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IBM und der "Industriestandard" - Auf- und Abstieg

Über die Entwicklung des IBM PC und wie IBM zu PC-DOS / MS-DOS wurde schon viel geschrieben, auch von mir. Aber relativ wenig erfährt man von der Zeit danach. Ich will sie mal beleuchten und die Geschichte erzählen wie IBM erfolgreich im PC Markt war und letzten Endes trotzdem seine PC-Sparte an Lenovo verkaufte.

Der ursprüngliche IBM PC wurde in weniger als einem Jahr vom Design zum auslieferbaren Modell gebracht. Das war für IBM enorm schnell. Beim Vorgängermodell dauerte es noch mehr als doppelt so lang. Philip "Don" Estridge, Manager des Unternehmens setzte auf eine offene Architektur, das heißt, das ganze System wurde dokumentiert und es gab nur wenige Dinge, die von IBM stammten wie die Tastatur und das BIOS. Das bedeutete zum einen, das Firmen Karten für den IBM PC entwickeln konnten. Estridge kannte das - er nutzte privat einen Apple II. Die Folge wären das sich dem PC so viele Anwendungsgebiete erschließen würden an die IBM gar nicht dachte und für die die Firma auch nicht die Ressourcen hatte alle möglichen Karten zu entwerfen. Auf der anderen Seite konnte man den PC nachbauen. Damit rechnete auch IBM. Man meinte aber, das man durch die Größe und eingespielte Produktion viel billiger als die Konkurrenz produzieren könne.

Tatsächlich wurden die Erwartungen, die von 250.000 verkauften Geräten in fünf Jahren ausgingen deutlich übertroffen. Schon nach einem Jahr waren 200.000 Geräte verkauft.

IBMs Rechner war jedoch ein Business-Rechner. Er lag in einem Preissegment, das sich "Normalbürger" nicht leisten konnten, in Deutschland kostete die Konfiguration mit zwei Diskettenlaufwerken und Monochrommonitor 11.000 DM, das waren mehr als fünf Nettoarbeitslöhne eines Facharbeiters. (1985 betrug das Brutto-Durchschnittseinkommen 18.100 €/Jahr, 1990 waren 21.500 €/Jahr, 2018 dagegen 35.200 €/Jahr, das heißt man die Preise, die damals in DM verlangt wurden, entsprechen in der Kaufkraft heute dem gleichen Betrag in Euro).

Ein C64, der etwa zeitlich erschien, kostete dagegen 1.400 DM, mit Diskettenlaufwerk dann 3.000 DM. IBM versuchte, eine Sparversion des IBM PC für diesen Käuferkreis auf den Markt zu bringen. Doch der IBM PC junior wurde nicht so billig, das er für Heimanwender attraktiv war. Vor allem aber gab es Mängel. Die Tastatur von IBM, die sehr teuer aber auch sehr hochwertig war, wurde durch eine Tastatur mit Gummitasten wie beim Timex/Sinclair ersetzt, das Gerät war nur bedingt kompatibel zum IBM PC und die Ausbaufähigkeiten waren minimal, dabei hatte der PC wie der IBM PC kaum Schnittstellen an Board war also auf Zusatzkarten für diese angewiesen. Er kam zuerst in den USA auf den Markt, in Europa wurde er gar nicht erst verkauft. Nach einem Jahr stellte IBM die Produktion des "Juniors" ein - verkaufen konnte man den IBM PC Junior nur mit einem 30 % Preisnachlass und den wollte man nicht auf Dauer einräumen.

