Home Site Map Sonstige Aufsätze Weblog und Gequassel counter

Web Log Teil 624: 23.6.2021- 2.7.2021

23.6.2021: Der Brief der Woche an die UEFA

Liebe UEFA, ich schreibe Dir diese Woche diesmal nicht, damit Du dich freust. Auch wenn mit der Floskel meine Briefe anfangen, die dann doch eine Wende um 180 Grad machen, glaube ich das niemand in eurem Gremium sich darum Gedanken macht, ob eure Taten Freude auslösen.

Ihr könnt euch denken, warum - es ist das Thema, das seit gestern die Runde macht, die Beleuchtung der Allianz-Arena in Regenbogenfarben. Das ist verboten, weil das eine politisches Statement ist. Stimmt, aber man muss doch mal betrachten wofür. Es gibt politische Statements für bestimmte politische Lager und die sollten sicher verboten bleiben. Doch hier ist es ein politisches Statement für die Gleichbehandlung von Nicht-Heteorsexuellen, die noch immer nicht überall gleichgestellt sind, z.B. in der katholischen Kirche und beim Fußball (in Deutschland geben nach Umfragen 7,4 % der Bevölkerung an Nicht-Heterosexuell (abgekürzt als LGBT -Lesbian, Gay, Bi, Trans) zu sein, aber gibt es einen aktiven Profifußballer/in der/die das offiziell bekannt gemacht hat? Ich kenne nur nicht mehr aktive Sportler. Dazu kommen Ressentiments im Kleinen und im Alltag. Es geht also im Prinzip um ein Statement, das auf die Durchsetzung des Gleichbehandlungsgrundsatzes, ein fundamentales Menschenrecht aufmerksam macht.

Es würde der UEFA sicher gut anstehen, dieses gesellschaftspolitische Ziel zu unterstützen. Doch das könnt ihr nicht, denn mag es bei uns und in vielen Ländern ein gesellschaftspolitisches Statement sein, vergleichbar dem Kniefall in der NFL in den USA, aber es wurde ein ungarisches Gesetz zur Einschränkung der Informationsrechte von Jugendlichen in Hinblick auf Homosexualität und Transsexualität verabschiedet und damit ist für die UEFA der Fall klar, sie sei zu politischer Neutralität verpflichtet.

Klar, ihr seid vorbildlich in der Neutralität. Ihr wart nicht gegen die FIFA-WM in Russland, das seit Jahrzehnten für die Einschränkung der Menschenrechte bekannt ist und die Krim annektiert hat. Bei dieser EM gibt es Spiele in Ländern, die die Menschenrechte mit Füßen treten oder totalitär sind wie Ungarn, Russland und Aserbaidschan. Kann man politisch neutraler sein? Oder haben diese Staaten einfach mehr Geld für die Austragung geboten, denn wenn ich an europäischen Fußball denke, dann denke ich eher an Länder wie Portugal und Frankreich als an Ungarn und Aserbaidschan, aber in Portugal und Frankreich finden keine Spiele statt. So hagelte es auch Kritik von allen Seiten, selbst von Markus Söder. Kleine Merkregel – wenn sowohl die Parteien im linken Spektrum als auch Markus Söder dein Handeln kritisieren, dann machst Du fundamental etwas falsch. Von unseren Parteien findet nur die AfD das gut. Die Einzigen, die das gut findet ist die ungarische Regierung. Dort werden Minderheiten, und dazu gehört LGBT ja, schon heute unterdrückt, so bekennen sich dort nur 1,5 % zu dieser Veranlagung. Mittlerweile strebt die EU-Komission gegen Ungarn wegen des Gesetzes ein Verfahren vor dem EuGH an, nachdem schon 13 Regierungen das gefordert haben. Von der Leyen sagt, dass das Gesetz Menschen diskriminiere aufgrund ihrer sexuellen Orientierung und verstoße gegen fundamentale Werte der Europäischen Union. Bravo und mit solchen Leuten macht ihr bei der UEFA euch gemein.

Am selben Tag wurde dann noch bekannt, dass ihr den Engländern erlaubt die Stadien in den letzten Runden zu 70 % zu füllen. Bei uns war ja schon die Belegung zu 25 % umstritten, weil die 14.000 Besucher weit über den Grenzen sind, die die Coronaverordnung zulässt und an die sich jeder andere Betreiber von Großveranstaltungen, wie Rockkonzerte halten muss. Das wären 250 Besucher beim ersten Spiel gewesen und bei sinkender Inzidenz dann 500. Entsprechend gibt es auch Kritik, vor allem wenn man sieht, wie sich Fans zusammenballen oder beim Jubel, in den Armen halten. Noch ist die Pandemie nicht ausgestanden. Weder sind genügend geimpft für eine Herdenimmunität, noch weiß man sicher, dass die Impfstoffe auch gegen die neuen Varianten gut schützen. Da ist dieses Vorgehen der britischen Regierung, die mit der Einstufung in ein „Forschungsprogramm“ ja ihre eigenen Gesetze umgeht, purer Leichtsinn. Ich befürchte in einem Jahr wird man von London ähnlich sprechen wie heute von Ischgl. Der Präsident des Weltärztebundes Montgomery sagt: „Wer nach Großbritannien fährt, läuft Gefahr, sich mit der Delta-Variante zu infizieren. Wir können davon ausgehen, dass 95 Prozent aller Covid-Erkrankungen in Großbritannien auf die Delta-Variante zurückgehen … Ich halte es sogar für Geimpfte für verantwortungslos, in dieser Lage nach London zu reisen.“

Aber hey, was sind einige Tausend Tote, noch mehr schwer erkrankte und Millionen Betroffene durch Lockdowns, die dann kommen werden dagegen, dass die UEFA wieder etwas mehr Geld verdient hat. Denn darum geht es um Geld. Bei uns wurde der komplette Sport zweimal völlig runtergefahren – und zwar auch der Fußball, mit nur einer Ausnahme – die Spiele der ersten und zweiten Liga, für die es sonst kein Geld für die Senderechte gibt. Schon alleine das zeigt, das es im Fussball längst nicht mehr um Sport geht oder auch nur um die Fans – die Eintrittsgelder machen bei der DFL den kleinsten Etat aus, Senderechte und Werbung bringen viel mehr ein. Aber der UEFA reicht das ja nicht, schon beim UEFA-Endspiel 2021 in Porto durften 17.500 Fans ins Stadium, mindestens 6.000 davon aus dem Delta-Hochrisikogebiet England. England ist ein Hochrisikogebiet. Stand heute (23.6.2021) haben sie eine 7-Tages Inzidenz von 104,7 und das trotz einer höheren Erst- und Zweitimpfquote als bei uns (46,2 % Zweitimpfung 63,7 % Erstimpfung). Bei uns liegt die 7-Tages Inzidenz bei 7,2, 51,6 % sind einmal und 32,4 % zweimal geimpft.

Wenn ich mir die Trailer für Spiele anschaue, geht es um Sport, um Begeisterung, wenn ich aber an die UEFA oder den DFL denke, der ja auch keine rühmliche Rolle in der Regenbogenaffäre gespielt hat, dann denke ich aber nicht an Sport oder Begeisterung, sondern nur an Geld, Werbung, Exklusivität, denn ohne Sky-Abo sieht man bei uns ja nichts mehr von der Bundesliga.

Also liebe DFL und UEFA, beweist doch mal das ihr wirklich den Sport vertretet. Wie wäre es, wenn ihr 50 % der Einnahmen aus Werbung, Transfers und Senderechten der obersten nationalen und europäischen Ligen, unter all den anderen Ligen, die es im Fußball gibt, verteilen würdet? Dort gibt es etliche Vereine mit finanziellen Problemen, viele die jeden Tag ehrenamtlich viel Arbeit für ihren Verein leisten. Vielleicht würden dann die Ligen auch etwas interessanter, wenn nicht mehr so viel Geld an so wenige Vereine fließen.

Zurück zur LGBT-Problematik. Die hat ja primär nichts mit der UEFA oder auch den nationalen Ligen zu tun, außer vielleicht in Ungarn. Es ist ein gesellschaftliches Phänomen. Homosexuelle Politiker und Kunstschaffende sind mittlerweile akzeptiert, Sportler (nicht nur Fußballspieler) nicht. Ebenso gibt es ja immer wieder Übergriffe gegen Spieler mit einer Nicht-Europäischen Ethnie. An der Gesellschaft können die Organisationen nichts ändern, aber an dem Vorgehen gegen solche „Fans“ die Spieler beleidigen. Und zwar indem die Maßnahmen wirklich schmerzhaft sind. Dazu gehört lebenslanges Stadionverbot für den betreffenden Fan, zeitweiliges für den Fanclub und - weil die Fans ja gekommen sind, um ein Spiel zu sehen – sofortiger Spielabbruch und Wertung mit 3:0 für die Mannschaft deren Spieler beleidigt wurde. So etwas könntet ihr als UEFA durchsetzen, doch ich befürchte, das ist euch zu politisch ...

26.6.2021: Die Parteien und Cannabis

In drei Monaten steht die nächste Bundestagswahl an. Die Parteien veröffentlichen ihre Programme, einige schon vor Monaten, die CDU/CSU erst letztes Wochenende unter dem Titel „Das Programm für Stabilität und Erneuerung“. Ja die liebe CDU. Sie hält ihre Wähler für so dumm, dass sie nicht mal den Titel verstehen. „Stabilität“ kommt von Stabil. Der Duden definiert stabil als „in sich konstant bleibend, gleichbleibend, relativ unveränderlich“. Also etwas konstantes, unveränderliches. Und Erneuerung beinhaltet Veränderung um von einem Zustand zu einem erneuerten Zustand kommen, also das Gegenteil von Unveränderlichkeit und Konstanz. Auch andere Partien haben grenzwertige Slogans wie „Deutschland aber normal“ oder sehr komische Ansichten über die Gestaltung des Covers wie hier die FDP. Am informativsten finde ich noch den Slogan der Linken: „Für soziale Sicherheit, Frieden und Gerechtigkeit“.

Mir liegt die Legalisierung von Cannabis am Herzen. Dafür gab es ja schon in der laufenden Legislaturperiode eine Mehrheit – wenn man die Sitze der im Parlament vertretenden Parteien, die dafür sind, zusammenzählt. Aber da die CDU dagegen war, bekam ein entsprechender Gesetzentwurf der Grünen – wie schon in der letzten Legislaturperiode nicht durch da dann die SPD entgegen ihrem Wahlprogramm mit der CDU stimmte. Ich habe für euch die Wahlprogramme nah dem Thema durchforscht und poste hier die Ergebnisse:

CDU/CSU

Der CDU/CSU ist Cannabis speziell nicht ein eigener Eintrag im zweitumfangreichsten Wahlprogramm aller im Bundestag vertretenen Parteien wert, aber sie ist prinzipiell gegen Drogen: „Keine Drogen legalisieren“ heißt es auf Zeile 2272. Richtig so, also denke, ich wird nach der Bundestagswahl es Schluss mit Alkohol und Tabak sein.

