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Web Log Teil 633: 29.9.2021 - 11.10.2021

29.9.2021: Der Kanzlermacher

Mal eine kleine Wahlnachlese. Ich wollte erst mal zwei Tage vergehen lassen, auch um das Ergebnis selbst bei den Parteien sacken zu lassen. Es gibt drei Parteien die Stimmen hinzugewonnen haben: die Grünen, SPD und FDP. Drei weitere Parteien haben Stimmen verloren: die CDU/CSU, AfD und Linke. Der Wähler hat also die Konservativen und die Parteien ganz links und rechts am Spektrum abgestrafft. Die Wahl war deswegen etwas besonders, weil es die erste offene Wahl seit 1949 war, denn vorher trat immer auch ein Amtsinhaber an. Der hat verständlicherweise einen Amtsbonus, wenn er nicht viel falsch macht.

Erstaunt war ich darüber das Laschet, unterstützt von einem Teil der CDU wie dem Vize Strobel doch Gespräche über eine Ampelkoalition aufnehmen will. Gerechterweise muss man sagen, dass es auch Gegenstimmen in der CDU gibt. Die CDU ist doch der Wahlverlierer, sie hat die größten Einbußen jemals erlitten, ist inzwischen unter 25 %, wobei Parteienforscher schon bei unter 30 % die „Todeszone“ für eine Volkspartei sehen. Sie hat auch von allen Parteien am meisten Stimmen verloren und ist Zweiter.

Es ist guter, demokratischer Brauch, dass die Partei mit den meisten Stimmen die Koalitionsverhandlungen führt und nicht die Partei mit den zweitmeisten Stimmen. Das war selbst 2002 so, als sich Stoiber selbst vorzeitig zum Wahlsieger erklärte – CDU und SPD hatten bis auf die Nachkommastelle am Endergebnis dieselben Prozente und schließlich 248 bzw. 251 Sitze im Parlament. Hier haben wir nicht 0,1 % Unterschied sondern über 1,7 Prozent Abstand.

In den Medien höre ich, dass Laschets politisches Überleben von einer Regierungsbildung unter ihm abhänge, weshalb er auch keinen Fraktionsvorsitzenden für ein Jahr wählen wollte, um im Falle gescheiterter Koalitionsverhandlungen dann wenigstens dies Amt einzunehmen. Ich sehe das nicht so. Denn anders als andere Kandidaten vor ihm sitzt er ja immer noch fest im Sattel als Ministerpräsident des größten Bundeslandes und hat damit auch eine einflussreiche Position. Deutlich tiefer fiel vor vier Jahren Martin Schulz, der vorher seinen Posten als EU-Präsident aufgab und nach der Wahl überhaupt kein Mandat mehr hatte, weder in der SPD-Fraktion noch in der Koalition. Von ihm hat man seitdem gar nichts mehr gehört und ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich erst in der Wikipedia nachschlagen musste, weil ich den Namen nicht mehr ganz präsent habe.

Nun führen FDP und Grüne erst mal unter sich Gespräche – an und für sich eine gute Sache, denn mit der Erosion der Volksparteien, ein Prozess den es seit 2009 gibt, gewinnen sie an Stimmen und der Unterscheid in den Mandaten zu SPD/CDU ist nicht mehr so groß. War es früher so, dass eine Volkspartei 40+ Prozent bekam und dann ein kleiner Koalitionspartner um die 10 Prozent. Heute haben FDP und Grüne zusammen schon mehr Stimmen als der große Partner und die Grünen kommen bis auf 10% an das Ergebnis von SPD und CDU heran. Ich glaube aber das Ergebnis dieser Zweiersondierung wird nicht viel anders sein als bei Dreiergesprächen. Es gibt Punkte in denen sind sich FDP und Grüne einig. Das betrifft Digitalisierung, Sicherheitspolitik, in der Gesetzgebung im Inneren „liberalere“ Werte und die Außenpolitik. In der Finanzpolitik, Sozialpolitik und der Klimafragen trennen die beiden Parteien Welten, weitaus mehr Gemeinsamkeiten hat jeweils eine Partei mit einer der beiden „Volksparteien“ (in der Todeszone). Die FDP mit der CDU/CSU und die Grünen mit der SPD. Diese Streitpunkte werden offenbleiben und man wird versuchen sich dann mit dem großen Partner zu einigen der jeweils einer der beiden kleineren näher steht.

Welche Chance hat die CDU eine Koalition zustande zu bringen? Wenn, dann muss sie mehr bieten als die SPD. Das wird schwierig, weil SPD und Grüne programmatisch sehr nahe liegen und beide Parteien schon vor der Wahl gesagt haben, sie möchten koalieren. Wenn die CDI aber tatsächlich so nahe auf die Grünen eingeht, dass diese mit ihr anstatt der SPD koalieren möchte, dann würde das zwangsläufig zum Konflikt mit der FDP ausarten. In der Steuerpolitik sind die Programme von FDP und Grüne diametral entgegengesetzt: Die FDP will die Schuldenbremse halten, höhere Einkommen weniger besteuern, aber trotzdem mehr Geld für Infrastruktur ausgeben. Mit den Ausgaben für Infrastruktur ist man bei den Grünen einig, nur sieht man dort neue Schulden und eine Erhöhung der Steuern dafür notwendig – das denke ich auch, wie soll man mit weniger Steuereinnahmen ohne neue Schulden mehr Geld ausgeben können? Das ist ein Beispiel andere gäbe es. Ein Journalist drückte das so aus: “Die FDP sieht den Staat als Bremser und die Grünen den Staat als Antrieb für den Wandel“.

