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Web Log Teil 629: 18.8.2021 - 25.8.2021

18.8.2021: Erdbeobachtung aus dem GEO?

Letzte Woche ging beim zehnten Start einer GSLV Mark II der indische Satellit EOS-03 (GISAT-1) verloren. Es war der vierte Fehlschlag einer GSLV, nachdem die letzten Flüge erfolgreich waren, aber auch erst der dritte Einsatz dieser Rakete mit einer eigenen kryogenen Oberstufe. Die ersten sieben hatte Russland gebaut und von ihnen bekam Indien auch die Baupläne für die Stufe. Gerade an dieser Stufe – sie zündete nicht – scheiterte auch der Flug.

Der Satellit EOS-03 hätte die Erde aus dem GEO (geostationärer Orbit in rund 36.000 km Höhe über dem Äquator) mit einem großen Teleskop beobachtet. Die Kamera hätte 42 m Auflösung im visuellen Bereich geliefert. Ein Hyperspektralsensor mit 158 Spektralbändern im sichtbaren Bereich und nahen Infrarot hätte 318 m Auflösung gehabt und ein 256 Kanal Hyperspektralsensor im nahen Infrarot 191 m Auflösung. Soweit ich weiß, wäre dies der erste Satellit der die Erde aus dem GEO aus beobachtet, auch wenn ich schon mal von einem Vorschlag von Airbus für einen militärischen Satelliten in diesem Orbit gehört habe.

Die Herausforderung

Die wesentliche Herausforderung ist natürlich die Distanz zur Erdoberfläche. Der derzeit leistungsstärkste Satellit für zivile Nutzung (von den Fähigkeiten von militärischen Satelliten weiß man naturgemäß nichts genaues), Worldview 4 umkreist die Erde in 617 km Höhe und hat eine Auflösung von maximal 0,31 m/Pixel. Dafür benötigt (der leider inzwischen ausgefallene) Worldview 4 ein Teleskop von 1,1 m Durchmesser. Demgegenüber ist ein geostationären Satellit 60-mal weiter von der Erdoberfläche entfernt und entsprechend sinkt die Auflösung auf ein Sechzigstel des Wertes von Worldview 4 bei derselben Optik ab. Wobei, wenn man es ganz genau nimmt, nimmt die Auflösung zu den Polen noch aus zwei weiteren Gründen ab. Zum einen sind die Pole um einen Erdradius weiter vom Satelliten entfernt, was wegen des Satzes des Phytagorases (Die Sichtlinie ist die Hypotenuse in dem rechtwinkeligen Dreieck mit den beiden Katheten die vom Pol und GEO jeweils zum Erdmittelpunkt führen) die Distanz von 35.887 auf 42.735 km erhöht. Bedeutender ist aber die Verzerrung der Szene. Man schaut vom Äquator auf eine Kugel und je weiter man sich vom Äquator entfernt, desto stärker werden die Landemassen verzerrt. Wer einmal ein Meteosatbild von Europa, mit dem auf der Landkarte vergleicht, weiß, wovon ich rede. Das bedeutet aber auch: die Auflösung des Teleskops nimmt ab, wenn man sich den Polen nähert.

Es ist kein Zufall, dass Indien bisher die einzige Nation ist, die einen Satelliten für die Erdbeobachtung in den GEO platziert, denn Indien liegt nahe am Äquator. In der Ausdehnung von Nord nach Süd liegt es zwischen dem 37 und 8 nördlichen Breitengrad und es erstreckt sich auch über 30 Längengrade. Da ist die Verzerrung noch gering, wobei die nördlichen Gebiete schon an den Himalaja grenzen und kaum landwirtschaftlich genutzt werden und die Unterstützung der Landwirtschaft wird sicher ein wichtiger Punkt der Aufgaben des Satelliten sein.

Auf Basis der Auflösung des Satelliten habe ich den Durchmesser des Teleskops auf 50 cm ermittelt, es ist also noch kleiner als die des Worldview 4 mit 110 cm Durchmesser. Der Satellit EOS-03 ist zwar leichter (2.087 kg), aber nur auf den ersten Blick. EOS-03 wird ja von der GSLV Mark II nur in einen GTO gebracht und benötigt noch Treibstoff um den GEO zu erreichen und dort auch erheblich mehr Treibstoff als Wordlview 4 um die Position zu halten. Er dürfte trocken weniger als die Hälfte der Startmasse wiegen und damit ist natürlich auch die Nutzlast für Instrumente kleiner.

Der Benefit

Die Position im GEO verringert zwar die Auflösung drastisch – obwohl man daran denken sollte, das Landsat lange Zeit auch nur maximal 30 m Auflösung bot – aber es gibt auch Vorteile. Der erste Vorteil ist das eine kontinuierliche Überwachung Indiens möglich ist. Jeder andere Satellit hat eine Revisit-Zeit, kurz eine Zeit ab der er wieder die Szene direkt oder nahe überfliegt. Die beträgt minimal 12 Stunden, das ist jedoch meistens dann nachts und so liegt sie bei einem Satelliten meist bei 24 stunden. Das gilt aber nur, wenn die Umlaufszeit ein ganzzahliges Bruchteil eines oder weniger Sonnentage ist. Normal ist das sie nicht ganzzahlig ist, sodass sich die Bahn nach einem Tag über die Erde verschiebt und man nach einem Tag ein anderes Gebiet überfliegt, dann kann man noch zur Seite blicken, doch dies bedeutet eben auch das man die Szene unter einem anderen Winkel sieht. Für kurze Revisitzeiten ohne dieses Manko bräuchte man sehr viele Satelliten auf mehreren Umlaufbahnen.

Der zweite Vorteil ist, dass ein größeres Gebiet abgebildet wird. Das ist nicht so selbstverständlich wie das zuerst scheint. Natürlich könnte man mit einer Weitwinkeloptik auch die 42 m Auflösung mit einer relativ kleinen Apparatur aus einem erdnahen Orbit aus erreichen und entsprechend ein größeres Gebiet abbilden. Aber das ist komplexer als man zuerst meint. Die 42 m Auflösung erreicht aus Worldviews Orbithöhe von 617 km Höhe eine Optik mit 8,2 mm Durchmesser, also der Linse einer einfachen Kamera. Bei einer so kleinen Linse kann man aber nicht einen Sensor verwenden, der groß ist und so auch ein großes Gebiet abbildet, einen Sensor nur mit wenigen Zentimetern Kantenlänge kann die kleine Optik gar nicht ausleuchten. (Wenn man es genau nimmt spielt natürlich die Brennweite im Verhältnis zur Sensorgröße die Rolle wie viel man abbildet, also man kann durchaus eine größere Optik als die Minimalanforderung von 8,2 mm nehmen, nur gibt es sowohl bei Linsen- wie Spiegelteleskopen zunehmend Bildfehler, wenn das Verhältnis Brennweite/Optikdurchmesser sinkt, das heißt in der Regel wird die Brennweite größer als der Optikdurchmesser sein).

So kann man auch kein großes Gebiet abbilden, erst recht nicht den ganzen indischen Subkontinent mit 3.000 km Breite. Vor allem aber ist aus 600 km Höhe zwar ein großes Gebiet sichtbar – 2.830 km jeweils vom Nadir zum Horizont, aber man sieht die Szene zuzunehmend verzerrt je weiter man sich vom Nadir entfernt, auch sieht man die Objekte aus zunehmend größerer Entfernung und die Auflösung nimmt ab. Dagegen ist beim GEO die Verzerrung relativ klein und die Distanz zu den Eckpunkten der Szene ist nahezu die gleiche wie zum Nadirpunkt. Das 50 cm durchmessende Teleskop von EOS-03 hat denn auch eine Fokusebene, die ähnlich breit ist wie die Apparatur, das heißt, man kann sehr viele Sensoren nebeneinander zu einer riesigen Kamera kombinieren. Die HiRISE Kamera des MRO hat auch 50 cm Durchmesser und verwendet Sensoren von 20.264 Pixel Breite pro Scanzeile, die zusammen eine 243 mm breite Scanzeile bilden. Da die Kamera von EOS-3 aber nicht auf dem Mars arbeitet, kann man noch kleinere Pixel nehmen (die Pixel der HiRISE Kamera haben 12 Mikrometer Kantenlänge, bei den Sensoren für Worldview sind es 7 Mikrometern). Mit der Kamera von Worldview würde EOS-03 ein Gebiet von 1.680 km Breite abbilden. Zwei Scans würden ausreichen, um ganz Indien in der Auflösung abzubilden. Bei den Hyperspektralsensoren ist die Auflösung kleiner, dafür sind verfügen sie über viel mehr Kanäle. Dies ist technisch bedingt, denn das Licht wird in sein Spektrum aufgespalten und so fällt auf jedes Pixel nur ein Teil des Spektrums und um die geringere Lichtmenge zu kompensieren, muss die Fläche pro Pixel größer sein, damit das Signal/Rauschverhältnbis in einem akzeptablen Bereich bleibt, dann sinkt bei derselben Optik und Brennweite aber die Auflösung ab.