Grüne

Die Grünen waren die erste Partei für die Cannabislegalisierung. Vor Jahren ermittelte ja sogar mal die Staatsanwaltschaft gegen Cem Özemir, als er in einem Video neben einer Hanfpflanze stand. So findet man auch eine Aussage im vorläufigen Programmentwurf dazu:

Das derzeitige Verbot von Cannabis verursacht mehr Probleme, als es löst. Deshalb werden wir dem Schwarzmarkt den Boden entziehen und mit einem Cannabiskontrollgesetz auf der Grundlage eines strikten Jugend- und Verbraucherschutzes einen regulierten Verkauf von Cannabis in lizenzierten Fachgeschäften ermöglichen und klare Regelungen für die Teilnahme am Straßenverkehr einführen. Die Versorgung mit medizinischem Cannabis wollen wir verbessern und die Forschung dazu unterstützen.“

2017 gingen die Grünen noch weiter und forderte die das jeder drei weibliche Pflanzen züchten dürfte. Man sieht, sie biedert sich allmählich weiteren konservativen Wählerschichten an und die züchten nicht selbst, haben aber die Kohle, um Marihuana im Laden zu kaufen.

SPD

Ausführlich wird die SPD in ihrem Parteiprogramm zu dem Thema:

Wie Alkohol ist auch Cannabis eine gesellschaftliche Realität, mit der wir einen adäquaten politischen Umgang finden müssen. Verbote und Kriminalisierung haben den Konsum nicht gesenkt, sie stehen einer effektiven Suchtprävention und Jugendschutz entgegen und binden enorme Ressourcen bei Justiz und Polizei. Eine regulierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene soll in Modellprojekten von Ländern und Kommunen erprobt werden können, begleitet durch Maßnahmen der Prävention, Beratung und Behandlung im Jugendbereich. Zudem werden wir bundeseinheitlich regeln, dass der Besitz kleiner Mengen von Cannabis strafrechtlich nicht mehr verfolgt wird.“

Also keine Legalisierung, kein Verbot, irgendwas dazwischen, so nach dem Motto „wasch mir den Pelz, mach mich aber nicht nass“. Es gibt ganze Länder die haben seit Jahren Cannabis legalisiert, in unterschiedlichen Formen vom geregelten Verkauf bis zur kompletten Freiheit selbst welches anzubauen. Wir brauchen also keine Modellprojekte mehr, die Erfahrungen liegen vor. Ebenso sind kleine Mengen von Cannabis schon von der Strafverfolgung ausgenommen – nur bisher nur bis zur zweiten Auffälligkeit. Für mich wirkt das, wie eine vorgenommene Anbiederung an die CDU, indem man Forderungen aufstellt, die auch bei der CDU ankommen. Auch die SPD ging 2017 noch weiter.

FDP

Auch die FDP wird in ihrem Partieprogramm ausführlich:

Wir Freie Demokraten fordern eine kontrollierte Freigabe von Cannabis. Wir setzen uns dafür ein, den Besitz und Konsum für volljährige Personen zu erlauben. Nur mit einem Verkauf in lizenzierten Geschäften können die Qualität kontrolliert, die Weitergabe von verunreinigten Substanzen verhindert und der Jugendschutz gewährleistet werden. Wenn Cannabis ähnlich wie Zigaretten besteuert wird, können jährlich bis zu einer Milliarde Euro eingenommen werden. Zu beachten bleibt jedoch, dass eine zu hoch angesetzte Steuer und damit ein entsprechend hoher Preis nicht zur effektiven Eindämmung des Schwarzmarktes führen wird. Das zusätzliche Geld soll für Prävention, Suchtbehandlung und Beratung eingesetzt werden. Das Verbot von Cannabis kriminalisiert unzählige Menschen, bindet immense Polizeiressourcen und erleichtert durch illegalen Kontakt zu Dealern den Einstieg zu härteren Drogen.“

Wie bei den Freien Demokraten nicht anders zu erwarten wird der marktwirtschaftliche Aspekt betont. Wir dürfen daraus ableiten das das Marihuana das dann Erwachsene im Laden kaufen können, billiger sein wird als das auf dem Schwarzmarkt. Im Prinzip ist es dasselbe Modell wie in vielen Staaten, z.B. dem US-Bundesstaat Colorado.

AfD

Bei der AFD steht das Programm unter der Device „Deutschland, aber normal“ - sagt mir erst mal nichts. Was soll an Deutschland normal sein? Ich vermute die AFD definiert unter „normal“ das gleiche was andere unter der Bezeichnung, spießig, intolerant, fremdenfeindlich verstehen. Oder einfach, wie Deutschland in den Fünfziger Jahren war. Da dürfte man noch von brauner Vergangenheit schwärmen, die Frauen gehörten an den Herd und Ausländer gab es nicht und Flüchtlinge waren Deutsche. Zumindest, wenn ich an die Aussagen von AfD Politikern denke und ihr Verhalten, dann fällt mir „Normal“ als letztes Adjektiv ein.

Sie hat sich anders als die CDU immerhin bewegt. Lehnte sie 2017 Cannabis noch unisono ab so ist es nun als Medizin erlaubt, was allerdings nur eine Bestätigung der derzeit geltenden Gesetze ist:

Cannabis nur in der Medizin. Für medizinische Indikationen sollen unter ärztlicher Aufsicht Präparate mit dem Hauptwirkstoff zur Verfügung stehen. Wir befürworten den Ausbau der suchtpsychiatrischen Versorgung für eine dauerhafte Abstinenz von Drogen.“

Linke

Auch die Linken sind für eine Freigabe von Cannabis und machen sich sogar Gedanken für die Auswirkungen im Straßenverkehr. Wie bei den Grünen ist das Programm noch nicht (und das drei Monate vor der Wahl) noch nicht veröffentlicht, so zitiere ich aus dem Programmentwurf.

Wir wollen für Cannabis eine legale und vorranging nichtkommerzielle Bezugsmöglichkeit schaffen und den Besitz sowie Anbau zum eigenen Bedarf erlauben. Das Bundesbetäubungmittelrecht soll so geändert werden, dass Bundesländer eigenständig über wissenschaftliche Modellprojekte zur regulierten Abgabe von Cannabis entscheiden können.“

Wir wollen die Regelungen zu Drogen im Straßenverkehr anpassen. Für alle Drogen werden Grenzwerte für die Blutkonzentration festgelegt, bei denen eine Einschränkung der Fahrtüchtigkeit ausgeschlossen werden kann. Dabei soll das Nüchternheitsgebot nicht angetastet werden. Cannabis- und alkoholkonsumierenden Führerscheininhaber*innen wollen wir gleichstellen.“

Der Rechtschreibfehler bei „vorranging“ steht auch so im Parteiprogramm, das übrigens mit 148 Seiten das längste ist. Ähnlich lang ist das Wahlprogramm bei der CDU mit 143 Seiten. AFD, Grüne und FDP liegen bei 91 bis 103 Seiten dicht beieinander und am kürzesten fasst sich die SPD mit 66 Seiten. Vielleicht weil man dann bei einer Koalition, egal mit wem, weniger Punkte aufgeben muss.

Wer sich für die Parteiprogramme der anderen Parteien interessiert dem seit die Seite empfohlen die auch ich besucht habe: Bundestagswahl-21.

29.6.2021: Doppelt gemoppelt ist nicht immer besser

Mein heutiger Blog hat das Thema eines Trends in den USA, und zwar dem, das man in der Raumfahrt etwas doppelt macht. An und für sich ist das was Gutes. Wenn man eine Raumsonde zweimal baut, hat man nicht nur eine Absicherung gegen einen Fehlstart, sondern wenn beide Starts gelingen, dann gewinnt man auch doppelt so viele Daten und weil bei Raumsonden die Entwicklungskosten den größten Anteil am Gesamtbudget ausmachen, ist das zweite Exemplar meistens deutlich billiger als das erste. Analoge Beispiele kann man an anderer Stelle einführen – Erdbeobachtung, Astronomie, ja auch Kommunikation profitieren von „Überkapazität“.

Doch um das geht es nicht. Es geht um Redundanz, wenn auch ein System reichen würde. Das hat sich seit Beginn der Neunziger Jahre in der US-Raumfahrt rapide ausgebreitet. Alles fing 1994 mit dem EELV Programm an. Ziel des EELV-Programms war es, die Kosten für die USAF zu senken. Nicht die eines Starts, sondern die Gesamtkosten, denn die USAF betrieb damals für drei Träger zwei Weltraumbahnhöfe, fünf Startteams und elf Startanlagen. Man beschloss die größeren beiden Trägerraketen Titan und Atlas auszumustern, die mittlere Trägerrakete Delta sollte noch eine Weile bestehen bleiben, weil sie essenziell für den Start der GPS-Satelliten war. Die USAF vergab Aufträge an Boeing und Lockheed Martin aus denen Delta 4 und Atlas V entstehen sollten. Beide Träger mit der Fähigkeit auch die größere Titan zu ersetzen.

Die Kostenreduktion ergab sich nicht. Zwar waren beide Träger billiger als die Titan 4 – selbst die sehr teure, und relativ selten eingesetzte Delta 4H, aber die angekündigten niedrigen Startpreise von z.B. 90 Millionen Dollar für das kleinste Atlas V Modell waren nicht zu halten. Im Prinzip hätte der USAF ein Modell gereicht – durch den Preisdruck von SpaceX hat mittlerweile ja auch ULA (welche die Träger gegenüber der Regierung vermarktet) beschlossen die Delta 4 als den teureren und seltener eingesetzten Träger einzustellen. Ja selbst die NASA folgte dieser Philosophie von zwei Anbietern nicht und ordert von beiden Trägern nur die Atlas, außer es gibt keine Alternative – das war zweimal der Fall als man die Nutzlastkapazität der Delta 4H benötigte.