Was ich befürchte ist, dass die FDP wie schon vorher Kanzlermacher spielt. Helmut Schmidt sagte mal in einer Talkshow sinngemäß: „Die FDP hat schon zweimal ihren Koalitionspartner gestürzt, weil es ihr nutzte und sie wird nicht zögern, das auch ein drittes mal zu tun“. Die FDP liebt es, das Zünglein an der Waage zu sein. Erinnern wir uns: nach der letzten Wahl lies sie die Verhandlungen platzen und Lindner erklärte: „Lieber nicht regieren als schlecht regieren“. Auch hier spielte sie wieder Kanzlermacher, auch wenn sie nicht in die Regierung gelangte. Und der Parteivorsitzende ist immer noch derselbe. Ich befürchte das er, weil er in der Ampelkoalition nur wenig vom FDP-Programm durchsetzen kann, die Koalitionsverhandlungen platzen lässt, hat er ja schon mal gemacht, in der Hoffnung das dann eine Dreierkoalition mit der CDU/CSU klappt. Anders als 2017 sind ja „Jamaica“ und „Deutschland“ möglich. Zutrauen würde ich Lindner das ohne Problem. Ich hoffe nur, dass die Grünen sich so nicht erpressen lassen. Es gäbe ja dann immer noch zwei Alternativen: rot-schwarz und rot-rot-grün. Die erste Alternative ist sicher nicht das, was CDU/CSU und SPD wollen. Klar ist, dass beide Partien erneut in einer großen Koalition beide an Zustimmung verloren würden, so war es bei den letzten drei großen Koalitionen. Für die CDU käme noch hinzu, dass sie als kleinerer Partner nicht den Kanzler stellen würden. Schon 2017 musste der Bundespräsident der SPD zureden, damit sie überhaupt auf Verhandlungen einging. Rot-Rot-Grün hat aber nur 363 Sitze im Parlament, 368 wären für eine Mehrheit nötig. In anderen Ländern gibt es Minderheitsregierungen, bei uns bisher nicht. Immerhin sind die Parteien sich programmatisch am nächsten und es dürfte keine Probleme bei den Koalitionsverhandlungen geben, zumal die Linken ja schon im Wahlkampf sagten, sie bestehen nicht auf ihren außenpolitischen Forderungen.

Es wird spannend, ich fürchte aber es dauert auch lange. Nach der letzten Wahl platzten die Koalitionsgespräche erst im November, und bis man dann eine neue Regierung hatte, war es März, also fast ein halbes Jahr. So stehen die Chancen gut, dass Merkel, die dienstälteste Kanzler/in wird – denn sie bleibt ja solange geschäftsführend im Amt. Bleibt Merkel bis zum 17. Dezember 2021 im Kanzleramt, übernimmt sie die „Spitzenposition“.

2.10.2021: Könnte JUICE mit Ionenantrieb zum Jupiter gelangen?

0Ich arbeite gerade an einem Artikel über die ESA-Raumsonde JUICE. Wie die NASA Mission zu Jupiter, Europa Clipper, gelangt sie durch zahlreiche Swing-By Manöver zu Jupiter. Der Grund ist relativ einfach: keine Trägerrakete, die verfügbar ist, würde die Sonde direkt zu Jupiter befördern können. Die Reise dauert aber lange, mindestens 7,6 Jahre, sollte, wie ich einer neueren Veröffentlichung entnehme, der Start von Mai/Juni 2022 auf September/Oktober 2022 verschoben werden, so könnten es sogar zwei Jahre mehr sein.

Ich will in diesem Blog erkunden, ob es nicht auch mit meinem Lieblingsantrieb, dem Ionenantrieb ginge und wenn möglich schneller. „Erkunden“, weil ich den Blog parallel zum Rechnen schreibe, also jetzt am Anfang noch nicht weiß, wie es ausgeht.

Datenlage

Leider gibt es bei JUICE relativ wenige Daten vor der Mission über den genauen Missionsverlauf. Im Red Book, der Vorlage für die Mission der JUICE Sonde. geht man im Jupitersystem von einem Δv von knapp 1700 m/s aus. Nach Informationen von Astrium ist das Δv Vermögen des Antriebssystems aber 2800 m/s. Ich vermute ein Großteil der Differenz wird für Deep Space Manöver benötigt. Vereinfacht gesagt muss jeder Swing-By die Sonde ja wieder zu einem neuen Swing-By-Ziel bringen und will man nicht lange warten, bis man einen Resonanzorbit durchlaufen hat, muss man den Kurs zwischen durch leicht ändern. Die meisten neueren Raumsonden führten solche Deep Space Manöver durch so auch Cassini und Juno, die vorher den Jupiter erreichten. Ich bin davon ausgegangen, dass die Sonde nur 2000 m/s im Jupitersystem benötigt, der Rest von 800 m/s für Deep Space Manöver benötigt wird. Weiterhin offen sind die Start- und Trockenmasse von JUICE. Das Red Book nennt 1,8 t Trockenmasse und 4,8 t Startmasse. Inzwischen scheint die Sonde schwerer geworden zu sein und nun je nach Quelle zwischen 5,2 und 5,5 t beim Start wiegen. Ebenso sind die genauen Massen des Antriebsmoduls nicht bekannt. Ich bin im Folgenden von einem Voll-/Leermasseverhältnis von 6 des reinen Antriebs ausgegangen, demselben wie beim Antriebsmodul von Galileo.

Optionen

Ich gehe nicht davon aus, dass man von einem LEO aus startet, vielmehr davon, dass man die Sonde auf eine Fluchtbahn mit einer Ariane 5 ECA befördert. Alles andere hätte eine komplette Neuentwicklung nötig gemacht. So gehe ich aber von folgendem Ansatz aus: Damit die Sonde bei Jupiter mit rund einem Dreißigstel der Sonneneinstrahlung in Erdnähe betrieben werden kann, hat sie große Solarzellenflächen mit 85 m² Fläche. Da man spezielle Solarzellen braucht, die strahlenresistenter sind und bei tiefen Temperaturen noch funktionieren, kann man nicht die Leistung von Solargeneratoren für große Satelliten ansetzen. Ich habe mit daher Juno verglichen. Juno hatte 45 m² Fläche mitz einer Leistung bei Missionende von 412 Watt. Bei JUICE sind zu Missionsende mit 820 Watt fast doppelt so viel und auch die Fläche ist mit 82 zu 45 Quadratmeter fast doppelt so hoch. Das lässt den Schluss zu, dass sich auch die Leistung pro Fläche nicht so unterscheidet. Und man kann von den 18 kW Leistung von Juno bei der Erde auf 34 kW bei JUICE hochrechnen.

Das ist mehr als genug Strom um mehrere Ionentriebwerke der 4 bis 7 kW Klasse parallel zu betreiben. So benötigt man eigentlich nur noch die Triebwerke selbst und den Treibstoff. Ich bin von einem Voll-/Leermasseverhältnis von 10 bei dem Druckgastank ausgegangen, das entspricht dem Verhältnis der CFK-Druckgastanks für Helium bei der Ariane 5, nur gefüllt mit Xenon. Dawns Tank liegt mit einem Verhältnis von 17 noch erheblich besser, das liegt wohl daran, dass die Tanks von Ariane 5 älter sind und Helium besser abgeschirmt werden muss, da es als kleines Molekül leichter durch die Hülle diffundieren kann.

