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Web Log Teil 599: 28.8.2020 - 8.9.2020

28.8.2020: Klima und Corona

Am letzten Freitag waren Greta Thunberg und Luisa Neubauer bei der Kanzlerin. Herausgekommen ist heiße Luft oder um es in anders zu sagen: man hätte auch rumoxidieren können, denn es wurde nur gemerkelt.

Inder Tat ist der Klimaschutz in Zeiten von Corona in den Hintergrund getreten. Demonstrationen mit 1,5 m Abstand gehen auch nicht und die Klimaschützer haben ja anders als die Coronaleugner noch genug Verstand die Maßnahmen einzuhalten, auch wenn sie wohl das geringste Ansteckungsrisiko haben. (Hat mal jemand nachgeforscht, inwieweit die nun steigenden Ansteckungszahlen auch auf diese Demonstrationen zurückgehen ?). Immerhin hat die Polizei in Berlin eine erneute Anti-Corona Demonstration verboten, weil die Regeln nach dem Seuchengesetz nicht eingehalten werden – die gelten auch für die Coronakritiker. Sie können auf eine Änderung durch eine Demonstration aufmerksam machen, aber solange diese nicht erfolgt haben sie wie andere auch sich an die Regeln zu halten. Ob die Regeln auch bei der Dance-Party, pardon Kundgebung gelten?

Ich knüpfe in diesem Blog mal an einen Kommentar von Anja an, der den Fall einer Corona-Überlebenden schildert, welche die Vorsichtsmaßnahmen ignoriert, trotz zweier verstorbener Verwandter. Wir haben jetzt erhöhte Fallzahlen. Zum Teil durch Urlaubsheimkehrer, zum Teil steigen sie aber auch so an. Warum? Weil die Leute nach einigen Monaten nachlässig werden. Corona hat zwei Eigenschaften die für unseren verstand der die meisten Entscheidungen autonom fällen muss verheerend sind: es ist unsichtbar und es zwingt dazu, das Verhalten zu ändern.

Die Ansteckung durch das Coronavirus kann man nicht sehen, manch einer leugnet daher auch seine Existenz wie Alexander Lukaschenko. Mit Gefahren, die man nicht direkt sehen kann, tun wir uns schwer. Wir neigen dazu sie zu verharmlosen oder im Gegenteil für extrem gefährlich zu halten. Beispiel für das Erste, liefern die Anti-Corona Demonstrationen, als Beispiel für das zweite fallen mir immer spontan die Hexenverbrennungen ein. Eine Historikerin bezeichnete den Hexenglauben in einem Interview (von mir überspitzt) als das WLAN des Mittelalters – man sieht es nicht, weiß aber immer das es da ist. Eine moderne Form derselben Hysterie hat wohl jeder über 40-Jährige miterlebt als 1986 Tschernobyl explodiere. Auch Radioaktivität kann man nicht sehen …

Aber bald wird man von der Gewohnheit eingeholt. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Wir können nicht bei allem, was wir tun, bewusst nachdenken. Das meiste macht unser Gehirn im Blindflug, wenn wir es lange genug geübt haben. So auch bei den Maßnahmen bei Corona. Eine Moderatorin sagte im Radio sie setze schon automatisch die Maske auf, wenn sie aus dem Haus geht – so weit bin ich noch nicht, weil ich sie nur zum Einkaufen also zweimal in der Woche brauche. Dafür steckt immer eine in der Fahrradtasche, weil ich sie zu gerne vergesse. Die Gewohnheit betrifft aber nicht nur Tätigkeiten, sie betrifft die Wahrnehmung und das ist gut so. Würden wir uns dauernd darauf konzentrieren, welche Gefahren uns dauernd im Alltag drohen, wir wären nicht mehr fähig irgendetwas zu tun. Versuchen sie mal in einer Fußgängerzone permanent den 1,5 m Abstand einzuhalten, sie drehen durch. Ich denke eine Kombination dieser beiden Dinge hat wohl auch die Kollegin von Anja bewogen, ihren Trip im Matrazenlager zu starten.

Dazu kommt noch das wir uns mit der Risikobewertung insgesamt sehr schlecht tun, vor allem wenn es um eine abstrakte Gefahr wie die Ansteckung geht.

Was hat das nun mit dem Klima zu tun. Nun außer das es nach dem drittem Dürresommer erneut in der Diskussion ist teilt es vieles mit dem Coronavirus. Auch die Bedrohung durch Klimaveränderung ist unsichtbar. Damit greifen die gleichen Mechanismen wie bei der Ansteckung. Es ist noch schlimmer. Die Klimaveränderung ist ein Ergebnis aller. Eigene Maßnahmen mögen etwas bewegen aber eine echte Veränderung wird es nur geben, wenn alle etwas tun und wenn ich alle sage meine ich zumindest alle, die viele klimarelevante Emissionen verursachen. Und man kann sich gegen Klimaveränderung nur bedingt schützen. Klar man kann sein eigenes Haus mit einer Klimaanlage versehen, aber das Absterben von Bäumen, Trockenheit auf den Feldern und die Hitze draußen kann man nicht beeinflussen. Ebenso wenig Naturkatastrophen wir Stürme, Überschwemmungen und Feuer. Und wenn man was tun muss, dann ist der finanzielle und persönliche Einsatz höher als nur eine Stoffmaske zu tragen und mehr Abstand zu halten.

Für unsere Regierung wichtig ist, dass sie zwar weiß, das die Klimaveränderung viel mehr Arbeitsplätze gefährdet als die Coronakrise, aber nationale Maßnahmen angesichts eines weltweiten Problems nur geringe Wirkung zeigen. Könnte man die Klimaveränderung mit Maßnahmen wie Reisestopp, Verbot von Veranstaltungen stoppen, wir hätten solche Maßnahmen längst. Auf der anderen Seite haut die Koalition Hunderte von Milliarden als Hilfe bei Corona raus. Ein Bruchteil des Geldes investiert in eine Wandlung der Branchen hin zu Klimaneutralität würde den nationalen Klimazielen mehr helfen. Gerade kam in den Nachrichten das nun die ersten Gelder des 40 Millairdenpakets für den Braunkohleausstieg fließen. Diese 40 Milliarden sollen nur etwa 20.000 Arbeitsplätze die wegfallen durch neue ersetzen. Das ist viel Geld für wenige Arbeitsplätze. Wären die Coronamaßnahmen genauso ineffektiv, man könnte mit den 750 Milliarden gerade mal 375.000 Arbeitsplätze sichern – wenig wenn man bedenkt das im zweiten Quartal die gesamte Wirtschaftsleistung um 9,7 % sank, was wenn man bedenkt das 44,5 Milliarden beschäftigt sind, wäre schon ein Anstieg der Arbeitslosigkeit um 1 % mehr als diese 375.000 Arbeitsplätze.