Warum damals die USAF zwei Träger mit derselben Nutzlastkapaitat, noch dazu beide auf beiden Startzentren – man hätte ja auch Delta auf den ETR und Atlas auf den WTR beschränken können – orderte ist mir ein Rätsel. Ich vermute diese Überlegung entstammt einem Trauma von 1985/87 in dem die USA innerhalb von 18 Monaten verloren:

Innerhalb von 18 Monaten hatte jedes größere Trägersystem einen Fehlstart und fiel für einige Zeit aus. Ein Ausfall scheint der absolute Albtraum für das Militär zu sein, wahrscheinlich denken sie dabei an Flugzeuge die nicht starten können oder etwas Ähnliches. Auch wenn alle Träger relativ bald wieder starteten. Nur mit dem restlichen Militär, das immer in Bereitschaft im Falle eines Konfliktes sein muss, hat die „Space Division“ nichts zu tun. Denn es gibt außer dem Ausfall eines Trägersystems auch andere Ursachen für Ausfälle. Ein Satellit selbst kann ausfallen. Die Produktion eines neuen Satelliten kann sich verzögern. Deswegen sind militärische Systeme so ausgelegt, dass sie Redundanz bieten. Der Ausfall eines Satelliten ist verkraftbar. Dumm war 1986 nur, dass hintereinander zwei Aufklärungssatelliten ausfielen. Erst der neue Kennan, dann der zu seinem Ersatz gestartete, eigentlich veraltete Hexagon. Beide Mal war die gleiche Trägerrakete schuld, vielleicht führte dies zu der Überlegung, zwei Träger zu haben.

Obwohl seitdem über 20 Jahre vergangen sind, beide Träger haben eine gute Bilanz mit wenigen Vorkommnissen und fast keinen Fehlstarts, hat das Militär erneut für das Nachfolgesystem wieder zwei Systeme mit ungefähr denselben Fähigkeiten selektiert. Diesmal allerdings zwei die schon existieren bzw. auf existierenden Technologien aufbauen – die Vulcan und Falcon heavy. Neue Entwicklungen die etwas mehr Konkurrenz ermöglich hätten – wie die New Glenn oder Omega kamen nicht zum Zuge. Da die Vulcan definitiv kommt und die Falcon Heavy schon da ist, wäre es meiner Ansicht nach sinnvoller gewesen, die New Glenn und Omega zu fördern. Ich halte das Konzept der OmegA für nicht besonders toll, aber vielleicht rechnet es sich ja. Zumindest ergeben sich hohe Produktionszahlen für die Segmente und Düsen der Booster.

Dann hat 2006 die NASA das Konzept, dass zwei Firmen etwas für dieselbe Aufgabe entwickeln übernommen. Diesmal bei der Versorgung der ISS, heraus kam das COTS. Ziel war es aber nicht das die beiden Firmen sich Konkurrenz machen und so die Preise sinken, sondern mehr Wettbewerb zu etablieren. Seit Beginn der Raumfahrt haben Luft und Raumfahrtkonzerne (die meisten Firmen in der Raumfahrt haben als Ableger von Luftfahrtfirmen begonnen) fusioniert oder sind aufgekauft worden. Verschwunden sind Firmen wie North American (Apollo CSM), Douglas, McDonnell (Trägerraketen, Mercury), General Dynamics (Atlas), Martin-Marietatta (Titan), Alliant (Booster) und etliche mehr. So wurden die Aufträge auch an zwei Firmen ohne (damals) jegliche Erfahrung vergeben nämlich SpaceX und Kistler/Rocketplane. Kistler/Rocketplane hatte nicht ausreichend Eigenmittel, so wurde der Auftrag zurückgenommen und 1 Jahr später an Orbital vergeben, die zwar schon etablierte Raumfahrtfirma waren aber eine relativ kleine (Hersteller der Pegasus und Kleinsatellitenbusen). Das Konzept ist nur zum Teil aufgegangen, SpaceX ist heute eine etablierte Firma, Orbital wurde aber inzwischen von ATK aufgekauft, die wiederum mit Grumman fusionierten.

Daraus abgeleitet kam dann als Anschluss der CRS-Kontrakt, der dann die Versorgung mit den unter COTS entwickelten Vehikeln umfasste. Mit dem Anschlussvertrag CRS-2 kam sogar ein Neuling hinzu: Sierra Nevada mit dem Dreamchaser. Sierra musste alleine von dem Auftrag leben, hatte anders als SpaceX/Orbital keine Finanzierung der Entwicklung durch die NASA. Man sollte denken, bei drei Anbietern wird es bei CRS-2 billiger, doch das Gegenteil ist der Fall, das OIG konstatiert, dass die Preise pro Kilogramm Fracht für CRS-2 um 14 % gegenüber CRS-1 gesteigen sind. Dabei hat Orbital durch die neue Version der Antares ihre Fracht um 50 % gesteigert und mit dem Dreamchaser steht ein vollständig wiederverwendbarer Frachter zur Verfügung. Beides sollte eigentlich die Preise senken. SpaceX, bei CRS-1 der billigste Anbieter, ist sogar der teuerste geworden. Etwas Ähnliches beobachtet man ja auch bei den veröffentlichten Startpreisen von SpaceX – billiger ist es zumindest für die Auftragnehmer nicht geworden. SpaceX bleibt auch dort immer gerade etwas unter den Preisen von ULA. Im Falle von CRS-2 nutzt die Firma aus, das bis Sierra Nevada ihren Dreamchaser einsatzbereit hat, sie die einzigen sind die Downmasse transportieren. Das kostet fast keine Startmasse – runter kommt die Kapsel sowieso, sie braucht nur etwas mehr Treibstoff – aber hier kann sie ohne Konkurrenz viel Geld verlangen.

Immerhin: Bei drei US-Astronauten sind mindestens sechs Versorgungsflüge pro Jahr nötig, bei nun einem Astronauten mehr und dazu kommen noch Touristen, werden es mehr werden und so gibt es auch bei drei Anbietern genügend Flüge, als das sich die Produktion lohnt. Das ist nicht gegeben bei CCDev. Auch hier wurden zwei Anbieter gefördert. Nur mit einem Unterschied: das Programm ist, da nun Menschen befördert werden, zehnmal teurer. Die USA sind aber jahrzehntelang – und andere Nationen wie Russland oder China auch – mit einem Raumfahrzeug ausgekommen. Ja Starliner und Crew-Dragon sind schon überdimensioniert. Beide bieten Platz für sieben Personen, werden aber mit vier Insassen gestartet. Vor allem aber gibt es bei 180 Tagen pro Besatzung auf der ISS genau zwei Besatzungswechsel pro Jahr, also erheblich weniger als Versorgungsflüge. Da lohnen sich zwei Anbieter nicht. Bei Apollo fanden bis zu fünf Flüge pro Jahr statt, alle bemannten Geminimissionen (10 Stück) in 21 Monaten, also rund 6 pro Jahr. Das die Kosten durch Konkurrenz sinken, das hat sich ja schon nicht bewahrheitet und mehr noch als eine Rakete muss ein bemanntes Raumfahrzeug extrem zuverlässig sein, man kann hier nicht damit leben, dass ein Vehikel ausfällt. Die Gründe für zwei Parallelentwicklungen – und das sind ja zwei Kapseln, anders als die drei Versorger bei CRS, fallen damit weg.

Nun wiederholt sich das beim HLS-Kontrakt, also der Entwicklung eines Mondlanders. Es gab drei Konzepte von konservativ, bis zu futuristisch. Selektiert hat die NASA den billigsten Entwurf und erntet nun Kritik, hat nach Protesten bei der GAO den Vertrag erst mal aufs Eis gelegt, ja die Parlamente, die mit einer zu geringen Finmanzierung dieses Programms eine Mitschuld tragen, wollen nun zwei Entwicklungsaufträge. An der Vergabe gä#be es viel zu kritisieren, so scheint mir das mit zweierlei Maß gemessen wurde. Eine 10 m lange Leiter ist beim Konzept von Blue Origin riskant, ein noch nie bei einer Mission erprobter Aufzug der 50 m überbrücken soll, dagegen nicht. Aber zwei Aufträge machen auch keinen Sinn. Wie viele Artemismissionen wird es geben? Derzeit plant man eine SLS-Mission alle zwei Jahre, selbst wenn es mal jährliche Missionen werden, wie sollen sich da zwei Anbieter finanzieren? Alle zwei Jahre oder alle vier Jahre einen Mondlander bauen – das wird teuer.

Es gibt gute Gründe für weniger Diversität. Es gibt so höhere Stückzahlen – auch ein Grund warum ULA die Delta 4 einstellt. Jede einzelne Rakete / Transporter wird so billiger. China hat das perfektioniert. Die Raketenfamilie Langer Marsch 2 bis 4 besteht aus zwei allgemeinen Stufen, daraus abgeleitet (wie bei Ariane 4) noch Boostern und zwei verschiedenen Oberstufen. Daraus baut China acht Raketentypen für LEO, SSO und GTO. Etwas Ähnliches findet sich bei der modernen Serie Langer Marsch 5, 6 und 8. Es gibt immer wieder Fehlstarts der Langen Marsch, es gibt keine Redundanz, trotzdem hat China eine enorme Startrate erreicht und wenn man bei den USA, die kommerziellen / Starlink Starts herausrechnet, die es bei China ja nicht gibt, inzwischen die USA überholt. Preisabsprachen – direkt oder indem man immer nur einen Tick billiger als die Konkurrenz ist, sorgen dafür, dass auch Konkurrenz nicht wirklich die Kosten stark senkt. Das zeigten die Erfahrungen von EELV bis HLS.

30.6.2021: Die Zahl für heute: 0,4

Will man etwas verteuern so geht das ganz einfach: man verbietet es. Alles, was illegal ist, wird automatisch teuer. Das beschert Produzenten dann viel höhere Gewinne, so wurde die Mafia während der Prohibition erst so richtig mächtig. Ich will diesen Effekt mal am Beispiel Cannabis verdeutlichen. Dazu habe ich einige Zeit in gesonnten „Grower Foren“ und auf Websites für Hanfzucht verbracht.

Eigentlich ist es bei Hanf, aus dem Cannabis gewonnen wird, egal ob dies nun in der Form von Marihuana oder Haschisch geschieht, ja eine normale Nutzpflanze. Bei uns seit Jahrhunderten in Gebrauch vor allem zur Fasergewinnung für Seile oder Dämmstoffe. Mit Ausnahmegenehmigungen dürfen auch heute Landwirte spezielle Sorten die arm an THC (dem psychogen aktiven Wirkstoff) sind anbauen. Da gibt es ganze Felder mit Faserhanf. Entsprechend billig ist dieser Hanf. 10 kg Hanfwolle für die Dämmung kosten unter 40 Euro im Baumarkt. Hanfsamen gibt es im Drogeriemarkt für unter 5 Euro/Pfund zu kaufen und ein schwäbischer Müslihersteller nervt mich jeden Morgen mit seinem Werbespot für Hanföl. Bei Amazon gibt es 1 l Hanföl ab 15 Euro in Bioqualität zu kaufen.