Zum Gewicht der Sonde mit dem chemischen Treibstoff kommt so nur noch der Ionenantrieb und die Tanks mit Treibstoff, wie viel Treibstoff und Tanks wiegen habe ich offen gelassen, da ich den Geschwindigkeitsbedarf nicht kenne, doch benötigt man mehr Treibstoff, so sinkt einfach die nutzbare Masse.

Von den Bahnen her gibt es drei Optionen:

Basisberechnung

Zuerst berechne ich mal die Masse der Sonde mit einem chemischen Antriebssystem, das 2 km/s aufbringt, nicht 2,8 km/s wie JUICE. Das sind immer noch 300 m/s als im Red Book. Ich komme bei einem spezifischen Impuls von 3000 m/s für den Antrieb auf 1.406 kg für JUICE ohne Antriebsmodul. Basierend auf dieser Masse errechnet man eine Startmasse von 3.377 kg, wenn nur 2 km/s aufzubringen sind, anstatt 5.500 kg bein 2.800 m/s.

Wie groß die Masse für Treibstoff und Triebwerke ist, hängt von der Bahn ab. Mit einer Ariane 5 ECA erhalte ich für die drei Optionen:

In Europa gibt es drei Triebwerke in der Schubklasse die geeignet sind: T6 und T7 sind Kaufmann-Triebwerke der 5 und 7 kW Klasse. Das RIT-2X ist ein RF-Ionentriebwerk der 4 bis 5 kW Klasse. Die spezifischen Impulse sind mit rund 40 km/s fast gleich. Bei so ähnlichen Leistungsdaten reicht es, ein Triebwerk durchzurechnen. Ich habe mich für das RIT-2X entscheiden, weil es das leichteste, bezogen auf den Schub ist und zudem eine sehr hohe Lebensdauer von 15.000 Stunden hat. Bei einem nominellen Strombedarf von 4.685 Watt und 900 Watt Eigenverbrauch für JUICE kann man in Erdnähe sieben Triebwerke betreiben. Bei der Option mit Sonnennähe natürlich mehr. Zu dem Triebwerksgewicht habe noch 100 % des Triebwerksgewichts für die notwenigen Spannungskonverter und Leitungen addiert.

Ergebnisse

Als maximale Betriebszeit habe ich 2.600 Tage angesetzt, das entspricht etwas mehr als 7 Jahren und damit fast der Reisezeit JUICE, schlechter als die Vorlage sollte die Option ja nicht sein.

Hier die Ergebnisse, tabellarisch aufgeführt:

Parameter

Fluchtbahn

Hohes Aphel (247 Mill. km)

Hohes Perihel

Gesamtdauer:

2.600 Tage

2.600 Tage

2.600 Tage

Endbahn

314 x 375 Mill. km.

344 x 616 Mill. km

275 x 419 Mill. km

Restgewicht

5.157 kg

4.574 kg

4.635 kg

Ohne Ionenantrieb

4.847 kg

4.339 kg

4,271 kg

Man sieht: in allen Fällen wäre der Ionenantrieb der Swing-By Lösung unterlegen. In 2600 Tagen wird keine Bahn mit einem Aphel von 778 Millionen km, der mittleren Entfernung von Jupiter erreicht (wenn man es genau nimmt, muss man diese Entfernung auch nicht erreichen, da Jupiters Gravitation schon 25 Millionen km vorher die der Sonne überwiegt, also eine Sonde zu Jupiter zerren würde).Die Option mit dem hohen Aphel liegt aber relativ nahe der Forderung und hat noch 1.000 kg mehr Masse als nötig. Daher habe ich bei dieser Option die Startmasse auf 4,5 t abgesenkt und errechnet, welche Bahn eine solche Nutzlast mit der Ariane 5 erreichen würde. Das wäre bei einem Aphel in 289 Mill. Km Distanz der Fall. Es gibt dann tatsächlich eine Lösung. Leider ist auch sie schlechter als die mit Swing-By, über 11 Jahre würde man benötigen, um zu Jupiter zu gelangen. Dei anderen Lösungen sind mit 12-13 Jahren Gesamtdauer noch schlechter.

Ich glaube aber trotzdem nicht, dass die Idee ganz falsch ist. Man könnte die Swing-Bys ja mit Ionenantrieb kombinieren, zwischen den Swing-Bys die Ionentriebwerke zur weiteren Kursveränderung einsetzen und so einen oder vielleicht zwei Vorbeiflüge einsparen. In jedem Falle könnte man die 800 m/s die ich für Deep Space Manöver berechnet habe durch Ionentriebwerke aufbringen, vier RIT-2X, die man alle bis in 1,37 AE Entfernung, eines sogar bis in 2,74 Ae Entfernung mit voller Leistung betrieben kann, würden mit Xenongas für 1.000 m/s Geschwindigkeitsänderung nur 234 kg mehr Gewicht addieren. Lässt man dafür 234 kg chemischen Treibstoff weg, so verliert man nur 130 m/s. In der Summe hätte man also ein gesamtes Δv Potenzial von 3.670 m/s anstatt 2.800 m/s, die man z.B. für mehr Vorbeiflüge bei Jupiter nutzen kann – derzeit hat man wegen des knappen Treibstoffs schon die Zahl der Callisto-Vorbeiflüge von 20 auf 12 reduziert.

Was aufgrund des hohen Leistungsverlusts beim 5,2 AE entfernten Jupiter allerdings nicht geht, ist der Betrieb der Ionentriebwerke dort. Schon ohne den Einsatz von Ionentriebwerken ist der Betrieb aller Instrumente nur für kurze Zeit möglich, sonst reicht der Strom der noch zur Verfügung steht nicht aus.

4.10.2021: Die kleinen Parteien

Ich habe erst jetzt nach der Wahl einen Fernsehbeitrag über die kleinen Parteien angesehen. Erst nach der Wahl, weil ich gewisse Ressentiments gegen diese Parteien habe, obwohl, das muss ich zugeben, die meisten ihrer Positionen nicht kenne. Aber gerade das spricht eher gegen sie, denn bei den etablierten Partien weiß ich, weil sie häufig in den Medien vorkommen, wofür sie stehen. Nach den Ergebnissen des Wahl-o-Mats liegen zumindest bei den 38 Thesen über die dort man abstimmen kann einige kleine Partien besser in der Übereinstimmung als die Parteien, die im Bundestag sind. Doch das ist für mich kein Anreiz sie zu wählen. Denn ich weiß ja nicht, was die in ihren Programmen haben, was nicht Bestandteil dieser Thesen ist. Zuletzt ist da noch ein Argument, das schwach ist, aber für mich wichtig, ich will meine Stimme nicht „vergeuden“ also damit etwas wählen, was gar nicht in den Bundestag gelangt.