Ich bin der Meinung das man mehr ins Klima investieren muss. Zum einen und das dies nicht selbstverständlich ist, hat mich sehr erstaunt hat man die Gelder nicht an Bedingungen geknüpft, das die Empfänger in ihren betrieben konkrete Maßnahmen zu mehr Klimaneutralität ergreifen. Klar brauchen sie jetzt erst mal das Geld, um überhaupt überleben zu können. Doch die meisten Gelder müssen sie ja nicht zurückzahlen. Da kann man erwarten das, wenn das Geschäft wieder läuft, die aus dem Unternehmensgewinn Maßnahmen zum Klimaschutz ergreifen. Das nächste ist das es nicht die Aufgabe der Regierung ist jede Branche zu unterstützen, die einfach keine Zukunft hat. Nehmen wir die Braunkohle. Beim Erzeugerpreis trennen heute regenerative Energien und Braunkohle nur wenige Cent. Durch die Kohlendioxidsteuer wird Braunkohle innerhalb weniger Jahre teurer als regenerative Energien werden und dann hat sich das mit dem Ausstieg weitestgehend von selbst erledigt. Stattdessen sollte man andere Maßnahmen mit dem Geld fördern. Klar ist das für einige Regionen hart, aber als die DDR zusammenbrach, hat man ja auch nicht Gelder bereitgestellt um da neue Industrie anzusiedeln und wenn ich an die Automobilindustrie denke die ja auch nur in bestimmten Regionen angesiedelt ist dann wird man es sich auch nicht leisten können diese künstlich am Leben zu erhalten, denn da gibt es etwa zwanzigmal so viele Arbeitsplätze und die Regionen wären noch stärker betroffen.

Meine Meinung nach ist es die Aufgabe der Politik zu lenken. Es gibt ein Ziel und damit man dieses erreicht, kann sie die Rahmenbedingungen setzen wie eben Kohlendioxidsteuer, Vorschriften für Energieeinsparung, erleichtere Planverfahren oder sie kann Starthilfe durch Subventionen geben, aber Starthilfe heißt nicht Dauersubvention. Und da tut sie eindeutig zu wenig.

30.8.2020: Religion und Fortschritt

Ich habe im August einen neuen Raumfahrtartikel, diesmal über die Marsmission der arabischen Emirate „Hope“ um mal eine der Bezeichnungen zu verwenden, die kursieren verfasst. Liest man sich die eigenen Veröffentlichungen der UAE Space Agency durch, so ist diese sehr ambitioniert und es gibt nicht nur wissenschaftliche, sondern auch politische Ziele:

Klingt doch toll? Und das alles wird erreicht mit einer Raumsonde, die in den USA gebaut wird, dem Deep Space Network der NASA, einer Missionskontrolle durch eine US-Firma und einem Start mit einer japanischen Rakete. Immerhin die drei Experimente einfacher Bauart stammen von den UAE und es sind ganze 150 Araber am Projekt beteiligt.

Für mich ist das wie alles in den arabischen Staaten: zugekauft mit dem Reichtum durch Öl. So entstehen dort auch Wolkenkratzer, Fußballstadien gebaut von Fremdarbeitern, designt von ausländischen Architekten. Wenn in der Region eine Nation eine etwas herausragende Stellung in der Weltraumfahrt hat, dann ist es Iran, die entwickeln wenigstens ihre Satelliten und Raketen selbst und kaufen sie nicht ein, dafür alles eben etwas kleiner. Nur sind die zwar islamisch, aber nicht arabisch.

Wenn ich heute an den Islam im „Orient“ denke – es gibt ja durchaus noch den Islam in anderen afrikanischen und auch asiatischen Ländern, dann kommen mir andere Assoziationen in den Sinn. Selbst wenn ich mich auf Forschung und Technologie beschränke, dann sind arabischen Staaten nicht führend, nicht mal im Mittelfeld. Dabei haben sie beste Voraussetzungen – nämlich den Ölreichtum der viel Geld in die Kassen spült. Doch dieses Einkommen wurde eben nicht genutzt um eine Forschung und eigene Industrie aufzubauen, die wenn das Öl zu Ende ist, dann das Einkommen der Nation sichert. Andere Nationen haben den Sprung vom Entwicklungsland zum Schwellenland oder Industrienation unter schlechteren Voraussetzungen – ohne Bodenschätze - geschafft, vor allem die asiatischen Staaten wie Südkorea, Taiwan oder Singapur.

Mehr noch: die arabischen Staaten sind undemokratisch, es gibt keine freien Medien, an der Gewaltenteilung habe ich auch meine Zweifel und bestimmte Gruppen werden systematisch benachteiligt, das fängt mir Frauen an. Dazu kommen Vorschriften und Gesetze, die direkt aus dem Mittelalter kommen können wie Bekleidungsvorschriften (vor allem natürlich wieder für Frauen) oder Strafen wie Prügelstrafe, Steinigung oder Amputation.

Ich meine, das in allen Staaten, in denen die Religion eine zu herausragende Stellung hat, sich dies negativ auf die Gesellschaft auswirkt - Dies geht weiter als nur gesetzliche Vorschriften, sondern wie oben erwähnt auch die Wirtschaft und vor allem Wissenschaft und Forschung, die meistens als erste leiden. Ich dachte mal früher es ginge auch anders. Galt im Mittelalter der Islam doch in einigen Regionen als tolerant, wurden dort Schriften aus der Antike, die in Europa verbrannt wurden, noch kopiert und kam man zu neuen Entdeckungen. In der Medizin waren sie führend, schufen großartige Architektur und führten das heute genutzte Zahlensystem ein, mit dem man auch rechnen konnte (auch wenn die Idee von Indien stammt). Aber das ist ein Irrtum. Nur hatte der Islam damals bei den Herschern keine dominante Stellung. Es wurden auch andere Religionen respektiert, anders als in den heutigen arabischen Staaten. In Europa begann, das was wir als moderne Wissenschaft verstehen – das Entwickeln von Theorien basierend auf Beobachten. Experiment kurz Forschung, erst als es die Reformation gab und mit ihr die Vormachtstellung der katholischen Kirche bröckelte. Nicht verwunderlich gab es die Inquisition und damit auch so Exzesse wie Hexenverbrennungen erst in dieser Zeit, denn vorher musste man ja keine Ketzer bekämpfen. Gefeit ist keine Religion. Bei uns gilt der Buddhismus als friedlich und zahlreiche Prominente haben zum Buddhismus gewechselt, doch in Myanmar, wo Buddhismus Hauptreligion ist wurden die Rohingya /Muslime) verfolgt. Aktuell sehen wir die Entwicklung in der Türkei, die durch ihre Trennung von Staat und Religion bisher sich weitaus besser als andere islamische Staaten entwickelten – sowohl wirtschaftlich als auch in der Forschung, dass es wieder rückwärtsgeht.