Marihuana soll meinen Recherchen nach auf dem Schwarzmarkt dagegen 8 bis 10 Euro pro Gramm kosten und dann weiß man nicht mal, ob es nicht gestreckt ist oder Pestizide dran sind – da es meist geraucht wird, und die Lunge empfindlicher auf Gifte reagiert als der Verdauungstrakt nicht unwichtig. Interessanterweise ist diese Preisstruktur auch dort erhalten geblieben, wo Hand heute legalisiert ist, aber trotzdem nicht jeder Hanf anbauen darf, sondern ihn nur in zertifizierten Läden kaufen kann. Dort kostet dann Marihuana teilweise mehr als früher auf dem Schwarzmarkt. Zum einen kein Wunder, denn in Fernsehberichten sehe ich das dort genauso angebaut wird wie bei vielen Selbstgrowern – nicht in einem Gewächshaus oder im Freien, sondern in einer Halle unter Kunstlicht und wenn man die Sonne mit 1000 W/m² Strahlleistung über eine Vegetationsperiode durch Lampen ersetzt, dann hat man eine große Stromrechnung. Daneben muss das Marihuana gewonnen werden, das heißt die Blüten, die inmitten vieler kleiner Blätter sind, müssen von all diesen Blättern befreit werden, was bisher noch meist manuell geschieht, weitere Arbeit gibt es für die Aufzicht der Pflanzen und zum Schluss wollen Verkäufer und Staat auch noch was verdienen.

Ich dachte mir, das müsste doch, wenn man die eigene Arbeitszeit nicht bezahlt, billiger sein. Normalerweise ist es ja so: Wer selbst Gemüse oder Obst anbaut weiß, dass dies nicht billiger ist als es im Supermarkt zu kaufen, selbst wenn man die Arbeitszeit nicht rechnet. Aber man braucht Saatgut, Stecklinge, Gerätschaften, Dünger, Blumenerde. Rechnet man die Aufwendungen dafür zusammen, dann lohnt es sich nicht. Also mal nachgerechnet.

Das Prinzip

Ich gehe davon aus, dass der Programmentwurf der Grünen für die Bundestagswahl 2017 umgesetzt wurde. In diesem Wahlprogramm gab es die Forderung das jeder drei weibliche Pflanzen straffrei aufziehen kann. Dann muss man die Pflanzen nicht in einer Growbox unter elektrischem Licht ziehen, sondern kann das im Freien tun. Da nicht jeder einen Garten hat, bei drei Pflanzen die benötigte Fläche aber klein ist, bin ich davon ausgegangen, dass man den Hanf in Kübeln aufzieht, die man auf der Terrasse oder Balkon hat.

Da Hand eine zweihäusige Pflanze ist, es also männliche und weibliche Pflanzen gibt, habe ich unterscheiden zwischen normalen Pflanzen und speziellen feminisieren Pflanzen, dazu noch später mehr. Das ist notwendig, da man erst kurz vor der Erntezeit sieht, ob man eine männliche oder weibliche Pflanze hat. Die muss man dann entsorgen, denn sonst gibt es nur Hanfsamen und kein Marihuana, das man nur von unbefruchteten weiblichen Pflanzen gewinnen kann. Ich gehe aus dem gleichen Grund davon aus, dass man bei normalem Saatgut 5 Pflanzen aufzieht, um auf drei weibliche zu kommen. Bei gleicher Verteilung von männlichen und weiblichen Pflanzen gibt es dann eine Chance von 97 % das mindestens eine weibliche Pflanze dabei ist.

Material

Hanf kann recht groß werden 3-4 m im Garten mit tiefen Boden sind in einer Vegetationsperiode möglich. Die meisten für Marihuana optimierten Sorten bleiben kleiner. Ich bin davon ausgegangen, dass man erst einen Samen oder Steckling in einem kleinen Blumentopf von etwa 0,5 l Volumen groß zieht, wenn der nicht mehr reicht, kommt er in einen größeren Topf von 3 – 5 l Volumen und dann zuletzt in einen 20 - 25 l Kübel. Das ist meiner Erfahrung mit anderen Kübelpflanzen wie Orangenbäumchen und Oleander die größte noch leicht transportable Größe und es kann durchaus sein, das man den Hanf transportieren muss, z.B. wenn man die Pflanze bei einem Gewitter wie wir es in BW gerade hatten mit Starkwinden reinholt oder in einen windgeschützte Ecke verschiebt.

Die Kosten für den kleinsten Topf habe ich mir gespart, die bekommt man kostenlos, wenn man im Supermarkt sich eine Balkonpflanze zulegt. 10 Töpfe mit 3 l Volumen kosten rund 7 Euro, mit 5 l Volumen 13 Euro. Ein 25 l Kübel kostet 8 Euro, der Untersetzer dazu 3,50 Euro. Die kleinen Töpfe können sich dann einen der größeren Untersetzer teilen.

Dann brauchen wir eine kleine Gießkanne (1 l) und eine große (5 l). Eine 1,8 l Kanne kostet 4 Euro, erstaunlicherweise billiger als eine 1 l Kanne, eine 5 l Kanne liegt bei 7 Euro.

Wir brauchen Blumenerde. Mindestens 25 l, so viel gehen in den Kübel rein, praktisch aber mehr, denn das Volumen im Sack ist für lockere Erde. Ich schätze man braucht 40 l. Ich kaufe meine immer bei Aldi, da wären das pro 20 l je 1,30 Euro. Dann braucht man noch Dünger. Ein Sack Blaukorn von 5 kg müsste bei etwa 200 g pro Planze/Vegetationsperiode für 5 Jahre reichen.

Das wären dann folgende Kosten:

Artikel

Jahr 1

Jahr 2 -

Gießkanne klein

4 €


Geißkanne groß

7 €


Blumenkübel 5 Stück mittel

7 €


Blumenkübel 5 Stück groß

40 €


Untersetzer 5 Stück groß

17,50 €


Sack Blaukorn

4 €


Blumenerde

3 €

3 €

Summe

82,5 €

3 €

Zur Erklärung: Die Töpfe und Gießkannen kann man in den Folgejahren wieder verwenden. Wenn man es genau macht, muss man noch berücksichtigen das nach 5 Jahren das Blaukorn alle ist, doch das macht dann nur einen Unterschied von 1 Euro pro Jahr aus.

Zuchtmaterial

Wie stark die Illegalität etwas verteuert, sieht man bei Hanfsamen. Im Drogeriesortiment ist ein Pfund Hanfsamen für unter 5 Euro zu haben. Ich denke das sind Tausende von Samen. Jeder einzelne Samen kostet also bei THC-freiem Hanf nicht mal einen Cent. Kauft man Hanfsamen für die eigene Marihuanazucht, so kann man pro Samen 5 bis 30 Euro berappen. Da ich nicht weiß, ob schon das Verlinken auf Anbieter illegal ist, verlinke ich hier mal auf eine Google Suchanfrage mit den richtigen Schlüsselworten. Die meisten dieser Anbieter sind in den Niederlanden heimisch, wo der Bezug legal ist, oft auch umschrieben „für den medizinischen Gebrauch“. Ein Bezug in Deutschland ist verboten. Das gilt auch für die zweite Quelle von Zuchtmaterial nämlich Stecklingen / Jungpflanzen die in Österreich legal sind. Hier ist man ab 10 Euro pro Pflanze dabei.

Wie schon gesagt, für ertragreiche Sorten oder Sorten mit hohem THC Gehalt wird man gerne ein Vielfaches der niedrigsten Preise los. Ich gehe im Folgenden von Samen aus und rechne mit 30 Euro für 5 Samen für eine einfache Sorte. Die bringt weniger Ertrag pro Fläche, aber die Samen potenter Sorten sind alle für kleine Growboxen gedacht, wo die Pflanzen nicht hoch werden und man optimale Bedingen schaffen kann.

Bei Samen stößt man schnell auf „feminisierte Samen“ die nochmals teuer sind. Da Hanf zweihäusig ist, bedeuten männliche Pflanzen für die Marihuanagewinnung, dass man eine Pflanze aufzieht, die aber erst vor der Blüte, also am Ende der genutzten Vegetationsperiode als unnütz erkenntlich ist. Das ist für Leute mit beschränktem Platz und Wachsen unter Kunstlicht natürlich sehr schlecht. Daher gibt es Samen von feminisierten Pflanzen. Das sind weibliche Pflanzen, die unter Stress gesetzt wurden, sodass sie auch männliche Geschlechtsorgane bilden und sich selbst bestäuben. Die Samen davon sind aber nach wie vor weiblich. Wenn man die Möglichkeit hat, eine Pflanze zu isolieren wäre im Hinblick auf zukünftige Kosten es aber besser normale Samen zu kaufen. Denn dann kann man aus einer weiblichen Pflanze, die man "opfert“ (sinnvollerweise die kleinste) und einer männlichen Pflanze, die es bei 5 Samen mit Bestimmtheit mindesten einmal gibt, selbst Samen züchten, die dann ja dieser Sorte entsprechen. Dann kann man sich in den Folgejahren die Ausgaben für weitere Samen sparen, zumindest etwa 3 Jahre, so lange bleiben sie keimfähig. Dazu muss man eine männliche Pflanze behalten und sie von den anderen trennen, z.b. ins Zimmer holen. Wenn die weiblichen Pflanzen blühen, das ist meistens später, bringt am diese im Zimmer zusammen, schüttelt die männliche Pflanze, damit der Pollen freigesetzt wird, und kann sie danach entsorgen. Die bestäubte weibliche Pflanze wird Samen bilden. Sie bildet auch Marihuana, aber wenig und da die Samen länger zum reifen brauchen als die Blüten leben, wird man dieses nicht ernten können. Auf der anderen Seite ersparen einem feminsierte Samen rund 50 % der Kosten für Blumenkübel und Erde, dam man ja nur 3 Kübel braucht.

Dann benötigen unsere Pflanzen Wasser. Wie viel, hängt vom Wetter ab. Ich habe mal mit 0,5 m³ pro Pflanze gerechnet, das sind 100-mal geißen mit je 5 Litern. Wie viel das kostet, hängt von Eurer Komune ab. Ich habe mit 5 €/m³ Wasser gerechnet und man kommt dann auf folgende Aufstellung.