Ich habe dann mal in das offizielle Wahlergebnis geschaut und siehe da, es gibt einen Wahlsieger, der in der Berichterstattung ignoriert wurde, das sind die freien Wähler, bundesweit bekannt durch den bayrischen Vizekanzler Hubert Aiwanger, sie haben ihre Zweitstimmen von 1,0 auf 2,4 Prozent erhöht. Das sind zwar absolut nur 1,4 Prozent, aber bezogen auf die Ausgangsbasis sind es 140 Prozent mehr. Dann kommt die Tierschutzpartei mit 66 Prozent mehr, es mag noch einige mehr geben, denn endige Partien stehen im Endergebnis von 2017 mit 0,0 % (die Angabe ist nur auf 1 Nachkommastelle genau) und sie erreichen nun 0,1 Prozent.

Es werden ja immer mehr Parteien, das sieht man auch in dem Beitrag und das zeigt auch das Problem auf. Viele haben nicht mal in allen Bundesländern Landeslisten, einige sogar nur Direktmandate. Vor allem zersplittert sich so ein „Unzufriedenheitspotenzial", auf das alle diese Partien setzen, auf viele Partien. Bis auf das Bündnis C, das aus der Fusion zweier christlichen Partien entstand, werden die Partien aber immer mehr. Ich zähle mehrere Parteien, die fundamental sozialistisch sind wie die DKP oder MLDP. Mehrere Parteien sind für den Bereich Naturschutz wie die KlimaschutzbewegungBW, ÖDP oder Tierschutzpartei. Wieder andere sind extrem konservativ, so die Bayenpartei, freien Wähler, Bündnis-C, LKR oder die Pinken, letztere beide von AfD Aussteigern gegründet. Viele sind aber Partien mit einem Thema wie die Partei für Gesundheitsforschung, die offen sagt, dass sie bei allen anderen Punkten mit dem Koalitionspartner abstimmen würden. Ebenso haben mehrere Partien einen Kurs gegen die Coronamaßnahmen bis hin zum Leugnen der Pandemie.

Also ich würde mich da zusammenschließen. Wenn ich nur ein Thema habe, dann könnte ich mich mit einer anderen Partei zusammentun, die keine Meinung für dieses Thema hat. Vor allem gibt es ja etliche Partien mit programmatischen Ähnlichkeiten. In beiden Fällen hat man so potenziell mehr Wähler aber in jedem Falle mehr Möglichkeiten Kandidaten aufzustellen, ein Problem, der kleinen Parteien ist ja, dass sie nicht mal in allen Bundesländern Kandidaten finden. Damit verlieren sie natürlich auch Stimmen,man kann sie dort nicht wählen, was sich finanziell auswirkt, denn erst bei 0,5 Prozent Wählerstimmen in der ganzen BRD bekommt man Geld vom Staat für jede Stimme. Man wird dann aber auch mehr wahrgenommen und hat mehr Möglichkeiten Wahlkampf zu treiben. Ich glaube aber da steht das Ego der Parteivorsitzenden, bzw. Gründer dagegen, denn viele sind, wie ich dem Beitrag entnehme, mal in anderen Partien gewesen und dort ausgetreten. Das passiert sehr gerne beim rechten Spektrum, so verlor die Afd nach der letzten Bundestagswahl acht der 94 Abgeordnete und bei den Linken erpresst gerade ein Mitglied die Fraktion, er will den Rücktritt des Vorstands und der Führung. Würde er aus der Fraktion austreten, so würde diese den Fraktionsstatus verlieren, weil sie gerade mal 5 Prozent hat.

Der Beitrag ist interessant, weil vieles oft unfreiwillig komisch ist und Passanten relativ schnell durch ihre Fragen die Schwächen der Parteien herausfinden. Meine Lieblingsstelle stammt von „der Partei“, die sich ja als Satirepartie bezeichnet. Ein etwa 16 bis 18 Jähriger spricht eine Vertreterin der Partei im Kostüm an, wie es denn um den Zusammenhalt stände, schließlich wäre ein Abgeordneter aus der Partei ausgetreten wegen Sonneborn. Die Antwort:

„der Sonneborn ist ja so was wie ne Altlast. Also nehmen wir an, wie alt ist der, sechzig? Bis zu wählen darfst, ist der längst tot“

Mag Satire sein, doch den Witz daran habe ich nicht verstanden. Sonneborn ist übrigens 56.

Einige Parteien sollten sich auch umbenennen. Der Kandidat Thomas Pfeffer der Bayernpartei kommt mit einem Modell eines BMW, und für ihn geht es programmatisch nur um das Auto, da aber breit aufgestellt, sowohl die Förderung von alternativen Antriebstechnologien wie auch Verbrennern und wie die FDP ganz gegen Verbote – kein Tempolimit auf Autobahnen und keine Tempo-30-Zone in Innenstädten, also auch nicht um Kindergärten und Schulen herum. Den Passanten fragt er zuerst, ob er ein Auto hat und sagt das alle „Verkehrsträger gleich behandelt werden und nicht die Autofahrer gegängelt werden“. Also da würde ich bundesweit als Autofahrerpartei antreten. Das zeigt auch, wie Leute in ihrer eigenen Filterblase leben, das sieht man auch bei anderen Kandidaten wie Patrick Köberle von der DKP, der vom „Kapital“, „herrschende Klasse“, „Kader“, redet. Also Gängelung von Autofahrern und Gleichberechtigung derer mit anderen Verkehrsteilnehmern? In der BRD, in der ich lebe, werden Autofahrer nicht gegängelt, vielmehr haben sie Sonderrechte, die andere Verkehrsteilnehmer nicht haben. Sie dürfen Straßen die eigentlich zur Fortbewegung gedacht sind, vollparken, obwohl dies öffentlicher Grund ist, sie haben viel mehr Straßen bzw. Streckenkilometer als andere Verkehrsteilnehmer wie Bahn, Fahrradfahrer und Fußgänger, teilweise gibt es bei uns Straßen mit nur einem oder gar keinen Gehsteig mehr aber immer mit zweispuriger Straße, von dem Mangel an Fahrradwegen und exklusivem Nutzen von Bundesstraßen und Autobahnen gar nicht zu reden und „Gängelung“ wohl durch Tempolimits? Autos und Motorräder sind die einzigen Fortbewegungsmittel, die nicht auf eine bestimmte Geschwindigkeit herunterreguliert werden oder bei denen es physikalische Grenzen, wie bei Fahrradfahrern, Fußgänger oder Flugzeugen gibt: E-Bikes und Mofas werden bei 25 km/h abgeregelt, Mopeds und Pedelecs bei 45 km/h. Wer wird da gegängelt? Vor allem sollte man annehmen das gerade Bayern noch besser da steht als der Rest der Republik, denn drei Verkehrsminister der CDU haben Milliarden an Steuergeldern nach Bayern geschafft. So ganz danken tun das Andi Scheuer seine Wähler das aber nicht. Er bekam zwar mit 30,5 % der Stimmen noch das Direktmandat, doch 2017 waren es noch 37,5 % der Stimmen – 16,8 % Verlust, 2013 waren es sogar 69,8 %, da hat er seine Stimmenzahl glatt halbiert. Das stimmt mich optimistisch, das man selbst in Bayern sich nicht alles leisten kann und wer weiß, vielleicht wird die CSU ja 2023 abgewählt, auch sie hat ja enorme Verluste, mit 8 % auf 22,5 sogar mehr als die CDU zu beklagen.