Für Indien auch wichtig, sie haben dauernden Funkkontakt zum Satelliten und können jederzeit Daten empfangen. Bei einem Satelliten, der die Erde umkreist hat eine Bodenstation in Indien nur zweimal am Tag Funkkontakt, je näher man zu den Polen kommt, desto länger werden die Kontaktzeiten und desto häufiger sind sie. Daher befinden sich Empfangstationen für Satelliten auf polaren oder sonnensynchronen Bahnen nahe der Pole, auf Grönland, Norwegen, Kanada oder auf Inseln im Südpazifik nahe der Antarktis. Daneben betreiben die Firmen noch weitere Empfangsstationen rund um den Globus. Das benötigt man bei einem geostationären Satelliten nicht.

Den Hauptunterschied liegt aber wohl in den Anforderungen Indiens. Das Land ist noch ein Schwellenland, sicher noch nicht mit voll industralisierter Landwirtschaft und auch nicht mit einer genauen Überwachung was wo passiert. Da kann diese grobe Auflösung schon helfen. Für eine Landwirtschaft wo der Dünger und Pestizideintrag mittels GPS und hochauflösenden Aufnahmen ermittelt wird, ist die Auflösung von 42 m natürlich zu grob. Ich halte für wichtiger, dass mit den Hyperspektralsensoren auch Einblicke möglich sind die im sichtbaren Wellenlängenbereich nicht möglich sind, z.b. ob Pflanzen gesund sind, oder Wasser benötigen. Staatliche Stellen werden dann auf Basis dieser Daten nicht einzelne Landwirte, sondern ganze Dörfer beraten.

Für die industrialisierten Länder ergibt sich dieser Nutzen nicht. Sie haben schon viele Satelliten die sie nutzen und deren Nutzungsgebühren sie auch bezahlen können. Die Landfläche liegt allesamt weiter nördlich und ihr Gebiet wird so nur verzerrt und und in niedriger Auflösung aus dem GEO abgebildet, sie können aber auch auf die jeweils anderen Empfangstationen der Partnerländer zugreifen und haben so viele Funkkontakte pro Tag. Vor allem haben sie für Infrastrukturplanung aber auch Monitoring wie für die Land- und Forstwirtschaft einen Bedarf an viel höheren Auflösungen. Das geht heute herunter bis auf einzelne Bäume, deren Gesundheitszustand man erkennen kann. Selbst wenn man die größten Trägerraketen einsetzt, die heute zur Verfügung stehen würde man wohl kaum mehr als 6 t in einen GEO platzieren können. Der Satellit wäre dann dreimal schwerer als Worldview oder halb so schwer wie Hubble und könnte ein Teleskop tragen das zwischen diesen beiden Optiken (110 und 238 cm Durchmesser) liegt, wohl im Bereich von 200 cm. Das wäre die vierfache Auflösung von EOS-03, doch die läge dann immer noch im Bereich von 10 m. Dagegen erreichen schon Cubesats von Planet Lab eine Auflösung von 3 bis 5 m und hier kann man durch die schiere Zahl solcher Kleinsatelliten die Nachteile, die oben beschrieben wurden, leicht kompensieren. Planet Labs hatte im Februar dieses Jahres 200 aktive Satelliten. Dazu kommen zahlreiche andere zivile Erdbeobachtungssatelliten, die von verschiedenen Firmen betrieben werden. Auf all diese können zahlungskräftige Kunden und das sind Industriestaaten zugreifen.

18.8.20210: Klassen- und Ehemaligentreffen

Auf den heutigen Blog kam ich mir vor ein paar Tagen der Gedanke kam, mal zu googeln, was aus meinen Kommilitonen wurde, genauer gesagt aus meinem ersten Studiengang Lebensmittelchemie. Es ist bei den meisten meiner Mitstudent/innen nun 26 bis 27 Jahre her, das ich sie gesehen habe. Lebensmittelchemie war damals (ich weiß nicht, wie es heute ist) ein familiärer Studiengang, anders als Chemie. Wir waren zu neunt im Semester, von sechs der acht Kommilitonen habe ich rausgefunden, was sie heute machen. Auch wenn mir die meist englischen Begriffe nicht so viel sagen „Wie Key Account“,“International Sales and Marketing Consulting“ oder „Head of Scientific and Regulatory Affairs“. Immerhin zwei sind Geschäftsführer – die Bezeichnung hat man noch nicht eingeenglischt. Einer ist, wie ich es mal war, bei der Studentenbewegung, das war nicht neu, ich hatte mich auf dieselbe Stelle beworben, was ihn erst auf die Idee gebracht hat. Da seine Frau den Professor gut kannte, hat er sie bekommen.

Zwei der acht Kommolitinen habe ich nicht gefunden. Ehrlich gesagt, mich hat schon überrascht, dass ich von so vielen die Infos bekommen habe. Das liegt am Studiengang: Lebensmittelchemie wird hauptsächlich von Frauen gewählt, ganz im Gegensatz zur normalen Chemie. Wir hatten sechs Frauen und drei Männer in unserem Semester. Zwei Semester unter uns gab es ein ganzes Semester, und zwar ein großes (12 oder 14, wenn ich mich richtig erinnere) ganz ohne männlichen Studenten. Da rechnet man damit, dass sich der Nachname ändert, was eine Suche fast unmöglich macht, denn selbst mit Doppelnamen gibt es etliche Kombinationen, von den „normalen“ Doppelungen mal ganz abgesehen (es gibt ja auch mindestens vier Bernd Leitenberger in Deutschland, mit zweien hatte ich mal persönlich direkt oder indirekt zu tun). Erstaunlicherweise war bei den beiden, die nicht fand, mit dabei die Einzige, die schon während unseres Studiums verheiratet war. Nun ja vielleicht hat gerade sie sich scheiden lassen.

Auf die Idee zu googeln, kam ich durch meine Nichte. Lebensmittelchemie war schon immer ein exklusives Studium, sprich es gibt nicht viel Auswahl bei den Arbeitgebern. Als ich von Chemie zu Lebensmittelchemie wechselte, sah es durch zahlreiche Skandale zumindest für mich als Student besser aus. Clenbuterol in Kälbern, Diethylenglykol in österreichischem Wein, (angeblich) verdorbene Eier in Frischeinudeln, Würmer in Fischen, das waren nur die wichtigsten Skandale, die es damals gab. Als ich das Studium beendete, setzte aber das große Sterben der Analytiklabors ein, die neben dem Staatsdienst der größte Arbeitgeber waren. Meine Nichte hat Biologie studiert und sucht auch schon seit geraumer Zeit nach einer Stelle, die ihr gefällt. Ich meine, sie sollte sich weiter qualifizieren Biologie durch etwas erweitern, was gesucht wird wie Mikrobiologie, Genetik, Informatik (ja es gibt auch Studiengänge Bioinformatik) oder eben einen Neuanfang wagen und was Neues probieren. Ich erinnerte mich an einige zufällige Begegnungen mit früheren Kommilitonen, nicht nur aus meinem Semester – da man während des Studiums drei von fünf Tagen ganztägig im Labor verbringt und das ein Trakt für drei Semester ist, kennt man zwangsläufig auch die Studenten zwei Semester über und unter einem. Ich erfuhr, dass einige ein zweites Studium angeschlossen haben, andere in einem Beruf arbeiten, der nur wenig mit dem Studium zu tun hat wie Pharmareferentin und eine arbeitete auch weit unter ihrer Qualifikation als Chemielaborant. Ich selber habe ja auch zweimal studiert, eine zweite Studentin aus unserem Semester auch. Ich weiß nur von einem, der wirklich als Lebensmittelchemiker arbeitet. Er war nominell in unserem Semester, lies sich aber nie sehen und hat dann den Abschluss auch ein Semester später gemacht, an der CLUA wurde er dann zum Liebling einer Laborleiterin, die ihn unterstützte und als dort eine Stelle frei wurde, wurde sie, welch ein Wunder, an ihn vergeben. Vier von uns neun arbeiten in Kosmetik- oder anderen Firmen die Bedarfsgegenstände herstellen, doch selbst hier sieht man unterbrochene Lebensläufe oder deren Verschleierung. Einer ist Geschäftsführer für eine Firma die Sicherheitssysteme herstellt und einer wie geschrieben ist Studentenbetreuer an der Hochschule für Druck und Medien in Stuttgart. Hat also gar nichts mit dem Studium zu tun. Flexibel sollte man also sein, auch in der Biologie. Na ja, weil ich das meiner Nichte bei meinem Besuch sagte, kam ich auf die Idee, doch selbst mal zu schauen, was aus meinen Mitstudenten wurde.

