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Web Log Teil 606: 16.12.2020 - 29.12.2020

16.11.2020: Seiner Zeit eine Dekade voraus

Gatry KildallIch habe vor einigen Tagen eine kurze Biografie über Gary Kildall gelesen, wahrscheinlich werde ich dazu noch einen größeren Artikel verfassen. Schon vor Jahrzehnten interessierte mich die PC-Geschichte, auch weil es da schillernde Persönlichkeiten und verrückte Ereignisse gab. Ich habe dann mal eine Artikelserie „Väter des PC“ veröffentlicht und später auch ein Buch daraus gemacht. Von allen „Vätern des PC“ ist Gary Kildall mir am sympathischen, vielleicht weil seine Persönlichkeit der Meinigen am nächsten kommt.

Gary Kildall hatte als einziger der PC-Pioniere eine akademische Ausbildung in dieser Technologie, einen Doktor in Computerwissenschaft und er war auch einige Jahre als Lehrer / Ausbilder an einer Uni tätig. Das lag ihm. Er forschte gerne und war neugierig. Vieles, was er entwickelte, kam aus diesem Antrieb heraus. Er schaute nicht, ob es einen Markt dafür gab oder ob es kommerziell erfolgreich war. Er lief nicht zum Patentamt und lies sich das Prinzip des BIOS patentieren, sonst wäre die PC-Geschichte anders verlaufen. Zudem war ein konfliktscheu, scheute davor zurück zu prozessieren, glaube dagegen an Gentleman-Agreements, wie die unausgesprochene Abmachung, dass seine Firma Betriebssysteme produziert und Microsoft Programmiersprachen und sich jeder aus dem Geschäftszweig des anderen heraushält. Es gibt auch Unterschiede zwischen ihm und mir. So soll er sehr planmäßig an das Programmieren herausgegangen sein, hat Datenstrukturen zuerst vollständig auf dem Papier entworfen, bevor er sie am Computer umsetzte. Ich bin dagegen eher der Typ „Was programmieren wie heute“. Wobei man sagen muss, dass ich in den Achtzigern auch mit mehr Überlegung herangegangen bin, denn ein Compilerlauf dauerte damals schon mal einige Minuten und man bekam nicht schon bei der Eingabe Programmierfehler oder Hinweise präsentiert, von Syntaxhighlighting und Codevervollständigung mal ganz zu schweigen.

Kildalls Beschäftigung mit Mikrocomputern begann mit Intels erstem Mikroprozessor dem 4004. Er schrieb einen Emulator für diesen für die Entwicklung von Code und tauschte ihn gegen ein Enz-Wicklungssystem für den 4004 von Intel ein. Damit begann eine Zusammenarbeit mit Intel, auch wenn Kildall die meiste Zeit nur freier Mitarbeiter war. Er brachte es als Nächstes fertig für den ersten 8 Bit Prozessor 8008, dem Vorgänger des 8008 der wegen seines gewöhnungsbedürftigen Befehlsatzes und kleinen Adressraums schwer programmierbar war, einen Compiler für eine höhere Programmiersprache zu schreiben, die er "PL/M" nannte – Programming Language for Mikrocomputers. Intel selbst sah den Chip aber als Controller – er entstand als Auftragsarbeit für CDC und sollte Terminals steuern. Das entlohnte Intel mit einem weiteren Entwicklungssystem, nun für den 8080 Prozessor. Kildall borgte sich 1.700 Dollar für einen Drucker und wollte eines der neuen 5,25 Zoll Diskettenlaufwerke, die Shugart auf den Markt brachte anschließen und entwickelte die nötige Software dazu. Leider scheiterte er an der elektromechanischen Umsetzung denn dazu musste er einen Floppy-Disk-Kontroller entwickeln. So lagen die Bauteile einige Zeit rum, bis er jemanden fand, der sich damit auskannte und die Hardware zusammenlötete. Wieder eine Parallele zu mir. In Sachen Montage habe ich nämlich zwei linke Hände. Erstaunlicherweise funktionierte das System auf Anhieb, obwohl er nichts testen konnte. 1975 verkaufte er die Entwicklung, die später CP/M heißen sollte, erstmals an IMSAI, eine Firma die einen Altair 8800 Klone baute und ebenfalls ein Betriebssystem für Disketten benötigte. Kildall erkannte das Grundproblem. Er musste die Grundroutinen für die Absteuerung des Diskettenlaufwerks an die Hardware von IMSAI anpassen. Die Verwaltung von Dateien, des Verzeichnisses etc. blieben dagegen gleich. Er trennte also das Programm in zwei Schichten auf. Eine Low-Level Schicht für das Ansprechen der Hardware und eine höhere Schicht mit den Routinen für Anwendungsprogramme plus einer Eingabeshell mit einigen elementaren Routinen. Das klingt heute trivial, auch weil seit Jahrzehnten Betriebssysteme so funktionieren. Aber es war damals eine Revolution. Es war damals nicht möglich ein Programm, das für einen Prozessor auf Computer A geschrieben war, auf einen anderen Computer B mit demselben Prozessor einzusetzen. Nicht mal UNIX, dass die Portabilität als Ziel hatte, konnte das (übrigens auch noch lange später, in den Neunzigern als ich zum ersten Mal mit Linux zu tun hatte musste man um Treiber für die Hardware einzubinden den Kernel neu compileren). Ohne CP/M wäre die Mikrocomputerrevolution wohl ausgeblieben, weil jeder Computerhersteller sein eigenes Betriebssystem entwickeln müsste und dieses zu nichts anderem kompatibel gewesen wäre. Vielleicht erinnert sich noch jemand an die Zeiten, wo man BASIC-Listings in Zeitschriften fand. Die BASIC Interpreter waren auch nicht zueinander kompatibel, ein Programm für den Apple II lief nicht auf dem C64, obwohl beide ein Microsoft BASIC einsetzten.

