit Wasser versetzt und zentrifugiert, doch Wasser gibt es zumindest bei den bekannten Vorkommen von Diamanten auf dem Mond nicht. Eine vorgeschlagene Alternative wäre es, die Diamanten spektroskopisch zu erkennen, wie man dies bei Plastik im Müll tut. Doch auch dann hat man das Problem sie zu trennen. Mit Druckluft sie wegzublasen, wie bei das bei Plastikverpackungen in der Trennung von Verpackungsmüll gemacht wird geht ja nicht.

Natürlich braucht man noch Träger und Raumschiffe, welche die Anlagen auf den Mond schaffen und die Diamanten zur Erde und da die meisten Vorkommen auf der Mondrückseite sind noch Kommunikationsmöglichkeiten entweder in einem Mondorbit oder einem L4/L5-Lagrangepunkt.

Ich warte ja noch auf eine Stellungnahme von PlatzX, das man bald eine Diamantengewinnungsanlage auf dem Mond installiert um damit die Marsexpedition zu finanzieren ...

17.7.2019: Fünfzig Jahre Mondlandung – und was man heute von ihr hat

Derzeit jährt sich ja der 50-ste Jahrestag der Landung von Apollo 11. Von mir gibt es keine neuen Aufsätze zu der Mission, einfach weil ich das Thema schon ausführlich bearbeitet habe. So über den berüchtigten Program-Alarm beim Abstieg von Apollo 11. Die noch größere Krise bei Apollo 14, als der Abortschalter automatisch anging. Dazu natürlich die ersten Worte auf dem Mond. Aber auch Kleinigkeiten wie das UFO, das die Astronauten gesehen haben wollten. Und natürlich, dass Armstrong mit nur wenig Treibstoff landete. Natürlich auch, warum es von Armstrong keine Bilder gibt. Das sind nur einige Links, die meisten aus dem 40-jährigen Jubiläum, die mir spontan eingefallen sind, die aber heute noch aktuell sind.

Heute will ich anknüpfen an das was ich schon vor zehn Jahren schrieb, nämlich was hat man damals live in Deutschland mitbekommen und was heute.

Wer die Gelegenheit hat, sollte die Live-Berichterstattung von der Mondlandung im Fernsehen mal ansehen. Ich habe mir 2009 einen Mitschnitt gemacht. Das wird in der Nacht vom 20 auf den 21. Juli in ARD Alpha wiederholt. Schade, den Sender bekomme ich über DVB-T nicht rein, aber vielleicht taucht der Mitschnitt ja in der Mediathek auf, meiner von 2009 ist noch analog, was die sowieso nicht besonders gute Bildqualität noch etwas schmälert.

Was mir schon 2009 auffiel, war, das das Publikum damals ein anderes war. Die Sendung war viel technischer als heute, wo selbst Wissenschaftsreporter wie Ranga Yogeshwar Alexander Gerst vor allem nach seinem Gefühlsleben in dieser oder jener Situation gefragt haben. Auch die Fragen der Zuschauer, die beantwortet wurden, waren sehr speziell, z.B. welche Gefahr Mikrometeoriten darstellen und die Experten konnten die auch beantworten – ohne google, ohne Nachzuschlagen. Wen das heute verwundert: bei den Experten waren etliche die mit Wernher von Braun gearbeitet haben, so der spätere Professor für Raumfahrt an der Uni München xxx. Ich glaube auch das die Leute viel mehr interessiert waren an der Technik, denn die Zeit war schon ein bisschen technikverrückt. Zur selben Zeit wurde alles Mögliche ausprobiert. Besonders die Kerntechnik wurde enorm unkritisch und als Allheilmittel bei allen Energiefragen angesehen. Es gab mit Kernreaktoren angetriebene Schiffe – sogar ein experimentelles, die Otto Hahn in der BRD, es wurde mit atomangetriebenen Flugzeugen experimentiert und es gab sogar die Projektion, das es atomgetriebene Autos und Kleinflugzeuge geben würden (ja schon damals gab es Flugtaxis). Ich fand das lange Zeit utopisch, aber immerhin mit SNAP-10A flog ein Kernreaktor in den Weltraum mit nur wenigen Hundert Kilo Masse. Das ist nicht weit von dem Gewicht eines großen Motors für ein Flugzeug oder einen Lastwagen entfernt.

Ein Punkt, der beim US-Mondprogramm gerne vergessen wird, ist das Kennedy nicht nur dieses Programm verabschiedete, sondern auch dafür sorgte, das Technik und Wissenschaft in den Schulen viel mehr Gewicht erhielten als Sprachen und Geschichte. Es wurden überall im Land Studiengänge für Ingenieure verabschiedet und die Naturwissenschaften gefördert und die Forschung erhielt allgemein mehr Mittel. Die USA haben das beibehalten, in der BRD scheint man seitdem eher abgebaut zu haben. In der PISA-Studie waren wir ja schon vor mehr als einem Jahrzehnt nur Mittelmaß und schlimmer noch, das ist seitdem nicht viel besser geworden. Meiner Ansicht nach ist auch bei der universitären Ausbildung einiges schlechter geworden und ich denke ich kann mitreden: ich habe zweimal studiert, zuerst Lebensmittelchemie, dann Softwaretechnik, 15 Jahre später. Entsprechend älter war ich auch, was eigentlich bei einem Studium nicht so vorteilhaft ist. Doch im Vergleich zum Studium von Lebensmittelchemie war das ein Spaziergang. Es war allerdings auch nur ein Fachhochschulenstudium, kein Unistudium. Danach habe ich noch als Dozent gearbeitet. Diesmal an einer dualen Hochschule. Obwohl die Ingenieure in etwa die gleiche Stundenzahl hatten wie unser erster Kurs in Programmieren und mein Pensum etwa die Hälfte des Stoffs umfasste gab es regelmäßig Beschwerden über das zu hohe Niveau. Heute kann man sich als Plagiator Raumfahrtexperte nennen und selbst Nachrichtensendungen sprechen von „privater Raumfahrt“.