8.10.2021: Der Kanzlerverhinderer

Nun sieht es aus als bekämen wir eine Ampel-Koalition. Mich verwundert das nicht, ist es doch die einzige Regierung, die nur aus Wahlgewinnern besteht und haben Grüne und SPD mit zusammen viermal so vielen Stimmen bei der Wahl als die FDP. doch die Präferenz für diese Koalition. So hat mich eher verwundert, dass Laschet doch eine Jamaika-Koalition auf die Beine stellen wollte, obwohl schon am Tag nach der Wahl es genügend Stimmen aus der eigenen Fraktion gab, die dagegen waren, am prominentesten, da öffentlichkeitswirksam auch im Fernsehen zu sehen, war Markus Söder.

Das bringt mich zu dem heutigen Thema. Ich sehe Markus Söder als einen Grund an, warum Laschet verloren hat. Er hat im ganzen Wahlkampf über gegen Laschet gestänkert. Dabei hat es der Mann schwer. Gut vieles hat er selbst zu verantworten, wie die wackeligen Antworten auf viele Fragen, an denen man sah, das er eigentlich nichts wirklich ändern will. Aber auch als Person hat er es schwer. Er sieht weder gut aus, noch hat er Charisma, glänzt weder mit Rhetorik noch Intelligenz und der Wahlkampf ist eben auch einer um Personen, auch wenn man nicht den Bundeskanzler, sondern den Bundestag wählt.

Am Schluss war das Ergebnis doch knapp. 1,7 Prozent trennen CDU und SPD. Anders ausgedrückt, wenn man eine Verschiebung der Wähler nur zwischen diesen beiden Parteien annimmt – 0,9 Prozent weniger bei der SPD und 0,9 mehr bei der CDU und die CDU/CSU wäre die stärkste Fraktion. Sie wäre dann immer noch kein Wahlsieger – denn sie hätte dann immer noch kräftig verloren, aber gemäß demokratischem Brauch versucht zuerst einmal die Partei mit den meisten Stimmen ein Bündnis zusammenzubekommen, zumal dann bei der Ampel Koalition die Partien nur wenig über der 50 Prozent Grenze liegen würden. Bei etwas mehr Stimmen für die CDU wäre dann auch die Ampel nicht mehr möglich.

Ich glaube, Markus Söder ist mit seinem Quergeschieße maßgeblich mit dafür verantwortlich, dass das Ergebnis von der CDU nicht so ausfällt wie gewünscht. Wenn schon der Parteivorsitzende der „Schwesterpartei“ und bayrische Ministerpräsident gegen den eigenen Kandidaten ist, warum sollte dann jemand der nicht CDU-Mitglied ist ihn wählen? Gut Söder ging als Verlierer aus der Kandidatensuche hervor, aber dann ist es doch das Natürlichste den Kandidaten danach zu unterstützen, will man doch wieder an die Regierung. Das taten auch die Verlierer aus dem Rennen um den CDU-Vorsitz Röttgen und Merz, was sie allerdings nun nicht daran abhält, nun erneut den Parteivorsitz anzustreben, denn Laschet ist nach der Entscheidung von Grünen und FDP zuerst einmal die Ampel zu verfolgen noch mehr geschwächt und jeder rechnet mit seinem Rücktritt. Einen Rücktritt auf Raten gab es ja gestern, als er ankündigte das er die Suche nach einem neuen Parteivorsitzenden „moderieren“ wolle – würde er den Job behalten, gäbe es keinen neuen Vorsitzenden und keine Kandidatensuche, die man moderieren müsste,

Ich denke Söder hat Laschet mehr geschadet als jeder andere Politiker, außer eben Laschet selbst. Warum das ganze? Hätte Laschet eine Regierung gebildet, so wäre er 2025 sicher erneut angetreten. Zumal wenn man nicht alles falsch macht, die amtierende Regierung einen Bonus hat. Selbst Negativkanzler Kohl wurde dreimal wiedergewählt. Eben weil Merkel nicht mehr antritt, ist ja das Rennen zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik offen gewesen, weil in jedem Falle eine neue Regierung gewählt wird. Dann wäre es aber nichts, mit Söders eigenen Ambitionen für das Kanzleramt gewesen. Und die hat er ja. Das war ja bei der Kandidatensuche im Frühjahr überdeutlich.

Das ist wohl einmalig: der Vorsitzende der Schwesterpartei schadet dem eigenen Kandidaten, damit eine Regierung ohne die CDU gebildet werden kann, nur damit er vier Jahre später als Kandidat auftauchen kann. Zeit dafür wäre es ja – zwischen der Kandidatur von Franz Josef Strauß und Edmund Stoiber lagen 22 Jahre (1980 / 2022), die Wahl 2025 wäre dann 23 Jahre später. So alle 20 bis 25 Jahre darf ein CSU-Kandidat ran. Was dem einen Strich durch die Rechnung machen könnte, wäre, dass auch die CSU massiv an Stimmen verloren hat. In Bayern liegt sie bei rund 30 Prozent, was bei den nächsten Landtagswahlen 2023 dann auch nicht mehr für eine Koalition mit den freien Wählern reichen würde.