Mit CP/M kam der geschäftliche Erfolg und die Firma wuchs. Als IBM auftauchte, arbeitete Digital Research gerade an MP/M-86. Das Acronym stand für Multiprozessing-Monitor. Es war eine Version von CP/M für den 8086 Prozessor. Sie konnte mehrere Programme von mehreren Nutzern gleichzeitig ausführen. In Kildalls Augen das sinnvollste Betriebssystem für den 8086 Prozessor. Seine Rechenleistung reicht dafür aus. So hätte man an einen PC mit seriellen Karten einfach mehrere Terminals angeschlossen und die Rechenleistung aufgeteilt. Es unterstützte zudem Festplatten ohne die die Multiuser-Fähigkeiten relativ nutzlos waren. Als Zwischenschritt würde man eine Einbenutzerversion namens CP/M-86 entwickeln. Ich will nicht die Einzelheiten des DOS Deals hier aufrollen aber zwei Dinge hervorheben, die gerne on der Diskussion über den Besuch von IBM untergingen und die meiner Ansicht nach entscheidend waren:

Beides ging nicht, wollte Digital Research nicht seine bestehenden Kunden nicht verprellen. Bei den ersten Verträgen zogen Hersteller noch Kildall über den Tisch, doch inzwischen hatte er dazu gelernt und lizenzierte das System nur noch, für 10 Dollar pro Kopie. IBM wollte 250.000 Dollar zahlen, was 25.000 verkauften Kopien entsprach. Zum einen rechnete Kildall mit mehr verkauften Rechnern (IBM selbst mit 250.000) und zum anderen wäre es anderen Kunden schwer vermittelbar, warum sie Lizenzgebühren zahlen und IBM nicht. Die Umbenennung war nicht möglich, weil CP/M der Produktname ist. Eigentlich selbstverständlich: Android heißt Android, egal ob es auf einem Samsung oder Motorola Handy läuft. Würde IBM das Recht haben das Betriebssystem umzubenennen, so müsste er dieses Recht jedem Kunden einräumen.

Kildall hätte gegen IBM und Microsoft wegen der Copyrightverletzung und Plagiaten klagen können, tat dies jedoch nicht. IBM selbst zahlte 170.000 Dollar freiwillig und versprach beide Betriebssysteme anzubieten – nur PC-DOS für 40 und CP/M-86 für 240 Dollar...

MPM-86 mutierte zu Concurrent DOS. Das grundlegende Problem war, das die meisten Benutzer immer nur mit einem Programm arbeiteten und wenn sie ein Zweites benötigten dann waren das meist wenige Funktionen wie ein Rechner oder das Nachschlagen von Telefonnummern. Die Programme teilten sich aber den wenigen Platz unter DOS. Es gab zwar Versionen von Concurrent DOS, die den Protected Mode ausnutzten, doch schreckten die meisten Anwender vor einem Wechsel zurück aus Furcht ihre Anwendung würde nicht mehr laufen. Für die am häufigsten benötigte Zusammenarbeit von Tabellenkalkulation, Textverarbeitung und Datenbank entstanden dann integrierte Pakete wie Symphony oder Frameworks.

Kildall arbeitete danach an einer grafischen Oberfläche, genannt GEM (Graphical Enviromement Manager). Vergleiche mit Windows 1 bieten sich geradezu an. Bill Gates kündigte Windows auf der COMDEX 1982 an, es sollte im Frühjahr 1983 erscheinen. Digital Research begann erst 1984 mit der Programmierung, kündigte es auf der COMDEX 1984 an und lieferte am 28.2.1985 aus. Microsoft Windows 1.0 erschien am 20.11.1985 …

Nun sollte man meinen, Windows wäre mit fast drei Jahren mehr Entwicklungszeit besser gewesen. Doch dem war nicht so. Fenster konnten sich nicht überlappen. Es gab keine Fenster mit Icons von Programmen, dieser „Programmmanager“ wurde erst 1990 mit Windows 3 eingeführt. Stattdessen war eine Schmalspurversion dessen was man heute „Explorer“ nennt die Shell. Nützliche Hilfsprogramme gab es nicht. GENM kam dagegen mit zwei Anwendungen, die wirklich brauchbar waren GEM Draw und GEM Write. Wäre Kildall so geschäftstüchtig gewesen wie Gates, so würden wir sicher heute alle unter GEM arbeiten. Aber er wandte sich anderen Dingen zu, nur etwas Bestehendes verbessern, das war nicht herausfordernd genug. Immerhin war GEM so gut das Apple klagte, weil es Mac OS zu ähnlich war. Das taten sie auch bei Microsoft, aber erst Jahre später, als Windows auch ähnliches wie Mac OS konnte und das war bei Version 3 der Fall. Es wurden einige Details und Icons geändert und die Sache war vom Tisch. GEM wurde zusammen mit dem Unterbau CP/M-68K übrigens dann doch noch ein populäres Betriebssystem, und zwar auf dem Atari ST, dort umbenannt in TOS (The Operating System oder Tramiel Operating System, je nach Gusto).

Gar Kildall entwickelte ein Dateisystem für Videodiscs um auf ihnen Daten zu speichern, brachte eine Enzyklopädie heraus, die Hypertext als Navigation nutzte. Er passte das später für CD-ROMs an. Das war 1984-85. Bis CD-ROMS populär bei PC's sein sollten, verging eine Dekade, das heutige Dateisystem für CD-ROMs basiert auf dem von Kildall, erneut war er seiner Zeit voraus.

Kildall verkaufte seine Firma 1991 an Novell für 120 Millionen Dollar. Einige Jahre vorher wollte er sie sogar an Bill Gates verkaufen, doch der wollte seinen Verkaufspreis von 26 Millionen nicht zahlen und bot nur 10. Er wird sich geärgert haben, denn nun brachte Digital Research ein eigenes DOS heraus. Das besser und billiger als MS-DOS war. Schnell gewann es Marktanteile und Microsoft musste den Preis senken, was Gates nach eigener Aussage 30 bis 40 Prozent des Umsatzes kostete. Ich dachte früher immer die Utilityschwemme von MS-DOS 6 war gegen die vielen Hersteller von Utilities wie Symantec oder PC-Tools gerichtet. In Wirklichkeit zog man nur mit DR-DOS gleich, das diese Hilfsprogramme schon zwei Versionen früher bot. Novell klagte übrigens später gegen Microsoft, weil diese Druck auf IBM und andere PC-Hersteller ausübten nicht DR-DOS einzusetzen und es im Windows 3 Code eine Abfrage der DOS-Version gab, die ein Starten von Windows verhinderte (war im ausgelieferten Produkt aber nicht enthalten). Man einigte sich in Form von Anteilen an Microsoft, deren Wert das Wall Street Journal auf 275 Millionen Dollar schätzte.