Selbst in den USA, wo es ja angeblich eine strikte Trennung von Staat und Kirche gibt, sieht man die Auswirkung. Dort haben die Evangelikalen immer stärkeren Zulauf und Einfluss. So richtig gab es die Trennung ja auch nicht. Ich kenne keinen Präsidenten oder prominenten Politiker die nicht bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit so was wie „God bless America“ sagen. Das Schlimme: Kirchen dürfen dort Schulen und Universitäten betreiben, in denen dann zwar jeden Tag eine Seite der Bibel auswendig gelernt wird, aber dafür die Evolutionstheorie gegen den Kreationismus ausgetauscht wird. Diese Gemeinden sind dann auch Ausländerfeindloch, denn die meisten Flüchtlinge sind ja keine Christen. Ich empfehle mal die ZDF-Doku dazu anzusehen, sie liefert einen guten Einblick.

Marx hat mal gesagt „Religion ist Opium für das Volk“. Wohl deswegen beließ man in Russland der orthodoxen Kirche eine Rolle, die deutlich größer war als die der Kirche in der DDR. Im Sinne eines totalitären Regimes ist die Sicht richtig, denn wenn die Religion keinen direkten Einfluss auf den Staat hat, dann dient sie als Ventil und Trost gegen die Übergriffe und Eingriffe des Staates. Anders sieht es aus, wenn die Religion selbst eine Bedeutung für das Handeln des Staates hat, dann würde ich sagen ist wohl richtiger „Religion ist Extasy für das Volk“. Und das ist unabhängig von der Religion. Denn es geht nicht um die religiösen Vorschriften und Texte. Die werden so interpretiert, wie man es braucht und zumindest in der Bibel findet man als historisch gewachsenem Buch genügend Widersprüche und Aussagen für jeden Zweck. Ich meine, aber selbst wenn jemand die Grundlagen einer Religion auf wenigen Seiten zusammenfassen würden und die dann die gesamte Grundlage wären, es würde nichts ändern. Denn die Leute erfinden dann einfach Sachen. So ziemlich alles, was wir heute praktifizieren findet, man nicht in der Bibel. Dort steht nichts von der Organisationsstruktur der Kirche wie Papst, Bischöfe etc. Nichts von Kirchen, und wie sie gebaut werden müssen, nichts von Gottesdienstritualen. Gerade die sind aber heute noch künstlich aufgebaute Trennungen wichtig, wie das Abendmahl zeigt. Katholische und evangelische Kirche zeigen gerade, wie man bei einem Grundkonsens des Verhaltens basierend auf der Bibel sich durch eingeführte Strukturen sich massiv unterscheiden kann und auch zur Abgrenzung dienen, interessanterweise tun sich ja gerade Kirchen sehr schwer die eine gemeinsame Glaubensbasis haben zusammenzuarbeiten, als wenn das mit einer anderen Weltreligion sich austauscht. Paradebeispiel ist die katholische Kirche und ihr Verhältnis zu evangelischen oder orthodoxen Kirchen gegenüber dem Verhältnis zum Judentum oder Islam.

Allen Kirchen ist gemein, das sie meinen den einzig richtigen Glauben zu haben und missionieren zu müssen. Früher führte das zu enormen Auswüchsen, wie man bei der Zwangsbekehrung in Mittel- und Südamerika durch Spanien nach der Eroberung Amerikas sieht. Doch auch heute wird noch missioniert und da es eigentlich keinen Fleck auf der Erde gibt in der es keine Religion gibt meist in anderen Ländern mit einer anderen Hauptreligion.

Bei uns haben wir das Problem der zu großen Einflussnahme nicht. Im Gegenteil: Kirchen haben immer weniger Einfluss und sie verlieren immer mehr Mitglieder. Langfristig denke ich ist das aber für die Gesellschaft und ihre Entwicklung besser, als wenn die Religion die Politik beeinflusst.

4.9.2020: Die Augustnachlese von SpaceX

Einige Neuigkeiten gibt es wieder von SpaceX, nach Monaten, vielleicht auch einem Jahr hat sie zum ersten Mal wieder zwei Startaufträge bekommen, nämlich von SES, nicht so verwunderlich. Die Luxemburger sind treue Kunden. Allmählich kommt auch überall wieder Normalität in den Startkalender, so starteten auch innerhalb weniger Tage Ariane 5 mit drei und die Vega mit 53 Satelliten.

SpacEx hätte am Wochenende Geschichte schreiben können, da sie innerhalb eines Tages mit knapp 10 Stunden Abstand zwei Starts von einem Weltraumbahnhof aus vorhatten. Das gab es seit 1966 nicht mehr, dann aber gleich 9-mal unterboten durch die Kopplungsflüge von Gemini mit Agenas, die gerade mal einen Umlauf (92 bis 99 Minuten vorher) gestartet wurden. Das Wetter macht bei Starlink einen Strich draus. So starten die Satelliten gestern. Inzwischen sind 713 im Orbit, SpaceX baut nach eigenen Angaben sechs Satelliten pro Tag und will sie alle zwei bis drei Wochen starten, bis das erste Teilnetz mit 1.440 Satelliten fertig ist. Eigentlich hätte ich bei 6 Satelliten pro Tag Startabstände von 10 Tagen erwartet zumal wenn sie noch andere Satelliten mitführen dann Satelliten wegfallen, wie beim letzten Start wo es nur 57 waren. Aber sie machen es wohl wie bei den Falcon 9, da kündigten sie 2011 (ein Jahr in dem gerade mal zwei Falcon 9 mit 20 Triebwerken starteten) an, sie würden alle zwei Wochen ein Triebwerk produzieren, in einem Jahr (also 2012) sogar 400 pro Jahr. Wahrscheinlich lagern sie die ganzen Satelliten wie die Triebwerke für die Zukunft ein …