Demgegenüber landete man 1969 auf dem Mond. Zu einer Zeit, als man in Deutschland seit gerade mal zwei Jahren Farbfernsehen hatte. Internet gab es noch nicht. Computer waren so groß wie Schränke. Das erschien so irreal. So weit vom täglichen Leben und der Erfahrung entfernt. Und trotzdem hat man dies mit der damaligen Technik geschafft. Die Erfolgsstory dahinter war Manpower. Wenn 400.000 Personen an einem Programm arbeiten, dann gibt es etliche die sich mit jedem kleinen Bauteil mit jedem Problem, das es geben könnte, beschäftigen und man kann Lösungen erarbeiten. Der Kontrast heute: Es entstehen zwei neue Raumschiffe Crew(ed) Dragon und Starliner. Beide haben Probleme. Beide bei den Fallschirmen, die Dragon wurde sogar in die Luft gesprengt, und wie man erst nachher erfuhr, war die Dragon die schon die ISS anflog, nicht fähig Menschen zu befördern. Sie hatte kein Lebenserhaltungssystem und musste die ISS schnell anfliegen, weil man noch keine Möglichkeit hatte, ein Einfrieren des Treibstoffs in den Leitungen zu verhindern. An beiden Raumschiffen wird seit 10 Jahren geforscht und beide Projekte hinken über 2 Jahre hinter dem Zeitplan hinterher. Das im Jahre 2019, 50 Jahre nach Apollo. Die Technik dahinter ist im Prinzip seit den ersten Kapseln unverändert. Mir scheint, nicht nur die Allgemeinheit, sondern auch die Firmen haben seitdem abgebaut.

Apollo wird als Prestigeprogramm angesehen. Doch wie schon geschrieben, das war es nicht. Es war im Prinzip ein Programm, bei dem man sagte: Lasst uns eine Menge Geld in die Hand nehmen, um Technologien zu entwickeln und Wissenschaft fördern. Mit einem Ziel: auf dem Mond zu landen. Doch das, was man an Technologie, Erfahrung, an ausgebildeten Menschen gewonnen hat, bleibt. Man hätte damit auch jeden militärischen Schnickschnack bauen können oder es gleich direkt in die Erforschung von Mikroelektronik, Brennstoffzellen, Solarzellen etc. stecken. Doch ich finde mit einer Landung auf dem Mond als Nebeneffekt (wenn auch teurem Nebeneffekt) hat man mehr davon gehabt. Deutlich wird dies in der Rede von Kennedy bei der Rice Universität 1962:

We choose to go to the Moon...We choose to go to the Moon in this decade and do the other things, not because they are easy, but because they are hard; because that goal will serve to organize and measure the best of our energies and skills, because that challenge is one that we are willing to accept, one we are unwilling to postpone, and one we intend to win, and the others, too.

„The others“ ist eben eigentlich die Hauptsache: die USA wollten technologisch an der Spitze der Welt sein, in der sie sich nach den frühen Erfolgen Russlands nicht mehr sahen. Man darf auch nicht vergessen, dass sie 10 Jahre vorher am Rande einer Niederlage im Koreakrieg waren und die Mig-15 dort lange Zeit das beste Flugzeug war. Auch die Kuba Krise, die einen Monat nach der Rede an der Rice University begann, war im Prinzip eine Krise der Ohnmacht: die USA konnten den Mittelstreckenraketen auf der Insel einfach kein Paroli bieten.

Machen wir den Sprung nach heute. Angeblich will man ja wieder zum Mond. Angeblich weil das von der Finanzierung abhängt und Trump postet zwar Tweets im Minutentakt, mit der Finanzierung sieht es anders aus. Schätzungen gehen von 30 Milliarden Dollar aus. Selbst wenn man die 20 Milliarden hinzuzählt, die Orion und SLS noch kosten bzw. gekostet haben ist das ein Bruchteil der inflationskorrigierten Kosten von Apollo und nur ein Drittel dessen, was die ISS bis heute gekostet hat. Aber es würde uns nicht so sehr von den Socken reisen. Denn wir waren schon da. Nicht das man es könnte, oder nicht finanzieren kann. Das Problem ist nicht das Geld, sondern das heute niemand so viel Geld für ein einziges Projekt ausgeben will. Es melden sich dann immer andere, die sagen „Damit kann man das Soziale Elend bekämpfen“, damit kann man was gegen die Klimakatastrophe tun“. Vor allem wundert mich immer welche Unsummen das Militär in den USA (bei uns sieht es im Großen und Ganzen Gottseidank anders aus) verschwenden kann, ohne das jemand auch nur mit den Augenbrauen juckt. Mein Liebling ist folgender Tatbestand: Als die US-Armee noch im Iraq und Afghanistan in großer Stärke stationiert war. Gab sie für die Klimatisierung von Zelten mehr aus, als das gesamte NASA-Budget zu dieser Zeit: 20 Milliarden Dollar. Wenn man da anständige Behausungen gebaut hätte, wäre es billiger gewesen, gut fürs Klima und man hätte damit problemlos ein Mondprogramm finanzieren können.