Gars Kildall litt die letzten Jahrzehnte darunter, dass er permanent darauf angesprochen wurde, ob er denn tatsächlich fliegen war, als IBM im August 1980 erschien. Er überlegte schon Kassetten mitzuführen, um die Story nicht jedes Mal neu erzählen zu müssen, fand aber das er sich das sowieso schenken konnte, weil die Leute nicht seine Version in Erinnerung behielten. Er schrieb vor seinem Tod noch eine Autobiografie, genannt „Computer Connections“, die lange Zeit nicht veröffentlicht wurde. Erst 2016 hat seine Familie die ersten 78 Seiten online gestellt. Sie enden 1978, wahrscheinlich aus dem gleichen Grund, warum in den zwanzig Jahren seit seinem Tod das Manuskript nicht erschien, man befürchtete wohl Klagen von Microsoft und IBM. So beschränkt man sich auf die Zeit davor. Einige Passagen findet man im Kapitel über Gary Kildall im Buch „They Made America“ und da gibt es Sätze wie "He is divisive. He is manipulative. He is a user. He has taken much from me and the industry." über Bill Gates.

Gary Kildall starb am 11.7.1994 an einem Aneurysma, dass er sich zugezogen hatte, als er drei Tage vorher stürzte und mit dem Kopf aufschlug und das bei einem Klinikaufenthalt nicht bemerkt wurde. Bill Gates kam nicht zur Beerdigung, noch hat er jemals seitdem in einem seiner zahllosen Interviews Kildalls Arbeit gewürdigt, ohne die er sicher heute nicht so reich wäre, wie er ist.

17.12.2020: Nachlese zum SN8 Start

BeschleunigungWie bekannt hat SpaceX wieder mal zwei Prototypen zerstört, oder RUD wie das Musk so gerne nennt. Den einen SN8 beim Test der Landung des Starships, der zweite, SN9 ist schlicht und einfach im Hngar umgefallen. Zumindest dies sehe ich nicht als „iterativen Ansatz“ wie SpaceX-Fans gerne verharmlosend jeden Misserfolg erklären. Vielmehr als ein Indiz dafür das in der Firma auch nach fast zwanzig Jahre an noch elementaren Dingen scheitert, wie ein Standplatz der nicht kollabiert. Wenn ich richtig rechne, sind von den ersten neun Prototypen nun sechs zerstört.

Also zuerst mal eine Zusammenfassung vom Start:

Der Grund für den Artikel war eigentlich, dass ich mit dem Test die Trockenmasse des Starships errechnen wollte. Doch das geht nicht, wie ich noch erläutern will. Einige Dinge, die man schon ohne Rechnung sieht:

Das Starship startet langsam, benötigt etwa 8 Sekunden, nach T-0 um seine eigene Höhe (50 m) anzusteigen. Nach s= ½ a t² errechnet so man eine Startbeschleunigung von etwa 1,5 m/s.

Trotzdem braucht man auch bei dieser langsamen Beschleunigung und dem Abschalten von Triebwerken sehr lange um 12,5 km Höhe zu erreichen. In der Höhe haben Raketen normalerweise ihre Zone von MaxQ und die wird nach 60 bis 80 Sekunden, abhängig von der Startbeschleunigung erreicht und nicht erst nach über 280 Sekunden. Immerhin: hätten die Triebwerke 2.000 kN Bodenschub (2.200 kN Vakuumschub) so würde bei diesen Brennzeiten bei 140 t Trockenmasse des SN8 diese Startbeschleunigung resultieren. Ein einsatzfähiges stärship würde natürlich mehr wiegen, denn es hätte sechs anstatt drei Triebwerke und der Thermalschutz fehlt auch. Der genaue Schub der Triebwerke ist nicht bekannt. SpaceX spricht inzwischen ja von dem Designziel 2.500 kN. 2.210 kN wurden bei einem Test aber schon erreicht. Ich habe, weil offen ist, ob es Vakuum- oder Bodenschub ist. noch 10 % abgezogen, weil bei 2210 kN Schub die Diskrepanzen zwischen Simulation und Wirklichkeit noch größer werden. Man kann jedoch eine Obergrenze angeben: Bei 2.200 KN Schub am Boden pro Triebwerk darf das Starship mit Landetreibstoff nicht mehr als 194 t wiegen. Und vom vorherigen 150 m Test, der nur mit einem Triebwerk stattfand, wissen wir das Starship+Treibstoff x Erdbeschleunigung < Schub eines Raptors sind.

GeschwindigkeitSimuliere ich dies (siehe Angaben im Anhang), so ist allerdings die Rakete zu Brennschluss in 167 km Höhe und steigt noch bis auf 254 km Höhe auf. Die 12,5 km Höhe hat sie schon nach 94 Sekunden erreicht. Diese Diskrepanz bekommt man auch nicht mit Anpassungen von Schub und spezifischem Impuls weg. Bei einer Trockenmasse von 110 t (+10 t bei einem einsatzfähigen Starship für Thermalschutz und drei Triebwerke) ergibt sich bei einem spezifischen Impuls von 3150 m/s und 2.000 kN Vakuum und 1.800 kN Bodenschub. Doch auch dann sind nach 93 s die 12,5 km Höhe erreicht und die Gipfelhöhe beträgt dann sogar 313 km.