Warum ich auf den Blog kam, hat aber noch eine andere Dimension. Kurzzeitig kam ich mir wie ein Verlierer vor. Die Titel klingen gut und irgendwie haben doch die meisten meiner Mitstudenten „Karriere“ gemacht. Ich dachte kurz, wie ich wohl dastehen würde, wenn wir ein Ehemaligen-Treffen hätten. Aber ehrlich: eigentlich will ich gar nicht Karriere machen. Ich wäre auch eine miserable Führungspersönlichkeit. Ein Labor als Lebensmittelchemiker beim Staat zu führen, das wär‘s gewesen. Da hat man ein bis drei Chemieassistentinnen, die die Regelanalytik machen und man kann sich mit den Gutachten und Forschung z.B. an neuer Analytik beschäftigen. Aufrücken kann man praktisch nicht. Als Softwareentwickler wäre mein Wunsch ähnlich gewesen. Entweder allein oder in einem kleinen Team an etwas programmieren, aber nicht ein Team leiten oder weg von der Programmierung zum Systemdesign. Am selben Abend kam ich dann ins Gespräch mit einem ehemaligen Schulkameraden aus der Hauptschule, den ich regelmäßig beim Schwimmen treffe. Er fragte mich, wann ich Urlaub machte und ich sagte, dass ich dauernd Urlaub habe, da ich nun „Rentner bin oder mich ins Privatleben zurückgezogen habe“. Da kam sofort die Rückfrage „Aber Du machst doch noch was?“. Ja eigentlich habe ich es viel besser, als alle die Karriere machen. Ich muss nicht arbeiten und derzeit mache ich das auch kaum, wie man an den fehlenden neuen Büchern auch sieht. Selbst wenn ich arbeite, dann an etwas, womit ich nicht reich werde, auch wenn die Website durch ihre schiere Größe inzwischen doch nennenswerte Einnahmen abwirft und eine Karriere ist das sicher nicht.

Das eigentliche Thema für heute kann ich nach diesem sehr langen Epilog relativ kurz halten, es ist das Phänomen, wenn man Leute wiedertrefft, mit denen man früher viel zu tun hatte und nun viel Zeit vergangen ist., also die typischen Klassen- oder Ehemaligentreffen.

Ich habe drei Schulen besucht: eine Hauptschule, eine Berufsfachschule, in der ich den Realschulabschluss nachholte und ein Gymnasium, dann der Studiengang Lebensmittelchemie und später noch der Studiengang Softwaretechnik. Das deckt den Abschlusszeitraum 1980 bis 2004 ab. Da gäbe es also genügend mögliche Ehemaligentreffen. Bei der Hauptschule hatten wir zwei. Eines wenige Jahre nach Schulende, initiiert von unserem Klassenlehrer, dann noch eines 15 Jahre nach dem Abschluss, als wir alle schon um die 30 herum waren. Schon damals kam ich mir blöd vor. Ich war gerade in der Endphase meines Studiums, nominell habe ich den höchsten Abschluss von uns allen. Aber die anderen waren seit Jahren im Beruf und haben mehr oder weniger mit ihrem Einkommen geprotzt. Als dann noch bekannt wurde, dass ich mit dem Fahrrad kam, zog ich allgemeines Mitleid auf mich, dabei wussten eigentlich alle schon zu der Zeit, als ich zu Schule ging, dass ich nicht gut sehen kann und so nie einen Führerschein machen konnte.

Bei der Berufsfachschule habe ich mich von allen Schulen am wohlsten gefühlt und ab dem zweiten Treffen weitere organisiert, bis etwa 15 Jahre nach dem Abschluss, als einfach immer weniger kamen. Vom Gymnasium hatten wir bisher kein Treffen, ich habe einige ehemalige Schüler sieben oder acht Jahre nach dem Abi wiedergetroffen, als die Schule ein Treffen organisierte. Und beim Softwarestudiengang gab es auch kein Treffen.

Die Grundproblematik ist glaube ich der zeitliche Abstand zwischen Zeit, in der man zusammen war und Treffen. Mein Bruder geht immer noch regelmäßig zu Klassentreffen und Treffen seiner Studienkollegen. Das ist nie abgerissen (und er ist nun 72) und da bliebt man in Verbindung, sieht wie andere altern, sich weiter entwickeln, weiß was sie inzwischen gemacht haben und tun. Das ist etwas völlig anders, als wenn man mit jemand als Jugendlicher zusammen war und diesen nun nach Jahrzehnten wieder trifft. Die Menschen verändern sich, am meisten in der Pubertät und danach als junger Erwachsener. In der Erinnerung sind sie aber dieselben geblieben. Das betrifft nicht nur das Aussehen, sondern eben auch das Verhalten. Ich wurde beim Hauptschultreffen an mein albernes Verhalten zu der Zeit erinnert, das ich völlig vergessen (oder besser verdrängt) hatte. Das zweite ist, was man mit den Menschen gemeinsam hat. Es ist kein Zufall, das ich nach den Kommilitonen meines Lebensmittelchemiestudiengangs gesucht habe. Wir waren drei Semester während Studiengangs zusammen und den meisten bin ich dann auch noch während der einjährigen Praktikantenzeit an der CLUA Stuttgart wieder begegnet. Wenn man den größten Teil der Woche zusammen im Labor ist, lernt man andere kennen, erfährt privates, kennt zumindest aber den Charakter von jemanden besser. Das eine von uns Geschäftsführerin wurde, hat mich nicht so sehr gewundert, sie war schon zu Studienzeiten sehr zielstrebig und fleißig mit „preußischen Tugenden“, wie sei selbst sagte. Beim anderen der Geschäftsführer wurde, mit dem ich auch die zweite Prüfung machte, hat mich das dagegen schon verwundert. Bei einem gemeinsamen Studium verbindet auch das gemeinsame Interesse einen, auch wenn alle nun in Kosmetikfirmen gelandet sind und nach ihren Berufsbezeichnungen auf der „dunkeln Seite der Macht“ angekommen sind, der Produktentwicklung (für die Blogleser: damals war der Studiengang sehr auf die Bedürfnisse des Staates und damit die Lebensmittelüberwachung ausgelegt, umfasste als Hauptblöcke Lebensmittelanalytik und -recht, das war das, was man brauchte, wenn man Verstöße in Produkten nachweisen musste, aber nicht, wie man solche Produkte entwickelt).

Warum ich nicht beim jüngeren Studiengang Softwaretechnik (nach meinem Titel wäre auch Medieninformatik dabei, doch das lasse ich, weil es eigentlich im Studium kein Schwerpunkt war, meistens weg) gesucht habe? Das Studium war anders. Es gab Vorlesungen, relativ wenige Praktika, meistens arbeitete oder lernte man alleine. In einer Vorlesung gibt es wenig Möglichkeiten sich zu unterhalten oder kennenzulernen. Ich habe für den Blog mein Abschlussbuch rausgeholt, das wir damals machten. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass die meisten ich noch am Foto erkannte, aber nur von einem noch den Namen wusste und bei einigen sagte mir auch das Foto nichts, weil man doch relativ oft mit denselben Leuten zusammen ist. Ähnliches wäre auch zum Gymnasium zu sagen, wo ich zumindest noch alle Vornamen zusammenbekomme (und bei der Hälfte auch die Nachnamen). Die vollständigen Namen bekomme ich nur noch bei der Hauptschule und eben Lebensmittelchemie zusammen. Das zeigt schon, wie Leute dann doch aus der Erinnerung verschwinden. Die großen Überraschungen hat man aber erst, wenn man jemand wiedersieht, denn man zuletzt als Jugendlicher gesehen hat. Ich erzählte ja schon von meinem Schulkameraden von der Hauptschule. Als ich 2010 nach 15 Jahren ihn erstmals wieder sah, habe ich ihn nicht erkannt. (Er mich übrigens auch nicht). Er hat sich völlig verändert, an Gewicht zugelegt, kurze Haare, Vollbart, eigentlich haben sich nur die Augen nicht verändert.