Ein Paradoxon ist das man heute viel mehr von der Mission erfährt. Von den Problemen bei der Landung erfuhr der Zuschauer nichts. Wernher Büdeler, von mir geschätzter Korrespondent gehörte noch zu einer Generation, die wenig Englisch konnte. Dazu musste er alles kommentieren, was er hörte und viel erklären. Da er wohl nur den Sprechverkehr der Astronauten und des Capcoms und den Kommentar des PAO hatte, entgingen seinem Report sowohl die beiden Programmalarme, wie auch das Apollo 11 mit dem kleinsten Treibstoffreserven aller Missionen landete. Daneben gab es das alles auf verrauschten Bildern, die Landung sogar nur als Sound – den Stand der Technik merkt man auch bei den zahlreichen unverständlichen Teilen durch Rauschen und verzerrten Stimmen. Heute gibt es den kompletten Sprechverkehr als Transscript, kommentiert im Apollo-Flight Journal, ebenso alle gemachten und hervorragenden Farbbilder. Der Abstieg als Video, ebenfalls mit Untertiteln und der Konversation im Kommandoraum, parallel zu den Filmaufnahmen der Maurer Kameras ist absolut sehenswert. Mir persönlich läuft immer bei den dort drei oder viermal vorkommenden Go-NoGo Entscheidungen es kalt über den Rücken. Die dort extrem schnellen Abfragen vermitteln einfach Dramatik. Das erste Go/NoGo ist in dem obigen Film bei 9:22 und die folgenden sind noch hektischer. Und es hört nicht auf. Schon vor Jahren tauchten die Slow-Motion Startaufnahmen der Apollo-Fluge (wenn auch meistens von den frühen Flügen Apollo 4 und 6) in Youtube auf. Wer schon immer mal den Start (Heck der Saturn V) in 20-facher Zeitlupe sehen wollte, sollte sich mal diesen Clip ansehen. Und den ganzen Start aus verschiedenen Blickwinkeln hier.

Inzwischen wurde auch bekannt, dass die NASA zumindest den Start mit 70 mm Film aufgenommen hat. Was ich allerdings nicht verstehe, ist, warum die Aufnahmen dann zwar in dem gerade in die Kinokassen gekommenen „Apollo 11“ Film Verwendung fanden, aber nicht veröffentlicht wurden. Es scheint immer noch eine Trennung zu geben, was die Allgemeinheit zu sehen bekommt und was an Dokumentationen verarbeitet wird. Dort ist das Material generell besser. Ich kenne von einer Doku von 2009 noch Aufnahmen der Kameras, die bei Apollo 4 und 6 die Trennung der Stufen filmen. Die gibt es in schlechter Qualität auch im Netz. Aber diese waren scharf, leuchtend. Man hat das Material also nochmals professionell aufbereitet wahrscheinlich komplett neu digitalisiert. Doch warum taucht es nirgendwo im Netz auf? Ich hätte gerne einige Screenshoots dafür für mein Saturn Buch verwendet. Kurzum: Apollo hat sich gelohnt. Man kann auch 50 Jahre später immer noch neues lernen ...

19.7.2019: Apollo Jubiläen im Wandel der Zeiten

Als ich mir mal die Sendungen anschaute die derzeit zum 50-sten Jubiläum der Landung von Apollo 11 kamen fielen mir Unterschiede auf. Natürlich legt man zu jedem Zeitpunkt den Wert auf andere Dinge, man hat aber auch eine andere Sicht, weil man historische Ereignisse anders, aus der Sicht von „jetzt“ betrachtet. Ich selbst habe das miterlebt, als ich für einen Begleitkatalog einer Ausstellung einen Artikel über die Computerentwicklung in der Raumfahrt schrieb. Da gefiel dem Verantwortlichen nicht, dass die Damen die für das Verdrahten der Ferritkerne bewusst ausgesucht wurden. Sie sollten im mittleren Alter sein und Familie haben. Diese Gruppe wäre für die monotone, aber Aufmerksamkeit erfordernde Arbeit durch das Aufziehen von Kindern am besten geeignet. Das stammt nicht von mir, das habe ich 1:1 aus Digital Apollo übernommen. Das wäre nicht politisch korrekt. Auch mein Hinweis, dass die Stelle nicht von mir stammt, und es nicht das heutige Frauenbild, sondern das der Sechziger Jahre wiedergibt, half nichts. In dem fertigen Katalog finden sich denn auch zwei Aufsätze mit zweifelhaftem Sinn. Im einen werden nur die Schattenseiten von Wernher von Braun hervorgehoben, von seinen Verdiensten erfährt man gar nichts. In einem anderen hat der Autor krampfhaft nach jeder Frau im bemannten Raumfahrtprogramm gesucht, um ihre Rolle für Apollo hervorzuheben. Um Frauen im Mondprogramm ging es auch in der Dreiteilligen Doku auf ARTE. Zum einen um die Frauen der Astronauten. Zum andern fand man auch hier eine Ingenieurin bei TRW in den hinteren Räumen, die zu Wort kam. Sie haben auch jemanden (Edward Dwight) gefunden, der schwarzer Hautfarbe war (wenn man das noch sagen darf?) und vorzeitig als Astronaut gefeiert wurde aber es nicht wurde. Der einzige schwarze Astronaut, den es damals gab (Robert Henry Lawrence im MOL-Projekt), starb ja schon 1967.Damals hieß es übrigens noch „Negro“ in den offiziellen Nachrichten. Kurz, wenn ich einen Gesichtspunkt für 2019 hervorheben würde, dann wäre es die Beteiligung von Minderheiten am Projekt. Die Berichterstattung hat heute politisch korrekt zu sein.