Der nächste PC war der IBM PC AT. Er basierte auf dem 80286 Prozessor. Ansonsten hatte sich aber nichts geändert. Selbst das Bussystem wurde übernommen, nur eben um einen Verlängerungsstecker ergänzt, der die zusätzlichen Leitungen des 80286 aufnahm. Auch die Diskettenlaufwerke konnten trotz mehr als dreifacher Kapazität die alten Disketten lesen. Damals lobten das alle Zeitschriften, denn das gab es damals nicht, das ein neuer Computer mit neuem Prozessor voll kompatibel war. Allerhöchstens einen Kompabilitätsmode bei dem man aber die neuen Fähigkeiten nicht nutzen konnte wie beim C128. Was damals die Zeitschriften übersahen und auch IBM: Damit wurde der beim PC eingeführte Standard zementiert. Der IBM PC hatte aber viele Kompromisse gemacht. Die Bausteine der 8 Bit Reihe waren beim 80286 schon nicht mehr adäquat, damit der DMA-Kontroller überhaupt eine ansprechende Datenrate hatte kaskadierte man zwei Bausteine. Das Bussystem war schon beim IBM PC nicht sehr schnell (maximal 0,96 MByte/s) und der 80286 musste nun bei Zugriff auf den Bus 2/3 seiner Zeit warten. Entsprechend waren Diskettenlaufwerke, Festplatten oder Grafik- / Textausgabe kaum schneller.

Was noch bedeutender war, IBM hatte mehr als zwei Jahre nach Erscheinen des 80286 Prozessor benötigt, einen PC zu konstruieren. Das entsprach nun mehr den von IBM gewohnten Gemächlichkeit, die aber in dem schnelllebigen Mikrocomputermarkt zu träge war. Das war 1984. Ein Jahr, das zum einen für IBM Umsatzrekorde brachte, aber trotzdem einen geringeren Gewinn, denn nachdem im März 1983 der Compaq Portable herauskam, der erste voll kompatible Nachbau des PC - damals als portabler Rechner noch gedacht für einen anderen Anwendungszweck - zogen ander Firmen nach. Es erschienen zuerst Nachbauten von anderen größeren Computerherstellern wie Wang, NCR oder HP. Später dann auch welche von Herstellern von Heimcomputer wie Commodore, Tandy, Atari, Amstrad. IBM musste die Verkaufspreise senken und das war für die Firma ungewohnt. Sie waren mit diesem Markt nicht vertraut. Bestellten größere Mengen an Bauteilen, um Rabatte zu bekommen, doch diese verloren an Wert, wenn sie gelagert wurden. Bei den Großrechnern, die IBM bisher herstellte, wurde ein Rechner eingeführt einige Jahre zu einem festen Preis verkauft oder noch besser vermietet und dann durch ein neueres Modell ersetzt, das die aktuelle Technologie einsetzte und schneller war.

Als der 80386 Prozessor erschien wartete Compaq nicht bis IBM einen PC baute, denn sie kopieren konnten. Sie designten ihren eigenen, den Compaq Deskpro 386. das Rezept dafür hatte IBM vorgegeben: Man nahm die Platine des AT, ergänze einige Steckplätze um einen Erweiterungsstecker, der die zusätzlichen Leitungen des 386 beinhaltete und fertig war EISA "Extended Industry Systems Architecture - ISA war der Bus des IBM AT. IBMs erster 386-er Rechner erschien erst ein halbes Jahr später. Vor allem war er nur aber ein schneller PC. Inzwischen war dessen Limit aber offensichtlich. Neue PC erreichten nun den Speicherausbau, den 1981 IBM festgelegt hatte . Maximal 640 KByte. Das war 1981, als Rechner typisch 32 bis 48 KByte Speicher hatten, viel, nun aber ein Hemmnis. Den mehr Speicher konnte DOS nur als RAM-Floppy nutzen und der Speicher wurde immer mehr. DOS war noch bis 1995 das wichtigste Betriebssystem auf dem PC, damals hatten neue Rechner typisch 4 bis 8 MB Speicher, von denen DOS nur 0,64 nutzen konnte. Der Bus blieb auch in der Geschwindigkeit beschränkt. ISA konnte maximal 2,2 MB transferieren, das war bei einem Rechner mit 386 oder 486 Prozessor ein echtes Hemmnis.