Nun ja das ist heute kein Problem mehr. Digital kann man auch nicht altern. Was mich auch erstaunt hatte, war das nach den Fotos meiner Kommilitonen sich wenig geändert haben. Die meisten hatten sogar noch dieselbe Frisur wie damals, vor allem scheint aber an ihnen das Alter (also gut 25 Jahre) recht spurlos vorbeigegangen zu sein. Ich habe nochmals die alten Fotos rausgekramt und wenn ich da mich so ansehe … Na ja ich sehe deutlich älter aus. Sind es die guten Gene, oder nicht aktuelle Fotos, oder Photoshop – oder alles zusammen?

Das mit dem fehlenden Altern in der Erinnerung ist aber auch schön. Ich denke an die Frauen, in die ich mal verliebt war und die ich auch Jahrzehnte nicht mehr gesehen habe. In den Erinnerungen und auf den Fotos sind die jung geblieben, ebenso wir irgendwie auch die Erinnerung an sie jung geblieben ist, also sich nicht so anfühlt, als wären 30 oder 40 Jahre vergangen.

Ich habe mir die Frage gestellt, wo ich wohl noch mal ein Treffen besuchen würde, und ihr erratet es schon, es wäre bei einem Ehemaligentreffen meiner Chemiekommilitonen. Ich glaube bei allen anderen Treffen wäre es mir peinlich. Aber im Hauptstudium war ich auch nicht der beste Student, habe damals schon viel mit Computern gemacht und ich glaube es würde sich niemand wundern, was ich heute mache.

So, nun habe ich viel über mich geschrieben. Wie sieht es bei euch und euren Erfahrungen mit Klassen- oder Ehemaligentreffen aus?

22.8.2021: Anhänger, Fans, Gläubige und Jünger

Zeit mal meinen Senf zu einem Phänomen zu geben, das sich in unserer Zeit immer weiter ausbreitet, der Fanatismus bei einer Überzeugung, sie drückt sich in den obigen vier Stufen aus, die ich – aus meiner Sicht, nicht die einer „offiziellen“ Definition – erläutern will.

Ein Anhänger ist jemand, der ein gesteigertes Interesse an etwas hat. Also sich für etwas besonders interessiert. Bei mir wäre das in der Raumfahrt Ariane 1 bis 4, die Voyager Raumsonden. Wobei man das auch weiter fassen, kann in Trägerraketen und Raumsonden, Computer. Bei den meisten geht es aber beim Interesse eher um Menschen, also Sänger/innen, Gruppen, Filmstars, Sportidole und -mannschaften. Ein gesteigertes Interesse äußert sich darin, dass man mehr wissen möchte, oder in jeden Film geht und jede Platte /CD kauft. Ich denke jeder ist irgendwo Anhänger von irgendetwas, einfach weil die Interessen unterschiedlich liegen und jeder sich für etwas mehr interessiert als für anderes.

Der Fan als nächsthöhere Stufe hat ein Interesse, das schon grenzwertig am normalen Verhalten ist. Das Interesse geht nun so weit das man sich mit Dingen umgibt, die mit dem Gegenstand zu tun haben. Man kennt das von Fussball-Fans, die Kleidung in den Vereinsfarben tragen, Fangesänge gröllen. Sehr beliebt ist auch das Bepflastern des Eigenheims mit Postern oder Fanartikeln, die ja nicht umsonst so heißen. Hier geht schon einher ein gewisser Realitätsverlust, der sich vor allem in einer starken Abneigung gegen Konkurrenten äußert, aber auch eine Kritiklosigkeit gegenüber dem, von dem man Fan ist. Jeder kennt das von Fussballfans, da bei jedem Spiel es natürlich immer auch eine gegnerische Mannschaft gibt. Die wird ausgebuht oder ausgepfiffen. Besonders wenn ein Spieler den Verein wechselt, zeigt sich diese Seite. Der Spieler, der die letzte Saison noch bejubelt wurde, weil er beim eigenen Verein war, wird nun ausgebuht oder geschmäht, weil er beim gegnerischen Verein ist.

Immerhin hat der Fan noch ein gewisses Kritikbewusstsein. Er verlässt das Stadion, wenn die eigene Mannschaft grottenschlecht spielt, er buht seinen Star aus, wenn der alkoholisiert den Text gröhlt und man kann, mit ihm auch noch über die „Konkurrenz“, sprich Personen, Gruppen, Dinge die ähnlich, wie der verehrte Gegenstand/ Person/Gruppe sind, diskutieren, auch wenn er meint, das sein Objekt, das beste ist.

Ich habe überlegt, wo ich mal, Fan war, denn jetzt würde ich das von nichts behaupten und bin dann doch auf etwas gekommen: Computer. Früher war mein Heimcomputer das größte, selbst noch als es längst viel bessere auf dem Markt gab – da konnte man wenigstens als Vorteil den Preis herausstellen. Später war es dann bei den Programmiersprachen Objekt Pascal oder Delphi. Heute sehe ich das nüchterner. Ich kaufe alle paar Jahre einen PC, bisher immer dann, wenn der alte anfing, Mucken zu machen, Betriebssystem und Plattform werde ich nicht wechseln. Nicht weil etwas anderes nicht besser wäre, sondern schlicht und einfach weil ich nach Jahrzehnten mit der Windows/x86 Welt mich nicht komplett in etwas neu einarbeiten will. Das gilt auch für die Programmiersprache. Ich programmiere immer noch in Delphi, habe aber seit etlichen Jahren das RAD-Studio nicht mehr aktualisiert. Ich weiß, dass es andere Programmiersprachen mit schönen Konzepten gibt, aber wenn man bestehende Programme hat und eben auch Erfahrung will man nicht wieder als Programmanfänger bei einer anderen Sprache neu starten.

Die letzte Gruppe und die, weshalb ich den Blog eigentlich schreibe, sind Gläubige. Der Name verrät schon, wo das Wort herkommt, nämlich von „Glauben“, Glauben das hat primär etwas mit Religion zu tun und aus dem Umfeld stammt es auch. Was unterscheidet Glauben von dem Anhängen an einer Sache? Glauben kann man nicht hinterfragen, mann muss eben einfach daran Glauben. Glauben kann man nicht beweisen, wie sollte man Gott und all die Dinge die der Naturwissenschaft widersprechen in der Bibel denn auch wissenschaftlich erklären können? Da fällt mir ein Spruch meines ehemaligen Hauptschullehrers ein, der jedes Mal sagte, wenn ein Schüler bei der Antwort nicht sicher war und anfing mit „Ich glaube ...“. Glauben können sie in der Kirche, hier lernen sie etwas damit sie nicht glauben müssen“. Glauben hat auch etwas Dogmatisches an sich. Sprich man kann nicht nur vieles nicht hinterfragen, man darf es nicht hinterfragen. Heute werden Kirchenkritiker exkommuniziert, in früheren Zeiten wurden sie als Ketzer hingerichtet.

Mit Logik kann man an Glauben nicht herangehen, nicht mal innerhalb des Systems einer Kirche. Nehmen wir mal die Bibel, die ja für alle Christen gilt. Da findet man in dem ganzen Buch enorm viele Widersprüche. Praktisch für jede Ansicht findet man eine entsprechende Passage, die man so auslegen kann, womit dann auch z.B. der Ausschluss von Homosexuellen begründet wird. Aber selbst wenn man davon absieht, so unterscheiden sich doch altes und neues Testament gravierend. Das alte Testament handelt im wesentlichen von Gott und seiner Beziehung zu „seinem“ Volk, das bis heute daraus einen Anspruch auf das Land ableitet und dieser Geschichte der Beziehung über einige Jahrhunderte. Dieser Gott ist nicht nur auf die Israeliten beschränkt. Er ist auch sehr leicht reizbar und Verfehlungen werden übel bestraft. Da werden Leute zur Salzsäule und ein Volk irrt jahrzehntelang durch die Wüste.