So hat jede Zeit ihre Sicht auf die Landung und ich gebe mal meinen Eindruck der letzten Zehn-Jahres-Jubiläen wieder.

1979

1979 wurde das Jubiläum noch gar nicht groß gefeiert. Es war erst 10 Jahre vorbei und die letzte Landung noch keine sieben Jahre. Aber die Welt hatte sich gewandelt. Die NASA entwickelte das Space Shuttle, das damals noch als die leuchtende Zukunft (die blühenden Landschaften) der Raumfahrt gefeiert wurde, obwohl es schon ernste Probleme mit Haupttriebwerken und Hitzeschutzschild gab. Apollo, das war offiziell eine große Leistung, aber es war die Vergangenheit. Die Zukunft würde den viel billigeren und besseren wiederverwendbaren Shuttle gehören.

Die Allgemeinheit richtete ihren Fokus mehr darauf, wie öde der Mond war. Die schon 1969 spektakulären Bilder der Erde vom Mond aus, die aber in der Berichterstattung über die Landung untergingen, wurden nun interessanter. Denn auf der Erde gab es die ersten großen Umweltkatastrophen. Verunglückte Tanker, die die ganze Bretagne mit Erdöl bedeckten, einen Fast-Gau in Harrisburg. Immer mehr Berichte über Katastrophen in Drittweltstätten wie Hungersnöte in Äthiopien oder Überschwemmungen in Bangladesch. Der Blick von der öden Gesteinswüste in Grau zu der blau-weißen Erde wurde von der aufkeimenden Öko- und Umweltbewegung aufgegriffen, so mit der Aussage: „Seht wir haben nur eine Erde und wir wollen nicht. dass sie mal so aussieht wie der Mond“.

1989

1989 hatte sich die Welt wieder gewandelt. Das Apolloprogramm war eine Folge des kalten Kriegs. Der war nun vorbei und als solches betrachtete man es auch. Es war sicherlich eine großartige Leistung, aber eben ein Produkt einer Zeit, in der man im Wettlauf der Systeme Unsummen ausgab, um den Gegner zu schlagen. Für Rüstung, Kriege in Drittweltstaaten und eben auch für Raumfahrt. Während in Jesco von Puttkamers Buch „der erste Tag der neuen Welt Apollo 11 noch eine Rolle spielt, ist in dem Buch das in etwa zur selben Zeit (Rückkehr zur Zukunft) erscheint nur noch der Fokus auf die Zukunft gerichtet. Die Zukunft war seitens der USA erst mal eine Raumstation, damals noch „Freedom“ genannt (klar, woanders als in den USA kann es Freiheit ja nicht geben, logischerweise nannten die Russen ihre Raumstation dann Mir, also „Frieden“). Zum zwanzigjährigen Jubiläum vergab George Bush senior noch einen Auftrag an die NASA zu untersuchen, wie eine Marslandung aussehen könnte. Doch als diese mit Kosten von 400 Mrd. Dollar kam, war es dann auch dem dem Vorhaben.

1999

Noch weiter entfernt schien die Mondlandung 1999. Inzwischen war in der Raumfahrt nicht mehr „Wer ist besser“, sondern Zusammenarbeit angesagt. Die ersten Module der ISS aus den USA und Russland waren im Orbit und die Station war anders als der kurze Flug von Apollo-Sojus ein dauerhaftes internationales Projekt. Mehr noch als 1999 erschien Apollo als ein Relikt einer Zeit, die man Gottseidank überwunden hatte, ohne das es einen Atomschlag gab, was bei in der Spitzenzeit über 30.000 Atomsprengköpfen und etlichen Konflikten heute fast wie ein Wunder klingt. In der Raumfahrt hatte man nun wieder den Fokus auf die Erforschung des Mars gelegt 1997 starteten zwei Sonden 1999 weitere zwei und so sollte es weitergehen. Selbst die ESA plante eine Marsmission. Würde vielleicht sogar die bemannte Landung auf dem Mars kommen? Zumindest erarbeitet die NASA, seitdem Pläne dafür die sie alle paar Jahre dem aktuellen Stand der Technik anpasst.