Der zweite Ansatz für die Berechnung der Trockenmasse ist die Abbremsung. Man kann davon ausgehen, das der Bordcomputer das Starship dann dreht, wenn die Höhe erreicht ist, in der es die Restgeschwindigkeit selbst abbauen kann. Die Landung klappte nicht, würde wohl länger als die 10 Sekunden dauern. Auch hier kann man eine Abschätzung machen. Je nach Masse, cw-Wert und Fläche errechne ich eine maximale Fallgeschwindigkeit aus 12,5 km Höhe von 100 bis 120 m/s. Diese Geschwindigkeit müsste das Starship abbauen, wobei pro Sekunde Betriebszeit der Triebwerke noch rund 10 m/s hinzukommen durch die Erdbeschleunigung. Da die Triebwerke erst 2 Sekunden vor dem Aufschlag ausfallen, kommt durch den Ausfall nicht viel dazu. Nehmen wir 10 Sekunden geplante Abbremszeit an, schließlich wird beim Drehen auch schon vertikale Geschwindigkeit abgebaut, dann müsste das Vehikel um 22 m/s pro Sekunde abgebremst werden, was bei obigen maximalen 194 t rund 4.400 kN Schub entspricht, also dem Schub von zwei Triebwerken. Bei einer niedrigeren Masse würde dann sogar ein Triebwerk ausreichen. So denke ich auch das das Abschalten der ersten beiden Triebwerke geplant war. Das letzte Triebwerk brannte dann durch, weil in einem "Header Tank" der Druck zu gering war. Die grüne Flamme – Indiz, das nun die Kupferbeschichtung auf den Brennkammerröhren verbrennt, spricht dafür das kein oder zu wenig Methan gefördert wird. Die Headertanks sind Tanks nur mit dem Landetriebstoff. Wenn das Triebwerk aber läuft, kann der zu geringe Druck im Tank eigentlich kein Problem sein, denn dann saugt die Turbopumpe den Treibstoff aktiv an. Eher ist der Treibstoff ausgegangen. Die grüne Flamme, die dann kommt ist zwar beeindruckend, aber sie hat nur einen Bruchteil des Schubs, der nominell resultieren würde, entsprechend fällt SN8 praktisch ungebremst auf den Boden und explodiert – es dürfte wohl noch Treibstoff in den Haupttanks gewesen sein. Rechnet man mit 9 Sekunden Betrieb aller Triebwerke und 4 Sekunden mit einem Triebwerk, so sind bei 2.200 kN Vakuumschub und einem spezifischen Impuls von 3.240 m/s (nach Wikipedia) bei meiner angenommenen Masse vom 145 t rund 21 t Treibstoff zum Landen nötig. Das sind rund 438 m/s Geschwindigkeitsänderung. Bei einem schweren Vehikel entsprechend weniger. Wobei alleine 130 m/s auf die Erdgravitation und 120 m/s für das Drehen entfallen. Das lässt 150 m/s für das Abbremsen übrig, etwas höher als die Fallgeschwindigkeit von 105 bis 120 m/s. Das lässt den Rückschluss zu das die 145 t Masse meiner Annahme eher unterhalb des tatsächlichen Gewichts sind. Bei minimaler Fallgeschwindigkeit errechnet sich damit eine Maximalmasse ohne Treibstoff von 184 t, bei maximaler Fallgeschwindigkeit etwa eine von 173 t.

HöheDas größte Rätsel ist aber die lange Flugdauer. Wie die Diagramme zeigen, steigen die Beschleunigung und die Geschwindigkeit trotz Abschalten von Triebwerken laufend an. Sie liegen immer über 1 g. Die einzige Erklärung, die ich habe, ist das die Treibwerke herunterreguliert werden. Die Merlins sind ja auch im Schub senkbar und Tests, der Raptors am Boden erfolgten bei unterschiedlichem Brennkammerdruck. Auch die Videoaufnahmen zeigen, dass das Vehikel am Schluss praktisch kaum Höhe gewinnt. Es würde sonst im Bild der Bodenkamera kleiner werden und der Blick nach unten müsste immer mehr Umgebung zeugen. Zudem muss es praktisch keine Überschussgeschwindigkeit haben, sonst ginge es nicht nach Brennschluss des letzten Triebwerks sofort in den Fall über. Ich vermute man wird sobald eine bestimmte Höhe erreicht ist die Triebwerke herunter geregelt werden, dass die Beschleunigung gering oder Null ist, solange bis genug Treibstoff verbraucht ist, um eine realistische Landung zu simulieren. Der dauernde Betrieb der Triebwerke mit so geringem Schub – eigentlich eine Verschwendung von Treibstoff, man hätte auch kurz beschleunigen können, bis man eine Wurfparabel mit dem gewünschten Scheitelpunkt erreicht hat, hat meiner Ansicht nach den Sinn die dauernde Kontrolle über das Flugverhalten zu haben. Beim Fallen muss aktiv nachgeholfen werden, wie die Aufnahmen von Abgastrahlen zeigen, denn bei fast leeren Tanks liegt natürlich der Schwerpunkt hinten, bei den Triebwerken und ohne aktive Steuerung würde sich die Rakete so drehen, dass der Luftwiderstand minimal und nicht maximal wie beim Test ist. Sie würde also nicht horizontal, sondern in vertikaler Position fallen.

Als weiteres Ereignis bricht direkt nach dem Brennschluss des ersten Triebwerks für kurze Zeit ein Brand im Heck aus. Als ich übrigens schauen wollte, ob etwas über eine Schubreduktion, der Raptors im mageren "Starship Users Guide" steht, der erst im April publiziert wurde, stellte ich fest, dass der Link tot ist, bzw. man umgeleitet wird. Bin ja auf den nächsten gespannt.