Compaq beschränkte sich auf den PC. Führte keine neue Grafikkarte ein, wie IBM beim AT. Erst 1987 vollführte IBM die Wende. Im April 1987 angekündigt wurde das IBM Personal System. Es bestand anfangs aus zwei Desktop Computern: Modell 30 und 50 und zwei Tower Gehäusen - neu eingeführt, vorher waren alle PC "Desktops", bei denen das Gehäuse mit Laufwerken auf dem Schreibtisch stand. Im Tower Gehäuse kamen die Modelle 60 und 80. Das kleinste Modell 30 war ein IBM PC Nachfolger auf Basis des 8086. Das Modell 50 und 60 AT Nachfolger auf Basis des 80286 und das größte ein 386-er Computer. Die als PS/2 (Personal System 2) bezeichnete Architektur brachte, die letzten Neuerungen die sich allgemein im Markt durchsetzten:

Diese Standards waren offen, man konnte sie also auch als Kompatibler übernehmen. Das galt nicht für drei Neuerungen:

Wer Hardware für den MCA bauen wollte, musste Lizenzgebühren zahlen. Soweit der Autor weiß, gab es kaum Nachbauten mit diesem Bus. Ein System war das Olivetti M240, das sich aber auch schlechter als der Vorgänger M24 mit ISA-Architektur verkaufte. OS/2 wurde von IBM zusammen mit Microsoft entwickelt. Die Entwicklung war langwierig und man beging den Fehler, dass man zuerst die Codebasis des 80286 nahm und eine rein textbasierte Oberfläche schuf. Bis OS/2 erschien, war aber der 80386 schon zwei Jahre auf dem Markt und grafische Oberflächen wie GEM oder Windows erschienen. Dazu war es ziemlich teuer: 1.610 Mark verlangte IBM dafür, MS-DOS war für unter 200 Mark zu haben.

Inzwischen gab es Dutzende von Kompatiblen. Das wurden bald Hunderte: im selben Jahr wurde der Chipsatz erfunden, bei dem wenige Chips alle Bausteine des Mainboards bis auf Prozessor, RAM und ROM ersetzte. IBM setzte bei der PS/2 Serie selbst erstmals auf selbst entwickelte Custom-ICs die eine ähnliche Funktion wie der Chipsatz hatten. Mit dem Chipsatz wurde aber die Motherboardindustrie aus der Taufe gehoben und nun konnte jeder PC-Schrauber einen IBM kompatiblen Rechner aus frei verfügbaren Bauteilen zusammenbauen, solange man das Mainboard noch selbst designen musste, konnten das nur größere Firmen.

Kurz: 1987 war der PC-Markt so groß, es gab so viele Firmen, das selbst IBM es schwer hatte neue Standards zu setzen. Solange IBM offene Standards einführte, wie eben VGA, SIMM Riegel, 1,44 MB Diskettenlaufwerke klappte das noch, eben weil sie der größte Hersteller war. Aber neue, geschlossene Architekturen hatten genau das gleiche Problem wie die Nicht-PC kompatiblen Rechner wie der Macintosh, Atari ST oder Amiga - verglichen der nun "Industriearchitektur" genannten Standards litten sie an Verbreitung und damit verfügbaren Programmen und Hardware und Kunden kauften lieber das, wofür es Soft- und Hardware in reichem Maße gab.

Die Preispolitik von IBM tat ihr Übriges. Das Einstiegsmodell Modell 30 entsprach in der Leistung einem Amstrad (Schneider) PC 1512. Es kostete mit Monochrommonitor und Tastatur 4.795 DM, mit 20 MB Festplatte 6.249 DM. Ein Schneider PC 1512 in derselben Konfiguration 1.950 / 2.400 DM. Zugegeben, der Amstrad 1512 war der billigste Kompatible, doch das ging nicht auf Kosten der Leistung. Selbst ein Markenkompatibler war aber mit 2.600 bis 3.000 DM (zwei Laufwerke) bzw. 3.000 bis 3800 DM (ein Laufwerk, 20 MB Festplatte) deutlich billiger als IBMs Rechner und wir reden nicht von 10 sondern 30 bis 50 Prozent. Teilweise bekam man zwei Kompatible für den Preis, den ein IBM Rechner kostete. Um ein neues System im Markt durchzusetzen darf man aber nicht teuer als die Konkurrenz sein.