Immerhin – imponiert hat mir Laschet, weil er nun vom Amt des Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen zurückgetreten ist. Ich hatte angenommen, dass wenn er die Wahl verliert, er sein Bundestagsmandat nicht antritt und weiterhin Ministerpräsident bleibt. Genau so hatten es übrigens die bisherigen CSU Kandidaten Strauß und Stoiber gemacht und genauso würde es wohl auch Söder machen. Dann droht Laschet das Schicksal von Martin Schulz – der Fall in der Versenkung, sprich ein einfaches Bundestagsmandat, einer von 730 Abgeordneten. Bei Schulz war es der Fall vom Präsident des Europaparlaments, bei Laschet ist der Fall von dem Amt des Regierungschefs des flächen- und bevölkerungsreichsten Bundeslandes noch größer.

Ich habe es im Blog ja schon mal thematisiert und ich wiederhole den Vorschlag, und zwar ernst gemeint: CDU und CSU sollten jeweils bundesweit antreten. Warum? Nun ich würde die CSU noch weiter weg von der Mitte, sprich rechts einordnen als die CDU. Vergessen wir nicht die Äußerungen Seehofers zu Asylanten und seine Rücktrittsdrohung 2018 um die Obergrenze durchzusetzen. Vieles, was von Andreas Scheuer kommt, könnte auch von der AfD kommen, wie die absolute Verweigerung eines Tempolimits oder sein Verhindern des Führerscheinentzugs für Raser, für den alle Länderchefs waren. So könnte die CSU Wähler am rechten Rande gewinnen, die vorher die AfD wählten. Gleichzeitig könnte ohne den rechten Rand die CDU mehr in die Mitte rücken und damit interessant für die werden, denen sie vorher zu konservativ oder rechts war. Vor allem aber gäbe es in Bayern für die Wähler eine Alternative zu einer Partei, die inzwischen so von sich überzeugt ist, das sie meint ganz Bayern (anders als alle anderen Parteien in Bayern) zu vertreten und die sogar bei Bundestagswahlen und Europawahlen mit einem Programm auftritt, das vornehmlich aus Punkten besteht, die nur für Bayern zutreffen.

Für uns alle würde etwas herausspringen, wenn die CSU ihre ungeliebten oder unqualifizierten Mandatsträger nicht in die Regierung abschieben kann wie Seehofer oder Scheuer. (Man könnte auch noch Dobrindt und Ramsauer erwähnen). Die Expansion der CDU ist nicht unmöglich. Kohl hat Franz Josef Strauß mal, damit gedroht als dieser dauernd gegen seine Politik gestänkert hat. Wie machtlos die CDU heute ist und zwa auch noch unter Merkel zeigt sich daran, dass man dies seitdem weder angedroht hat und daran dass in der letzten Legislaturperiode Seehofer und Scheuer machen konnten, was sie wollten. Wäre ich Merkel gewesen, ich hätte Seehofers Rücktritt, den er angeboten hat, sofort angenommen und Scheuer nach dem Mautdebakel entlassen. Früher sind Minister wegen weitaus weniger, wie dienstlich erworbenen Bonusflugmeilen, die privat genutzt wurden oder einer nicht bei der Steuererklärung angegebenen Putzfrau zurückgetreten (oder wie Gifffey in dieser Regierung wegen Abschreibens beim Doktortitel). Anders als diese Fälle hat Scheuer aber dem Staat Verluste durch eigenes Fehlverhalten beschert, was ich für einen viel triftigeren Grund für einen Rücktritt ansehe.

Nichts gegen eine Partei, die es nur in einem Bundesland gibt, aber die hat dann eben im Bundestag und im Europaparlament nichts zu suchen, denn sonst passiert eben das, was die CSU seit Jahren praktiziert – sie macht Politik, die vor allem Bayern nutzt. Seit drei Legislaturperioden im Verkehrsministerium, vorher war es das Landwirtschaftsministerium, bei dem man so Mittel gezielt nach Bayern leiten konnte. Das ist Vetterleswirtschaft im Quadrat!

Bei der CDU dürfte es spannend werden. Seit Merkels Rückzug aus dem Amt als CDU-Parteivorsitzenden hat die CDU, so wie es jetzt aussieht, zwei Parteivorsitzende verschließen anstatt das sie diese drei Jahre für einen Neuanfang genutzt hat. Und schon jetzt bringen sich Röttgen und Merz, nun noch ergänzt durch Spahn, in Stellung für eine Nachfolge. Bei der SPD gab es das auch mal, dass Parteivorsitzende schnell wechselten und ungewöhnlich ist ja auch, das der Doppelvorsitz der SPD links orientiert ist und Scholz eher in der Mitte, was für Konfliktpotenzial sorgt. Aber: Esken und Borian sind nicht Kandidaten geworden, weil Scholz besser ankommt und sie haben den ganzen Wahlkampf über nicht gegen ihren Kandidaten gestänkert, anders als der Chef der bayrischen Schwesterpartei …

Zuletzt noch eine Bemerkung. Bin ich eigentlich der Einzige, der die Bezeichnung „Jamaika-Koalition“ falsch gewählt findet? Wenn ich an Jamaica denke, dann fallen mir Marihuana, Reggae und Bob Marley ein. Alles hängt zusammen. Wer mal Marihuana genommen hat, weiß, dass Reggae die beste Musik dazu ist, mich würde nicht wundern, wenn viele Stücke unter THC-Einfluss komponiert wurden und Bob Marley nahm Marihuana und war der berühmteste Reggae Musiker. Der Unterschied der Jamaika- zur Ampelkoalition ist aber der Austausch SPD gegen CDU und die einzige Partei unter dem Viergespann SPD, CDU, FDP und Grüne, die gegen die Legalisierung von Cannabis ist, ist die CDU.

11-10.2021: Die ISS und Ionenantriebe – Fortsetzung folgt

Ich habe ja schon vor ewigen Zeiten mal skizziert, das eigentlich die ISS ein ideales Testzentrum für Ionenantriebe wäre. Ich will heute mal einen neuen Anlauf machen, weil die ISS gerade neue Solarpaneele bekommt. Sie ersetzen die alten nicht, sondern ergänzen sie, liefern also mehr Strom. Dies ermöglicht ein einfacheres Erweitern der ISS um kommerzielle Module. Damit steht aber auch mehr Strom für Ionentriebwerke.