Der zweite Start mit dem 3.065 kg schweren Saocom 1B (anders als der Name suggeriert ein Radarerkundungssatellit) war trotzdem etwas Besonderes, denn er ging in den sonnensynchronen Orbit, wurde aber vom Cape aus gestartet. Das ist deswegen besonders, weil vom Cape aus wegen den Großstädten der USA der Kurs nach Norden begrenzt ist. Space Shuttles (und ich denke das gleiche gilt für Falcons) können aus Sicherheitsgründen niemals mehr als 57 Grad Bahnneigung vom Cape aus erreichen, wenn sie keine Kurve fliegen wollen. Alle sonnensynchronen Starts werden seit den Sechziger Jahren von Vandenberg aus durchgeführt, wo man direkt nach Süden starten kann. Damit die Falcon 9 einen SSO vom Cape aus erreichen kann, muss sie zuerst nach Osten fliegen, um genügend Distanz zu Florida zu kommen, dann kann sie nach Süden Schwenken und so den SSO erreichen. Diese Bahnkurve ist allerdings äußertest energieaufwendig, genauso als wenn man anstatt gerade aus zu fahren eine Kurve durchfährt. Warum also dies – haben sie doch einen zweiten Startplatz in Vandenberg? Ich denke den will SpaceX langffristig aufgeben. Ich dachte man benötigt ihn für das Starlink Netzwerk, doch wenn SpaceX die nördlichen polnahen Regionen ausspart kommen sie mit dem Cape aus. Bei maximal 57 Grad Bahnneigung und einem Empfang auch etwas schräg zum Satelliten (sagen wir bei den rund 400 bis 500 km Bahnhöhe auch 500 km) kann ein Netz bis etwa zum 60 Breitengrad arbeiten. Das deckt die komplette besiedelte Südhalbkugel ab und auf der Nordhalbkugel sind nur Alaska, Teile Kanadas, Grönland, Island, Norwegen, Schweden und Russland nördlicher, könnten also nicht oder nur zum Teil versorgt werden. Vielleicht ein Kompromiss mit dem SpaceX leben kann. Globalstar kommt anders als Iridum auch mit maximal 52 Grad Bahnneigung aus, allerdings einem viel höheren Orbit als Starlink. SpaceX Fans, die sich hier ab und an verirren, können sich übrigens für eine Testphase des Netzwerkes bewerben. Mit 700 Satelliten seien es gnug Satelliten für höhere Breiten und das erste Netz wird 1.440 Satelliten haben – das dürften sie in einem Jahr erreicht haben. Dann denke ich wird man sehen ob die Nachfrage auch so ist wie man sich das erhofft und ein größeres Netz sich wirtschaftlich trägt.

Das aufwendige Manöver für Saocom 1B war nur möglich, weil der Satellit nur einen Bruchteil der Nutzlastkapazität der Falcon 9 hatte. So konnte die erste Stufe auch zum Startort zurückkehren. Bei den Starlink Satelliten fällt mir auf das die Umlaufbahnen immer niedriger werden. Diesmal wurden sie in 213 x 343 km Höhe ausgesetzt, bei den ersten waren es noch 440 km Höhe. Das verwundet, wiegt doch ein Starlink Satellit 250 kg, 60 davon also 15 t, weit unterhalb der offiziellen Nutzlast einer Falcon 9 von 22,2 t. Nun ja wenn die stimmen würde … Die ersten Satelliten wogen noch 227 kg, schon die 1.380 kg Mehrgewicht führen dazu, dass man den Orbit absenken muss.

Da sich nun auch Musks Vorstellung des Starships jährt, in der er versprach „I think we want to try to reach orbit in less than six months,” he said, a schedule he said at the time was accurate to “within a few months.” und sich wohl der eine oder andere, fragt ob er den ersten Orbiteinsatz des Starships verpasst hat gibt es neue Ankündigungen.

Also mit dem Bauen von Prototypen gibt sich Musk nicht ab, das ist viel zu leicht: “Making a prototype of something is, I think, relatively easy,” he said. “But building the production system so that you can build ultimately hundreds or thousands of Starships, that’s the hard part.” Das erklärt zwangslos die Explosionen der ersten Stufe bei einfachen Druckbeaufschlagungstest. Klar einen Prototypen macht man eben mal so schnell und jagt ihn eben auch mal schnell in die Luft. Machen ja alle so. Kennt man doch von den vielen abgestürzten Flugzeugen die Prototypen, waren oder den Autofriedhöfen voller Prototypen. Russland produziert so sogar seinen prototypischen Impfstoff gegen Corona Sputnik V. Das Wichtigste ist doch das man etwas produzieren kann, auch wenn man nicht weiß, was es genau ist und wie es aussieht, denn es gibt ja keine funktionierenden Prototypen und wenn dann kann sein das sich an denen noch was ändert. Und es ändert sich was. Man weiß noch nicht mal, wie viele Triebwerke es sind. Zahlen von 30 bis 40 waren bisher für die erste Stufe im Gespräch, nun sind es (momentan) 28 Triebwerke.

Wofür er das Starship nutzen will, entschließt sich mir immer weniger. Selbst nach den SpaceX Wunschvorstellungen wird es bei 100 t LEO Nutzlast nur 20 t in den GTO erreichen – die Abnahme um den Faktor 5 zeigt das das Starship sehr schwer ist, vergleichbar mit dem Space Shuttle. Ich hatte das ja mal durchgerechnet und auf die 20 t kommt man nur wenn das Starship 50 t weniger wiegt als Musk selbst angibt. Aber zum Mars kommt man selbst bei den SpaceX Angaben ohne Nutzlast so nicht. Das Auftanken im Orbit ist zwar möglich, aber nur bei druckgeförderten Triebwerken erprobt, denn irgendwie muss der Treibstoff ja von einem Vehikel ins nächste gehen und das geht bei den Drucktanks mit Gummi-Diaphragma zwischen Druckgas und Flüssigkeit, aber nicht bei normalen Tanks wo der Resttreibstoff sich zu einer Kugel formt und nicht von alleine rüber will. Doch dazu in den nächsten Tagen mehr. Derzeit sehe ich as Starship als ein Vehikel mit etwas höherer LEO-Nutzlast als eine Falcon heavy aber geringerer GTO-Nutzlast ohne Fähigkeit die Erdumlaufbahn zu verlassen, dafür aber dreimal schwerer als eine Falcon Heavy.

Nebenbei gibt es weitere Widersprüche: „“Building the production system so that we can build ultimately hundreds or thousands of Starships — that’s the hard part,” . Wenn es vollständig widerverwendbar ist, warum benötigt man dann Hunderte und Tausende davon? Wie kommt er auf Hunderte von Flügen, die er selbst als Bedingung aufstellt, bevor Menschen fliegen „adding that the Starship will fly hundreds of missions before SpaceX puts people on-board.“. Also ich kenne nicht annähernd so viele Nutzlasten. Das klingt doch irgendwie an die 2011 Ankündigungen von 10 Falcon 9 und 10 Falcon Heavy Starts pro Jahr. Gut die erreichen sie nun, aber nur weil sie ihre eigenen Satelliten starten, und Starlink gab es 2011 noch nicht. Klar Starlink könnte bei 32.000 Satelliten die Startzahl erfordern, aber wenn das System diese Ausbaustufe nicht erreicht, dann hat SpaceX mindestens 5 Mrd. Dollar, so die aktuelle Schätzung von Musk für ein System ausgegeben, das keiner braucht.