2009

Im Jahre 2009 hatte sich das Internet, das 1999 noch vor allem die Computerenthusiasten erreichte, zu einem Medium für alle in den Industrieländern durchgesetzt. Damit kam ein Phänomen auf, das bis heute anhält. Ich nenne es gern „Dorftrottel aller Länder vereinigt euch“. Es sind Verschwörungstheorien und wirre Vorstellungen, die verbreitet werden. Die Liste ist unendlich. Chemtrails, 911-Verschwörung und eben auch der Moon-Hoax. Vor zehn Jahren dürfte das Thema in keiner Retroperspektive fehlen, selbst (damals noch seriöse) Medien wie Quarks & Co berichten darüber. Selbst ich habe einige Aufsätze darüber geschrieben. Inzwischen hat sich herumgesprochen, das es bei den Verschwörungstheoretikern im günstigsten Fall um Leute handelt die mit dem gesicherten Absatz durch das Buzz-Thema Geld verdienen wollen um im schlimmsten Fall um Leute die einer psychologischen Behandlung bedürfen. Einer, Siegfried Marquard beglückt Blogbetreiber wie mich immer noch mit seinen wirren Berechnungen die beweisen, das man nicht mal bis zum Mond fliegen kann (nicht nur Apollo, sondern auch die meisten Raumsonden, da er errechnet hat, dass ein Flug zum Mond 14 Tage dauert – ist ja die Hälfte der Umlaufszeit des Mondes....)

2019

Heute haben wir neben der Tatsache das wir die Mondlandung unter dem Gesichtspunkt das die Berichterstattung politisch korrekt sein muss auch das Faktum, das es nun ja angeblich wieder zum Mond gehen soll. SpaceX plant einen Mondflug, schon den zweiten. Den ersten noch mit einer Dragon und Falcon heavy sollte schon letztes Jahr stattgefunden haben. Blue Origin entwickelt wie Space eine Trägerrakete für Mondmissionen nach der New Glenn, die bald mit 45 t LEO ihren Einstand gibt, wird die New Armstrong folgen, die die Nutzlast für Mondlandungen hat und eine Mondlandestufe hat man auch schon vorgestellt. Passend dazu kündete die NASA wenige Wochen später ein neues Programm Artemis an. Kurz: die Mondlandung ist plötzlich wieder aktuell.

2029?

Spekulativ, was 2029 sein wird. Es gibt viele Möglichkeiten. Ich will mal zwei skizzieren. Die eine ist, dass es bis dahin doch kein Mondprogramm gab und man Artemis wieder eingestellt hat. Ich glaube auch nicht das selbst Mondumrundugsflüge außer für Superreiche jemals bezahlbar werden. 2029 werden die meisten Apolloastronauten, von denen inzwischen schon viele gestorben sind, tot sein. Sie waren zwischen 34 und 47 als sie landeten, 60 Jahre später sind dass dann Werte in den hohen Neunzigern. Da man – außer in Deutschland – meist über Verstorbene positiver schreibt als über Lebende, denke ich wird 2029 im Fokus stehen das man sich auf die persönliche Leistung der Astronauten konzentriert.

Die zweite Möglichkeit (für mich unwahrscheinlicher) ist das man tatsächlich wieder zum Mond aufbricht. Artemis könnte bis 2029 eine Landung erreichen, ich halte es aber eher für unwahrscheinlich, wenn man vor 2020 nicht mal weiß, was das kostet und anders als bei Apollo muss es ja auch kein Crash-Programm sein. Dann wird der Blick auf Apollo ein vergleichender sein: Was kostete das damals, was heute. Was haben wir heute an Technologien und Möglichkeiten, die es damals nicht gab.

Was haltet ihr davon? Habe ich Gesichtspunkte vergessen oder habt ihr einen komplett anderen Blick auf die Jubiläen?

24.7.2019: In memoriam: Chris Kraft

Am Montag verstarb im Alter von 95 Jahren Chris Kraft. Damit ein weiterer Veteran der frühen Raumfahrt, soweit ich weiß, war er von den noch lebenden „prominenten“ Persönlichkeiten, also denen die man neben den ersten Astronauten als Raumfahrtfan kennt der älteste.

Chris Kraft begleitete die NASA von Anfang an. Er kam vom NACA, der Vorgängerorganisation die sich mit der Erforschung von Flugzeugen beschäftigte und hatte sich schon hier einen Namen gemacht als er bei zahlreichen Flugzeugen, die in der Entwicklung Probleme hatten, zusammen mit den Herstellern an Lösungen arbeitete, so auch an der F-9, wo er John Glenn kennenlernte.

1958 war der Sputnikschock noch nicht verdaut und man dachte weiter und plante schon ein bemanntes Programme Maxime Faget hatte eine Kapsel in Form eines Kegels erarbeitet und das NACA kreierte eine Space Task Group (STG) unter der Leitung von Robert Gilruth die ein bemanntes Projekt ausarbeiten sollte. Das war im August 1958, und als man ein Konzept so weit fertig hatte, im Oktober wurde die NASA gegründet, die NACA eingegliedert und die STG hatte das erste NASA-Projekt, das einige Monate später im Dezember „Mercury“ heißen sollte. Die Vorarbeiten wurden in Rekordtempo vorgezogen: die Requests for Proposals gingen im Oktober raus. Im November wurden die Rückläufer gesichtet und im Dezember entschied ein Komitee über die Finalisten. Im Dezember 1958/Januar wurden dann schon die Verträge unterschrieben. Der erste bemannte Start war für den Februar 1960 vorgesehen, der erste mit der Atlas im April und im September 1960 sollte, das Programm abgeschlossen sein. Es war ein ambitionierter Zeitplan, der nicht eingehalten werden konnte.