Über den Erfolg kann man diskutieren. Musk hat ja die Erwartungen schon im Vorfeld gesenkt und davon gesprochen, das die Chance für eine erfolgreiche Landung ein Drittel ist. Nach dem Test war er begeistert und freute sich über den RUD – man habe ja alle Testdaten. Das ist eine Sicht. Ich habe eine andere. Wenn der Erfolg eines Tests nur 1:3 ist, würde ich ihn nicht machen und schlussendlich geht erneut ein Prototyp verloren, der zusätzliche Kosten und Zeitverzug bedeutet – wäre die Landung erfolgt, könnte man ihn für weitere Tests nutzen, für die man nun einen neuen Prototyp bauen muss. Zudem könnte man ihn inspizieren. Feststellen, ob etwas beschädigt ist, was das Feuer im Heck verursachte und welchen Schaden es anrichtet, in weichem Zustand die Triebwerke sind, etc. All das ist nicht mehr möglich. Vor allem zeigte dieses Jahr mit vier anderen explodierten Prototypen, ja das der Verlust dieser Prototypen das Programm nur aufhält, denn für dieses Jahr hat uns ja Musk schon den ersten orbitalen Testflug versprochen und dieser Test war vor einem Jahr noch für das Frühjahr angesetzt, man hat in sechs Monaten also rund neun Monate Zeit verloren. Vor allem zeigt der umgestützte SN9 Prototyp, dass diese Vorgehensweise nichts mit iterativer Entwicklung zu tun hat, sondern mit mangelnder Sorgfalt oder Erfahrung. Ich kann mich nicht an irgendein Ereignis erinnern, bei dem eine Rakete auf der Startplattform umfiel – blamabel wäre es, wenn die Plattform daran schuld ist (ist auf den Fotos leider nicht zu erkennen), denn das hat ja nun gar nichts mit Raketenbau zu tun, sondern ganz normaler Konstruktion, einfache Statik wie auch Brücken oder Häusern. Es kann auch sein, das der Prototyp selbst nachgab, bei den Triebwerken eingeknickt ist. Zumindest das ist schon einmal vorgekommen: Am 11.5.1963 versagt die Druckbeaufschlagung des Sauerstofftanks einer Atlas Agena D, die Atlas kollabiert durch das Gewicht der Nutzlast und Oberstufe und beide stürzen zu Boden. Das wird Musk sicher ärgern, hat er doch sonst das Bestreben neue Rekorde und Erstleistungen aufzustellen. Das hat er dieses Jahr ja geschafft, indem er die meisten Explosionen von Raketen bei Bodentests hatte, die es jemals gab. Vielleicht war daher auch der Aufschlag von SN8 pure Absicht ….

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28.12.2020: Die Lieder für 2020

Nein, jetzt kommt nicht die beliebtesten Hits für 2020, sondern die beiden die wohl auf das Jahr am besten passen, zumindest meiner Meinung nach. Ich kam drauf, als die Shuffle-Funktion meines MP3 Players "Der Depp" von Annett Louisan anspielte. Im Refrain heißt es:

„Wer ist der größte Depp

Ist er der Depp oder der Depp der dem Deppen folgt“

Und Deppen gab es dieses Jahr genug, ebenso die Frage, wer wohl der größere Depp ist. Da wurde der Depp im Weißen Haus wiedergewählt, und wenn auch das Ergebnis nach Wahlmännerstimmen eindeutig ist, war die Wahl selbst nicht so eindeutig. Immerhin haben 74,2 Millionen Amerikaner Trump gewählt – nur mal zum Vergleich vor vier Jahren waren es 63 Millionen. Er hat also deutlich hinzugewonnen und nur deswegen verloren, weil Biden noch mehr Wähler mobilisieren konnte. Trump hat es also fertiggebracht das viele zur Wahl gingen, die dies in den letzten Wahlen nicht taten. Selbst die 74,2 Millionen sind ein Rekord der, den bisherigen von 69,5 Millionen 2008 übertrifft. Diese Leute haben also bewusst Trump und nicht die Republikaner gewählt. Ehrlich: wie kann man auf die Idee kommen, Trump zu wählen. Der Mann lebt in einer Scheinwelt, ist Narzisst und meint alles besser als jeder andere zu können und lügt in einem fort, wenn er nicht gerade andere beleidigt. Dafür glänzt er nicht mit Arbeit für das Land, sondern versucht sein Handicap zu verbessern. Ich gehe davon aus das 99 % derer die ihn wählten, bedeutend intelligenter als Trump sind. Der Depp weiß ja meist nicht selbst das er ein Depp ist, aber der der ihm folgt oft.

Dann gibt es die Coronaleugner, im Verbund mit Reichsbürgern. Wie man inzwischen weiß, arbeiten diese auch zusammen, auch wenn die „Querdenker“ das leugnen. Beide haben es fertiggebracht, die Wirklichkeit zu ignorieren. Die einen über ein unsichtbares Virus, die anderen über einen Staat, der nun ja in Form von Personal und Institutionen nicht zu übersehen ist. Zumindest beim Virus habe ich noch etwas Verständnis. Es ist unsichtbar. Die Leute haben Beschwerden die Erkältungskrankheiten ähneln und es ist nur schwer zu überprüfen, welche der Maßnahmen denn nun wirklich hilft bzw. in welchem Maße sie hilft. Schon alleine, weil mindestens 14 Tage zwischen Maßnahmenbeginn und Auswirkung auf die Infektionszahlen vergehen. Selbst mein Bruder ist da anfällig. Er meint er könne kein Corona bekommen, weil er „Widerstandskräfte“ hätte, wohl deswegen, weil er selten Erkältungskrankheiten hat und die nun ansteigenden Infektionszahlen würden auch alle Grippeinfektionen mit hinzuzählen. Ich konnte ihn selbst mit dem Hinweis auf einen wirklich fitten Schwimmlehrer, den ich kannte und der mit 28 an Corona gestorben ist nicht vom Gegenteil überzeugen. Wenn man aber in Deutschland lebt und die Existenz dieser leugnet, dann zeugt das schon von fortgeschrittenem Dachschaden. Man hat, selbst wenn man dies nicht will, dauernd mit Behörden zu tun. Dazu kommen Dokumente wie Führerschein, Personalausweis, Versicherungskarte. Bei jedem nach 1945 geborenen auch noch die Geburtsurkunde. Einige dieser Leute meinen sogar, sie dürften ohne deutschlandweite Wahlen selbst eine Regierung aufstellen und legen sich erfundene Titel wie Reichskanzler oder Reichspräsident zu. Also das sind mit Sicherheit die größeren Deppen. Allerdings ist auch jeder der bei einer Versammlung mit vielen Menschen, bei der man die Abstände nun mal nicht einhalten kann, keine Maske trägt ein Depp. Denn das diese zumindest etwas schützen dürfte nun unstrittig sein. Es ist aber auch ein Zeichen der Rücksichtslosigkeit dieser Menschen, denn die einfachen Masken schützen ja einen selbst nicht, nur den anderen vor Ansteckung.