Artikel

Jahr 1

Jahr 2 -

Normale Samen 5 Stück

30 €


Feminisierte Samen 3 Stück

30 €

30 €

Wasser 5 Pflanzen (normal)

12,5 €

12,5 €

Wasser 3 Pflanzen (feminisiert)

7,5 €

7,5 €

Summe normal

42,5 €

12,5 €

Summe feminisiert

37,5 €

37,5 €

Nun kann man eine Gesamtrechnung machen, und zwar pro Pflanze. Pro Pflanze deswegen, weil bei 5 „regulären“ Samen und der Samengewinnung man statistisch nur 1,5 weibliche Pflanzen zur Marihuanagewinnung nutzen kann. Eine Pflanze braucht man für die Samengewinnung. Es gibt dann aber so viele Samen, das man die nächsten beiden Jahre keine weibliche Plfanze dafür opfern muss, dann also 2,5 Pflanzen hat. Weiterhin habe ich berücksichtigt, dass bei feminisierten Samen die Packung nur 3 Samen umfasst und man so einen Teil des Materials nicht braucht.


Artikel

Jahr 1

Jahr 2 - 3

Jahr 4

Normale Samen Summe

125 €

15,5 €

15,5 €

Feminisierte Samen Summe

97 €

40,5 €

40,5 €

Normale Samen pro Pflanze

83,33

6,2 €

10,33 €

Feminisierte Samen pro Pflanze

32,33 €

13,5 €

13,5 €

Man landet in beiden Fällen bei einem Betrag rund um einen 10 Euro Schein pro Pflanze. Doch wie sieht das mit dem Ertrag aus. Schaut man bei "Samenbanken" vorbei, so findet man enorme Erträge von 400 ja 700 g pro Pflanze. Ich habe in aufwendigen Recherchen, deren Quelle ich aus Datenschutzgründen nicht nennen kann, erfahren das für eine einfache Sorte und eine solche habe ich bei den Samen zugrundegelegt und ohne spezielle Ausrüstung um den genauen Bedarf der Pflanzen zu bestimmen und beim Anpflanzen in Kübeln, nicht in viel tiefer reichenden Gartenboden der typische Ertrag bei uns bei 50 bis 60 g pro Pflanze liegt. Ich nehme die niedrigere Ziffer, 50 g und teile das – wegen der Anschaffungskosten und bei regulären Samen auch dem niedrigen Ertrag im ersten Jahr, durch die Aufwendungen für 3 Jahre und erhalte so:


Artikel

Mittel Jahr 1-3

Normale Samen Summe

0,44 €/g (n Jahre → 0,16 €

Feminisierte Samen Summe

0,40 €/g (n Jahre: → 0,27 €/g)

Der Trend für n Jahre reflektiert nur noch die laufenden Kosten, also ohne Anschaffungskisten für Kübel etc. Wir landen also bei reinen Ausgaben bei einem Betrag von unter 1 Euro pro Gramm, der Schwarzmarktpreis liegt dagegen bei 8 bis 10 €/g und man weiß nicht mal ob der „Stoff“ reines Marihuana ist – Drogen werden gerne gestreckt.

Das sind natürlich nur die Materialkosten. Die eigene Arbeitszeit ist da nicht dabei. Also das aussähen, zweimal umtopfen, regelmäßig gießen und nicht zuletzt die Ernte, die so habe ich mir sagen lassen ziemlich arbeitsaufwendig sein soll. Angesichts dessen wundert mich nicht, das, wenn von Legalisierung von Cannabis die Rede ist, immer von einem kontrollierten Anbau und kontrolliertem Verkauf, wobei sich die Preise dann am Schwarzmarkt orientieren. So ist der Eigenanbau nach wie vor nicht erlaubt und die hohen Gewinne bei den gleichen Preisen wie auf dem Schwarzmarkt wandern in die Taschen der Betreiber und des Staates. Natürlich muss dann aber auch die Arbeitszeit bezahlt werden. Würde man Hand zur Marihuanaproduktion wirklich im Rahmen der industriellen Landwirtschaft anbauen so würde das gehen wie bei Arzneipflanzen:

Pflanzen von weiblichen Jungpflanzen entweder aus Samen oder Stecklinge in einem Feld

Man erhält dann kein Marihuana, sondern so etwas wie Haschisch, also die fettlöslichen Bestandteile das sind bei den Blüten noch Squalene, bei ganzen Pflanzen wären dann noch Wachse dabei. Auf einen genormten Wirkstoffgehalt käme man nach HPLC-Analyse des THC bzw. CBD-Gehaltes und Versetzen mit Fett/Öl zur Einstellung auf einen Mindestgehalt, ähnlich wie auch Milch oder Milchprodukte auf einen festen Fettgehalt eingestellt werden.

Das ist im wesentlichen die gleiche Methode wie Extrakte aus Lavendel, Ginkgo oder Arnika hergestellt werden, entsprechend würde man den Preis pro Gramm auch bei dem solcher Extrakte einordnen und das sind dann 0,5 bis 1 € Euro pro Gramm. Das liegt in dem Bereich, den ich für den Hobbyanbau ermittelt habe. Dann wäre es wie bei anderen landwirtschaftlichen Produkten auch – dass Hobbygärtnern lohnt sich finanziell nicht mehr. Immerhin – in Ländern, in denen der Anbau legalisiert ist und dort von Bauen betrieben wird, liegen die Preise für Marihuana zwischen 1 und 1,5 €/g.

1.7.2021: Die Julinachlese von SpaceX

Anders als im letzten Monat gibt es doch etwas neues – und zwar eine Zahl, auf die wir lange gewartet haben und sie lautet 22. Das Thema „Lohnt sich Wiederverwendung (ökonomisch)?“ ist ja emotionsgeladen wird mit teilweise sehr polarisierten Meinungen geführt, die im einen extrem davon ausgehen, dass es sich nicht lohnt und SpaceX Starts an Kunden, die die freie Auswahl haben, quersubventioniert durch hohe Startkosten für NASA, DoD und NRO und dem anderen Extrem, das alle anderen Hersteller von Raketen nur unfähig seien ihre Raketen wiederzuwenden und es sich natürlich lohne.

Bisher gab es keine Zahlen um den einen oder anderen Gesichtspunkt zu belegen, es gab aber andere Tatsachen. So das man die Wiederverwendung ja probiert hat – operationell beim Space Shuttle und mehrmals zumindest einmal erprobt oder konzeptionell durchgespielt bei verschiedenen Trägern. Dabei kam man zu dem Schluss, dass es sich in den durchgespielten Fälle mangelnde Faktenlage nicht lohnt.

Nun hat sich dies geändert, und zwar durch Änderung eines Kontraktes. SpaceX bekam im Dezember 2018 den Auftrag drei GPS Block III Satelliten (SV-04 bis 06) zu starten. Dieser Kontrakt hat einen Umfang von 290,5 Millionen Dollar oder 96,8 Millionen pro Start. Bisher bestand das DoD immer darauf, eine neue Rakete für jeden Start zu haben. Darauf hat sie nun verzichtet und SpaceX lässt 64 Millionen Dollar beim Startpreis nach. 64 Millionen Nachlass von 290,5 sind 22 Prozent. Um so viel wird die Wiederverwendung billiger.

Bevor nun einer gleich ins Kommentarfeld navigiert – nein man kann nicht die 64 Millionen Dollar Nachlass durch drei teilen und damit im Allgemeinen die Ersparnis bei jedem Start feststellen (rund 21 Millionen Dollar). Zu berücksichtigen ist, das Starts für alle Regierungsbehörden immer teurer sind, nicht nur bei SpaceX. Sie führen so viel Bürokratie ein, verlangen so viel mehr Nachweise, dass deutliche Mehrkosten entstehen. Ein Beispiel aus der Frühzeit der Kommerzialisierung der US-Träger. 1991 gab General Dynamics an, das ein Startvertrag für SES (Eutelsat 91) Seiten lang wäre, der für den Start von GOES-K mit der NASA dagegen 4.150 Seiten umfasste. Das sagt alles.

Entsprechend wird das DoD auch die Bergung verteuern, eine naheliegende Annahme ist aber das dies proportional zu anderen Aspekten des Starts ist und man so den Preisabschlag prozentual ermitteln kann. Weiterhin ist es ja so, das sonst SpaceX bei allen anderen Starts – auch für die NASA – schon gebrauchte Raketen einsetzen kann. Die kann man aber nicht unendlich oft starten – nach SpaceX eigenen Angaben rechnen sie mit 10-maliger Verwendung, wollen das Limit aber bei Starlink Starts auch praktisch erproben. Eine Landung scheiterte schon, weil ein Triebwerk schon beim Aufstieg ausfiel – da war es noch kompostierbar und diese stufe flog nur achtmal. Dieses Jahr musste SpaceX zum ersten Mal seit Langem eine erste Stufe neu produzieren, die Forderung des DoD nach neuen Erststufen hätte also SpaceX diese Produktion gespart. Damit sinkt aber auch die Gewinnspanne durch Verwendung einer gebrauchten Stufe, da man so die Stufe später herstellen muss.

Vor allem muss man bei einer echten Wirtschaftlichkeitsrechnung die Nutzlastabnahme entgegenrechnen. Angaben von Koenigsberg bedeutet eine Bergung auf See bei GTO Starts eine Abnahme der Nutzlast von 6,5 auf 5,5 t. Bei der Landung an Land wegen der Umkehrung der Aufstiegsbahn sind es sogar nur 3,5 t. Das sind die Verluste der heutigen Falcon 9 die auf Wiederverwendung ausgerichtet ist. Auf der Website findet man dagegen höhere Werte für die Nutzlast, für GTO 8,3 t. Wenn ich annehme, das selbst bei SpaceX man sich nicht einfach Werte ausdenkt, ist die für mich schlüssigste Erklärung das man die Falcon 9 mal so auslegte da,s sie diese Nutzlast hatte. Lange bevor die Wiederverwendung startete, gab es ja von Elon Musk Angaben von Strukturfaktoren (30 für die Erststufe und „nahezu 25“ für die zweite Stufe) und modelliere ich die Falcon 9 mit diesen Strukturfaktoren, so hat sie tatsächlich diese Nutzlast. Aber diese Version zerbrach schon bei den ersten Versuchen der Bergung in der Atmosphäre durch die Belastung. SpaceX besserte nach und nach einigen Fehlversuchen klappte auch die Bergung. Diese Version der Falcon 9 ist mit einigen kleinen Änderungen bis heute im Einsatz und auf sie bezieht sich Königsmann. Im Übrigen liegen veröffentlichte kommerzielle Startpreise, also nicht für die US-Regierungsorganisation auch immer über den Webpreisen angesiedelt. Der Start des 4.500 kg schweren Amazonas Nexus Satelliten kostet nach der Bank die ihn finanzierte 80,6 Mill. Dollar, nicht die 62 Millionen die SpaceX ausweist – wobei an der Bemerkung „up to 5,5 t to GTO“ schon erkennbar ist das bei Bergung die Nutzlast absinkt.