Die Ausgangslage

Die ISS benötigt wegen ihrer Masse und relativ niedrigen Bahnhöhe viel Treibstoff, um die Bahn aufrechtzuerhalten. Die NASA hat sich als Kompromiss da in einer höheren Umlaufbahn auch die Raumfahrzeuge die sie anfliegen mehr Treibstoff benötigen um sie anzufliegen und zu verlassen für eine Umlaufbahn in 407 km Höhe im Mittel entschieden. In 400 km Höhe benötigt sie 3.600 kg Treibstoff um die Höhe zu halten pro Jahr. Das ist ein Wert der für die meisten Jahre gilt. Bei einer hohen Sonnenaktivität, die liegt ein bis zwei Jahre pro Zyklus (11 Jahre vor) kann der Treibstoffbedarf durch Ausdehnung der Atmosphäre deutlich höher sein.

Das ist eine Menge Treibstoff, die ja auch zur ISS befördert werden muss. Leisten kann dies derzeit nur die Progress, da sie zum einen in der Längsachse andocken kann, die durch den Schwerpunkt führt. Zudem gibt es nur von ihr eine spezielle „Tanker-Version“, die viel Treibstoff transportieren kann.

Die neuen ausrollbaren ROSA-Arrays werden die Leistung der Solargeneratoren von 120 auf 215 kW erhöhen. Die 95 kW könnten nicht nur für neue kommerzielle Module sondern eben auch für Ionentriebwerke genutzt werden,

Berechnung

Da der Treibstoffbedarf gemessen an der Gesamtmasse der ISS von etwa 420 t klein ist, braucht man keine Berechnung über die Ziolkowskiformel sondern kann einfach über den Gesamtimpuls gehen.

Der Gesamtimpuls dem die 3.600 kg Treibstoff entsprochen ergibt sich aus Multiplikation mit dem spezifischen Impuls, das sind bei chemischem Treibstoff rund 3.000 m/s. So erhält man einen Gesamtimpuls von 10,8 MN. Ionentriebwerke haben spezifischen Impuls von 30.000 bis 40.000 m/s. Das würde also den Treibstoffbedarf mindestens auf ein Zehntel erniedrigen.

Die erste Frage ist: benötigen wir neue Antriebe, die besonders schubkräftig sind?

Nun bei 420 t Gewicht entsprechen die 10,8 MN nur einer Geschwindigkeitsänderung von 25,7 m/s (10.800.000 / 420.000=25,7...). Das ist wenig. Dawn wog 1,1 t, das ist in etwa ein 1/400-stel der Masse der ISS, aber sie konnte ihre Geschwindigkeit um 11 km/s ändern, das ist etwas mehr als das 400-fache von 26 m/s. So gesehen braucht man nicht mehr oder schubkräftigere Triebwerke als bei Dawn. Nun ja etwas schubkräftiger müssen sie sein, weil die von Dawn länger als ein Jahr arbeiteten und wir reden ja vom jährlichen Treibstoffbedarf.

Betriebt man die Triebwerke in 50 % der Zeit, nämlich nur dann, wenn auf der Tagseite die Solarzellen genügend Strom liefern, so sind dies im Jahr 12 Stunden x 3600 Sekunden/Stunde * 365 Tage = 15.798.000 Sekunden. Teilt man den Gesamtimpuls von 10,8 MN durch die 15,8 Millionen Sekunden, so braucht man nur einen Schub von 0,684 N pro Sekunde. Gängige Ionentriebwerke am Markt für Satellitenbahnänderungen erreichen 0,1 bis 0,2 N Schub, man benötigt also nur etwa 4 bis 7 Triebwerke und keine neuen Triebwerke.

Von Bedeutung ist auch die Lebensdauer eines Triebwerks, denn die liegt bei heutigen Antrieben bei 10.000 bis 20.000 Stunden. Diese Lebensdauer wird bei 12 Stunden pro Tag in 2,3 bis 4,6 Jahren erreicht. Ich habe hier mal eine Vergleichstabelle angelegt, die die Daten gängiger Triebwerke enthält:

Triebwerk

Benötigte Zahl

Strombedarf

Schub

Treibstoffbedarf/Jahr

Masse (nur Triebwerke)

Gesamtimpuls

Qinetig T6

5

25 kW

0,725

277 kg

43 kg

11,4 MN

Qinetig T7

3

17,1 kW

0,717 N

355 kg

39 kg

11,3 MN

RIT-2X

5

23,5 kW

0,75 N

292 kg

44 kg

11,8 MN

XIPS 25

4

17,2 kW

0,66 N

299 kg

54,8 kg

10,4 MN

NSTAR

7

18 kW

0,6489 N

334 kg

60,3 kg

10,2 MN

Die Triebwerke liegen alle in einem sehr engen Bereich, was Treibstoffverbrauch und Masse angeht. Den geringsten Stromverbrauch hat das neueste, das T7. In der Praxis wird man mehr Triebwerke einsetzen, um Reserven für einen Ausfall zu haben. Weiterhin braucht man Reserven für Schwankungen der Abbremsung durch die Atmosphäre, sonst würde man anfangen zu sinken und dabei in tiefere Schichten gelangen, die das Sinken weiter beschleunigen. Alle Triebwerke brauchen nur einen Bruchteil der 95 kW Leistung, die zusätzlich zur Verfügung steht und der jährliche Treibstoffverbrauch sinkt auf weniger als ein Zehntel des vorherigen von 3600 kg.

Nicht enthalten in der Tabelle ist die Lebensdauer. Sie beträgt bei allen Triebwerken mindestens 10.000 Stunden, was 2,28 Jahre Betriebszeit entspricht. Bei einigen ist die durch Tests verifizierte Lebensdauer höher, so beim XIPS 25 über 16.000 Stunden und beim RIT-2X 20.000 Stunden. Entsprechend seltener benötigt man einen Austausch des Transporters wenn man die Triebwerke über ihre ganze Lebensdauer betreiben will.

Die Progress haben im Adapter Stromleitungen für die Stromversorgung durch die ISS, doch denke ich sind die nicht für die Leistung, die hier benötigt wird, rund 18 bis 25 kW ausgelegt. Dafür müsste man in einer EVA dann noch Leitungen nachziehen. Dann kann man in den neuen Adapter auch die Steuerleitungen verlegen, die für die Kommandos an die Ionentriebwerke nötig sind. Kann die ISS die benötigte Strommenge an die Progress durch den Adapter liefern, so kann man die Steuersignale auch drahtlos übermitteln, indem man die Elektronik über ein Wlan einbindet – andere störende Wlan Netze gibt es im Umkreis von 400 km ja keine.