Der zweite Song, den ich im Sinn habe ist, Deja vu. Je nach Gusto in der Version von Spliff – oder mein augenblicklicher Favorit von Giorgio Moroder und Sia. Denn derzeit habe ich ein Deja vu. Wie war es im Frühjahr? Man meinte das Virus eindämmen zu können, indem man die Grenzen dichtmacht, den Leuten zuerst dann alle Dinge verbietet, bei denen viele Personen zusammenkommen wie Veranstaltungen und Sport- / Kultureinrichtungen und dann verbietet man ihnen zur Arbeit zu gehen oder fordert sie auf das Haus nicht zu verlassen. Und nun haben wir das Gleiche. Sogar wieder mit Grenzschließungen nun zu England wegen einer neuen Variante. Haben die Grenzeschließungen im Frühjahr verhindert, das das Virus zu uns kam? Haben sie nicht. Denn es gab genügend Rückkehrer aus Ischgl und anderen Skigebieten. Warum klappte es trotzdem im Frühjahr mit dem „Lockdown“. Ich glaube nicht das die Witterung damit, was zu tun hat. Es wird ja immer gesagt das im Sommer die Leute mehr draußen sind. Aber wo kommt man mit vielen Menschen in Kontakt? Bei der Arbeit, beim Einkaufen, beim Nahverkehr, bei Veranstaltungen. Es gab ja im, Sommer schon Beschränkungen der Personenzahl drinnen, umgesetzte Hygienekonzepte. Angestiegen sind die Infektionszahlen erst mit der Rückreisewelle, weil nun im Urlaub wieder „Massentourismus“ angesagt war, die Leute wieder sich eng begegneten. Ein Indiz für diese Hypothese ist auch das nun die Fälle nicht mehr wie bei der ersten Welle punktuell, sondern in der Fläche anstiegen. Einen Teil werden sicher auch die Coronaleugner dazu beigetragen haben, so wundert mich nicht das in Sachsen, wo es viele davon gibt, die Fallzahlen besonders hoch sind. In jedem Falle haben die Grenzschließungen im Frühjahr nichts gebracht und inzwischen ist die neue Virusvariante ja auch schon da. Der Lockdown brachte im Frühjahr deswegen etwas, weil die räumliche Mobilität eingeschränkt wurde und man lokale Hotspots hatte, dadurch konnte sich das Virus von dort nicht verbreiten, doch wenn in der Fläche es überall neue Fälle gibt, dann bringt das nichts. Man hätte mal auf Staaten gucken können, wo andere Konzepte gut funktionierten. In den Medien wird ja immer betont das China das Virus nur wegen des totalitären Regimes unter Kontrolle gebracht hat, doch schaut man auf andere Nachbarstaaten wie Südkorea, so wird klar das man dort besser durch die Krise kam. Südkorea hat Stand bis heute 57.860 Fälle und 816 Tote – so viel wie bei uns bei zwei Tagen neu hinzukommen. Ähnliches sieht man bei anderen Staaten wie Thailand, Malaysia oder Indonesien. Auch dort steigen seit einigen Wochen die Zahlen wieder an. Aber selbst diese sind weit unter unseren Zahlen. Warum? Weil die Bevölkerung dort disziplinierter ist. Schon vor Covid-19 gehört in Asien eine Atemschutzmaske zum normalen Straßenbild im Winter, damit man sich oder andere nicht mit Erkältungen ansteckt, eine Rücksichtsnahme, die bei uns nur durch Verordnung durchsetzbar ist und selbst dann gehen noch Deppen die den Deppen folgen auf die Straße und demonstrieren dagegen. Daneben hat man dort alles hart runtergefahren – einschneidender für kruze Zeit, aber wenn man das ganze Land 14 Tage unter Quarantäne setzt und danach die Ausbildungsmöglichkeiten durch Maskentragen deutlich reduziert in der Summe effektiver als ein Teillockdown. Unser Mittel – Deja vu zum Kohle- und Atomausstieg - ist es, alles mit Geld zu lösen. Wenn man keines hat, dann macht man neue Schulden, und wenn das nach Grundgesetz nicht erlaubt ist, dann setzt man einfach mal den Artikel im Grundgesetz außer Kraft. Also wenn jemand mal wissen will wie Hitler 1933 nach demokratischen Wahlen, bei denen er nicht mal die Mehrheit hatte, das Parlament lahmlegen konnte – es ging genau so indem diese der Regierung erlaubte an der Verfassung und dem Parlament vorbei durch Notstandgesetze zu regieren.

Wie wäre es wenn man anstatt alles zu schließen eine verbindliche Pflicht für das Maskentragen verbunden mit einer Kontrolle und empfindlichen Bußgeldbescheiden durchgesetzt hätte, also die Leute dazu gebracht hätte, das zu tun, was in Asien die Leute freiwillig tun. Das wäre billiger für alle gewesen und ich glaube auch das, wenn man dafür eben nicht alles schließt, sondern offen lässt und so das normale Leben weitestgehend beibehalten kann würden die Leute mitgehen. Wäre die Regierung noch klüger, würde sie rechtzeitig, im Sommer eine einheimische Produktion von ffp2-Masken aufbauen und diese dann umsonst abgeben, denn die schützen auch vor Ansteckung. Eine kostet bei Amazon derzeit bei 20 Stück Packungen unter 1 Euro. 1 Stück pro Tag für alle über 12 Jahre wären pro Monat vielleicht 70 Millionen Einwohner x 30 Tage = 2,1 Milliarden Masken. Selbst wenn sie so teuer wie im Handel wären (man darf Annehmen das der Produktionspreis deutlich geringer ist), wären das 2 Mrd. Euro und nicht 15 Mrd. pro Monat. die die Maßnahmen jetzt kosten. Ebenso habe ich ein Deja Vu nun beim Impfen. Was die ganze Coronakrise bei uns mitprägte, war das jedes Bundesland sein eigenes Süppchen kochte. Das geht beim Impfen nun weiter. Das zwei Bundesländer schon am 26. sten anstatt 27 sten beginnen, sei mal geschenkt. Aber wie bekommt man einen Impftermin? Alles ist dabei – bei einer Hotline anrufen, angerufen werden, schriftliche Einladung per Post oder Online-Plattform. Ist es zu viel verlangt, dass sich bei einer Pandemie, also einem weltweiten Ereignis man sich wenigstens mal national einigt?