Seit 1986 sank IBMs Marktanteil, auch wenn immer mehr PC verkauft wurden, es gab einfach viel mehr Konkurrenz. Damit sanken aber auch die Gewinnmargen. IBM gab schließlich den MCA auf, versuchte vergeblich, nachdem OS/2 in der Version 3,0 endlich in den Fähigkeiten mit Windows konkurrieren konnte - vorher war es zu langsam, verbrauchte zu viel Speicher und war nur teilweise kompatibel zu Windows, als Alternative zu Windows zu etablieren, verschenkte das System zeitweise, so war es auf CDs von Computerzeitschriften enthalten. Doch auch das war zu spät bei grafischen Oberflächen hatte sich inzwischen Windows als Standard etabliert.

Marke kostet immer mehr. Das weiß man. Doch bei einer Marke bei anderen technischen Geräten konnte man eine höhere Qualität erwarten, einen besseren Service oder ein gefälligeres Design. Das galt nicht beim PC-Standard. Basis des ersten PC war das IBM nicht den üblichen IBM Service bieten würde. Das bleib auch so. IBM verkaufte seine PC wie jede andere Firma auch. Die Bauteile stammten in der Regel nicht von IBM, es gab also auch keine Qualitätsunterschiede. So findet man in Anzeigen dieser Zeit einen PC auf wenige Werte reduziert wie RAM Größe, Festplattengröße, Anzahl der Disklaufwerke, Prozessor und Farb-/Monochrommonitor. Alles ohne spezifische Angaben über verbaute Hardware. Wenn man dann ein Produkt so teuer verkauft, das man woanders zwei davon kaufen könnte - und wir reden nicht von Schokolade, wo man den Mehrpreis von einigen Cents verkraftet, sondern um Computer, die in den Achtzigern noch mehrere Monatslöhne kosteten - dann gewinnt man so keine Marktanteile weder mit neuer noch mit alter Hardware. So sank der Marktanteil von IBM immer weiter, die Gewinne ebenfalls, bis die Firma 2005 die PC-Sparte an Lenovo verkaufte, 2014 folgte auch die x86 Serverlinie.

Artikel erstellt am 14.1.2020

Zum Thema Computer ist auch von mir ein Buch erschienen. "Computergeschichte(n)" beinhaltet, das was der Titel aussagt: einzelne Episoden aus der Frühzeit des PC. Es sind Episoden aus den Lebensläufen von Ed Roberts, Bill Gates, Steve Jobs, Stephen Wozniak, Gary Kildall, Adam Osborne, Jack Tramiel und Chuck Peddle und wie sie den PC schufen.

Das Buch wird abgerundet durch eine kurze Erklärung der Computertechnik vor dem PC, sowie einer Zusammenfassung was danach geschah, als die Claims abgesteckt waren. Ich habe versucht ein Buch zu schreiben, dass sie dahingehend von anderen Büchern abhebt, dass es nicht nur Geschichte erzählt sondern auch erklärt warum bestimmte Produkte erfolgreich waren, also auf die Technik eingeht.

Die 2014 erschienene zweite Auflage wurde aktualisiert und leicht erweitert. Die umfangreichste Änderung ist ein 60 Seiten starkes Kapitel über Seymour Cray und die von ihm entworfenen Supercomputer. Bedingt durch Preissenkungen bei Neuauflagen ist es mit 19,90 Euro trotz gestiegenem Umfang um 5 Euro billiger als die erste Auflage. Es ist auch als e-Book für 10,99 Euro erschienen.

Mehr über das Buch auf dieser eigenen Seite.

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© des Textes: Bernd Leitenberger. Jede Veröffentlichung dieses Textes im Ganzen oder in Auszügen darf nur mit Zustimmung des Urhebers erfolgen.
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