Das Ganze scheint auf Vorstellungen von Musk zu beruhen, die ja schon zur Entwicklung der Falcon Heavy geführt haben die auch nur wenige Starts absolviert. Das er irgendwie abgehoben ist zeigt auch die Art, wie er seine Kinder benennt. Sein jüngster Sohn heißt tatsächlich „X Æ A-XII“. Dafür spricht auch der Startpreis von 2 Millionen Dollar, die beim letzten Blog tatsächlich jemand glaubte. Also mal etwas Logik. Die Falcon 9 und Falcon Heavy sind schon weitestgehend wiederverwendbar. Verloren geht inzwischen nur noch die Oberstufe, selbst die Aeroshell wird teilweise wiederverwendet. Es gibt unterschiedliche Angaben über den Kostenanteil der ersten Stufe, die geborgen wird, die zwischen 66 und 80 % der Produktionskosten liegen. Entsprechend ist eine Falcon Heavy mit drei Erststufen und nur einer Oberstufe auch nicht dreimal teurer als eine Falcon 9 sondern nur 1,8 mal weil der verloren gegangene Teil immer gleich hoch ist. Die BFR wird dreimal schwerer als eine Falcon Heavy sein. Nun skalieren Raketen nicht bei den Entwicklungs- und Startkosten, eine größere Rakete, die dreimal schwerer ist, wird also nicht dreimal teurer sein, Aber die Entwicklung (5 Mrd. Dollar) ist schon neunmal teuerer als die erste Version der Falcon 9 und die Startmasse ist 15-mal größer. Die BFR wird aus diesen Gründen selbst bei vollkommener Wiederverwendung sicher nicht billiger als eine Falcon Heavy sein. Erst recht nicht als eine Falcon 9. Wie SpaceX bei 2 Millionen Dollar Startkosten alleine die Entwicklungskosten von 5 Mrd. Dollar wieder hereinbekommen will, ist nicht logisch nachvollziehbar, zumal es ja auch noch Kosten neben den Produktionskosten gibt wie die Startdurchführung, Fixkosten für die Nutzung von Anlagen der USAF, Bergungskosten und Inspektion. Vor Jahren gab Musk an, das man die Kosten der Falcon 9 durch Wiederverwendung um den Faktor 100 senken könne. Schließlich würde der Treibstoff nur 0,4 % der Startkosten ausmachen – das ist im Prinzip das gleiche wie die 2 Millionen Dollar Angabe für die BFR. 0,4 % von damals 60 Millionen für eine Falcon 9 also 240.000. Die BFR ist neunmal schwerer als eine Falcon 9 und oh wunder bei gleichen Treibstoffkosten würde alleine der Treibstoff so mehr als 2 Millionen Dollar kosten. Die Falcon 9 wurde übrigens dann nicht 100-mal billiger, sank auch nicht auf 40 % der Kosten wie für die ersten Flüge versprochen, sondern sank im Preis nur um 20 % ….

SpaceX Fans sind wohl sehr leichtgläubig. Musk stellt ja auch bei Tesla Autos her. Angenommen er würde jetzt ein neues Modell ankündigen, dreimal größer als das bisher größte Modell, das aber nur ein 1/45 dessen kosten würde – würde ihm das jemand glauben? Der fortgeschrittene SpaceX Fan betreibt daher das Rosinenpicken: kurz er glaubt das was ihm gefällt und sieht den Rest als Wunschdenken, Fantasie oder Vision je nach persönlicher Ansicht. Entsprechende Kommentare sehe ich hier laufend. Nur: wenn ich so verfahre, dann kann man sich jede Beschäftigung mit der Firma, egal ob als Fan oder Kritiker sparen, denn was ist dann Fantasie und was ernst gemeint? Meiner Erfahrung nach stimmen praktisch alle Angaben von SpaceX, sofern sie nicht extrem kurzfristig sind wie Startankündigungen für die nächste Woche nicht.

Man meint ja angesichts dessen der Kosten von Starlink uind BFR müsste SpaceX im Geld schwimmen. Einen 135 Millionen Dollar Auftrag der NASA, für die er praktisch keine Hardware bauen muss, bezeichnet er Definitely the NASA support is appreciated,” he said. “It’s helpful, but it’s not a gamechanger.”. So verwundert es wenn SpaceX protestiert das sie von der Tranche des DoD nur 50 % bekommen haben. Ich hätte ja angenommen Northrop-Grumman und Blue Origin die ausgeschlossen wurden, weil sie keinen einsatzbereiten Träger haben, würden protestieren, aber die taten nichts. SpaceX aber als Gewinner prozessiert gegen die Entscheidung. So sehen nicht Firmen aus, welche die Welt revolutionieren wollen, sondern Firmen, die wohl ohne Staatsaufträge nicht überleben können. Und bevor wieder der Kommentar kommt, das Prozessieren gegen die Regierung wäre in den USA normal: ich lese seit Jahren die US-Nachrichtenportale und sie sind in der Tat voll von Prozessen von Firmen gegeneinander. Gegenüber der Regierung gibt es seltener einen Protest, der dann von einer unabhängigen Stelle wie dem GAO geprüft wird. Aber von Prozessen gegen die Regierungsentscheidungen habe ich im Trägersektor bisher nur SpaceX gelesen und sie protestieren auch andauernd. Logisch, die Firma war bis letztes Jahr ja zu 70 bis 80 % staatsfinanziert (zumindest was die Aufträge angeht), mit den abnehmenden kommerziellen Aufträgen wird sich das noch mehr der 100%-Marke nähern. Ja so sehen Revolutionen aus ...

5.9.2020: US Wahlen – Chaos mit Methode

Nun sind ja wieder US-Wahlen. Für mich wirken die US-Wahlen nach dem was ich bisher von ihnen weiß sehr verwirrend. Da ist erst mal der paradoxe Umstand, dass alleine in den letzten 20 Jahren zweimal der Verlierer mehr Stimmen als der Sieger hatte – 2000 war dies Al Gore und 2016 war es Hillary Clinton. Die Wikipedia verzeichnet sogar noch die Wahl von 1876, bei der der Verlierer die absolute Mehrheit der Stimmen hatte (bei mehr als zwei Kandidaten sind relative und absolute Mehrheit nicht identisch). In Deutschland undenkbar, aber bei einem Mehrheitswahlrecht möglich. Rein theoretisch soll man sogar mit nur 33 % der Stimmen Präsident werden können.