Zuletzt hatte ich noch ein Deja vu bei dem Kompromissvorschlag der EU wegen der Rechtsstatlichkeitsgrundsätze. Die EU Kompromisse sehen meistens so aus, dass die Staaten die dagegen sind, sich größten Teil durchsetzen. So auch diesmal: die Forderung nach Rechtsstaatlichkeit bezieht sich nun nur noch auf die EU-Gelder, ob diese nicht zweckentfremdet werden. Das heißt Regieren mit Sondererlassen, Beschränkung der Medienfreiheit, entlassen von unliebsamen Richtern, all das wird nicht sanktioniert. Es gab ja den Vorschlag das Coronapaket dann einfach ohne Ungarn und Polen zu beschließen und dann die Hilfen, die diese bekommen hätten, einfach wegzulassen, aber das wollten die zuständigen Stellen in der EU ja nicht mal diskutieren. Dabei sollte doch klar sein, dass man bei 27 Staaten mit unterschiedlichsten Regierungen, nationalen Interessen aber auch unterschiedlicher Geschichte man bei allem, was einen Staat besonders trifft, man keine einstimmige Einigung hinbekommt. Das wäre als wie, wenn man in Deutschland nur noch Gesetze beschliesen könnte, bei denen alle Parteien zustimmen – auch Linke und AfD. Diese „Kompromisse“ gab es schon immer ebenso wie die Erpressung der Gemeinschaft durch einzelne Länder. England hatte seit den Achtzigern den „Britenrabatt“ weil Thatcher das damals durchsetzte. Er fiel nie weg. Es wäre an der Zeit von der Einstimmigkeit zu einer absoluten Mehrheit zu kommen, also 14 von 27 Staaten sollten für einen Vorschlag sein. Dass die EU mal demokratisch wird, in dem Sinn, dass auch die Bevölkerung zählt, wage ich ja kaum noch zu denken. In der EU Kommission und im Rat sitzen nur Regierungen. Da hat Malta genau wie die BRD nur eine Stimme, aber nur 1/160 stel der Einwohnerzahl.

Ich hoffe nur, das in einigen Jahren, wenn das nächste Virus von einem Wildtier auf den Menschen überspringt ich nicht noch mal ein Deja Vu Erlebnis habe. Ich fürchte aber das es genauso kommen wird wie es 2020 war.

29.12.2020: Impfpflicht oder Sonderrechte?

Kaum beginnt das Impfen, da geht schon wieder die Diskussion los. Soll es eine Impfpflicht geben oder Sonderrechte für die, die schon geimpft sind?

Es gibt bei uns keine Impfpflicht, das folgt aus dem Grundgesetz und dem Recht am eigenen Körper. Man darf mit dem tun was man will, auch wenn man sich dabei schadet. Das hat in anderen Gesetzen zu sehr fragwürdigen Konstruktionen geführt. Man darf aus demselben Grund daher straffrei Drogen konsumieren. Nur hat man die Gesetze dann so gestrickt, dass dies nur straffrei wäre, wenn sie einem in den Mund geflogen wären, denn man darf keine „Drogen“ anbauen, besitzen oder handeln. Das Grundrecht hat auch Grenzen, so darf ein Arzt bei einem Verkehrsteilnehmer der Symptome eines hohen Alkoholkonsums zeigt, eine Blutprobe entnehmen, auch gegen dessen Willen, soweit ich weiß aber dann nur mit richterlichem Beschluss und eine Blutentnahme ist ein durchaus stärkerer Eingriff als eine Impfung.

Die Sache mit den Sonderrechten ist eine andere, man könnte es auch umgekehrt formulieren, soll es Nachteile gehen Nicht-Geimpfte geben. Ist jetzt natürlich völlig an den Haaren vorbeigezogen, weil die meisten nicht geimpft sind und das wird auch mindestens ein halbes Jahr so bleiben, aber an anderer Stelle gibt es diese Auseinandersetzung schon. 2020 hat das Bundesverfassungsgericht Eilanträge gegen die Impfpflicht bei Kitas abgelehnt. Konkret wurde, nachdem schon einmal das BGH wegen einer solchen Impfpflicht, die damals aber noch von den Landesregierungen beschlossen wurde, das Impfgesetz so geändert, das Kitas eine Masernschutzimpfung verlangen können und bei Nichtvorlegen dieser die Aufnahme des Kindes verweigern. Das ist also kein Sonderrecht, sondern eine Benachteiligung gegenüber allen anderen. Gegen diese Noelle des Impfschutzgesetzes klagten zwei Eltern mit Eilanträgen und scheiterten – 2019 hatten Eilanträge gegen die von Behörden verordnete Impfpflicht, aber noch nicht als solche im Gesetz verankert, noch Erfolg. Das BGH entschied, dass das Beibehalten der Impfpflicht weniger Nachteile als ihre vorläufige Abschaffung hat. Die Impfpflicht gegen Masern diene letztlich dem Schutz von Leben und körperlicher Unversehrtheit. Und dazu sei der Staat schließlich angehalten. Daher solle das Gesetz im Moment weiterhin Bestand haben. Auch wenn es sich später noch als verfassungswidrig herausstellen sollte, wären die Folgen einer jetzigen Aussetzung des Gesetzes nachteiliger als die Folgen einer jetzigen Beibehaltung der Impfpflicht.