Vorgehen bei solarem Maximum

Während des solaren Maximums ist die Strahlungsaktivität viel höher. Die dadurch in die Atmosphäre eindringenden Teilchen heizen diese auf, sodass sie sich ausdehnt und die Abbremsung erhöht. Dem zu begegnen gibt es zwei Möglichkeiten:

Das eine ist es die maximale Abbremsung bei der Auslegung zugrunde zu legen, das bedeutet aber auch das man dann rund drei bis viermal mehr Triebwerke und Strom während des Maximums benötigt. Immerhin kann man die zusätzlichen Triebwerke auch während des Minimums betrieben und so die Lebensdauer aller Triebwerke vergrößern. Verglichen mit einer SFU von 120 als „Normalwert“ benötigt man bei einer SFU von 200 wie sie selten aber durchaus vorkommt den 2-fachen Schub, vergleichen mit dem Minimalwert von 70 der im Minimum benötigt wird, sogar den 4,1-fachen Schub.

Die zweite Möglichkeit ist es, während des Minimums die Station anzuheben und dann während des Maximums ein Absinken durch die höhere Reibung zu tolerieren. Da schon das Anheben um 50 km den Treibstoffverbrauch um mehr als die Hälfte reduzierte, würde ein Anheben der Station auf 460 km Orbithöhe ausreichen, um einen Anstieg des SFU von 120 auf 200 zu kompensieren. Während des solaren Maximums würde dann die Station absinken, Versorger benötigen mehr Treibstoff um sie zu erreichen und wieder zu verlassen. Doch dies sind nur rund 50 m/s. Bei Frachtern entspricht dies einer Nutzlasteinbuße von rund 4 % (bei einem Frachtanteil von einem Drittel der Gesamtmasse). Bei den bemannten Transportern ist dies unkritisch, da die Crewed Dragon noch unter der Maximalnutzlast liegt und man bei Sojus und Starliner auf stärkere Versionen der Träger ausweichen kann. Dies halte ich für den besseren Weg. Die derzeitige Bahnhöhe wurde ja deswegen gewählt, weil beim Space Shuttle, das für die Aufbauphase benötigt wurde, die Nutzlastabnahme mit der Höhe besonders hoch war.

Im Diagramm links sieht man das von 19 Jahren während der letzten Zyklen 13 Jahre unterhalb einer SFU von 130 liegen. Diese würde ich als Basis für die Berechnung der benötigten Triebwerke ansetzen.

Praktische Auslegung

Es bietet sich an, einen Progress-Tanker umzurüsten. Die können normalerweise bis zu 2,5 bis 2,7 t Fracht befördern. Zieht man die Ionentriebwerke und Tankmassen ab, so bleiben rund 2 bis 2,5 t für den Treibstoff, was einen Betrieb über 7 bis 8 Jahre erlaubt. Für eine so lange Zeit benötigt man dann aber überzählige Triebwerke, da keines so lange abreiten kann. Zudem sind die Progress nur für 180 Tage im All qualifiziert.

Die bessere Lösung für mich ist es, wie bisher einen Progress nur 180 Tage lang zu betreiben. Dann benötigt man nur den Treibstoff für diese Zeit, zusammen mit dem Tank und Triebwerken ist man bei einer Masse von 300 kg, bei zwei Progress also 600 kg, was immerhin eine Reduktion der Masse, die zur ISS befördert wird, muss um 5/6 entspricht. Die Progress kann dann noch etwa 2,2 bis 2,4 t pro Transporter andere Fracht befördern, auch normalen Treibstoff, den man nach wie vor für schnelle Bahnänderungen, z.B. bei Kollissionsvermeidungsmanöver benötigt, die werden angesichts vieler neuer Satelliten häufiger vorkommen.

In der Summe könnte Russland so mit zwei Progress pro Jahr, anstatt drei bis vier auskommen und die NASA Geld sparen, denn sie bezahlt ja Russland für den Treibstoff. Wäre es dieselbe Summe die US-Anbieter für ihre Frachtdienste bekommen, so entspricht dies rund 240 Millionen Dollar pro Jahr – dafür bekommt man schon einen komplexen Satelliten oder könnte sich alle zwei bis drei Jahre eine Raumsonde des Discoveryprogramms zusätzlich leisten. Dem müsste man die Kosten für Ionentriebwerke und Xenon gegenrechnen.

ISS verschieben

Derzeit ist geplant, die ISS am Ende ihrer Betriebsdauer zu deorbitieren. Zumindest Russland hat jedoch angekündigt, das sie ihre Module dann entfernen und in einer neuen Station verwenden will. Als Alternative gäbe es das hochheben der Station in eine neue Bahn, die eine längere Lebensdauer hat. Von dort könnte man Module abtrennen und in einer neuen Station verwenden, oder die ISS kommerziell nutzen – für Flüge von Weltraumtouristen oder Filmdrehs wird man keine ständig bemannte Station benötigen und auch weniger Aufwand für die Aufrechterhaltung der Höhe treiben wollen. Nicht zuletzt gibt es in größerer Höhe für Weltraumtouristen und Filmkulissen mehr Ausblick. Ich halte das Szenario für unwahrscheinlich, aber man kann es ja mal durchrechnen. Würde man 150 der maximal verfügbaren 215 kW Leistung für den Antrieb einsetzen, so könnte man 32 Rit-2X betreiben, die 1800 kg Xenon-Arbeitsgas in 350 Tagen verbrauchen würden. Damit kann man eine 420 t schwere Station innerhalb eines Jahres um 172 m/s anheben, das entspricht, wenn man von 407 km Starthöhe ausgeht, einer Kreisbahn in 720 km Höhe, in dieser Höhe spielt die Abbremsung durch die Atmosphäre praktisch keine Rolle mehr. Die Bahn wäre über mindestens ein Jahrhundert stabil, ich errechne in einer einfachen Simulation bei einem SFU im Mittel von 140 das die Station 187 Jahre im Orbit bei dieser Höhe ist. Bei weniger Triebwerken würde es entsprechend länger dauern, wobei man aber deutlich mehr als die nur zur Kompensation der Abbremsung nötigen Triebwerke einsetzen müsste, also mindestens die doppelte Anzahl.

 

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