Im neuen Testament kann jeder diesem Gott huldigen. Er ist nun also für alle da und seine grundsätzliche Haltung hat sich in die geändert, das man nett zueinander sein soll und barmherzig, während es beim alten Testament eher um „Auge und Auge“ geht. Ich bin nun kein Kenner der Inhalte des Islam, aber 600 Jahre später scheint der Gott sich das erneut überlegt zu haben mit den Grundsätzen und nochmals die Menschen aufgesucht und seine Ideen einem Propheten übermittelt zu haben. Zumindest, was die Scharia angeht, gibt es nun wieder die Rückkehr zu drakonischen Strafen. Seltsamerweise kennen die Religionen ja nicht diese Weiterentwicklungen an. Also die Juden nicht das neue Testament und die Christen nicht den Koran. Immerhin einiges scheint nun dem Gott im Islam sehr wichtig zu sein, nämlich Vorschriften für das Leben zu machen, wahrscheinlich weil die Leute im Christentum das vor lauter Missionieren haben schleifen zu lassen. Er schreibt vor, wie man zu beten hat, was man essen darf und dass nun alle Gottesdienste auf Teppichen barfuß und auf arabisch gehalten müssen. Ziemlich kleinlich dieser Gott. Mich würde echt interessieren, welche Meinung er nach weiteren 1400 Jahren derzeit gerade hat.

Ein weiteres Element des Glaubens habe ich schon erwähnt. Es ist das Missionieren. Alle anderen Menschen müssen von dem Glauben überzeugt werden, bei Kirchen ging das nicht immer friedlich zu. Da es nur einen wahren Glauben gibt, sind Gläubige auch unversöhnlich gegenüber anderen Glaubensrichtungen. Sie bekämpfen diese weitaus mehr als Menschen, die "ungläubig" sind, denn die haben eben keinen Glauben, die anderen haben aber den falschen Glauben. Erstaunlicherweise wird das um so schlimmer, je näher sich die Religionen sind. Die katholische Kirche hat viel weniger Probleme auf das Judentum und den Islam zuzugehen als auf die verschiedenen protestantischen Kirchen. Manche Verbote wie das des gemeinsamen Abendmahls werden wenn man sich die theologische Begründung ansieht skurril. Ich zitiere mal aus einem Artikel der deutschen Welle:

„Der katholischen Eucharistie darf nur ein geweihter Priester vorstehen. Nur er kann im Namen Jesu Brot und Wein in Leib und Blut Christi verwandeln. Nicht-Katholiken sind nicht zugelassen. In der evangelischen Kirche ist generell jeder Getaufte eingeladen, am Abendmahl teilzunehmen und jeder Getaufte kann das Abendmahl leiten. Deswegen lehnt die katholische Kirche die Mahlgemeinschaft mit Protestanten ab.

Außerdem hat das Abendmahl je nach Konfession eine andere Bedeutung. Katholiken sehen darin eine ständige Wiederholung der Opfer Jesu Christi. Die Hostie wird in ihrer Interpretation zu Jesus und kann dann angebetet werden. Für evangelische Christen wird mit dem Abendmahl lediglich an den Tod und die Auferstehung Jesu erinnert. Besonders herausgestellt wird die Gemeinschaft derer, die das Abendmahl feiern.“

Also für mich sind das keine stichhaltigen Argumente. Das ein Abendmal von einem Priester abgehalten werden soll, kann ich noch verstehen, ist aber in der evangelischen Kirche in der ich bin auch die Regel. Aber ist Christus nicht für uns alle gestorben, warum werden also Nicht-Katholiken ausgeschlossen? Vor allem – wie sieht man jemanden an, dass er katholisch ist?

Noch seltsamer diese Sache mit der Hostie, also die Bibel macht, dessen bin ich mir sicher, keine Vorschriften wie dies mit der Hostie abläuft und was sie bedeutet. Das ist also eine von der jeweiligen Kirche später eingeführte Vorstellung und fußt nicht auf den Glaubensgrundsätzen und sollet daher eigentlich fallen gelassen werden können. Aber da man sich von anderen Religionen abgrenzen will, tut man dies nicht.

Wäre dem nicht so, so wäre Theologie das einfachste Studienfach, das es gibt, denn die Bibel ist sowohl in Umfang wie darin steckendem Wissen jedem Lehrbuch, das ich in zwei Studiengängen verinnerlichen musste, unterlegen. Wäre das die alleinige Grundlage für ein Studium, es wäre traumhaft. Aber leider geht es ja nicht um die Bibel alleine, sondern etliches was die Kirchen später darum gebastelt haben.

Also die wesentlichen Elemente eines Glaubens sind für mich:

Seit 200 Jahren finden wir das System auch woanders: zuerst in Ideologien. Sei es Kapitalismus, Nationalsozialismus, Faschismus oder Kommunismus. Im Kapitalismus gibt es die Grunddoktrin, dass wenn jeder nur an sich selbst denkt, alle davon was haben, weil durch Wettbewerb die Preise sinken, weil jeder mehr verkaufen will. Die Tatsache das es in Ländern, in denen diese Wirtschaftsform praktisch nicht beschränkt wird, einem Großteil der Bevölkerung schlecht geht wird von Verfechtern stillschweigend ignoriert und da muss man nicht mal bis nach Amerika gehen, auch die FDP glaubt im aktuellen Wahlprogramm, das die Marktwirtschaft (eigentlich nur ein anderes Wort für Kapitalismus) eine Lösung für die Klimakatastrophe ist. Dabei ist die ja erst mit der industriellen Revolution die mit dem Ausbreiten des Kapitalismus einherging entstanden. In anderen Ideologien ist Nachdenken verboten. Da heißt es dann „die Partei hat immer recht“ oder „Willst Du sagen, das sich der Führer irrt?“. Ideologien sind die Religionen der Neuzeit.

Noch neuerer sind das Glauben an skurrile Theorien oder ganz neu an Firmen und Personen. Skurrile Theorien gibt es genug. Von der Vorstellung das sich die Erde auf der Innenseite einer Kugel befindet bis hin zur bekannten Mondlandungsverschwörungstheorie, ja überhaupt sind Verschwörungstheorien sehr eng mit dem Glauben verwandt. Ebenso wie diese kommt man in ihnen mit Logik nicht weiter, haben Anhänger den Drang zu missionieren oder Nichtgläubige zu verfolgen und geht es um einen Dogmatismus, den man nicht hinterfragen darf.

Es gibt aber auch Unterschiede. Zwar finden sich in religiösen Schriften durchaus Dinge, die den Naturgesetzen widersprechen und die dann auch als „Wunder“ gelten – in der katholischen Kirche gibt es diese ja bis heute und sie sind Voraussetzung heiliggesprochen zu werden – aber fundamentale Glaubensregeln wie ob es einen Gott ist und ob der Geist/Seele einer Person nach dem Tod weiter existiert, sind nun mal nicht naturwissenschaftlich beweisbar oder nicht beweisbar. Man kann nur Indizien anführen, dass wenn es einen Gott gibt, man von dessen Einfluss in den letzten Jahrhunderten wenig gemerkt hat. Demgegenüber wenden sich Verschwörungstheorien gegen Tatsachen oder naturwissenschaftliche Vorstellungen und sind relativ leicht durch Beweise zu entkräftigen. Doch dann (ich spreche aus Erfahrung) bekommen die Leute dann doch eine Attitüde, die mich an die finstersten Zeiten der katholischen Kirche erinnert, als "Ketzer" verbrannt wurden. Als Galileo sein erstes Fernrohr Vertretern der Stadt Venedig und der Kirche vorstellte, richtete er es auch auf den Jupiter. Nach der Legende soll sich der Kirchenvertreter geweigert haben die Monde durchs Teleskop anzusehen, denn sie werden in der Bibel nicht erwähnt und dürften daher gar nicht da sein. Ähnliches erlebt man, wenn man mit Verschwörungstheoretikern zu tun hat und ihnen beweist, dass ihre Behauptung falsch ist, auch das wird nicht anerkannt, weil es ja die ganze Ideologie zum Einsturz bringen würde. Oft findet man dann ein Verhalten, dass ich auch von der Zeit vor der Dominanz der Naturwissenschaften kenne – man entwickelt Stützthypothesen. Sprich führt immer weitere „Beweise“ an, bei jedem naturwissenschaftlich Vorgebildeten wäre beim ersten Widerspruch Schluss, denn eine Theorie ist gestorben, wenn es nur einen Beweis gegen sie gibt. Im Mittelalter, als man davon ausging, dass die Erde im Zentrum des Universums steht – interessanterweise, obwohl in der Bibel nichts darüber steht – gehorchten eben die Läufe der Planeten nicht den berechenbaren Kreisen um die Erde, besonders stark war dies beim Mars. Also führte man Kreise auf den kreisförmigen Bahnen ein, schon wurde die Näherung besser und dann noch Kreise auf den Kreisen auf den Kreisen und dann war die Bewegung schon im Rahmen der damaligen Genauigkeit übereinstimmend mit der Beobachtung. Dumm nur, dass es trotzdem falsch war.