Man sieht also das Thema ist durchaus komplex und kontrovers zu diskutieren. Schlussendlich drehen sich beide Standpunkte um ein Thema: Wie bekommen wir eine Herdenimmunität hin? Es muss in einer Gesellschaft nicht jeder geimpft sein, wenn man so viele immune Menschen hat, das das Virus keine Chance hat sich auszubreiten, weil es einfach zu wenige „Wirte“ mehr gibt. Man kann eine bestimmte Zahl an Nicht-Geimpften, egal ob aus Nachlässigkeit oder renitenter Impfgegner tolerieren, wenn man diese Herdenimmunität erreicht hat. Das diese Diskussion um eine Impfpflicht sich bisher um Masern drehte hat ihren Grund: Das Virus zählt zu den ansteckendsten Viren. Seit Corona kennen wir alle ja die Basisreproduktionszahl R. Sie gibt an, wie viele Menschen ein Virus durchschnittlich ansteckt. Liegt sie über 1, so werden immer mehr Menschen infiziert, liegt sie unter 1 so sinkt die Rate. Man kann diesen Wert als aktuelles Bild der Situation sehen (indem man das 7-Tages-Mittel der Infektionszahlen bildet), aber auch einen Wert bestimmen, der typisch ist, wenn man nichts tut. Masern liegen 12 und 19, Windpocken zwischen 10 und 15. Das bedeutet: Bei einem Wert von 12 müssten 11/12 der Bevölkerung immun sein (87,5 %), damit die Infektion nicht zu einer Epidemie wird. Daher gelten diese Kinderkrankheiten eben als hochansteckend und daher die Impfpflicht, man kann dann nicht mehr viele Impfverweigerer tolerieren, wie dies bei anderen Krankheiten der Fall ist. Bei Korona rechnet man ohne Maßnahmen mit einem R-Wert von etwa 3, das heißt, das etwa 60 bis 70 % der Bevölkerung geimpft sein müssen, damit die Epidemie zurückgeht. Man kann also mit sehr viel mehr Impfgegnern oder einfach Leuten, denen es egal ist, leben.

Die Diskussion ist auch so überflüssig, weil wir derzeit eine völlig andere Situation haben. Es wollen sich viel mehr impfen lassen, als es Dosen gibt. Hier in Baden-Württemberg waren die Termine für die erste Lieferung innerhalb von Stunden vergeben. Am Mittwoch kommt dann die nächste Lieferung. Das wird auch so bleiben, bis die letzte Gruppe dran wird, denn sobald wieder eine Gruppe dran ist, werden sich zuerst alle melden, die sich in dieser Gruppe schon immer impfen lassen wollten. Wenn wir mal bei dem Punkt sind, die Impfzentren leerer werden und der Impfstoff da ist aber niemand mehr kommt, dann können wir über weitere Maßnahmen nachdenken. Ich plädiere dafür zurast mal aktiv auf alle zuzugehen, die sich bisher nicht gemeldet haben – einige Bundesländer setzen ja auf dieses Modell, bei den meisten anderen muss man aber selbst aktiv werden. Ich habe dieses Länderwirwar ja schon in meinem letzen Blog besprochen.

Erreichen wir nicht eine Impfquote, die zur Herdenimmunität reicht, dann bedeutet, dass, das wir alle Einschränkungen die wir heute haben, bis zum Sankt-Nimmerleinstag beibehalten müssen, denn natürlich werden auch die Kinder der Impfgegner nicht geimpft. Dann muss man abwägen – ist eine Beeinträchtigung aller vertretbar, wenn ich ein Teil nicht impfen lassen will, oder ist eine Impfpflicht eine größere persönliche Benachteiligung. Ich glaube angesichts der Letalitätsrate die bei 2 bis 5 % liegt (bei Masern, wo es die Impfpflicht gibt, sind es nur 0,01 bis 0,1 %) würde ich eher auf eine Impfpflicht tippen.

Bei Umfragen geben derzeit 60 bis 70 % der Bevölkerung an, sich impfen zu lassen, man würde also so in die Nähe der Herdenimmunität kommen. Ich plädiere dafür es dann zuerst mal, wenn es nur wenige Prozentpunkte fehlen, es mit Überzeugungsarbeit zu probieren. Die meisten sind ja schlicht und einfach zu faul oder meinen, wenn genügend andere sich impfen lassen, muss man es selbst ja nicht tun. Danach kann man über weitere Maßnahmen nachdenken. Die Impfpflicht bei Masern hat aber auch einen anderen Aspekt. Man benötigt wegen des hohen R-Wertes eine weitestgehend geimpfte Bevölkerung, man kann also nicht so viele Impfgegner wie bei Codiv-19 tolerieren. Bei Corona ist das anders. Man könnte mit einem Drittel Impfgegner in der Bevölkerung leben. Eine Impfpflicht würde also sehr viele zu einer Impfung zwingen, die man nicht für die Herdenimmunität benötigt. Daher wird man wohl eher zu anderen Maßnahmen greifen, und zwar in dem Sinne, dass man Nicht-Geimpften das Leben erschwert. Staaten würden wahrscheinlich zuerst als Bedingung für die Einreise eine Coronaimpfung verlangen, um nicht erneut eine Pandemie im eigenen Land zu verursachen. Das dürfte wahrscheinlich bei vielen, die im Ausland Urlaub machen, schon als Argument ausreichen. Für die Länder ist das einfach, denn es beeinträchtigt die eigenen Bürger ja nicht. Widerstand ist daher nicht zu erwarten. Ähnlich könnten Veranstalter von Ereignissen bei denen viele Menschen zusammenkommen wie Bundesligaspiele, Konzerte, Theater, Kino einen Impfnachweis verlangen um zu verhindern das bei Auftreten eines Falles sie erst mal dichtmachen müssen. Ich glaube, wenn wir die Impfquote nicht erreichen, ist dies das wahrscheinlichere Szenario. Es ist im Prinzip dieselbe Situation wie bei den Kitas und Masern. Eine Bevorzugung ist aber derzeit bei nur wenigen geimpften völlig unangebracht. Sie würde eher ein falsches Signal aussenden, denn wie schon geschrieben gibt es einen Run auf die Impfzentren, die Knappheit des Impfstoffs würde das nur verschärfen.


 

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