Die Zahl der Beschäftigten bei Mercury stieg und Chris Kraft wurde Leiter für die Organisation und Training der Bergungsmannschaften und bei den Flügen dann Flugleiter.

Ab Gemini 8 rückte er in der Hierarchie des inzwischen gegründeten Zentrums für Bemannte Raumflüge in Houston zum Missionsleiter auf, ab Apollo 13 dann zum stellevertretenden Direktor des Zentrums für bemannte Raumfahrt in Houston, ab 1972 dann Direktor und damit Herr über mehrere Tausend Angestellte. 1982 ging er in Rente, blieb aber als Berater aktiv.

Das ist eine eindrucksvolle Karriere, in der die wichtigsten bemannten Programme der NASA bis zum Jungfernflug des Space Shuttle fallen. Er etablierte das bis heute gültige System von Rules und Procedures. Rules das waren Regeln, die nicht an bestimmte Situationen oder Hardware gebunden waren, sondern allgemein und die einen Rahmen für Entscheidungen für Notfälle und Unvorhergesehenes bereitstellten. Eine Regel war z. B. „Ein Abbruch ist nur dann angesagt, wenn neben einem Abbruchsignal auch eine Abweichung vom normalen Verhalten vorliegt“. Daran wurde ich bei der Recherche zum Program Alarm erinnert, als in einer Trainingseinheit dieser Alarm der AGC "1202" auftrat, lies damals Gene Kranz abbrechen und das verletzte die Regel, denn der Alarm war unkritisch und beeinflusste nicht die Landung. Gene Kranz hatte das System verinnerlicht und stellte eigene Rules auf.

Die Art wie Mission Control allen Situationen und Aktionen begegnete waren Procedures. Das waren fest vorgeschriebene Verfahrensvorschriften für jeden Fall sowohl den regulären Aktivitäten, wie auch den Notsituationen, zumindest denen an die man gedacht hatte. Sie wurden von den Astronauten aber auch Flugkontrolleuren in Mission Control solange geübt, bis alle Beteiligten sie auswendig konnten. Ein Simulator in Mercury hieß denn auch „Procedures Trainer“. Klingt nicht nur bürokratisch, war auch so, war aber der beste Weg Notsituationen zu begegnen. Den so war die Vorgehensweise eingeübt, Stress wurde reduziert und jeder wusste, was er tun musste. Trotzdem glänzte die NASA bei Apoollo 13, obwohl dieses multiple Versagen niemals eingeübt worden war.

Christopher Krafts Verdienste für die bemannte Raumfahrt sind unbestritten. Ich selbst halte ihn aber nicht für eine Persönlichkeit, die ich gerne kennengelernt hätte. Mir war schon bevor ich seine Autobiografie ein Charakterzug bei ihm aufgefallen. Das war, wie er Astronauten niemals eine zweite Chance gab, wenn sie einen Fehler begingen, egal ob sie was dafür konnten oder nicht. Scott Carpenter vermasselte seine Mission und brachte sich in Lebensgefahr. Da kann ich diesen Schritt noch verstehen, zumal er während des Flugs mehrmals darauf hingewiesen wurde Treibstoff zu sparen. Anders sieht es bei Rusty Schweickhardt aus. Er wurde bei der Apollo 9 Mission weltraumkrank. Das war der erste bekannt gewordene Fall in den USA (Frank Bormann wurde auch schlecht bei der Apollo 8 Mission, doch da konnten die Astronauten das verheimlichen, auch weil sie die drei Tage bis zum Mond nicht viel zu tun hatten und bei den engen Mercury- und Geminikapseln trat das Phänomen nie auf, weil sich die Astronauten kaum bewegen konnten). Schweickhard bekam keine weitere Flugchance. Selbst im Skylabprogramm war er nur in der Ersatzmannschaft. Bei Skylab 4 wurden die Astronauten erneut raumkrank und verheimlichten dies, vergaßen aber das alle Gespräche aufgezeichnet und später zum Boden überspielt wurden. Gravierender noch: Sie kamen mit dem Arbeitspensum nicht nach und „meuterten“ und bekamen schließlich sogar alle 6 Tage einen freien Tag. Also einen freien Tag pro Woche. Auch sie flogen nie wieder und zwar alle drei. Dabei sieht die Bilanz ihrer Mission, was durchgeführte Experimente und Stunden für sie aussieht, nicht schlechter aus als bei den beiden vorhergehenden Missionen, von der ISS mal ganz zu schweigen.

In seiner Autobiografie fand ich diesen Charakterzug bestätigt. Sie ist voller Kraftausdrücke und Schimpfworte, erstaunlich viele davon deutsche Lehnwörter wie „Kindergarden“ oder „kaputt“. Krafts Vorfahren kamen Mitte des 19-ten Jahrhunderts aus Bayern, das scheint abgefärbt zu haben. Er würde sicher auch in Bayern mit dem Charakterprofil politische Karriere machen.