Nun ist es nichts Neues, das Verschwörungstheorien für deren Gläubige etwas Religiöses haben. Es gäbe auch noch andere Gemeinsamkeiten, wie das Gefühl das man nur selbst recht hat und alle anderen unrecht und man Teil einer elitären Gesellschaft ist. Andere Gemeinsamkeiten habe ich ja schon erwähnt, so das gerne missioniert wird und andere die nicht der Meinung sind beleidigt werden – Hexenverbrennungen sind ja heute leider nicht mehr so ohne Weiteres möglich. Anders als bei Religionen wo man zumindest Glaubensgrundsätze widerlegen kann, kann man Verschwörungstheorien aber durch Kenntnis von Wissenschaft und Technik widerlegen. Entsprechend kenne ich auch niemand der vom Fach ist, der jeweils diesen Theorien anhängt. Leider macht das auch die Diskussion enorm aufwendig, weil man nicht auf eine Frage mit einigen Sätzen und einem Literaturhinweis wie bei jemand der vom Fach ist, antworten kann, sondern im Prinzip erst mal bei den Grundlagen anfangen muss, die derjenige nicht weiß, sonst würde er ja nicht auf die oft hanebüchenen Behauptungen kommen.

Inspiriert hat mich zu dem Blog, aber – wenn auch die Idee schon seit Längerem mir durch den Kopf geht – aber durch die völlig unreflektierten Kommentare von spacerfirstclass im Blog, auf die ich inzwischen gar nicht mehr eingehe.

Aber die „Anhänger“ von SpaceX sind schon etwas Besonderes. Zum einen gehen sie weiter als andere Fans von Raumfahrtfirmen. Es wurde schon berichtet, dass Sie auf das Firmengelände einbrechen, um ihr Starship aus der Nähe zu sehen. Viele liebäugeln auch mit einer Stellung bei der Firma, wohl vergleichbar Menschen, die gerne Priester werden wollen. Vor allem aber fallen sie auf:

Wir finden in Kommentaren denselben Dogmatismus, dieselbe fehlende Kritik an SpaceX wie bei Verschwörungstheoretikern und eine enorme Beredsamkeit, die ich auch in den ellenlangen Mails von Mondlandungsverschwörern finde. Von echten Missionaren unterscheidet sie aber, das sie nur kommentieren, selber nie aber einen Pro-SpaceX Artikel schreiben.

Der wesentliche Unterschied zu Religionen, Ideologien oder wirren Theorien aber ist: SpaceX ist eine reale Firma und Elon Musk ist eine lebende Person. SpaceX will nicht der Menschheit das Paradies bringen, sie wollen für ihre Anteilseigener, darunter Elon Musk, Gewinn erwirtschaften, wie jede Firma. Und Elon Musks Äußerungen wurden schon oft, manchmal von mir, oft von anderen als falsch erkannt, manchmal sofort, manchmal, wenn es um Ankündigungen ging, erst nach Jahren. Daneben ist er durchaus kein Heilsbringer. In seinen Firmen sind Gewerkschaften die Rechte der Arbeitnehmer vertreten können, nicht erwünscht, auch nicht in der neuen Fabrik in Brandenburg. Üblich ist das Leute unbezahlte Überstunden ableisten und mehrere Male hat er den Börsenkurs von Tesla manipuliert und ist schon ins Fadenkreuz der Börsenaufsicht geraten und hat dafür Strafen bezahlt. Er hat einen der Retter von in Thailand in einer Höhle eingeschlossenen Jugendlichen als Pädophilen bezeichnet, weil der nicht ein überhastet gebautes Mini-U-Boot von SpaceX einsetzen wollte. Irgendwie haben Jesus, Buddha und Mohamed da eine andere Vita.

Jesus Christus hat die Händler vor dem Tempel vertrieben, Elon Musk hätte wohl den Tempel in einen Laden umgewandelt.

So gesehen kann man eigentlich nicht von Gläubigern bei SpaceX reden. Der Glaube an SpaceX geht weitaus über das hinaus, weil hier ja jeder feststellen kann, das vieles nicht stimmt, was gesagt oder angekündigt wird oder nie eintritt. Das etwas nie so kommt wie angekündigt, dafür braucht man keine Raumfahrtkenntnisse. Hmm, wie hießen die Personen, die zu Lebzeiten Jesus seine Ansichten verbreiteten und weitere Gläubige warben? Jünger – ja das trifft es. Ich befürchte nur, wenn Musk genügend Geld aus SpaceX geschlagen hat oder sich herausstellt, dass Starlink nicht der finanzielle Erfolg wird, den er sich erhofft, wird es für die Jünger ein jähes Erwachen geben.

23.8.2021: Die Zweitstimme und Ratschläge für die Parteienwahl

Gescheitert vor der Bundestagswahl ist eine Reformation des Wahlverfahrens. Nach dem Gesetz hat der deutsche Bundestag 598 Mitglieder, doch derzeit sind 709 Abgeordnete im Bundestag und man prognostiziert, dass dies noch mehr Abgeordnete werden. Das hängt mit dem Verfall der Volksparteien in der Wählergunst zusammen. Es gibt die Erststimmen und die Zweitstimmen. Jeder der 299 Wahlkreise stellt somit zwei Abgeordnete. Einen direkt gewählten Abgeordneten über die Erststimme und einen Zweiten über die Zweitstimme, wobei dieser über eine Landesliste gewählt wird. Die Zweitstimmenverteilung ist wesentlich für die Verteilung der Abgeordneten im Bundestag. Erhält eine Partei über die Erststimmen mehr Direktmandate, als ihr eigentlich über die zweite Stimme zustehen, kommt es zu Überhangmandaten. Diese werden durch Sitze der anderen Parteien ausgeglichen (Ausgleichsmandate). Haben nun die Volkspartien immer weniger Zweitstimmenmandate, sind aber nach wie vor so stark, dass sie über Erststimmen ihre Kandidaten durchsetzen, so kommt es zu immer mehr Überhang- und Ausgleichsmandaten. Da dieser Trend sich seit Jahren verstärkt, wird der Bundestag immer größer. Dabei ist er jetzt schon groß. Soweit ich weiß ist nur Chinas Parlament größer, doch die haben auch viel mehr Einwohner. Innerhalb der EU ist es pro Einwohnerzahl das größte Parlament.

Meiner Ansicht nach sollte man das Erst- und Zweitstimmensystem aufheben. Es gibt es ja auch nicht bei Landtagswahlen. Der Grundgedanke bei den Vätern des Grundgesetzes war, das man einen Abgeordneten direkt wählt, der dann die Interessen der Bürger des Wahlkreises vertritt man einen Abgeordneten direkt wählt der dann die Interessen der Bürger des Wahlkreises vertritt und die Parteien als zweite Säule. In der Praxis sind aber alle gewählten Abgeordneten auch Parteimitglieder und werden von den Parteien aufgestellt und finanziert, denn Privatpersonen können sich einen Wahlkampf nur leisten, wenn sie viel Geld haben. Dann stimmen diese Abgeordneten aber auch nach den Vorgaben der Partei ab. So gesehen gibt es für mich keinen Unterschied, ob jemand über die Landeliste oder direkt gewählt wird. So kann man dann auch wieder ohne Probleme einen regulären Bundestag mit 598 Abgeordneten haben.

Ich habe ja schon in der Schule gelernt, wie das mit den beiden Stimmen ist. Aber bei einer repräsentativen Befragung wussten nur 36 % die richtige Bedeutung der Erststimme und 42 % der Zweitstimme. Das ist kein Ruhmesblatt für unsere Demokratie und auch nicht für die politische Aufklärung. Das macht sich gerne die FDP zunutze, die soweit ich mich erinnere, das zweimal als Konzept hatte, um Zweitstimmen bei Wählen der CDU zu betteln. 2013 und dann noch einmal bei Kohl. Im Prinzip läuft die Argumentation so „Liebe CDU Wähler, wählt ruhig mit eurer wertvollen Erststimme die CDU, aber wenn ihr die bisherige Politik weiterführen wollt, dann gebt die Zweitstimme der FDP“. So was macht sich eben zunutze, das nach der Umfrage 58 % der Wähler nicht wissen, dass die Zweitstimme über die Anzahl der Sitze im Parlament entscheidet und 36 % (nach obiger Befragung) sogar meinen, die Erststimme wäre die wichtigere. So gesehen würde die Abschaffung einer Stimme viele falsche Wahlentscheidungen nicht ermöglichen. Die Konrad-Adenauer-Stiftung machte Interviews, zwar nur bei 70 Personen, kam aber auf Antworten wie: „Ich habe Linke und AfD gewählt, wobei ich die AfD nur im regionalen Kreis gewählt habe, weil ich nicht wollte, dass die in den Bundestag rein kommen. (…) Erststimme Linke, Zweitstimme AfD“. Ja das ist dann in die Hose gegangen.