Andere Verrücktheiten für mich sind das die Partei in der Opposition Vorwahlen abhält, um den besten Kandidaten zu finden. Bei der anderen Partei fallen die weg. Gut, wenn es ein Präsident ist, der beliebt ist, nachvollziehbar. Doch das ist Trump angesichts des Versagens bei der Coronakrise nicht und er redet ja dauernd davon den „Sumpf“ in Washington auszutrocknen und damit meint er sicher nicht nur demokratische Abgeordnete. Republikaner sollten also ein Eigeninteresse haben, einen Gegenkandidaten zu finden, der bessere Wahlchancen hat und auch in der eigenen Partei mehr Rückhalt.

Also das Wahlsystem in den USA ist wirklich komplex. Ich habe eine Sendung dazu angesehen und empfehle die ausdrücklich weiter. Was ich von mir gebe, ist nur eine kurze Zusammenfassung.

Nicht jeder darf wählen

Bei uns gibt es das Wahlrecht und jeder wird automatisch angeschrieben. In den USA nicht. Dort muss man sich als Wähler registrieren lassen und braucht dafür offizielle Dokumente. Okay, beim ersten Nachdenken finde ich das gar nicht mal so schlecht, denn viele Leute wollen nicht wählen und bei uns liegt die Wahlbeteiligung in den letzten zwei Jahrzehnten zwischen 70 und 80 %. Doch so einfach ist es nicht. Welche Dokumente dafür zulässig sind, sind von Bundesstaat zu Bundesstaat verscheiden. Im einen gilt eine Waffenkarte als Ausweis, aber kein Uniausweis, obwohl von einer staatlichen Institution ausgestellt. Am häufigsten wird der Führerschein genutzt, doch denn haben auch in den USA nicht alle. Selbst die Einführung von Personalausweisen als offizielles Dokument wurde in der Sendung kritisiert. Zitat „Außerhalb der USA hört sich das normal an, doch bei uns gibt es keine offiziellen Personalausweise“ Stirnrunzeln. Wie bitte weist man sich dort aus? Das öffnet ja erfunden Identitäten Tür und Tor.

Zudem ist man dann nicht immer Wähler. Verurteile Verbrecher – immerhin 6,1 Millionen, bekommen das Wahlrecht aberkennt, teilweise lebenslänglich. In einigen Bundesstaaten kann man es auch verlieren, wenn man zweimal nicht gewählt hat und dann gibt es automatische Streichungen. Nicht nur durch Umzug oder Tod, sondern auch wenn die Daten im Wählerregister nicht 100 % mit denen auf der Meldebehörde übereinstimmen, leicht vorkommend bei Namen mit Zeichen außerhalb des lateinischen Alphabets wie Akzente. Für im Wählerverzeichnis „Rene“ steht und im Meldeverzeichnis „Renè“ dann kann das zum Ausschluss führen. Das ist der erste Trick, um zu gewinnen, ein Thema das sich durch die ganze Sendung zog. Denn wer hat denn solche Namen? Typisch doch Immigranten oder Angehörige von ethnischen Minderheiten. Nach der Sendung ist die republikanische Partei relativ monolithisch, was die ethnische Zusammensetzung und Interessenlage angeht. Es sind eben vor allem Weiße. Die Demokraten dagegen mehr eine Sammlungsbewegung von verschiedenen Richtungen von ganz links bis gemäßigte Mitte und verschiedenen Ethnien, sie haben viel mehr Wähler mit „nicht weißer“ Hautfarbe und Obamas Sieg 2008 beruhte darauf, dass er diese Wähler mobilisieren konnte, Clinton 2016 dagegen nicht. Bei uns würde man wohl mehrere Parteien draus machen, aber in einem Mehrheitswahlsystem wäre das Selbstmord, denn so würden die demokratischen Stimmen sich auf mehrere Partien verteilen und sie nie einen Wahlkreis erobern. So gab es 2008 in den US 147 Millionen registrierte Wähler, 2010 waren es nur noch 137. Beide Zahlen sind angesichts einer Gesamtbevölkerung von 328 Millionen wenig. 2016 wählten in den USA 137,67 Millionen also 42 % der Bevölkerung, bei uns waren es 2017 47 von 61,7 Millionen Wahlberechtigte bei 83 Millionen Einwohner also 56,7 % - erheblich mehr als in den USA. Das Aussperren von Wählern funktioniert also.

Gerrymandering

Alle 10 Jahre müssen die Wahlkreise durch die Volkszählungsdaten neu festgelegt werden, sodass jeder Wahlkreis gleich viele Einwohner hat. Da ein Wahlkreis nur eine Stimme hat, also alle Stimmen einem Kandidaten gehören begann man schon im 19-ten Jahrhundert damit die Grenzen so festzulegen, dass die eigene Fraktion gut abschneidet. Zum Beispiel indem man bewusst dafür sorgt, dass der Gegner einige Wahlkreise mit deutlich mehr als 50 % gewinnt, in vielen anderen aber knapp unter 50 % bleibt. Dies wurde nach dem Erfinder als Gerrymandering bezeichnet. Die Abbildung links zeigt die Auswirkungen in den Wahlgrenzen eines County zwischen 1992 und 2001. Durch eine Anstrengung, in der die Republikaner 2010 in vielen Bundesstaaten die Regierung stellten, konnten sie die Grenzen nach der gerade erfolgten Volkszählung für die nächsten 10 Jahre zu ihren Gunsten verschieben.

Geografisches Chaos

Als Laie wundere ich mich immer darüber, dass die Kandidaten sich bevorzugt um sogenannte Swing-States kümmern. Also an den beiden Küsten (Kalifornien und die Westküste außer Florida) wählt man vorwiegend demokratisch, in der Landemitte meist republikanisch. Einige Staaten sind nicht sicher einer Partei zuordenbar, das sind die Swing-Staates. Sei sind entscheidend für die Wahl. Mehr noch. Die Wählerstimmen gelten nicht gleich viel. Denn es werden ja nicht die Wählerstimmen gezählt, sondern Wahlmänner. Jeder Staat stellt eine bestimmte Anzahl an Wahlmänner und die ist nicht proportional zur Einwohnerzahl. Eine Stimme in Wyoming ist 3,8-mal wertvoller als eine in Kalifornien. Das alles sind Auswüchse eines Mehrheitswahlrechtes.