Das heißt: Der Umbau einer „Wegwerfrakete“ zu einer wiederverwendbaren hat die Nutzlast von 8,3 t in den GTO auf 6,5 t gesenkt. Dabei geht auch diese Rakete verloren. Birgt man sie, so sinkt die Nutzlast weiter ab auf 5,5 t. Das ist eine Abnahme von 33 %, also weitaus mehr als an Kosten eingespart werden. Selbst wenn ich von den 6,5 t ausgehe, sind es noch 15 % Nutzlastabnahme, was die reale Einsparung dann auf 7 % reduziert und das auch nur, wenn die Bergung gelingt, was ab und zu scheitert.

Auf Basis dieser Überlegungen sind eben andere Hersteller von Raketen, die ja auch einige Jahrzehnte Erfahrung mit der Technik und den Kosten haben, auf den Schluss gekommen das es sich für sie nicht lohnt.

Das grundlegende Problem beider Standpunkte ist, das sie nicht vergleichbar sind. Andere Hersteller haben existierende Raketen und die Kosten diese wiederverwendbar zu machen würden sich nicht lohnen – ihre Nutzlast würde sinken und es wird bei einer existierenden Rakete sicher teurer werden, als bei einer neu konzipierten. SpaceX fing bei Null an und hat meiner Ansicht nach folgenden Ansatz gewählt: sie haben eine Rakete gebaut die, wenn sie konventionell ausgelegt wäre, die besagten 8,3 t in den GTO und 22 t in den LEO bringt. Eine solche Rakete ist überdimensioniert für den Bedarf, denn es gibt bisher keinen Satellit in den GTO der mehr als 7 t wiegt und nur das US-Militär hat alle paar Jahre mal den Bedarf für 20+ t in den LEO, alle anderen LEO Nutzlasten, selbst die relativ schwere bemannten Raumschiffe wiegen erheblich weniger. Eine neue Rakete 30 % größer auszulegen als eigentlich nötig ist, vor allem wenn man zig-mal den gleichen Triebwerkstyp verwendet, ist viel einfacher als eine bestehende Rakete für die Wiederverwendung umzubauen. Eine Wegwerf-Falcon hätte etwas kürzere Tanks und käme mit 6 bis 7 Triebwerken in der ersten Stufe aus – der Mehraufwand ist also überschaubar. Was herauskam ist eine Rakete die, auf das Groß des Bedarfs ausgelegt ist – die meisten kommerziellen Kommunikationssatelliten wiegen unter den 5,5 t die wiederverwendbar möglich sind. Nur wenige über 6,5 t, die bei Verlust de ersten Stufe möglich sind. Ähnliches gilt für die Nutzlasten von NASA und DoD. Beim Kunden DoD ist der Knackpunkt auch weniger die Nutzlast, als vielmehr das die meisten militärischen Satelliten keinen integrierten Antrieb haben, also von der Stufe in den GEO gebracht werden. Das schafft eine nur zweistufige Falcon 9 mit mittelenergetischen Treibstoffen nur mit zu kleinen Nutzlasten. Für sie wurde die Falcon heavy konstruiert, wobei man schon an der Verzögerung des Erststarts – ursprünglich weniger als 1 Jahr nach der Falcom 9 geplant – sieht, das man dort den Markt als klein einschätzte und sich entsprechend Zeit lies, was sich ja auch bestätigte. Man muss nur beim bisherigen Launch Service Provider ULA die Zahl der Starts der Delta H und der der Delta M /Atlas V vergleichen, um zu diesem Schluss zu kommen.

Arianespace hat seit der Ariane 1 ein anderes Konzept um die Konkurrenz preislich zu unterbieten. Auch hier baut man eine eigentlich zu große Rakete – eine Ariane 5 kann mittlerweile 11,25 t in den GTO transportieren, Ariane 6 mindestens 12 t und an einer Steigerung um weitere 1-2 t wird gearbeitet. Diese Nutzlastkapazität liegt über den größten Nutzlasten. Aber es werden in der Regel zwei Nutzlasten gestartet, die sich eine Rakete und damit die Startkosten teilen. Gelingt es Kunden mit ihren Satelliten so zu paaren, dass sie die Nutzlastkapazität weitestgehend ausnutzen, so ist die effektiv. Es gibt auch hier Nachteile. Der Kokon, in dem der zweite Satellut steckt, gelangt auch in den Orbit. Er wiegt je nach Größe des Satelliten rund 500 bis 600 kg, also etwa 5 % der Nutzlastkapazität, die so verloren geht. Die Doppelstartkapazität war ja nicht unumstritten. Es gab immer wieder Perioden, in denen es nicht möglich war, Satelliten zu paaren, weil es Verzögerungen bei der Anlieferung gab oder man kein geeignetes Gegenstück in den Auftragsbüchern hatte. So ging der PPH-Entwurf für die Ariane 6 auch von der Aufgabe dieses Features aus und sah zwei Versionen mit einer maximalen Nutzlast von 6,5 t im Einzelstart vor – man sieht auch hier orientiert an den maximalen Satellitenmassen. Interessanterweise konnten gerade die kommerziellen Kunden Arianespace dazu bewegen, doch wieder die Doppelstartkapazität anzustreben. Wahrscheinlich haben sie eine entsprechende Anlieferung zugesichert, denn seit dieser Vereinfachung gab es auch bei Ariane 5 kaum noch Einzelstarts.

Der eigentliche wirtschaftliche Vorteil ergibt sich bei SpaceX nicht dadurch, dass die Rakete wiederverwendbar ist, sondern dass möglichst viel „in House“ gefertigt wird. Sowohl in Europa wie auch in den USA sind Dutzende von Firmen bei einer Rakete beteiligt. Lockheed baut die Strukturen, doch die Triebwerke kommen von Rocketdyne, Aerojet und Thikol. Die Avionik von Honeywell und IBM, die Nutzlastverkleidung von Oerlikon. Geht man von den Hauptsystemen weiter herunter, so findet man noch mehr Hersteller. Auf der einen Seite hat es Vorteile, wenn man das Triebwerk von einer Firma kauft, die nichts anderes macht als Triebwerke zu entwickeln und daher das Know-how dafür hat. Auf der anderen Seite will diese Firma auch Gewinn machen und in jedem Falle generiert es bei beiden Firmen Kosten für die kaufmännische Abwicklung der Zusammenarbeit. In Europa ist es sogar noch schlimmer als in den USA. Da die Rakete von der ESA finanziert wird, gibt es das Prinzip des Geographical Returns, man bekommt also genau den Teil, den man finanziert als Entwicklungsaufträge wieder zurück. Eine Ariane entsteht so in ganz Europa. Die Hauptänderung bei Ariane 6 ist, dass man diese Grenzen gelockert hat und die Fertigung zusammengefasst hat.

Ein zweiter Punkt ist die Stückzahl. Gerade durch Einzelstarts kommt man auf doppelt so viele Träger und damit wird jeder billiger und Fixkosten für den Weltraumbahnhof sinken pro Start. Hier sind alle US-Anbieter im Vorteil, weil die USA nur mit eigenen Trägern startet. Bei ULA waren dies fast alle Starts und bei SpaceX sind es, wenn man die firmeneigenen Starlink Starts weglässt, von den externen Aufträgen auch in etwa die Hälfte, dagegen bei Arianespace nur 20 bis 25 Prozent. Ein Forderung an die ESA, die so wie es aussieht, aber nicht erfüllt wird, ist das die ESA entsprechend eine gewissen Anzahl an Start pro Jahr fest bucht, um die gefertigte Stückzahl zu erhöhen. Hier habe ich als Europäer und als jemand der mit Ariane groß geworden ist, zu kritisieren: Gerade Deutschland bucht gerne nicht-europäisch, so der Bundeswehrsatellit SARAH auf eine Falcon 9. Auch war es bisher fast immer so, dass ein europäisch-amerikanisches Gemeinschaftsprojekt wie Solar Orbiter, Sentinel 6 immer an Bord einer US-Rakete startete. Ich denke in der Hälfte der Fälle sollte es eine europäische sein.

Die USA könnten übrigens noch mehr sparen, indem sie den Ansatz der CRS und Commercial Crew zugrunde liegt, ausdehnen. Der wesentliche Unterschied zu anderen Aufträgen ist, das Sie bei CRS/CCdev „normale Kunden“ sind, anstatt alles zu bestimmen und Sonderwünsche umgesetzt haben wollen, die den Start verteuern, von der Bürokratie die sie mitbringen, ganz zu schweigen. Die ESA ist für Arianespace ein Kunde wie jeder andere. Es gibt keine Sonderbehandlung und die veröffentlichten Startpreise sind auch mit denen kommerzieller Kunden vergleichbar. Das würde den Regierungsorganisationen sehr viel Geld ersparen. Noch mehr wäre es, wenn sie den günstigsten internationalen Anbieter für eine Mission wählen. Gerade der Start, der GPS Block III Satelliten zeigt dies. Jeder Block III Satellit wiegt 3,880 kg und gelangt in einen Transferorbit, der in etwa den gleichen Geschwindigkeitsbedarf wie ein GTO hat. Selbst die Falcon 9 ist dafür noch zu groß. Eine Ariane 62 könnte zwei dieser Satelliten starten und würde dann mit 53 Millionen Dollar pro Satellit leicht die Falcon 9 unterbieten. Der europäische/amerikanische Sentinel 6 wog nur 1.362 kg und wäre damit sogar mit einer Vega für 38 Millionen Dollar startbar. Chinesische und russische Anbieter wären noch billiger, kämen aufgrund politischer und Sicherheitsbedenken aber nicht in Frage. Wenn eine Ariane das James Webb Teleskop starten darf, der teuerste Satellit, der je gebaut wurde. Ist sie dann nicht gut genug für einen Navigationssatelliten der Sin Serie gebaut wird?

Durch die Beschränkung auf (zertifizierte) US-Träger lohnt sich zumindest für die US-Regierung Wiederverwendung (nahezu) nicht. Denn so unterbietet SpaceX die (bekannten) Preise der anderen Konkurrenten gerade son das man den Auftrag erhält, wenn dieser aus Proporzgründen (z.B. bei dem Dod) nicht sowieso gesplittet wird. Dann kann der Start einer Falcon 9 mal 50 und mal 109 Millionen Dollar kosten – 50, wenn die Nutzlast so klein ist, das eine Pegasus auch die Alternative wäre, 109 wenn die Konkurrenz eine Atlas 401 ist. Bei der Falcon Heavy sind die Gegensätze 117 und 331 Mill. Dollar – auch hier hätte bei der kleineren Nutzlast eine Atlas V gereicht, bei dem teuersten Start dagegen eine Delta 4H.