Die Stiftung fordert auch, dass die Stimmzettel verständlicher gestaltet werden müssen. Ich würde, wenn man das System von zwei Stimmen beibehält, mehr und eine frühere Aufklärung fordern. Es gibt dann ja Wahlwerbespots, bei denen immer nach dem Spot ein Hinweis kommt „Dies war ein Wahlwerbespot der xxx, yyy. Für den Wahlwerbespot sind die Parteien verantwortlich“. Xxx und yyy sind die Partei als Kürzel und in vollständiger Bezeichnung. Stattdessen könnte man schreiben: „Sie haben zwei Stimmen. Die für die Zusammensetzung des Bundestags wichtige ist die Zweitstimme. Mit der ersten Stimme wählen sie einen Direktkandidaten aus ihrem Wahlkreis“. Denn den Zettel hat man erst vor sich, wenn man in der Kabine ist und ich glaube nicht, dass man ihn komplett durchliest, also ich gehe nur die Liste durch, bis ich bei meiner Partei bin. Selbst wenn er durchgelesen wird, dann soll nun der Wähler in der Kabine eventuell seine Entscheidung revidieren und das ist doch Stress, den man nicht haben muss. Besser wäre, wenn man im Wahlraum oder davor ein großes Plakat mit einer kurzen Erklärung aufhängt und zusätzlich die Briefumschläge entsprechend beschriftet. Aber nur Stimmzettel umzugestalten reicht nicht.

So, und nun für alle noch unentschlossenen Wähler, eine nicht ernst gemeinte Zusammenfassung des Wahlprogramms zur Meinungsfindung:

25.8.2021: Die Erforschung Jupiters mit Raumsonden und JUICEs Mission

Einleitung

JUICE (JUpiter ICy moons Explorer) ist die erste ESA-Mission zu den äußeren Planeten und sie ist auch die schwerste Jupitersonde für einige Jahre, bis die Europasonde der NASA sie übertrifft. Sie ist vergleichbar mit Galileo, verfügt wie diese über eine reichhaltige Instrumentensuite die sowohl geeignet ist Jupiter und seine Umgebung zu erforschen wie auch die Monde, die JUICE passiert und in deren Orbit sie einschwenkt.

Missionen zu Jupiter

Es gab bisher wenige Sonden zu Jupiter, das liegt zum einen an der Entfernung die eine hohe Startgeschwindigkeit nötig macht und so die Trägerrakete verteuert, aber auch an der hohen Belastung durch den Strahlengürtel und die geringe Sonneneinstrahlung die früher RTG als Energieversorgung nötig machte. Bisher gab es nur zwei Sonden, die in einen Orbit um Jupiter einschwenkten und fünf weitere die ihn passierten.

Den Anfang machten Anfang der Siebziger Jahre Pioneer 10 und 11. Wie der Name „Pionier“ schon sagt gehörten diese Sonden zu einem Programm, bei dem es darum ging, die ersten zu sein, den Weg zu bereiten. Pioneer Sonden waren relativ einfach aufgebaut und hatten eine beschränkte wissenschaftliche Nutzlast. Pioneer 10 und 11 hatten neben der Erforschung des Jupiters selbst vor allem die Hauptaufgabe den Asteroidengürtel zu durchfliegen und festzustellen in wiefern er gefährlich für eine Raumsonde sein kann. Bedingt durch das kleine Kamerasystem und die geringe Datenrate, lieferten die Sonden nur wenige Hundert Bilder von Jupiter und nur jeweils ein grobes von den vier großen (galileischen) Monden. Ihre wichtigste Beobachtung bei Jupiter war aber die Feststellung eines starken Magnetfelds, das geladene Teilchen der Sonne einfängt und so einen Strahlengürtel bildet, der um ein vielfaches stärker als der Van Allen Strahlungsgürtel der Erde ist. So konnte man die im Bau befindlichen Voyager Sonden zusätzlich gegen die Strahlung abschirmen.

Voyager 1 und 2 für die Pioneer 10 und 11 den Weg geebnet hatte,n sollten eine seltene Planetenkonstellation ausnutzen die es Ende der siebziger Jahre gab. Eine Sonde konnte nacheinander alle vier Gasplaneten besuchen. Das tat auch Voyager 2, während Voyager 1 nur an Jupiter und Saturn vorbeiflog. Die Voyagers waren mehr als dreimal so schwer wie die Pioneers und hatten eine umfangreichere Instrumentensuite zur Beobachtung der Gasplaneten und ihrer Umgebung. Jupiter ist so groß, das beide Sonden etwa 80 Tage vor und nach dem Vorbeiflug Aufnahmen machen konnten und sie flogen auch erstmals relativ nahe an den vier galileischen Monden Io, Europa, Ganymed und Kallisto vorbei. Beide Sonden lieferten zusammen über 30.000 Bilder von Jupiter und seinen Monden. Sie enthüllten, dass diese Monde nicht die uninteressanten Eisbrocken waren, für die man sie vorher hielt. Begingt durch die Gezeitenkraft Jupiters waren die inneren drei galileischen Monde tektonisch aktiv. Beim jupiternächsten Mond Io reichte das Durchwalken durch die Gezeitenkräfte Jupiters für eine starke vulkanische Tätigkeit, welche die Oberfläche permanent verändert. Selbst zwischen den vier Monaten die zwischen den Vorbeiflügen der Voyagers lagen veränderte sich die Oberfläche – und das auf einer Skala die noch aus großer Entfernung sichtbar war. Bei dem nächstäußeren Mond Europa reichten die Gezeitenkräfte noch für eine Einglättung aller Impaktstrukturen. Dafür gab es merkwürdige Linien, deren Natur man erst später verstand. Der größte galileische Mond Ganymed zeigte einen Aufbau aus verschiedenen Schollen mit Bruchlinien. Lediglich der äußerste galileische Mond, Kallisto entpuppte sich als vollständig mit Einschlagkratern bedeckt. Die Voyagers entdeckten einen Plasmatorus zwischen Io und Jupiter, Nordlichter auf Jupiter, drei weitere Monde und einen Ring um den Planeten.

Um dieses nun viel interessantere Jupitersystem eingehender zu untersuchen, baute die NASA die Galileosonde. Sie basierte auf Voyager, zahlreiche Instrumente waren direkte Fortentwicklungen der Voyagerinstrumente. Daneben sollte sie eine Atmosphärensonde mitführen, die etwa eine Stunde lang beim durchqueren der Wolkenschicht die oberste Schicht untersuchen sollte. Anders als Voyager sollte die Hauptsonde aber in einen Orbit eintreten und diesen durch Vorbeiflüge an den galileischen Monden verändern und diese dabei aus viel geringerer Distanz (wenige Hundert bis Tausend Kilometer anstatt zehntausende bis Hunderttausend von Kilometern) als Voyager untersuchen. Zwischen den Vorbeiflügen würde sie Jupiter beobachten. Galileo geriet aber zum Pechvogel. Erst stand lange Zeit nicht fest, wie die Sonde zu Jupiter kommen sollte. Als der Start anstand, verlor die NASA die Challenger bei der Mission 51L. Danach dürfte aus Sicherheitsgründen die Centaur-Oberstufe nicht mehr eingesetzt werden. Ohne diese Stufe kam die Sonde aber nicht zu Jupiter. Man erarbeitete einen Ersatzplan, der drei Vorbeiflüge an Venus und der Erde vorsah bei der diese Swing-Bys die nötige Energie lieferten. Der Start verzögerte sich so um drei Jahre und die Reise zu Jupiter dauerte auch drei Jahre länger. Als man dann die entfaltbare Hauptantenne auf die endgültige Größe bringen wollte, stellte sich heraus das dies nicht ging. Die Ursache konnte nie vollständig geklärt werden, man vermutet aber das bei dem mehrfachen Transport der Sonde mit einem Truck quer durch die USA von Kalifornien zu Florida und zurück durch Erschütterungen Schmiermittel auslief und so eine Strebe durch die erhöhte Reibung nicht weiter aufging.