Es ist, wenn man die Biographie liest, auch klar das sie sehr subjektiv ist. Es gibt Personen die mag Chris Kraft und über die lässt er nichts kommen wie John Glenn, selbst wenn er schnell seinen Ruhm versilbert und die NASA verlässt und es gibt Leute die mag er nicht und die macht er runter wie Scott Carpenter (der obwohl er Flugverbot hatte in der NASA blieb) und Wernher von Braun bzw. alle deutschen Raketenwissenschaftler, die für ihn Nazis sind, die Waffen gegen Amerika entwickelt haben. Selbstkritik gibt es nur in kleinen Dosen. So war er für ein riskantes Manöver das Buzz Aldrin vorschlug als bei der Gemini 9 Mission die Nutzlasthülle sich nicht vom ATDA löste. Cernan sollte zum ATDA rüber klettern an dem Band ziehen, bis es sich löst und das neben einer dann aufschnappenden Nutzlasthülle mit scharfen Kanten. Gene Kranz regte sich über diese Entscheidung auf und meinte er wäre als Flugdirektor für diese Entscheidung zuständig aber anscheinend wären Flugdirektoren nur Hampelmänner der Missionsleistung. Die Crew löste das Problem selbst indem sie zwar die Durchführung bestätigte dann aber erst eine Schlafpause vorher einlegen wollte – wohl wissend das bis dahin der Manövriertreibstoff um erneut das ATFA anzufliegen nicht mehr ausreichte und man so das Manöver strich. In seiner Biografie die 35 Jahre später erscheint verteidigt er das Vorhaben immer noch.

Später als Berater steht Kraft für ein Papier das vorschlug die Wartung des Space Shuttle zu privatisieren, es wäre ein operationelles Gefährt. Da machte die NASA auch und das soll auch ein Grund dafür gewesen sein, dass man bei STS-107 nicht auf das abfallende Schaumstück reagierte. Das Kraft nicht viel, daraus lernte zeigt den auch die Oral History, in der er sagte:

“We had two failures, which were catastrophic. Both were the fallacies of man, not the fallacies of the machine,” he said. “(Challenger) was a failure of the human brain, not of the machine. We should have fixed it. Same is true of the debris. Eventually they were playing Russian roulette.

“So take what Chris Kraft says with a grain of salt. I say the machine has never really failed. There is no rocket, even with those two failures, that has the success rate of the space shuttle. It’ll be a cold day in hell when that is improved on.”

Ist nicht gerade konsequent: wenn die Fehler alle menschlich sind, warum privatisiert man dann, wo durch jeder weiß, das dort weniger die Sicherheit als vielmehr der Gewinn zählen?

Das sind die Schattenseiten eines Mannes mit großen Verdiensten für die bemannte Raumfahrt, aber leider nur wenig Fähigkeit zur Selbstkritik und einem ausgeprägten Schwarz-Weiß-Denken. Wer Lust hat, kann sich selbst ein Urteil bilden und seine Autobiografie lesen. Immerhin er hat eines fertiggebracht: er ist einen Tag nach dem fünfzigsten Jahrestag der Mondlandung gestorben, vielleicht in den USA wegen der Zeitverschiebung sogar noch am selben Tag. Sicher nicht beabsichtigt, aber ein einprägsames Datum.

25.7.2019: Wahlsysteme und ihre Tücken

Nun ist ja Boris Johnson der neue Premier von England. Gewählt wurde er von 159.000 Mitglieder der „Torries“ oder konservativen Partei. Auch ohne die Mathematik zu bemühen, würde ich sagen, das dies weniger als 1 % der Wähler sind. Es ist einer der Punkte, wo ich immer den Kopf schüttele. Die Engländer und die Amerikaner beanspruchen ja beide das Urland der (modernen) Demokratie zu sein. Beide haben auch recht – Die Engländer hatten früher ein Parlament und den König entmachtet, aber die Amis verzichteten zuerst auf den König als Staatsoberhaupt.

Aber wie bei allen Systemen die alt sind – sie halten nicht Schritt mit dem Fortschritt. Die Welt ändert sich. Die Möglichkeiten zu wählen und die Wähler auch. Es ist gerade mal 100 Jahre her das Frauen wählen dürfen – übrigens zum ersten Mal in Deutschland. Manches wirkt auch antiquiert und es gibt Verlegenheitslösungen. So ist das Parlamentsgebäude ja auch noch das gleiche in England. In den Tagungsraum können nicht mal alle abgeordneten sitzen. Abstimmungen finden zuerst mit „Yeah“ Rufen statt und dann ordentlich draußen mit Wahlzetteln. Einfach weil der Platz fehlt.