Das leitet mich zum letzten Punkt über, der wohl gerne falsch verstand wird nämlich meine Ansicht der Frage „Lohnt sich die Wiederverwendung“ und damit zusammenhängend „Was hat SpaceX für die Raumfahrt getan?“. Beides wird ja immer von Fans bejaht, die aber leider meist keine stichhaltige für mich Begründung dafür liefern. Wie ich ober erörtert habe, lohnt sich Wiederverwendung bei einem existierenden Trägersystem nicht. Die eingesparten Kosten stehen in keinem Verhältnis zum Aufwand, und vor allem da ein existierendes Trägersystem auf eine an die Nachfrage angepasste Maximalnutzlast angepasst ist und diese Nutzlast bei der Bergung absinkt, wird es unwirtschaftlich. Klassische Trägersysteme, die die minimale Zahl an Triebwerken einsetzen (meist eins oder zwei) können auch nicht den Weg beschreiten wie SpaceX eine Stufe mit 9 Triebwerken zu bauen. Aber ein neu konzipiertes System kann durch Wiederverwendung der ersten Stufe die Startkosten senken. Ob das bei der Oberstufe auch so ist, wird sich zeigen – die kostet weniger, ihre Bergung ist aber mit noch mehr Nutzlastverlust verbunden. Nur als Hausnummer: das Starship/SuperHeavy Gespann wiegt dreimal so viel wie die Falcon heavy die schon weitestgehend wiederverwendbar ist, hat aber nur 40 % mehr Nutzlast. Aber diese Erkenntnis ist nicht neu. Auch das wiederverwendbare Space Shuttle musste neu konzipiert werden und man baute nicht einfach eine Saturn V mit derselben Startmasse so um, das sie bergungsfähig ist.

Die zweite Frage hängt damit zusammen. Denn dann geht es um meine Sicht auf Raumfahrt. Für mich ist Raumfahrt vor allem Forschung, die Erforschung unseres Sonnensystems, des Universums, aber auch der Erde. Die Überwachung unserer Erde auf Veränderungen, aber auch wenn Menschen dabei sind, Unternehmen, die etwas von Abenteuer, von Herausforderung haben. Das wären Mondlandungen oder Marsmissionen, aber nicht die Arbeit auf der ISS, wo sich die Forschung letztendlich darum dreht, wie sich die Schwerelosigkeit auf den Menschen auswirkt und wie man ihr begegnet. Um es ketzerisch zu formulieren: wenn niemand zur ISS fliegt braucht man auch die Forschung nicht. Raumfahrt sind nicht Trägerraketen. Sie sind nur Werkzeuge um den Weltraum zu erreichen. So habe ich schon mehrfach drauf hingewiesen das es für die EU billiger wäre, die teurere Ariane 5 weiter zu betreiben, anstatt eine Ariane 6 zu entwickeln. Die Entwicklung wird von der ESA finanziert, den finanziellen Nutzen haben aber zu ¾ kommerzielle Kunden. Wenn man ein funktionierendes System hat, muss man nicht ein neues entwickeln, wenn sich dies wirtschaftlich nicht lohnt. Russland und China setzen aus diesem Grund ihre Raketen seit Jahrzehnten weitestgehend unverändert ein. Ebenso gehören, so für mich nicht militärische Raumfahrt, eigentlich nur ein Teil des Militärs, sowie jede kommerzielle Nutzung des Raums – letztendlich nur das Erschließen von neuen Geschäftsfeldern durch die Wirtschaft zur „Raumfahrt“, die bei mir vielleicht besser „Raumforschung“ heißen sollte.

Wenn jemand diese Aspekte hinzunimmt, dann ist für ihn sicher die Aussage „Wiederverwendung lohnt sich“ korrekt. Sie generiert für SpaceX Gewinne, die derzeit ins Starlink Projekt gehen, das nach meiner Definition eben nicht zur Raumforschung gehört. Irgendwann wird es bei SpaceX kein Projekt mehr geben, auch weil die Investoren auch mal Gewinne sehen wollen. Dann wird Wiederverwendung im Speziellen und SpaceX im Allgemeinen diese Investoren, darunter Elon Musk reich gemacht haben. Doch die Raumfahrt an sich hat nicht dadurch profitiert. Kunden von SpaceX profitieren con leicht niedrigeren Preisen als bei der Konkurrenz, aber wie ich schon durch Zahlen belegte, nicht signifikant niedrigeren, denn schließlich will SpaceX den Profit maximieren. Die meisten Nutzlasten der Kunden sind aber keine Forschungssatelliten. So spart das US-Militär, die NRO und Konzerne wie SES oder Intelsat Geld. Aber was bringt das der Raumfahrt?

Ebensowenig hat SpaceX nichts in meiner Definition für die Raumfahrt getan. Ja die meisten Firmen haben nichts für die Raumfahrt getan, denn die meisten verfolgen nur Projekte mit denen sie Geld verdienen, entweder durch staatliche Finanzierung (Raumfahrtagenturen, Militär, Umwelt/Wetterorganisationen) oder durch andere Firmen (Bau von Kommunikations-, Erdbeobachtungssatelliten). Die Zahl der Projekte, die auf eigne Kosten finanziert wurden, kann man wirklich überschauen und meist waren es Projekte mit bescheidenem Finanzaufwand die dazu dienten etwas zu beweisen, um mehr staatliche Mittel zur Umsetzung in größerem Maßstab zu bekommen. SpaceX hat die Falcon 9 zur Hälfte selbst finanziert – doch das hat Orbital bei ihrer Antares auch und beide Unternehmen haben sicherlich diese Summe bei dem folgenden CRS-Kontrakt wieder reingeholt. Ja wenn ich mal wieder ketzerisch sein darf: nachdem SpaceX nach offiziellem OIG Report bei CRS-2 der teuerste der drei Anbieter ist (obwohl Sierra Nevada einen Transporter erst auf eigene Kosten entwickeln muss und obwohl Trägerrakete und Kapsel bei SpaceX wiederverwendbar sind) könnte man zu dem Schluss kommen das Wiederverwendung sogar teurer als Nichtwiederverwendung ist. SpaceX hat sich die Fähigkeit zur Frachtrückholung eben gut bezahlen lassen. Das macht jede Firma so und es zeigt, dass die Firma eben auch nicht mehr für die Raumfahrt tut als andere Firmen. Vor allem müsste, wenn die Technologie etwas für die "Raumfahrt" an sich gebracht hat, sie ja offen sein, also andere Firmen sie übernehmen können, ohne alle Fehler von SpaceX zu wiederholen und auf ihren Erfahrungen aufzubauen und auf ihren Erfahrungen aufzubauen. Das ist aber nicht der Fall.

Nicht, dass es vollmundige Ankündigungen gab, etwas für die Raumfahrt zu tun. Elon Musk will seiner eigenen Legende nach SpaceX gegründet haben, weil er eine Raumsonde zum Mars schicken wollte und die Träger zu teuer waren. Nun könnte er es ja, tut es aber nicht. Angekündigt war eine Dragon die auf dem Mars landet „Red Dragon“, für die hat die NASA sogar angefangen Experimente zu entwickeln, bis sie wieder eingestellt wurde und anstatt einen Tesla hätte man beim Jungfernflug der Falcon Heavy sicher auch etliche Kleinsatelliten oder Sonden von Universitätsinstituten mitnehmen können, wenn der Start sowieso nur der Erprobung dient.

Profitieren tun auch Reiche, die nun wieder einen Space-Trip buchen können. Doch zum einen ist das nicht das, was ich unter Raumfahrt verstehe, zum andern hat die Entwicklung der Crewed Dragon ja die NASA komplett finanziert und die der Falcon 9 zur Hälfte, also der Teil, der von SpaceX stammt, ist klein, und selbst wenn man den Space Tourismus zur Raumfahrt dazu zählt, ist dann auch der Beitrag den SpaceX zur Verbesserung dieses Teils der Raumfahrt leistet entsprechend klein.

Also wenn ein Blog Kommentator meint, das die Steigerung der Gewinne von Konzernen, Investoren und Elon Musk die Raumfahrt vorangebracht hat, dann hat er recht, dann hat SpaceX viel für diese Art von Raumfahrt getan.

Zuletzt noch ein Ausblick. SpaceX plant nach Aussagen von Shotwell den ersten orbitalen Start eines Starships noch im Juli. Nach dem Plan ist es ein suborbitaler Start, das heißt, das Starship geht vor Hawaii nieder, absolviert also nur 2/3 eines Orbits. Da keine Bergung geplant ist, wird das primär ein Test der Antriebstechnologien.

2.7.2021: Impfquote, Delta-Variante und CureVac Impfstoff

Ich dachte mir, ich bringe heute mal wieder einen informativen Blog zum Covid-19 Virus und speziell zu den obigen drei Buzzwords. Um es vorwegzusagen – ich bin kein Experte und gebe das wieder, wie ich es verstanden habe, sollte etwas falsch sein, dann schreibt das in die Kommentare und ich bessere nach.

Alle drei Stichworte tauchen immer wieder im Zusammenhang mit dem Coronavirus auf und sie hängen in der Tat zusammen und so gestaltet sich der heutige Blog mehr zum Wissensblog.

Fangen wir mit der Impfquote an, das heißt wie viel Prozent der Bevölkerung sind geimpft. Während ich dies schreibe (am 1.7.2021) sind 55,1 % der Bevölkerung einmal geimpft und 37,3 % vollständig geimpft. Für die berüchtigte „Herdenimmunität“ von Bedeutung ist die Basis-Reproduktionszahl R0. Sie gibt an wie viele Personen im Durchschnitt ein Virus infiziert. Je mehr es sind, desto ansteckender ist ein Virus. Sinkt sie unter 1, so werden immer weniger Menschen infiziert, können das Virus also nicht mehr weitergeben. Als „Herdenimmunität“ ist der mathematische Ausdruck 1-1/R0 definiert. Bei diesem geimpften Anteil der Bevölkerung wird die aktuelle Reproduktionszahl R bei 1 liegen, das heißt, die Zahl der Infektionen ist konstant. Ziel des RKI und Gesundheitssystems ist es die aktuelle Reproduktionszahl R durch Maßnahmen unter 1 zu lassen, denn oberhalb von 1 wird es immer mehr Infektionen geben. Der aktuelle R-Wert liegt am 1.7.2021 bei 0,84, das sieht man auch an sinkenden Fallzahlen.