Ausgesperrte Wähler

Ist alles überstanden, wenn man registriert ist, nicht von der Liste gelöscht wird und die notwendigen Dokumente hat? Natürlich noch lange nicht. Gewählt wird in den USA an einem Werktag. Die Leute müssen also ihre Arbeit verlassen, um zu wählen und da gibt es ein probates Mittel um bestimmte Wählergruppen am Wählen zu hindern: man reduziert die Anzahl der Wahllokale. Erinnert sich noch jemand 2016 an die Bilder von Schlangen vor Wahllokalen wie in einem Drittweltland? Es sind meist Farbige, die anstehen, denn eine beliebte Maßnahme ist es, in Vierteln mit vorwiegend Nicht-Weisser Bevölkerung die Zahl der Wahllokale zu verkleinern. Manch einer musste die Schlange wieder verlassen, weil die Mittagspause zu Ende war...

Fehler im System

Ich empfehle die oben verlinkte Sendung anzusehen. Sie enthält noch andere Dinge wie Trumps Versuch die Demokratie zu unterminieren oder seine Brandmarkung von Briefwahl als betrugsanfällig. Nebenbei habe ich erfahren, dass die US-Post, ein Staatsunternehmen tatsächlich überfordert wäre, wenn zu viele Leute per Brief wählen und ein Argument ist ja auch, dass man den Präsidenten schnell wissen will – mir nicht ganz nachvollziehbar, denn verglichen mit uns dauert es in den USA ziemlich lange. Bei uns weiß man 2-3 Stunden nach Schließung der Wahllokale, wer der Sieger ist, in den USA dauer das erheblich länger trotz Wahlcomputer und Wahlmaschinen und mehreren Zeittonen – die Westküste kann schon auszählen, während an der Ostküste die Wahllokale offen sind. Briefwahlstimmen könnte man ja parallel schon während des Tags auszählen und hätte so einen ganzen Arbeitstag Zeit. Insgesamt macht die US-Wahl trotz viel höherem technischen Aufwand auf mich keinen guten Eindruck: ich erinnere mich noch an die Szenen der Wahl 2000, wo man in Florida Lochkarten nachinspizierte, wo denn nun das Loch gestanzt wurde …

Das Grundproblem liegt aber wie überall in den USA in einer Verfassung von 1776, einer Verfassung einer vorindustriellen Gesellschaft hauptsächlich aus Bauern. Ich denke jede Verfassung muss laufend der Zeit angepasst werden. Bei uns zogen Tierschutz ins Grundgesetz ein, umgekehrt flog Artikel 23 1990 raus – nach dem Artikel kann ein Staat der BRD beitreten, nachdem dies die DDR tat, wollte man wohl vermeiden das sich, da noch weitere osteuropäische Staaten anschließen...

Das komplexe System mit Wahlmännern und die Mehrheitswahl bedeutet eigentlich nur, dass die einzelne Stimme eines Wählers herabgewürdigt wird. Mehr noch: es kommt, weil zeitgleich das Repräsentantenhaus Kongress gewählt wird, jedes Mal auch zu massiven Machtverschiebungen im Parlament und die entsprechen nicht dem Votum der Wähler. 2016 hatte Clinton 48,2 % der Stimmen aber 226 Wahlmänner, Trump 46,1 % der Stimmen aber 305 Wahlmänner. Trump hat obwohl weniger Wählerstimmen nicht nur gewonnen, sondern dieses Missverhältnis gab es auch im Repräsentantenhaus: 49,1 % wählen Republikaner, die bekamen aber 55,4 %, 48 % wählten Demokraten, die bekamen aber nur 44,6 % der Abgeordneten.

Ich glaube aber nicht das sich daran was ändert, auch nur in Teilen wie einfach mal jedem Erwachsenen wie bei uns eine Wahlaufforderung zu schicken, so was wie eine Meldebehörde wird es ja auch in den USA geben oder den Wahltag auf einen Sonntag zu legen. Geschweige denn das man Gerrymandering, Mehrheitswahlrecht und Wahlmänner abschafft. Man könnte ja einfach jede Stimme zählen, aber das wäre in den USA ja wohl zu einfach. Für den Präsidenten, der in den USA ja viel mehr Macht hat, als unser Kanzler halte ich das Mehrheitswahlrecht nicht mal für so schlecht, denn so muss man sich für einen Kandidaten entscheiden und nachher kann man nicht sagen, das ein Präsident mit wesentlich weniger als die Hälfte der Stimmen gewählt wurde, aber für Parteien ist das unsinnig. Gerade die Demokraten und ihr Vorwahlkampf zeigen ja: sie sind nicht eine Partei, sie sind ein Sammelbecken für alle die keine republikanische Politik wollen. Mehrere Parteien würden sich auch mehr auf die Kandidaten und ihre Politik auswirken. Wenn es Abgeordnete, gäbe die „linken“ Ideen wie Sozialversicherung und Steuergerechtigkeit anhängen und die viele Sitze haben, dann wird ein Kandidat wie Byden die nicht ignorieren können.

Doch das ist alles Zukunftsmusik, denn was sich schon unter Obama zeigte, ist das es Blöcke gibt. Unter Obama haben die Republikaner mehrmals einen Shutdown verursacht, weil sie den Haushalt nicht freigegeben haben. Unter Trump haben sie alles verteidigt und durchgewunken, was der an Unsinn angerichtet hat.

Ich hoffe nur, das Trump es nicht schafft. Sicher weiß man es erst nach der Wahl. Denn neben den Tücken des US-Wahlsystems lagen letztes Mal ja auch die Prognosen falsch. Byden macht auf mich nicht gerade den Eindruck eines Mannes der in diesem Land, das 155 Jahre nach Ende des Bürgerkriegs immer noch nicht den Rassismus ausgerottet hat, Sozialversicherungen als kommunistisches Übel ansieht und immer noch einen amerikanischen Traum beschwört, der in Wirklichkeit nur eine Minderheit reich macht, aber dazu führt das Millionen mehrere Jobs brauchen, um über die Runden zu kommen, die nötigen Reformen bringen kann. Aber wer weiß – Byden ist jetzt 78, Adenauer war 73, als er Bundeskanzler wurde, und machte den Job, bis er 85 war. Das war direkt nach dem Krieg, als es bei uns auch nicht rosig zuging und er gilt ja nicht als der schlechteste Bundeskanzler.

8.9.2020: Nicht mein Style

Lidl Collection (c) des Bildes LidlHeute wieder ein kurzwelliger Blog, einfach weil mir das Thema gestern ins Auge sprang. Es geht um Werbung, Aufhänger war der aktuelle Prospekt. Lidl bewirbt nun Artikel die sie selbst gefertigt haben als „stylish“, man sehe das Foto aus dem Prospekt der Woche von 12.0 – 17.9.2020, S. 14-17. Also eigentlich dachte ich mir, dazu muss man nichts mehr sagen, aber dann fiel mir doch noch was ein.