Ohne die Hauptantenne sank die Datenrate auf ein Tausendstel ab, da man nur eine ominndirektionale Hilfsantenne nutzen konnte. Die Sonde konnte so trotz Hinzunahme der größten Empfangsantennen und ursprünglich nicht vorgesehener Komprimierungsalgorithmen nicht die Ergebnisse bringen, die man sich von ihr erhoffte. Die Mission wurde mehrmals verlängert, als sich Ausfälle durch die Strahlenbelastung häuften und die Finanzierung auslief versenkte man sie im Jupiter, damit sie nicht auf einen der Monde aufschlug, denn Galileo zeigte, das Europa wahrscheinlich einen sehr ausgedehnten unterirdischen Ozean hat.

Dagegen passierte Cassini Jupiter nur, um Schwung zu holen, um zu ihrem endgültigen Ziel Saturn zu kommen und Treibstoff für die Reise zu sparen. Da sie dafür nicht stark beschleunigt werden darf, sonst muss sie die Überschussgeschwindigkeit bei Saturn abbauen, hielt sie einen großen Abstand zu Jupiter von 10 Millionen km. Das reichte aus um Jupiter und seine Atmosphäre zu erkunden, aber nicht um das innere Magnetfeld, den Strahlungsgürtel und die galileischen Monde zu beobachten.

Etwas näher an Jupiter kam New Horizons 2007 beim Vorbeiflug. Auch sie nutzte ihn als Sprungbrett, diesmal zu Pluto. Doch auch New Horizons näherte sich Jupiter auf maximal 3,2 Millionen km und konnte keinen der vier großen Monde detailliert abbilden. Für das Erforschen der Plasmaumgebung, die in dieser Entfernung schon stark ist, fehlten der Raumsonde die Instrumente, da man eine Plasmaumgebung nicht bei Pluto erwartete. Es gelangen jedoch eindrucksvolle Aufnahmen von Jupiter.

Alle diese Raumsonden nutzten RTG als Energiequelle. Das sollte sich mit der nächsten Mission ändern. Solarzellen wurden in den letzten Jahrzehnten deutlich in ihrer Leistung gesteigert, sodass sie als alternative Stromquelle in Betracht kommen. Für Europa, die JUICE bauen, ist dies auch die einzig mögliche Energieversorgung, denn über RTG verfügt die ESA nicht. Die ESA hat aber schon Solarzellen auf der Raumsonde Rosetta eingesetzt, die sich auch bis Jupiterentfernung von der Sonne entfernte. Die erste Sonde, die allerdings nur Solarzellen dauerhaft bei Jupiter als alleinige Stromquelle nutzt, ist Juno. Juno umkreist Jupiter seit 2016 auf einer polaren Umlaufbahn und kommt ihm bis auf wenige Tausend Kilometer nah. Damit umgeht sie den Strahlengürtel, der am Äquator am stärksten ist und unterhalb der Ringe nur schwach ist. Juno konzentriert sich wieder auf Jupiter selbst, während seit Voyager das Hauptaugenmerk von Sonden auf den galileischen Monden lag. Sie erforscht die Atmosphäre, ihre Strahlenbilanz und die Magnetosphäre und die Plasmaumgebung Jupiters. Auf ihrer Umlaufbahn kam sie bis zur erweiterten Mission keinem der Satelliten nahe, das soll sich nun ändern. 2021 fand der erste Vorbeiflug an Ganymed statt. Ein weiterer an Europa und zwei an Io folgen in den nächsten Jahren. Leider verfügt Juno, da sie normalerweise nur Jupiter aus geringer Distanz beobachtet, über keine hochauflösende Kamera, so sind nur Aufnahmen im globalen Maßstab möglich, trotzdem sind dies die besten seit Galileo, also mehr als 20 Jahren.

JUICE und Europa Clipper

Ende des Jahrzehnts wird Jupiter nun erneut Besuch von zwei Raumsonden bekommen: JUICE von der ESA und Europa Clipper von der NASA, die im Oktober 2024 startet und 2030 Jupiter erreicht. JUICE wird seit 2014 entwickelt und soll im Mai nächsten Jahres starten. Verpasst sie dieses Startfenster so gibt es weitere bis 2025, dann kann die Reise aber bis zu 9, anstatt 7,6 Jahren dauern. JUICE (JUpiter ICy moons Explorer) wird Jupiter und die großen Eismonde, das sind Europa, Ganymed und Kallisto untersuchen. Sie verfügt über 10 Instrumente, darunter einige die bisher noch nie im Jupitersystem eingesetzt wurden, wie ein Radargerät. Die über 5 t schwere Sonde gelangt wie alle seit Voyager nicht direkt zu Jupiter, sondern führt drei Vorbeiflüge an der Erde und je einen an der Venus und dem Mars durch. Ende 2029 schwenkt sie in eine erste Umlaufbahn ein. Der erste Vorbeiflug mit Ganymed findet schon vor dem Eintritt in den Orbit ein. Die erste Phase dient dann dazu die Umlaufdauer zu reduzieren, die anfangs bei 272 Tagen liegt. In dieser Phase ist daher Jupiter das wichtigste Beobachtungsziel. Zwei weitere Vorbeiflüge an Ganymed reduzieren die Umlaufdauer auf 7,15 Tage, ein vierter Vorbeiflug an Ganymed bringt JUICE auf den Kurs zu Kallisto und damit in die nächste Phase der Mission. Kallisto lenkt JUICE zu Europa. Der Mond wird zweimal in zwei Umläufen passiert, dann hebt ein weiterer Kallistovorbeiflug die Bahn wieder an, da in Europa Umgebung die Strahlenbelastung 20-mal höher ist, als bei Ganymed. Die nächste Phase gilt wieder Jupiter. Bisher kennt man den Strahlengürtel vor allem um den Äquator, weil alle Raumsonden Jupiter auf niedrig geneigten Bahnen passierten, sie sollten ja schließlich noch weitere Ziele ansteuern bzw. bei Galileo sollten die Monde die ebenfalls auf der Äquatorebene Jupiter umkreisen häufig passiert werden. Juno fliegt dagegen bei der polaren Bahn über dem Strahlengürtel. Sechs Vorbeiflüge an Kallisto sollen die Bahnneigung auf 22 Grad erhöhen, optional kann man diese weiter erhöhen sechs weitere würden die Bahnneigung auf 30 Grad erhöhen und weitere fünf die Bahnneigung auf 40 Grad. Derzeit gilt die 22 Grad Grenze als die wahrscheinlichste Option, doch vielleicht entscheidet man, wenn JUICE erst mal bei Jupiter ist und man die genauen Treibstoffreserven kennt, neu. Schließlich bedeutet jeder Vorbeiflug an Kallisto auch weitere Beobachtungsmöglichkeiten. Diese Phase dauert minimal 117 Tage.

In der nächsten Phase wird die Sonde für das Eintreten in einen Ganymedorbit vorbereitet. Je zwei Vorbeiflüge an Ganymed und Kallisto reduzieren die Annäherungsgeschwindigkeit drastisch von 3,8 auf 1,6 km/s. Danach wird nur noch Ganymed passiert, wobei dies immer so erfolgt soll, dass ein neuer Resonanzorbit resultiert, das heißt Ganymed und Raumsonde sind nach n/m Umläufen am selben Ort und ein neuer Vorbeiflug erfolgt. Solche Resonanzorbits sind z.B. 9:5, 7:4, 3:2, 7:5, 4:3. Ein Umlauf dauert zwischen 64 und 40 Tagen. Nach etwa 200 Tagen wurde so die Geschwindigkeit zu Ganymed auf unter 200 m/s reduziert und die Sonde kann in einen ersten Orbit eintreten. Der erste Orbit ist zur Sicherheit elliptisch, er wird nach kurzer Zeit in einen kreisförmigen Orbit in 5.000 km Distanz zur Oberfläche umgewandelt. In diesem wird Ganymed global mit den Instrumenten untersucht, und global kartiert. Störungen durch Jupiter und die Sonne führen nach 80 Tagen zu einem Ansteigen der Exzentrizität. Wenn nach weiteren 20 Tagen das Perizentrum auf 500 km abgesunken ist, wird ein neuer kreisförmiger Orbit in 500 km Distanz angestrebt. Hier untersucht man dann einzelne Ziele der Oberfläche in höherer Auflösung. Diese Phase dauert weitere 180 Tage, sodass die Sonde zusammen 280 Tage Ganymed untersucht.

Damit wäre die Mission nominell beendet. Doch der Orbit kann mit geringem Treibstoffverbrauch aufrecht erhalten werden. Optional könnte m,an nach Ende der Primärmission noch näher an Ganymed heranrücken, 200 km Oberflächendistanz als Alternative werden untersucht. Ohne eine Verlängerung wäre die Mission im Juni 2033, nach drei Jahren und acht Monaten im Jupitersystem beendet.