Die Basisreproduktionszahl des Coronavirus liegt nach Untersuchungen zwischen 2,8 und 3,8, abhängig von der Bevölkerungsgruppe. Das bedeutet, das man für die Herdenimmunität je nach angenommenen R0 eine Impfquote von 65 bis 72 % braucht, daher werden oft 70 % als Ziel genannt. Wenn man es genau nimmt, muss man auch alle schon Genesene hinzunehmen, da diese nach aktuellem Stand eine geringe Wahrscheinlichkeit haben sich erneut zu infizieren.

Können wir es uns dann leisten das 30 % sich nicht impfen lassen, egal ob Impfverweigerer oder einfach weil sie meinen sie bräuchten es nicht? Nein das können wir nicht. Denn die 30 % Nicht-Geimpfte bei einer Herdenimmunität beziehen sich auf die Gesamtbevölkerung. Es gibt aber Menschen, die kann man nicht impfen, weil sie ein geschwächtes Immunsystem haben, z.B. Menschen die Medikamente wegen eines transplantierten Organs einnehmen, das das Immunsystem dauerhaft unterdrückt, daneben Personen, bei denen es natürlicherweise nicht richtig funktioniert. Vor allem aber ist nicht vorgesehen Kinder unter 12 Jahren zu impfen und lange Zeit war auch nicht geplant Jugendliche von 12 bis 18 zu impfen. Das alleine sind aber über 20 % der Bevölkerung. Die auszusparen würde heißen, dass man die restliche Bevölkerung praktisch komplett impfen müsste. So hat Spahn ja auch vorgeschlagen die Jugendlichen von 12 bis 18 zu impfen, die ja vorher ausgespart wurden. Sie alleine bilden ein Reservoir von 10 % der Gesamtbevölkerung. Dies ist auch deswegen notwendig, weil diese Altersgruppe durch die Schulpflicht ein eigenes geschlossenes Kollektiv bildet in denen sich das Virus – es gibt ja (derzeit) keine geimpften und Krankheitssymptome in der Altersklasse auch sehr selten schnell ausbreiten kann und sie tragen es dann in ihre Familien, die dann alle geimpft sein müssen, um sich durch den engen Kontakt nicht anzustecken.

Ein zweiter Faktor ist die Wirksamkeit der Impfstoffe selbst. Hier mal eine Übersicht:

Quellen: Robert Koch-Institut, Paul-Ehrlich-Institut, Studien des CDC, aus NEJM, The BMJ, The Lancet

Hersteller

Impfstoffklasse

Empfohlener Impfabstand

Wirksamkeit 14 Tage nach erster Impfung

Wirksamkeit nach vollständiger Impfung

Wirksamkeit gegen schwere Verläufe

Dauer in Tagen bis zur vollen Wirksamkeit

BioNTech

mRNA

3 bis 6 Wochen (zwei Impfungen)

80 %

95 %

95 %

7

Moderna

mRNA

4 bis 6 Wochen (zwei Impfungen)

80 %

95 %

91 %

14

AstraZeneca

Vektor

12 (zwei Impfungen)

60 %

80 %

100 %

15

Johnson & Johnson

Vektor

Einmalimpfung

65 %


75 %

14

Die Wirksamkeit gibt an, wie wahrscheinlich es ist, dass man sich trotz Impfung ansteckt. Der Impfstoff von Johnson und Johnson, den ich bekommen habe, hat z.B. nur eine Wirksamkeit von 65 %, das heißt würde man die gesamte Bevölkerung damit impfen, so läge man immer noch unter der Herdenimmunität. Bei AstraZeneca müssten wir bei 80 % Wirksamkeit nach der zweiten Impfung fast komplett die Bevölkerung impfen, um eine Herdenimmunität zu erreichen. Bei den beiden mRNA Impfstoffen liegt die Wirksamkeit bei 95 %, sodass man die Herdenimmunität, wenn alle damit geimpft werden, mit einer Impfquote von 74 % erreichen kann.

Die obige Tabelle gilt aber nur für die normalen Varianten, die man bisher kennt. Die Delta-Variante soll 51-67 % ansteckender sein, was auf eine geschätzte Produktionszahl R0 von 6,0 hinausläuft. Dann müsste man bei 100 % Wirksamkeit eines Impfstoffs 83,3% % der Bevölkerung für eine Herdenimmunität impfen, bei 95 % Wirksamkeit rund 88 %. Das ist wahrscheinlich nicht zu schaffen. Dabei ist offen, ob die Impfstoffe gegen diese Variante schützen, weshalb als Meldung beute kam, das Spanienheimkehrer selbst nach eine vollständigen Impfung sich zwei Wochen in Quarantäne begeben sollen. In vielen Ländern steigen die Infektionszahlen ja derzeit wieder aufgrund der Delta Variante an, auch weil ja dank der lieben UEFA sich Tauende auf engstem Raum in Stadien treffen. Angesichts der Urlaubszeit muss man kein Prophet sein, um wie letztes Jahr im frühen Herbst eine neue vierte Welle zu prognostizieren. Wie hoch die „Wellenhöhe“ wird, wird vor allem davon abhängen, wie viele bis dahin geimpft sind.

Zurück zur Wirksamkeit: Der Impfstoff von Curevec hat nach dem Abschlussbericht nur einen Schutz von 48 %, was dazu führte, dass er bei den Bestellungen des Gesundheitsministeriums für 2022 schon nicht mehr vertreten ist. Klar unter diesem Aspekt kann man die Verbreitung des Virus nicht verhindern. Aber es ist ja bei einem Impfstoff noch ein zweiter Aspekt wichtig und der steckt in der nächsten Spalte, der Schutz vor schweren Verläufen. Von den infizierten (nach einem PCR-Test) berichten drei Viertel bis vier Fünftel über keine Symptome, viele wussten gar nicht das sie infiziert sind. Vom Rest erkranken die meisten gottseidank auch nur leicht, haben Symptome, wie bei Erkältungskrankheiten wobei der zeitweise Geschmacks- und Geruchsverlust ein typisches Symptom eine Coronainfektion ist. Nur ein Teil muss ins Krankenhaus, davon ein Teil muss intensivmedizinisch behandelt werden und davon sterben dann auch ein Teil. Dieser Prozentsatz der Toten an den Gesamtinfektionen ist von 3 bis 5 Prozent am Anfang der Pandemie auf unter 2 Prozent derzeit gesunken. Zum Teil, weil man nun mehr Erfahrung mit der Bekämpfung der Symptome hat, zum Teil aber auch, weil mehr getestet wird als wie beim Anfang der Pandemie, als es die Testkapazitäten auch gar nicht gab die wir heute haben. – wie schon gesagt, der Großteil der infizierten bemerkt das ja nicht. Der Schutz des Gesundheitssystems ist die zweite wichtige Funktion eines Impfstoffs. Der so schlecht beleumundete Impfstoff von AstraZeneka bietet 100 % Schutz vor schweren Verläufen, also solchen, wo man aufgrund der Erkrankung ins Krankenhaus muss. Die anderen Impfstoffe immerhin zu 75 bis 95 %. Hier verwaist CureVac darauf, dass ihr Wert hier 77 % beträgt. Das heißt, mit diesem Impfstoff wird man wie bei dem von Johnson & Johnson wohl nie die Herdenimmunität erreichen, aber man könnte mit erheblich mehr Infektionen leben, etwa der vier bis fünffachen Zahl. Dann reden wir aber von etwa 100.000 Neuinfektionen pro Tag, sodass nach spätestens 2 Jahren auch so die Herdenimmunität erreicht wäre, weil jeder einmal mit Corona infiziert wurde oder geimpft wurde. In Europa wird für Curevac trotzdem angesichts von vier zugelassenen und eingesetzten Impfstoffen und Bestellungen von Milliarden Dosen der Impfstoffe für die nächsten Jahre keine Rolle spielen. Ich vermute, dass man den Impfstoff kostenlos abgeben wird – die G7 haben ja 1 Milliarde Impfdosen für die Dritte Welt versprochen. So muss man die eigene Impfkampagne, die verständlicherweise nationalen Vorrang hat, auch wenn es ein weltweites Problem ist, nicht einschränken und kann trotzdem die Pandemie in anderen Ländern bekämpfen.

Trotzdem wird uns Corona weiter begleiten. Wir haben in eineinhalb Jahren nun schon vier neue Varianten, die als bedrohlich benannt wurden – die Delta Variante (früher indische Variante) ist die neueste. Doch es gibt auch weitere die nicht zu einer größeren Bedrohung führten – Genmuatationen müssen nicht immer von Vorteil für das Virus sein, so wurde der Vorgänger von Covid-19, das SARS Virus 2003 nach einer Mutation harmloser. Die Zählung der WHO der Varianten von Covid-19 ist inzwischen angekommen bei Lambda, die am 14.6.2021 neu hinzukam. Als gefährlich gelten Varianten, gegen die die Impfstoffe weniger wirksam sind und / oder bei denen der Krankheitsverlauf schwerwiegender ist. Die Impfstoffe trainieren das Immunsystem gegen bestimmte Proteine an der Oberfläche des Virus. Gegen sie bildet es Antikörper, die an diese Proteine andocken und so das Virus bekämpfbar für andere Zellen des Immunsystems machen. Mutieren diese Proteine so werden die Viren weniger gut oder (bis her noch nicht der Fall) gar nicht mehr vom Immunsystem erkannt. Das bedeutet auch, das wir wahrscheinlich wie bei der Grippe uns immer wider impfen müssen, um gegen die jeweils neu entstehenden Varianten immunisiert zu sein. Offen ist, wer schneller ist – die pharmazeutische Industrie, die die Impfstoffe anpassen muss oder das Virus, das sich dann wieder schneller ausbreiten kann. Eines ist sicher: aus der Welt werden wir Covid-19 nicht mehr bekommen, dazu müssten wir die Herdenimmunität weltweit in allen Gruppen erreichen, und zwar gegen die aktuell vorhandenen Varianten. Doch selbst dann wird es immer wieder neue Infektionen geben, neue Varianten entstehen, nur wird dann keine Pandemie mehr draus.

Für die Bedrohungslage bei uns ist aber relevant, wie viele Infektionen durch Reisen zu uns eingetragen werden, wenn wir mal eine Herdenimmunität erreichen. Ob sich diese bei uns ausbreiten, hängt dann davon ab, wie gut man gegen diese Varianten geimpft ist. Angesichts einer Impfquote von 35 % gegen die Grippe sehe ich da schwarz. Dabei ist die Grippe (Influenza) mit einer geschätzten R0 von 0,9 bis 2,1 viel weniger ansteckend als Covid-19.

 

Sitemap Kontakt Neues Impressum / Datenschutz Hier werben / Your advertisment here Buchshop Bücher vom Autor Top 99