Was ich total veraltet finde ist das Mehrheitswahlrecht, das wir ja auch noch bei uns bei der Erststimme bei Bundes- und Landtagswahlen haben. Nichts gegen das Prinzip an sich. Es ist ja auch das richtige für eine Kommunalwahl oder Bürgermeisterwahl. Man wählt eine Person, der man vertaut, vielleicht sogar kennt. Aber bei uns sind die Kandidaten ja auch alle vom Parteivolk und die Verteilung legt die Zweitstimme fest. Wenn, also was oft der Fall ist, in einem Bundesland die meisten Kandidaten von einer Partei bei den Erststimmen siegen dann kommen von der Zweitstimmenliste wenige weiter und umgekehrt. Wenn aber die Zweitstimmen sowieso relevant für die Verteilung sind, dann sollte die Erststimme, mit der man eine Person wählt, auch Personen und nicht Parteien vorbehalten bleiben. Mein Vorschlag für Deutschland: Für die Erststimme dürfen nur Personen kandidieren, die nicht Mitglied einer Partei sind. Das hätte auch zur Folge, dass die Regierung wie Opposition im Parlament für ihre Gesetzesvorlagen werben muss und die Abgeordneten nicht einfach Stimmvieh sind. Die Opposition hat die Chance auch Gesetze durchzubringen, wenn sie eine Mehrheit findet und ich glaube solche Nonsensgesetzte wie die Maut oder für Ankerzentren, die bevorzugt von der CSU kommen würden, nie in Kraft treten.

Aber zurück zu England. Das Mehrheitswahlrecht für Partien ist meiner Ansicht nach Unsinn. Kleine Partien wie bei uns FDP, Grünen, Linke und Alternative für Deppen wären so unterrepräsentiert, weil sie nur wenig Chancen haben ein Direktmandat zu erhalten. Es ist aber auch zumindest wenn man es so macht wie in den USA unfair. Sowohl George W. Bush wie Trump wurden Präsidenten, obwohl sie nicht landesweit die meisten Stimmen hatten. Es wurde nach Bundesstaaten abgestimmt und da wird in den US sowieso intensiv Wahlkampf nur in einigen Staaten geführt, bei denen die Mehrheit nicht gewiss ist, den gesonnten Swing-States. Wenn es um ein landesweites Amt geht, sollten auch alle Stimmen aller Bundesstaaten addiert werden. Aber das US-System ist auch sonst noch veraltet mit dem System von Wahlmännern.

Aber es ist noch Gold im Vergleich zum englischen System. Wenn die gerade regierende Partei einen neuen Vorsitzenden wählt, wird der automatisch Regierungschef – ohne jede Abstimmung im Parlament. Es ist dort auch nicht mal möglich, wie bei uns Regierungsamt und Parteiamt zu trennen. Noch seltsamer: der Zeitpunkt der nächsten regulären Wahl (ohne Regierungsrücktritt) steht bei uns fest. Eben alle vier Jahre. In England kann innerhalb einer bestimmten Zeit die Regierung Neuwahlen ausrufen, wie es ihr gefällt und sie tut das natürlich, wenn die Umfragen gerade für sie sind. Kann aber wie man bei Theresa May sieht, auch nach hinten los gehen.

Mein Vorschlag: parlamentarische Systeme sollten in regelmäßigen Abständen modernisiert werden. Aber damit tun sich die Parlamente schwer. Bei uns will man seit zwei Legislaturperioden den Bundestag verkleinern. Es wurden immer mehr Überhangmandate und inzwischen haben wir das zweitgrößte Parlament weltweit, nach Nordkorea! Das betrifft auch das Procedere. Wenn ich mal in den Nachrichten Szenen aus anderen Parlamenten sehe, dann haben die offensichtlich die Möglichkeit einer elektronischen Abstimmung mit Anzeigetafeln für das Ergebnis. Bei uns wird noch mit Stimmkarten abgestimmt. Warum führt man das nicht ein? Spart Zeit, und ein einfaches Zählsystem ohne Internetanbindung (alle Abgeordneten müssen ja vor Ort sein) wäre auch sicher.

Da muss man sich nicht wundern, wenn es mit der Digitalisierung nicht klappt, wenn man im Parlament noch so arbeitet wie im letzten Jahrhundert …

Allerdings sollte dann auch ein Parlament ernst genommen werden. Die Findung der Präsidentin der Europäischen Kommission zeigt ja das das EU-Parlament nicht ernst genommen wurde. Noch mehr Unverständnis sehe ich in der bundesdeutschen CDU/CSU. Wenn man meint, dass man nur weil von der Leyen Deutsche ist, man darüber hinwegsehen kann das im Prinzip das Parlament als einzig demokratisch direkt gewählte Instanz ignoriert wurde dann hat man von Demokratie und das es um Europa und nicht Deutschland geht, nichts verstanden. Natürlich wurden die Regierungen die die Entscheidung trafen demokratisch gewählt, aber für nationale Politik und nicht EU-Politik und daher sollte das Parlament viel stärker aufgewertet werden. Dazu gehört auch, das nur Partien zur Wahl zugelassen werden die auch im Parlament an europäischen Fragen arbeiten wollen. Wir haben ja viele rechte Parteien im Parlament von denen nicht wenige das Parlament abschaffen wollen. So was wäre national nicht möglich. So eine Partei würde verboten werden. Dazu gehört aber auch ein Programm für Europa und nicht für die Vertretung nationaler Interessen oder noch peinlicher bei der CSU: bayrischen Interessen. Bei der vorletzten Europawahl hatte die CSU allen ernstes einen Bayernplan. Wie provinziell ist das denn? Wenn ihr nichts dazu beitragen könnt oder wollt, dann übernehmt eben die Liste der CDU. Aber weil für Europa vor allem immer noch die Kommission aus Regierungschef zuständig iost und die nicht auf eigene Macht verzichten wollen, wird sich da nicht ändern.



 

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