Wenn man das Thema ausdehnt und nicht nur Mode betrachtet das geht es um Marken, Renomeè, Image. Neu ist das Thema nicht. Schon immer hatte jedes Auto ein Logo. Inzwischen sind für mich die Logos die einzigen Unterscheidungsmerkmale von Automarken, denn wie früher einen Mercedes einfach an seinem charakteristischen Äußeren zu erkennen. Das geht ja dank aerodynamischer Formgebung bei allen Autos nicht mehr. Bei Fahrrädern prangen auf den Rahmen auch deutlich die Namen der Hersteller und Logos findet man eigentlich überall, auch bei technischen Geräten. Mal groß, mal klein.

Die Mode machte meiner Ansicht nach eine große Ausnahme, nämlich weil lange Zeit das Logo hinten im Wäschettiket war. Die einzige Ausnahme von der Regel waren die Sportartikelhersteller, die schon immer ihren Schriftzug auf alles prägten wie Head oder Scott schon in den Siebzigern auf Skkibekleidung oder schon immer ein Symbol als Corporate Identity hatten wie die drei Streifen bei Adidas oder der Puma bei der gleichnamigen Firma.

Ich glaube das liegt daran, das man Kleidung anders sieht. Wir tragen sie, wir werden durch die Kleidung wahrgenommen und in Sekundenbruchteilen wird alleine durch die Kleidung ein Urteil über einen Menschen gefällt – über das Einkommen, die Bildung oder den Geschmack. Vor allem aber macht Kleidung aus, und das drückt ja auch das Wort „Style“ aus, das man sich einen eigenen Stil zulegt, man möchte ja nicht wie jeder andere aussehen. Angeblich soll es ja für Frauen ein GAU sein, wenn sie bei einer Party dasselbe Kleid tragen wie eine andere Frau. Denn dann wäre man ja nicht mehr „unique“. Da die meisten von uns sich nicht die Kleidung maßschneidern lassen oder Modelle, tragen die Modedesigner nur wenige Male produzieren lassen, geht das durch Kombination. Und irgendwie beißt sich das mit Logos. Das begann in meiner Wahrnehmung Ende der Siebziger mit dem Aufkommen noch dezent wie das „La coste Krokodil“ als kleiner Sticker über der Tasche auf einem Poloshirt. Es gibt ja auch im Spielfilm „Zurück in die Zukunft I“ eine Schlüsselszene, in der Marty McFly in der Vergangenheit aufwacht und seine Mutter (die noch ein Twen ist) ihn als „Calvin Klein“ anredet und meint sie habe noch niemand gesehen der seinen Namen auf der Unterhose sticken lässt…

Das wuchs sich in den Achtziger und Neunziger zum Markenfetischismus aus. Immer mehr Logos, immer größere Logos. Insbesondere bei Jugendlichen wurden dann plötzlich Kinder discreminiert, die keine Markenkleidung hatten. In wurde es teure Markenturnschuhe zu tragen, obwohl die nicht lange hielten oder bald unansehnlich wurden.

Als Nebenschauplatz wurde es Mode T-Shirts, Sweatshirts mit entglichen Slogans oder hypothetischen Marken zu tragen, so der Aufdruck der berüchtigten „Ohio state university“. Was das in Deutschland sollte, habe ich nie verstanden, auch wenn ich auch so was trug, weils meist relativ preiswert war und ich früher weniger als heute auf meinen Kleidungsstil achtete.

Aber diese Lidlmode ist was anderes. Es ist kein kleines Logo. Sie ist aufdringlich, in den Knallfarben von Lidl also Weiss, Gelb, Rot und Cyan. Ich meine schaut euch das offizielle Prospektfoto an – wollt ihr so rumlaufen? Vor allem verstehe ich nicht, was daran dann ein persönlicher Stil sein soll, wenn es auf den vier Prospektseiten vielleicht ein Dutzend Artikel für beide Geschlechter gibt. Die Möglichkeiten zu kombinieren sind begrenzt. Und mal ehrlich: Welcher Hipster würde mit leer Kleidung zugeben. bei Lidl einzukaufen?

Es ist nur ein Aspekt, was mich bei Lidl nervt. Zeitgleich läuft eine Aktion an der Kasse, wo ich einen Artikel bei Lidl kaufen soll und die geben dann genau diesen Artikel an die Tafeln weiter. Hä? Ist es nicht sinnvoll an die Tafeln das zu geben, was man nicht mehr verkaufen kann oder will? Natürlich haben die auch Finanzierungsbedarf. Ich bin nun überfragt ob sie noch Lebensmittel zukaufen aber in jedem Falle haben sie Kosten für Miete, Strom, Wasser, Verpackungsmaterial und es wird außer den ehrenamtlichen Helfern auch einige festangestellte Mitarbeiter geben. Also an die Tafeln Geld zu spenden macht Sinn, aber Lebensmittel? Was nützt es ihnen, wenn sie so Milch von Kunden von Lidl bekommen, aber diese nicht brauchen? Da finde ich den Knopf am Pfandautomat, wo man zwischen Bon und Spende wählen, kann viel sinnvoller, denn über das Geld können die Tafeln dann frei verfügen. Zudem verliere oder vergesse ich den Bon regelmäßig.

Eine Marklücke, die sich bisher nur wenige zu Nutze gemacht haben, sind Atemschutzmaske. Mal ehrlich – gibt es einen besseren Werbeplatz als eine Atemschutzmaske? Man schaut doch den Menschen ins Gesicht und das wirkt auch nicht aufdringlich, als wenn man versucht, einen Schriftzug auf einem T-Shirt, das gerade Falten wirft, zu entziffern und der Blick dann längere Zeit auf dem Oberkörper verweilt. Ich habe mal in einem früheren Blog das Foto von Michaela Schaffrath – als Poronosternchen hieß sie Gina Wild – verwendet, dass ihr hier noch mal seht. Es zeigt die Problematik auf, die Frau Schaffrath offensichtlich nicht erkannt hat. Wer einen Slogan auf Brusthöhe auf dem T-Shirt hat, verführt jeden, auch den der nun nicht aufdringlich ihre Oberweite ansieht, dazu diesen zu lesen und lenkt dann gerade den Blick auf die Oberweite, was ja nach dem Foto nicht erwünscht ist.

Ich habe seit einigen Tagen eine Maske mit Werbung. Eigentlich sollten Firmen die verschenken. Es ist eine viel sinnvollere Werbung als Kugelschreiber mit Logos, viel präsenter, viel mehr Fläche. Vor der Coronakrise waren Masken ein Centartikel und ich vermute sie kosten in der Herstellung bei größerer Menge immer noch nicht mehr. Damit wären sie doch das ideale Werbegeschenk.

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